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27.9.2019

Rückkehr des Verdrängten? Die Erinnerung an den Kolonialismus in Deutschland 1919–2019

Kolonialgeschichte hat gegenwärtig Konjunktur. Gut hundert Jahre nach dem Ende des deutschen Kolonialreichs hat die Geschichte der deutschen Kolonien stark an öffentlicher Aufmerksamkeit gewonnen. An den Universitäten vergeht kein Semester ohne Kurse zur deutschen Kolonialgeschichte, und auch im öffentlichen Erinnerungshaushalt sind koloniale Themen – von der Umbenennung von Straßennamen bis hin zur Diskussion um das Berliner Humboldt-Forum und die Rückgabe von Kunstobjekten – ständig präsent. Das war nicht immer so: Lange spielte die koloniale Vergangenheit so gut wie keine Rolle. Wie lässt sich das aktuelle Interesse erklären? Wie kommt es, dass mit größerer zeitlicher Distanz die Beschäftigung mit dem Thema sogar noch zunimmt?[1]

Man könnte den Eindruck gewinnen, dass die gegenwärtige Wiederentdeckung des Kolonialismus die Kehrseite einer lange währenden Amnesie darstellt: die Rückkehr des Verdrängten. Aber ein solches kollektiv-psychologisches Deutungsmuster ist wenig hilfreich. Produktiver ist es, nach den Bedingungen zu fragen, unter denen koloniale Themen bei einem breiteren Publikum Resonanz fanden. Immer dann, wenn der deutsche Kolonialismus zum politischen und öffentlichen Thema wurde, ging es nicht nur um die koloniale Vergangenheit selbst, vielmehr wurden jeweils gesellschaftliche Veränderungen sowie Deutschlands Rolle in der Welt mitverhandelt. Anders als das Bild der Amnesie es nahelegt, ging der Impuls zur Erinnerung nicht so sehr von der Vergangenheit selbst aus, sondern von der jeweiligen Gegenwart. Und noch etwas ist wichtig: Auch wenn bei den folgenden Überlegungen die deutsche Debatte im Vordergrund steht, sollte stets mitgedacht werden, dass die Dynamik jeweils von anderen Akteuren und Stimmen – in den ehemaligen Kolonien, in den europäischen Nachbarländern, in den USA – mitgeprägt wurde. Erinnerungspolitik findet nicht im abgeschlossenen nationalen Raum statt, sondern ist ein transnationales Phänomen.

Im Großen und Ganzen lassen sich drei Phasen des erinnerungspolitischen Interesses an der deutschen Kolonialgeschichte unterscheiden: der Kolonialrevisionismus der Zwischenkriegszeit, die Imperialismuskritik der 1960er Jahre sowie die breitere, noch anhaltende Diskussion seit dem Ende des Kalten Krieges.


Fortbestand kolonialer Ansprüche und Diskurse



In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg waren kolonialrevisionistische Positionen, die sich mit dem Ende des Kolonialreichs nicht abfinden wollten, weit verbreitet und fanden über die Parteiengrenzen hinaus Zuspruch.[2] Sie zielten auf eine Rückgabe der Kolonien und eine Fortsetzung der imperialistischen Politik. Auch wenn kolonialpolitische Themen insgesamt ein Randphänomen blieben und in ihrer Relevanz hinter anderen außenpolitischen Fragen zurückstanden, waren koloniale Deutungsmuster und rassistische Vorstellungen nach wie vor weit verbreitet – sichtbar etwa in der Kolonialliteratur, die in den 1920er Jahren florierte. Zu den populärsten Werken zählten die Erinnerungen des ehemaligen Gouverneurs in Tansania (Deutsch-Ostafrika), Paul von Lettow-Vorbeck, mit dem Titel "Heia Safari!" und Hans Grimms 1926 veröffentlichter Roman "Volk ohne Raum", der bis 1945 in über 650000 Exemplaren verkauft wurde und – geografisch umgedeutet – zum Stichwort für die nationalsozialistische Ostexpansion werden sollte.

