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21.3.2006

Umweltgeschichte als Zeitgeschichte

Umwelthistorische Periodisierungsvorschläge und Untersuchungsfelder sind für die Zeitgeschichte relevant. Der Schwerpunkt liegt auf dem ambivalenten Umgang moderner Gesellschaften mit Natur und Umwelt.

Einleitung



Zeitgeschichte versteht sich als Geschichte des in der Gegenwart unmittelbar Wirksamen. Sie ist allerdings nicht auf allen Feldern von aktuellem Interesse gleichmäßig ausdifferenziert. Ein auffälliges Manko, wenn auch schon lange keine Leerstelle mehr, bietet die Umweltgeschichte als Teil der Zeitgeschichte.

Die Umwelt und ihr Schutz sind fester Bestandteil alltäglicher Praktiken und gesellschaftlich-politischer Kontroversen. Angesichts der großen Bedeutung nationaler, supranationaler und internationaler Umweltpolitik, des Gebots der Mülltrennung, von Umwelterziehung und Umweltaudit ist Umweltschutz eines der zentralen Merkmale moderner Gesellschaften. Die Bewahrung der menschlichen Umwelt darf als wichtige aktuelle Herausforderung begriffen werden. Die Nachhaltigkeit gesellschaftlichen Handelns ist eng mit dem Umwelt- und Ressourcenthema verknüpft.

Vor diesem Hintergrund springt die geringe Bedeutung umwelthistorischer Fragestellungen in den Leitdebatten der Zeitgeschichtsforschung ins Auge. Zwar gibt es eine ganze Reihe von Studien zur Umweltzeitgeschichte auf hohem Niveau, doch ihre Aufnahme in den "Kanon" zeithistorischer Forschung steht noch aus. Der Blick in Gesamtdarstellungen, Handbücher und Einführungen offenbart noch immer ein bedauerliches Desinteresse an der bereits geleisteten Arbeit und an den erheblichen Potenzialen, die umwelthistorisch informierte Ansätze bieten.[1]

Es scheint, als sei Umweltgeschichte in den Augen vieler Zeithistoriker eine Sache der Stadt-, Technik- oder Wirtschaftsgeschichte. Zwar gibt es viele enge und sinnvolle Verbindungen zu diesen Fachgebieten, doch verdient der umwelthistorische Blick mehr Aufmerksamkeit auch von Seiten jener Disziplinen, die, ob dies nun gerechtfertigt ist oder nicht, den Mainstream der Zeitgeschichte bestimmen, nämlich der erneuerten Politik-, Gesellschafts- und Kulturgeschichte.

Statt bisherige Versäumnisse zu beklagen oder nach Gründen für die Wahrnehmungshemmnisse zu suchen, versteht sich dieser Beitrag als Werbung für den umwelthistorischen Ansatz. Im Folgenden werde ich Periodisierungsangebote aus der Umweltgeschichte vorstellen, die für die zeithistorische Debatte von Bedeutung sein können. Anschließend kommen einige Untersuchungsfelder zur Sprache, in denen die Umweltgeschichte interessante Impulse verspricht.

Periodisierungsangebote



Eine der wichtigen Aufgaben von Geschichtsschreibung ist die Periodisierung. Die Benennung von Epochengrenzen ist spannend, weil es allgemein gültige Kriterien hierfür nicht gibt. "Wendezeiten" ergeben sich aus den vorherrschenden Untersuchungsfeldern und -methoden. So hat die deutsche Zeitgeschichtsschreibung der vergangenen Jahre erfolgreich die am politischen System orientierte Periodisierung Kaiserreich - Weimarer Republik - Nationalsozialismus - Nachkriegszeit - Wiedervereinigung in Frage gestellt und stattdessen auf der Grundlage langfristiger Tendenzen in der Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte die Einheit der Epoche von etwa 1880 bis gegen Ende des 20.Jahrhunderts betont. Die entscheidende Wende zur Jetztzeit verschob sich dabei in dem Maße von den späten fünfziger bis in die siebziger Jahre, wie die Historiker die drei Nachkriegsjahrzehnte "entdeckten" und empirisch zu vermessen begannen.[2]