Die kolonialen Wahrnehmungsmuster blieben mithin nicht auf das Feld der kulturellen Produktion beschränkt, sondern hatten gesellschaftliche Auswirkungen.[3] Der bekannteste Fall war die öffentliche Empörung über die afrikanischen Kolonialtruppen, die als Teil französischer Kontingente an der Besatzung des Rheinlandes beteiligt waren. Die Kampagne gegen die sogenannte Schmach am Rhein mit ihrer Kritik an der angeblichen Erniedrigung der deutschen Nation, ja der "Kultur und Moral des Abendlandes", war überladen mit sexuellen Fantasien und somit Ausdruck der verbreiteten Sorge um Virilität und Männlichkeit in den Jahren nach der militärischen Niederlage. Sie zeigt aber auch, wie rassistische Vorstellungen, die unmittelbar an die imperiale Rhetorik anknüpften, abrufbar blieben.[4]

Koloniale Ansprüche und Diskurse wirkten also weiter. Gleichwohl ist es wichtig, nicht aus den Augen zu verlieren, dass es auch in den 1920er Jahren bereits eine kritische Auseinandersetzung mit dem kolonialen Projekt gab, wenn auch nur von einer Minderheit formuliert. Eine dezidierte Infragestellung der Methoden und Praktiken kolonialer Herrschaft, wenn auch selten des Kolonialismus insgesamt, war in der Zeit des Kaiserreichs vor allem aus den Reihen der Sozialdemokratie geäußert worden. Nach 1919 war die kommunistische Ablehnung des Imperialismus besonders prominent. Sie stieß nicht zuletzt unter den zahlreichen antikolonialen Nationalisten auf Resonanz, die in den 1920er Jahren vorübergehend nach Deutschland kamen und insbesondere Berlin als einen Ort betrachteten, von dem aus eine Kritik an der imperialen Weltordnung formuliert werden konnte. Darunter waren Intellektuelle wie der indische Nationalist M.N. Roy, der sich im kommunistischen Milieu bewegte und enge Kontakte unter anderem zu August Thalheimer pflegte, 1923/24 KPD-Vorsitzender. Auch der Kongress gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus, der 1927 in Brüssel abgehalten und von dem deutschen Kommunisten Willi Münzenberg vorbereitet wurde, war Ausdruck der antikolonialen Aktivitäten, die von der Präsenz von Migranten in Berlin und Europa profitierten.[5]

In der Zeit des Nationalsozialismus verschwanden die kolonialen Planungen nicht gänzlich, aber sie blieben weitgehend in der Schublade. Die Forderung nach Rückgabe der Kolonien an Deutschland wurde aufrechterhalten, und in den Romanen und Filmen der Zeit waren koloniale Themen ausgesprochen populär. Propagandistische Filme wie "Carl Peters" oder "Germanin" fanden ein großes Publikum, und die kolonialen Frauenschulen in Witzenhausen, Bad Weilbach und Rendsburg bereiteten weiterhin unverdrossen auf die Arbeit in Afrika vor. In der Erinnerung waren die Kolonien also weiter präsent, aber sie genossen keine hohe Priorität im Rahmen der nationalsozialistischen Ideologie. Die Außen- und Eroberungspolitik des Regimes richtete sich in erster Linie auf Gebiete im europäischen Osten, und die Planungen für Erwerbungen in Afrika wurden 1943 endgültig zurückgestellt.

Aus diesem Grund konnte es nach Ende des Krieges auch so scheinen, als sei die imperialistische Phase der deutschen Geschichte bereits lange vorbei. Während die anderen europäischen Kolonialmächte in den Dekaden nach 1945 in zum Teil langwierige und blutige Auseinandersetzungen über das Ende kolonialer Herrschaft involviert waren, fühlten sich die beiden deutschen Staaten von dieser Problematik nicht betroffen. Dieser Eindruck hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass die nationalsozialistische Expansion in Osteuropa nicht als Kolonisierung interpretiert wurde, auch wenn sie sich in ihren Intentionen, der dauerhaften Besatzung und Fremdherrschaft nicht wesentlich davon unterschied.[6]

Aufgrund der terminologischen Unterscheidung von Ostexpansion und Kolonialismus war es auch möglich, die erzwungene Migration von mehr als elf Millionen Deutschen aus den deutschen Besatzungsgebieten nach 1945 als "Vertreibung" zu bezeichnen und nicht als die koloniale Rückwanderung, um die es sich in vielen Fällen auch handelte. Heute noch werden die deutschen Rückwanderer selten mit den Pieds-noirs oder den Retornados verglichen, also den "Rückkehrern" aus den französischen (nach 1962) und portugiesischen Kolonien (nach 1975), von denen – ähnlich wie in Deutschland – viele in ein Land "zurückkehrten", in dem sie nie gelebt hatten. Gewiss gab es Unterschiede zwischen diesen Fällen: Etwa drei Millionen "Vertriebene" kamen aus den Grenzregionen der Tschechoslowakei, in denen Deutsche seit dem Hochmittelalter gesiedelt hatten; rund sieben Millionen Migranten kamen aus den Ostgebieten des Deutschen Reichs, die seit den polnischen Teilungen am Ende des 18. Jahrhunderts von Preußen annektiert worden waren und in denen das Verhältnis zwischen deutscher und einheimischer Bevölkerung häufig koloniale Züge annahm; hinzu kamen die Siedler, Militärs und Verwaltungsbeamte, die im Zuge der NS-Expansion nach Osteuropa gekommen waren. Insgesamt wird man aber sagen können, dass der Begriff "Vertreibung" dazu beitrug, die koloniale Dimension der deutschen Präsenz im Osten Europas lange Zeit unsichtbar zu machen.[7]


Imperialismuskritik und NS-Aufarbeitung



Das Ende des Zweiten Weltkrieges und vor allem die Besatzungszeit markierten das Ende fast aller Projekte territorialer Herrschaft und kolonialer Expansion in Deutschland. Ähnlich wie in Japan, aber in deutlichem Kontrast etwa zu Großbritannien, Frankreich oder Portugal, war das "Empire" eine abgeschlossene Epoche der Vergangenheit und kaum der Gegenstand einer öffentlich zelebrierten Nostalgie. Dies traf für die Bundesrepublik und erst recht für die DDR zu und bleibt grundsätzlich bis heute bestehen. Ein zur Schau getragener nationaler Stolz auf die Reichweite des Imperiums und die angeblichen Leistungen vor Ort, wie er den Besuchern etwa am Denkmal der Entdeckungen in Lissabon oder im Victoria & Albert Museum in London entgegenschlägt und der noch die Brexit-Diskussionen der vergangenen Jahre prägte, war und ist in der deutschen Diskussion kaum anzutreffen.

Das heißt umgekehrt nicht, dass koloniale Wahrnehmungsmuster und Vorstellungen nicht weiterwirkten. Sie fanden sich nicht in erster Linie in außenpolitischen Strategien, sondern eher auf Ersatzfeldern wie beispielsweise der Entwicklungshilfe. Die Bundesrepublik hatte in den späten 1950er Jahren eine eigene Entwicklungspolitik initiiert, die sich in erster Linie auf die ehemaligen deutschen Kolonien richtete – wenn auch nicht ganz so konsequent wie in Großbritannien oder Frankreich, wo 90 Prozent der Mittel in das frühere Kolonialreich flossen. Wichtiger im Fall der Bundesrepublik war die Systemkonkurrenz zur DDR, die auch auf dem postkolonialen Parkett ausgetragen wurde. Wenn etwa der CDU-Abgeordnete Kurt Birrenbach eine "Schlacht um die unterentwickelten Länder" ausrief, dann war damit nicht ein Kampf gegen Hunger und Armut impliziert, sondern gegen die Staaten des Ostblocks im Kalten Krieg.[8]