Auch die Umweltgeschichte kann eine Reihe von Periodisierungsvorschlägen unterbreiten.[3] Klassischerweise gilt das Industriezeitalter als wichtigste Phase der jüngeren Umweltgeschichte. Rolf Peter Sieferle hat einen Ansatz ausgearbeitet, der auf den herrschenden Energieregimen basiert. Bis in das 19. Jahrhundert habe in Europa die Agrargesellschaft dominiert, die auf der Nutzung nachwachsender Energieträger (vor allem Holz) beruht habe. Die Industriegesellschaft habe dagegen hauptsächlich nicht nachwachsende, fossile Brennstoffe wie Kohle und Erdöl verwendet. Diese seien begrenzt, sodass ein Ende der bekannten industriellen Energieerzeugung absehbar sei (wenn auch nicht der Zeitpunkt). Außerdem erlaubten die fossilen Energieträger dank ihres hohen Brennwertes den Industriegesellschaften, in bislang unbekanntem Maße ihre Umwelt umzugestalten und gigantische Stoffströme in Gang zu setzen. Mit Blick auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts konstatiert Sieferle folgerichtig die "totale Landschaft", die vollständig mobilisiert wird, in der die Unterschiede zwischen Stadt und Land verschwimmen und in der sich die Schadstoffbelastungen gleichmäßig auf alle Regionen verteilen.[4]

Diese Darstellung beschreibt kaum bestreitbare Tatsachen. Allerdings hat das Konzept auch Nachteile. So werden regionale Unterschiede bei der Energiegewinnung nicht ausreichend berücksichtigt, obwohl diese vor allem im 19. Jahrhundert ganz erheblich waren. Außerdem ist es empirisch schwierig, wenn nicht unmöglich, den historischen Energieverbrauch oder gar Stoffströme zu messen. So bleibt die energetisch basierte Epocheneinteilung auf das Plausibilitätsargument angewiesen. Außerdem trägt das Bild von der "totalen Landschaft" nicht in ausreichendem Maße der Tatsache Rechnung, dass eine Vielzahl von Maßnahmen aus dem Natur- und Landschaftsschutz mittlerweile der Zerstörung der Landschaft entgegenwirken.

Das menschliche Umgestaltungspotenzial der sichtbaren Umwelt nahm John McNeill zum Anlass, eine Umweltgeschichte des 20. Jahrhunderts vorzulegen. Die Einheit dieses Jahrhunderts ergebe sich aus der Tatsache, dass die Intensität ökologischer Veränderungen wesentlich größer ausgefallen sei als in allen anderen Zeiträumen vergleichbarer Länge. McNeill vermutet aus evolutionstheoretischer Sicht, dass die Überlebensfähigkeit der menschlichen Spezies bei dieser Umgestaltung und der hohen Komplexität moderner Lebens- und Produktionsweisen gelitten habe. Die möglicherweise katastrophalen ökologischen Folgen dieser Umgestaltung könnten die Anpassungsfähigkeit der Menschheit überfordern.[5] Abgesehen von der für Historiker problematischen Zukunftsprojektion lassen die empirischen Befunde mit Blick auf die Veränderungsintensität keine andere Bewertung zu. Aber ist die Konzentration auf das 20. Jahrhundert nicht willkürlich? Eine deutliche Zunahme der anthropogenen (vom Menschen verursachten) Veränderungsprozesse kann bereits seit der Frühen Neuzeit beobacht werden. Ab welchem Zeitpunkt und inwiefern das 20. Jahrhundert eine eigene Qualität darstellt, bleibt noch genauer zu untersuchen.

Ein weiterer Periodisierungsvorschlag verknüpft die Phänomene Energie, Produktion und Konsum. Die Rede ist vom so genannten 1950er Syndrom - einem Begriff, den Christian Pfister geprägt hat. Nach Pfister stellen die fünfziger Jahre die entscheidende umwelt- und konsumgeschichtliche Epochenschwelle zur Jetztzeit dar. Wichtigster Grund sei die Nutzung eines überaus preiswerten Energieträgers, des Erdöls. Im Unterschied zur Kohle könne Erdöl mit geringem Aufwand gefördert werden, sodass sich der Ölpreis weitgehend unabhängig von den Löhnen entwickelt habe. Auf der Basis sinkender Energiekosten sei es von der Nachkriegszeit an möglich gewesen, ein bislang ungekanntes Maß an Konsumgütern kostengünstig auf den Markt zu bringen. Die umwelthistorische Kehrseite war die Veränderung der Schadstoffproduktion. Anders als in der klassischen industriellen Ära, als hauptsächlich die Güterproduktion für den Schadstoffausstoß verantwortlich war, sind die Verbraucher seither selbst die größten Umweltverschmutzer, etwa als Autobesitzer, Müllproduzenten und Abwasserverursacher.[6]