In den 1960er Jahren setzte, nach einer Phase geringer Sichtbarkeit des Themas, eine erneute öffentliche Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus ein, diesmal unter dezidiert kritischen Vorzeichen.[9] Ein wesentlicher Hintergrund war der Prozess der Dekolonisierung, der symbolisch im "Afrikanischen Jahr" 1960 kulminierte, in dem 17 Staaten des Kontinents ihre Unabhängigkeit erlangten. Die anfängliche Euphorie über das Ende einer Jahrhunderte währenden Epoche wich schon bald einer zunehmend kritischen Bestandsaufnahme der Beziehungen Europas zu den neuen postkolonialen Staaten, durch die bestehende Abhängigkeiten vielfach fortgeführt wurden. Bald bürgerte sich dafür der Begriff des "Neokolonialismus" ein.

Vor diesem Hintergrund wurde die koloniale Vergangenheit in beiden deutschen Staaten zu einem wichtigen Gegenstand der öffentlichen Diskussion. Erstmals fand eine systematische und kritische Auseinandersetzung (besonders prononciert durch ostdeutsche Historiker) mit diesem Teil der deutschen Vergangenheit statt. In den späten 1960er und frühen 1970er Jahren entstand eine Reihe wichtiger wissenschaftlicher Arbeiten, die auf der Basis von Archivrecherchen und mit sozialgeschichtlichen Zugriffen ein neues Bild der Entwicklung der damals vor allem im Fokus stehenden afrikanischen Gesellschaften unter deutscher Herrschaft zeichneten. Sie profitierten auch von den Ergebnissen der jungen afrikanischen Historiografie zu dem Thema und stellten häufig Fragen der Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt in den Mittelpunkt. Die kritische Perspektive auf die koloniale Vergangenheit blieb dabei nicht auf das Feld der Wissenschaft beschränkt. So stürzten Hamburger Studierende 1968 in öffentlichkeitswirksamen Aktionen die Denkmäler des Gouverneurs Hermann von Wissmann und des Kolonialoffiziers Hans Dominik von ihren Sockeln.

Die kritische Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit muss in beiden deutschen Staaten im Kontext der damaligen Zeit verstanden werden. Die Erinnerung an die Kolonialzeit war dabei immer auch ein Mittel für andere Zwecke. In der DDR gehörte die Abgrenzung von allen Formen des Imperialismus zum staatlichen Selbstverständnis. Im Rahmen der marxistischen Geschichtsauffassung war der Imperialismus ein Produkt des Spätstadiums des Kapitalismus. Für die ostdeutsche Gesellschaft galt der konkrete Kolonialismus als wenig relevant, da er – so die herrschende Meinung – nicht von der Arbeiterschaft getragen worden sei. Stattdessen ließ sich die kritische Aufarbeitung des Kolonialismus als Spitze gegen den kapitalistischen Nachbarstaat instrumentalisieren, vor dem man sich durch einen "antiimperialistischen Schutzwall" an der Grenze schützen müsse.

In der Bundesrepublik waren es vor allem Akteure der Neuen Linken, die sich des Themas bemächtigten und es für ihre grundlegende Systemkritik an der kapitalistischen Gesellschaft und neoimperialen Weltordnung einspannten. Sie sahen in den Befreiungsbewegungen der "Dritten Welt" den Ausgangspunkt für eine revolutionäre Umgestaltung im Weltmaßstab und mithin eine Alternative zur Strategie der sozialistischen und kommunistischen Parteien, die weiterhin auf die europäische Arbeiterschaft als revolutionäres Subjekt setzten. Vertreter der Neuen Linken traten in Kontakt mit den antikolonialen Bewegungen, sogenannte Kofferträger unterstützten Algerien im Unabhängigkeitskrieg gegen Frankreich, Aktivisten reisten nach Havanna oder demonstrierten gegen den Vietnam-Krieg und die neoimperiale Ordnung.