Die Attraktivität der Pfister'schen Periodisierung liegt in der engen Verknüpfung wirtschafts-, sozial- und umwelthistorischer Gesichtspunkte. So wird der ökonomische Boom ebenso berücksichtigt wie ganze Kaskaden von Veränderungen der Lebenswelt durch den Konsum. Die Ausbreitung des PKW beispielsweise ermöglichte neue Tourismusformen und war eine wichtige Voraussetzung für die Suburbanisierung, die wiederum das Landschaftsbild erheblich transformierte. Neue, durch den Konsum eröffnete Erlebniswelten und von kurzlebigen Konsumgütern provozierte Praktiken hatten Einfluss auf die Mentalitäten. So hat Arne Andersen das Ende strikter Sparsamkeitsmaximen und die Entstehung der Wegwerfmentalität in Zusammenhang mit dem 1950er-Syndrom gebracht.[7] Freilich kann auch kritisch angemerkt werden, dass die Datierung zwar mit Energiepreisen, weniger aber mit der Konsumgeschichte zu begründen ist. Viele Güter waren erst ein Jahrzehnt später für die Mehrheit der Bevölkerung erschwinglich, in einigen Fällen sogar erst an der Wende zu den Siebzigern - und zu dieser Zeit begann der öffentliche Diskurs über Ressourcenknappheit. Strittig ist auch, wie wichtig Energiepreise waren.

Ein letzter Periodisierungsvorschlag betrifft die Epochenschwelle der siebziger Jahre - ein Thema, das in der aktuellen Zeitgeschichtsforschung überaus präsent ist. Das einflussreichste Konzept stammt aus den achtziger Jahren und lehnt sich stark an ökologische Argumentationslinien an, zumal es unter dem Eindruck des Reaktorunfalls in Tschernobyl 1986 entstand. Die Rede ist von der "Risikogesellschaft", die erstmals der Soziologe Ulrich Beck beschrieben hat. Nach Becks ursprünglicher Darstellung zeichnet sich die Phase nach dem Ende der klassischen Industriegesellschaft nicht mehr durch Verteilungs-, sondern durch Risikovermeidungskonflikte aus. Dabei bezeichnet er die technischen und ökologischen Risiken als universal, sie beträfen also potenziell alle Regionen und alle sozialen Schichten in ähnlichem Maße. Zudem hat Beck das Konzept der Risikogesellschaft mit einer weit reichenden Theorie über das Ende der so genannten "Ersten Moderne" und den Beginn einer "Zweiten Moderne" verknüpft. Letztere sei hauptsächlich ein Ergebnis der nicht intendierten Nebenfolgen der ersten, wozu insbesondere Umweltprobleme gehörten. Dies ist ein Periodisierungsangebot, das derzeit von vielen Zeithistorikern debattiert wird, wobei bislang weniger umwelthistorische als sozial- und kulturhistorische Erwägungen im Mittelpunkt stehen.[8]

Der Reiz dieses Ansatzes liegt im Versuch, Umweltzerstörung als zentralen Aspekt eines Problemkomplexes aufzufassen, der eine neue Epoche charakterisiert. Wenngleich Becks These im Vergleich zu den anderen hier vorgestellten Periodisierungsansätzen in der Zeitgeschichte die größte Aufmerksamkeit genießt, ist sein Vorschlag dennoch der problematischste. So hat Beck sein Konzept auf einer schwachen empirischen Grundlage entwickelt. Ein wichtiger Einwand gegen die "Risikogesellschaft" besteht zum einen darin, dass die Lebensrisiken der Bevölkerung in den vergangenen 150 Jahren deutlich abgenommen haben; das gilt auch für die Folgen von Umweltverschmutzung.[9] Seit den fünfziger Jahren sind etwa bei der Luftreinhaltung in Westdeutschland erhebliche Fortschritte erzielt worden. Zum anderen sind Umweltbelastungen sehr wohl an die soziale Lage gebunden. Darauf hat in vielen Ländern vor allem des Südens die environmental justice-Bewegung reagiert und die soziale Bedingtheit von Umweltzerstörung herausgearbeitet. Schließlich hat Beck den Geltungsanspruch des ursprünglichen Konzepts selbst erheblich eingeschränkt; die "Risikogesellschaft", trennscharfe Epochengrenzen und vor allem Umweltbelastungen werden in jüngsten Veröffentlichungen nicht mehr erwähnt bzw. sind stark in den Hintergrund getreten. Kern des Konzepts der "zweiten Moderne" ist mittlerweile eine der Wissenssoziologie entlehnte These, wonach die Industriegesellschaft in Dichotomien dachte und die reflexive Moderne solche eindeutigen Zuschreibungen vermeidet.[10] So scheint sich das Konzept in dem Augenblick weitgehend aufzulösen, als sich die Zeitgeschichte anschickt, es für empirische Arbeiten zu verwenden.

Dennoch bleibt die Frage interessant, welche Bedeutung die Umweltgeschichte den siebziger Jahren als Wendezeit zumisst. Angesichts des großen politischen Erfolges der Umweltbewegung liegt es nahe, von einer "ökologischen Wende" zu sprechen. So steht dieses Jahrzehnt für den Beginn eines breitenwirksamen Umweltbewusstseins in vielen westlichen Ländern sowie erhebliche Institutionalisierungserfolge der Bewegung. Außerdem markieren die siebziger Jahre erstmals eine enge Verbindung zwischen der ingenieurtechnischen Tradition des Emissionsschutzes und dem modernitätskritischen Zweig des Naturschutzes. Allerdings reichen viele erfolgreiche Praktiken des Umweltschutzes deutlich weiter zurück. Der weiterhin wichtige "technische" Ansatz ist erheblich älter und war zum Beispiel bei der Luftreinhaltung in der Bundesrepublik seit den späten fünfziger Jahren erfolgreich, wenngleich es richtig ist, dass die Umweltpolitik ab den siebziger Jahren zu seiner Verbreitung deutlich beitrug.[11]

Die geschilderten Beispiele zeigen, dass ein umwelthistorisch informierter Blick wichtige Impulse für zeithistorische Periodisierungsarbeiten geben kann. Vor allem das 1950er-Syndrom mit seiner Verknüpfung materieller, sozialer und kultureller Aspekte ist ein vielversprechender Ansatz. Künftig wird es jedoch darauf ankommen, sehr viel genauer auf die Referenzräume solcher Periodisierungen zu achten: Beziehen sie sich auf die alte Bundesrepublik, die DDR, Gesamtdeutschland, die westliche Welt, die gesamte Erde? Mit umwelthistorischer Sensibilität wird man sich von allzu eng terminierten und scharf abgegrenzten Zäsuren verabschieden müssen - dies könnte eine heilsame Herausforderung sein.

Umweltgeschichte als politische und Gesellschaftsgeschichte



Zu den am intensivsten behandelten Themen der Umweltgeschichte gehören gesellschaftliche Reflexionen über das Verhältnis Mensch-Natur-Umwelt, die damit verknüpften politischen und sozialen Bewegungen sowie Institutionen, kurz: die Geschichte des Natur- und Umweltschutzes. Mit Ausnahme der Arbeiterbewegung und der nationalen Bewegungen hat wohl keine politisch-kulturelle Bewegung im 20. Jahrhundert eine derartige Wirkung entfaltet wie die Ökologiebewegung, wobei diese sich in deutlich kürzerer Zeit konstituierte. Über die Vertretung umweltpolitischer Ziele hinaus wurde sie mit Recht als Indikator weitreichender Wandlungsprozesse und als wichtigster Beleg für den säkularen Wertewandel in westlichen Gesellschaften interpretiert. Außerdem hat der Umweltschutz in den vergangenen vier Jahrzehnten nicht nur in Deutschland eine Vielzahl großer und einflussreicher politischer Institutionen hervorgebracht: die grüne Partei, ein Bundesministerium, zahlreiche Landesministerien, Dezernate in nahezu allen großen Kommunen, das Umweltbundesamt, eine bundeseigene Stiftung. Die Liste zeigt, dass der Umweltschutz schon als Thema einer Institutionengeschichte große Beachtung verdient.[12]

Auch die Geschichte internationaler Beziehungen seit der Wende zum 20. Jahrhundert lässt sich von der Warte des Natur- und Umweltschutzes aus untersuchen. Mit Blick auf grenzüberschreitende Emissionen war dies bis in die jüngste Zeit eher eine Geschichte verpasster Gelegenheiten, die noch zu untersuchen sind. Der Naturschutz aber mit seinen internationalen Kongressen bot bereits vor dem Ersten Weltkrieg Verständigungsmöglichkeiten jenseits des aggressiven Nationalismus. In der jüngsten Geschichte internationaler und supranationaler Organisationen ist der Umweltschutz ein vorrangiges Politikfeld gewesen. So stützen sich viele Ansätze aus den aktuellen Debatten über governance auf die Erfahrungen im Zusammenspiel umweltorientierter Nichtregierungsorganisationen (NGO) und nationaler sowie supranationaler Institutionen.[13]