Darüber hinaus lieferte in beiden deutschen Staaten die gesellschaftliche Beschäftigung mit der Zeit des Nationalsozialismus einen zusätzlichen Rahmen, innerhalb dessen die koloniale Epoche erneut Relevanz erlangte. Wenn westdeutsche Aktivisten die Massaker im französischen Algerien-Krieg oder die amerikanischen Gräuel in Vietnam anprangerten, dann taten sie das häufig in einer Sprache, die Bezüge zur noch wenig aufgearbeiteten Gewaltpolitik in Deutschland selbst herstellen sollte. In der DDR wiederum wurde erstmals die von Hannah Arendt bereits 1951 formulierte These untersucht, der zufolge die Ursprünge der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik im Genozid an den Herero im Krieg von 1904 bis 1907 zu suchen seien. Koloniale Themen konnten mithin als Waffe im Systemkonflikt oder in der intergenerationellen Auseinandersetzung über gesellschaftliche Reformen eingesetzt werden. Gleichwohl blieben die kritischen Narrative in ihrer Wirkung nicht auf den damaligen Kontext beschränkt, sondern ließen sich zum Teil noch Jahrzehnte später, etwa in Teilen der Antiglobalisierungsbewegung der 1990er Jahre, wieder aktivieren.[10]

Die Konjunktur kolonialpolitischer Themen ging in der Folge deutlich zurück. Vor allem in der offiziellen Erinnerungspolitik der Bundesrepublik wurde dieser Aspekt der Vergangenheit weitgehend ausgeblendet. Die Auseinandersetzung mit der Kolonialzeit wurde, so sie denn überhaupt stattfand, auf kleinere Ebenen und in die Familien verlagert, nicht selten auch in affirmativer Absicht. Das DDR-Regime wiederum feierte die staatlich verordnete Überwindung des Rassismus als erfolgreich, auch wenn die Praxis – wie die Erfahrungen der Vertragsarbeiter aus Vietnam oder Mosambik zeigen – das nicht unbedingt bestätigte. In den 1980er Jahren war die tatsächliche Beschäftigung mit der deutschen Kolonialgeschichte in beiden deutschen Staaten lediglich eine Randerscheinung.


Globalisierung der Erinnerung



Eine dritte intensive Phase kolonialer Erinnerung setzte in den 1990er Jahren ein. Während die früheren Konjunkturen vom Kolonialrevisionismus der 1920er Jahre und der Dekolonisierung der 1960er Jahre geprägt waren, stand sie nun im Zeichen der Globalisierung. Der Mauerfall und das Ende des Kalten Krieges markierten zugleich den Abschied von der bipolaren Weltordnung der Nachkriegszeit. Das hatte auch bedeutende erinnerungspolitische Konsequenzen: Die Integration der Welt durch die Finanz- und Gütermärkte sowie das Internet und die damit verbundene globale Imagination – ab Mitte der 1990er Jahre wurde "Globalisierung" zu einem allgegenwärtigen Buzz-Word – machten auch ein neues Narrativ der Geschichte des 20. Jahrhunderts erforderlich. Im deutschen Fall war diese Verschiebung gut zu beobachten: In der langen Nachkriegszeit hatte der Zweite Weltkrieg und seit den 1980er Jahren vor allem der Holocaust die öffentliche Erinnerung dominiert, bisweilen sogar monopolisiert. Dieser Bezug blieb auch nach 1990 wichtig, aber zunehmend traten ihm Verweise zur Seite, die eher Deutschlands historische Verortung in der Welt thematisierten.[11]

Die Anfänge waren eher zögerlich und blieben zunächst auf lokale und kommunale Kontexte beschränkt. Dazu gehörten Initiativen zur Änderung kolonialer Straßennamen, die aber meist auf Widerstand trafen.[12] Die Berliner Petersallee etwa, benannt nach dem für seine in Ostafrika begangenen Grausamkeiten berüchtigten Carl Peters ("Hänge-Peters"), heißt immer noch so – allerdings soll sie nach heftigen Kontroversen seit einer offiziellen "Umbenennung" 1986 an den Stadtverordneten Hans Peters erinnern, der im Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime tätig war.

Seit Beginn des neuen Jahrhunderts – und noch verstärkt nach den Attentaten des 11. September 2001, die auch der deutschen Öffentlichkeit die Dringlichkeit einer Auseinandersetzung mit globalen Prozessen deutlich machten – erfuhren koloniale Themen eine größere Aufmerksamkeit. Neben der generellen Sogwirkung des Globalisierungsprozesses sind vor allem zwei Faktoren zu nennen: Zum einen wandelte sich die Gesellschaft spürbar. Ein Viertel der in Deutschland lebenden Bevölkerung hatte mittlerweile einen migrantischen Hintergrund, sodass für viele die herkömmliche Nationalgeschichte nicht mehr der selbstverständliche Bezugspunkt war. Verschiedene Organisationen wie die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland oder die zahlreichen postkolonialen Gruppen in deutschen Städten – zum Beispiel Berlin postkolonial oder Freiburg postkolonial – trugen dazu bei, den Forderungen nach kolonialer Erinnerungsarbeit und alternativen identifikatorischen Bezügen Gehör zu verschaffen. Zum anderen veränderte die Erinnerungspolitik ihren Charakter und wurde zunehmend in transnationalen Foren ausgehandelt, unter Beteiligung einer Vielzahl von Akteuren. Während etwa Stimmen aus den ehemaligen Kolonien in der deutschen Diskussion lange Zeit so gut wie keine Rolle spielten, änderte sich dies nun allmählich, wenn auch nur in ersten Ansätzen.

Ein gutes Beispiel für diese Entwicklung war die Sammelklage der Herero und Nama, die als "Wiedergutmachung" für den Völkermord im heutigen Namibia Ansprüche gegen die Bundesrepublik und einzelne Unternehmen geltend machte.[13] Im Krieg von 1904 bis 1907 waren etwa 60.000 Herero aus einer Bevölkerung von 80.000 sowie 10.000 Nama aus einer Bevölkerung von 20.000 umgekommen, legitimiert durch den berüchtigten "Vernichtungsbefehl" des deutschen Generals Lothar von Trotha. Die Klage hat inzwischen selbst eine längere Geschichte: Erstmals 2001 eingereicht, wurde sie im März 2019 in New York erneut verhandelt und vom Gericht zurückgewiesen, das sich für nicht zuständig erklärte.

Ungeachtet dieses juristischen Zwischenstands macht das Beispiel die transnationale Verflechtung der Erinnerungsdebatte und die damit verbundene Komplexität sehr gut deutlich. Die Klage bezog sich auf die "Erklärung der Rechte für indigene Völker", die 2007 von den Vereinten Nationen verabschiedet worden war, und berief sich somit auf internationales Recht. Zugleich war sie das Ergebnis der Interaktion zwischen drei Handlungsräumen, in denen jeweils unterschiedliche Interessen und Narrative miteinander konkurrierten. Die Klage wurde in New York eingereicht, weil dortige Gesetze es erlaubten, einen Staat wegen Kolonialverbrechen anzuklagen. Aufgrund dieser Ortswahl spielte die spezifische Erwartungshaltung der US-amerikanischen Öffentlichkeit eine Rolle, die es der Anklageseite nahelegte, den Fall rhetorisch eng mit dem Holocaust zu verknüpfen. In Namibia wiederum forderte die Klage durch Vertreter der Herero und Nama den Alleinvertretungsanspruch der nationalen Regierung heraus, von der sie sich nicht angemessen repräsentiert fühlten. Die Bundesrepublik tat sich auf der anderen Seite lange Zeit schwer, an der namibischen Regierung vorbei mit den verschiedenen Gruppen zu verhandeln.[14]

Auch in der Bundesrepublik stehen unterschiedliche moralisch-politische Positionen nebeneinander. Die Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul hatte schon anlässlich eines Besuchs in Windhuk im August 2004 auf emotionale Weise um "Vergebung unserer Schuld" für den Krieg gebeten, den "man heute als Völkermord bezeichnen würde".[15] Diese Aussage traf sie jedoch dezidiert als Privatperson. Eine weitere Dringlichkeit erfuhr das Thema im Juni 2016, als der Bundestag einer Resolution zustimmte, die das Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich 1915 als Völkermord anerkannte. Seitdem ist der internationale Druck auf die Bundesregierung gestiegen, sich auch im Fall der Herero und Nama zu einer offiziellen Entschuldigung durchzuringen. Die Bundesregierung hat den Krieg inzwischen offiziell als "Völkermord" anerkannt, will aber keinen Präzedenzfall schaffen und lehnt Entschädigungszahlungen weiterhin ab.

Die aktuellste Diskussion, die um koloniale Erinnerung kreist, konzentriert sich auf das Humboldt-Forum sowie die Frage der Rückgabe kolonialer Artefakte und Kunstobjekte.[16] Gerade am Humboldt-Forum, das im wieder aufgebauten Berliner Stadtschloss eingerichtet wird, lässt sich die Neujustierung der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur – die Verschiebung vom Holocaust zur Globalisierung – gut beobachten. Das Humboldt-Forum sollte anhand von Ausstellungsstücken vornehmlich aus dem Ethnologischen Museum die Geschichte globaler Zusammenhänge thematisieren. Im ehemaligen Schloss der Hohenzollern und damit dem Machtzentrum des Nationalstaats, so lautete die Botschaft, sollte nun der kosmopolitische Geist des neuen Berlin, des neuen, postnationalen Deutschlands zu Hause sein. Der symbolische Schirmherr dieser Haltung ist Alexander von Humboldt, der als Vertreter von Wissen, Neugier und Aufklärung positioniert wird, als friedliche Alternative zu Kolumbus.

Diese Form des Geschichtsmarketings kollidierte mit einer Sichtweise, die europäische Expansion und Kolonialismus als Formen der Gewaltherrschaft versteht. Die Kritik, die das Humboldt-Forum als Ort einer kolonialen Amnesie bezeichnete, ließ daher auch nicht lange auf sich warten: Die kolonialen Verhältnisse, unter denen die gezeigten Objekte häufig gewaltsam nach Berlin gebracht wurden, würden nicht ausreichend sichtbar gemacht. Das Schlagwort der Globalisierung, so lautete der Vorwurf, verdecke durch eine Rhetorik der "Verflechtung" und "Interaktion" den Gewaltcharakter, den diese Verflechtungen unter imperialen Vorzeichen lange Zeit – und in anderer Form bis heute – aufweisen.


Schluss



Die Geschichte der Erinnerung an den deutschen Kolonialismus ist nicht zu Ende. Paradoxerweise scheint sie umso drängender zu werden, umso länger die zu erinnernden Geschehnisse zurückliegen. Obwohl keine Zeitzeugen mehr leben, die auf eigene Erfahrungen mit kolonialer Herrschaft zurückblicken, hat die Intensität der Debatte in den vergangenen Jahren eher zugenommen. Dabei wird nicht nur die koloniale Geschichte selbst verhandelt. Vielmehr sind die erinnerungspolitischen Debatten eine geeignete Linse, durch die sich die gesellschaftlichen Veränderungen sowie die gewandelte Rolle der Bundesrepublik im internationalen Kontext klar abzeichnen.
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Autor: Sebastian Conrad für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Vgl. als ersten Überblick Sebastian Conrad, Deutsche Kolonialgeschichte, München 2019; Bradley Naranch/Geoff Eley (Hrsg.), German Colonialism in a Global Age, Durham 2014.
2.
Siehe auch den Beitrag von Caroline Authaler in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
3.
Zur Rolle des Kolonialrevisionismus für die auswärtige Politik vgl. Sean Wempe, Revenants of the German Empire: Colonial Germans, Imperialism, and the League of Nations, Oxford 2019.
4.
Christian Koller, "Von Wilden aller Rassen niedergemetzelt": Die Diskussion um die Verwendung von Kolonialtruppen in Europa zwischen Rassismus, Kolonial- und Militärpolitik 1914–1930, Stuttgart 2001; Fatima El-Tayeb, Schwarze Deutsche: Der Diskurs um "Rasse" und nationale Identität 1890–1933, Frankfurt/M. 2001.
5.
Vgl. Nathanael Kuck, Anti-Colonialism in a Post-Imperial Environment – The Case of Berlin, 1914–33, in: Journal of Contemporary History 1/2014, S. 134–159; Robbie Aitken/Eve Rosenhaft, Black Germany: The Making and Unmaking of a Diaspora Community, 1884–1960, Cambridge 2013.
6.
Im Falle der deutschen Besatzung der Ukraine und in Weißrussland wäre allerdings nicht das divide et impera in den afrikanischen Kolonien, sondern eher die genozidale Politik gegenüber der indigenen Bevölkerung in Nordamerika oder Australien zum Vergleich heranzuziehen. Vgl. Robert L. Nelson (Hrsg.), Germany, Poland, and Colonial Expansion to the East: 1850 through the Present, New York 2009; Shelley Baranowski, Nazi Empire: German Colonialism and Imperialism from Bismarck to Hitler, Cambridge 2010.
7.
Vgl. Manuel Borutta/Jan C. Jansen (Hrsg.), Vertriebene and Pieds-Noirs in Postwar Germany and France: Comparative Perspectives, Basingstoke 2016.
8.
Zit. nach Bastian Hein, Die Westdeutschen und die Dritte Welt: Entwicklungspolitik und Entwicklungsdienste zwischen Reform und Revolte 1959–1974, München 2006, S. 38.
9.
Zur privaten, innerfamiliären Erinnerung an den Kolonialismus vgl. Britta Schilling, Postcolonial Germany: Memories of Empire in a Decolonized Nation, Oxford 2014.
10.
Zur längeren Debatte über die Frage nach einer Kontinuität zwischen dem Völkermord an den Herero und Nama und dem Holocaust vgl. Jürgen Zimmerer, Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust, Münster 2011; Robert Gerwarth/Stephan Malinowski, Der Holocaust als "kolonialer Genozid"? Europäische Kolonialgewalt und nationalsozialistischer Vernichtungskrieg, in: Geschichte und Gesellschaft 3/2007, S. 439–466.
11.
Vgl. Steffi Hobuß/Ulrich Lölke (Hrsg.), Erinnern verhandeln: Kolonialismus im kollektiven Gedächtnis Afrikas und Europas, Münster 2007; Helma Lutz/Kathrin Gawarecki (Hrsg.), Kolonialismus und Erinnerungskultur: Die Kolonialvergangenheit im kollektiven Gedächtnis der deutschen und niederländischen Einwanderungsgesellschaft, Münster 2005; Volker M. Langbehn (Hrsg.), German Colonialism: Race, the Holocaust, and Postwar Germany, New York 2011; Jürgen Zimmerer (Hrsg.), Kein Platz an der Sonne. Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte, Frankfurt/M. 2013.
12.
Siehe auch den Beitrag von Marianne Bechhaus-Gerst in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
13.
Siehe auch den Beitrag von Jürgen Zimmerer in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
14.
Zur Erinnerungslandschaft in Namibia vgl. Gesine Krüger, Kriegsbewältigung und Geschichtsbewußtsein: Realität, Deutung und Verarbeitung des deutschen Kolonialkriegs in Namibia 1904–1907, Göttingen 1999; Larissa Förster, Postkoloniale Erinnerungslandschaften: Wie Deutsche und Herero in Namibia des Kriegs von 1904 gedenken, Frankfurt/M. 2010.
15.
Zit. nach Henning Melber, "Wir haben überhaupt nicht über Reparationen gesprochen": Die namibisch-deutschen Beziehungen – Verdrängung oder Versöhnung?, in: Jürgen Zimmerer/Joachim Zeller (Hrsg.), Völkermord in Deutsch-Südwestafrika: Der Kolonialkrieg (1904–1908) in Namibia und seine Folgen, Berlin 2003, S. 215–225, hier S. 223.
16.
Siehe auch den Beitrag von Rebekka Habermas in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).

Sebastian Conrad

Zur Person

Sebastian Conrad

ist Professor für Globalgeschichte am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin. sebastian.conrad@fu-berlin.de


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