Das in den vergangenen Jahren auch in der Zeitgeschichte diskutierte Konzept der "Wissensgesellschaft" kann kaum ohne Bezug auf das Umweltwissen auskommen. Gerade der Einfluss von technischen und wissenschaftlichen Experten auf politische Entscheidungsprozesse lässt sich am Beispiel von Umweltfragen plastisch zeigen, da die meisten einschlägigen Probleme nur mit ihrer Hilfe erkannt und gelöst werden können. In den fünfziger und sechziger Jahren besaßen Institutionen wie der Verband Deutscher Ingenieure fast ein Beratungsmonopol durch eine enge, von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommene, apolitisch verstandene Zusammenarbeit mit den Verwaltungen etwa im Bereich Luftreinhaltung. Seit den siebziger Jahren multiplizierten Verwaltung und Politik die Beratungsgremien, in denen neben Technikern zunehmend auch Vertreter gesellschaftlicher Gruppen als Experten Aufnahme fanden. Ein wichtiges Gremium ist etwa der Sachverständigenrat für Umweltfragen, der regelmäßig umfassende Gutachten zur Umweltpolitik vorlegt. Einen Höhepunkt ihrer politischen Wirkung erlebte die wissenschaftliche Beratungstätigkeit im Kontext der Debatten über das so genannte Waldsterben zu Beginn der achtziger Jahre. Ein viel versprechendes Forschungsthema wäre dabei die Frage, auf welche Weise die heute von vielen Forstwissenschaftlern als deutlich überzogen betrachtete Waldschadensdiagnose im Wechselspiel von Politik und Wissenschaft zustande kam.[14]

Auch die zuletzt stark beachtete Mediengeschichte kann ohne eine Geschichte des Umweltschutzes nicht auskommen. So beherrschten medial geführte Imagekampagnen, Umweltskandale und das "Phänomen Greenpeace" das Feld moderner Umweltpolitik; gleichzeitig sind sie Indizien für einen Bedeutungszuwachs der Massenmedien als Vehikel von Politik. Zu untersuchen wäre etwa die besondere Affinität elektronischer Medien zu stark emotionalisierten Themen des Naturschutzes, wie sie Bilder von Robbenbabys oder Würmern im Speisefisch zeigten. Eine Geschichte von Natur und Umwelt in den Medien des 20. Jahrhunderts bietet einen aufschlussreichen Einblick in die Geschichte von Politik, Wertewandel und Massenmedien.[15]

Schlüsselthemen einer ambivalenten Moderne



Die vorangehenden Bemerkungen zeigen in scheinbar disparater Weise wichtige Forschungsperspektiven auf, die Untersuchungen zum Natur- und Umweltschutz eröffnen. Über diese Aspekte hinaus bietet der gesellschaftliche Umgang mit Natur übergreifende Fragestellungen, die diese Teilbereiche zusammenführen. Der Schutz von Natur und menschlichen Lebensgrundlagen kann als Leitmotiv für eine Untersuchung zentraler Ambivalenzen in einer breit verstandenen Gesellschaftsgeschichte dienen.

Die bedrohte Umwelt hat stets zwei gesellschaftliche Antworten herausgefordert. Diese enthalten jeweils fundamentale Aussagen über die Selbstverortung der Zeitgenossen in der Moderne bzw. ihrer jeweiligen Epoche. Die erste Antwort besteht in der Affirmation des Neuen, Technischen, letztlich in der Machbarkeit von Zukunft durch den homo faber. Die zweite Antwort lehnt Moderne sowie Technik ab und propagiert stattdessen eine Neuorientierung, in der Regel mit Bezug auf scheinbar unverrückbare Größen wie Tradition, Heimat, Natur. Letztlich geht es um den Gegensatz von Optimismus vs. Zukunftsangst, Fortschrittsidee vs. Konservatismus, instrumentellem Rationalismus vs. Emotionalität und Sensibilität. Es handelt sich bei den Alternativen um Idealtypen, die niemals in reiner Form vorliegen; die Regel sind Mischungsverhältnisse zwischen beiden. Entgegen der Neigung in jüngeren Forschungsarbeiten, einzelne Abschnitte der deutschen Zeitgeschichte eindeutig der optimistischen oder der skeptischen Variante zuzuordnen, ist meines Erachtens eher selten eine deutliche Dominanz der einen oder anderen Antwort festzustellen.

Es wäre zu simpel, die Anhänger der ersten Antwort als modern(istisch) und die Anhänger der zweiten Antwort als antimodern einzustufen, wie dies häufig geschieht. Schließlich reagieren beide Varianten auf Begleitumstände jener Prozesse, die als Modernisierungserscheinungen bezeichnet werden, und nehmen folglich an der Reflexion moderner Gesellschaften teil. Die in der politischen Auseinandersetzung gewählten Mittel sind häufig auch auf der Seite der "Skeptiker" zukunftsweisend. Als Beispiel mag die Debatte über die Modernität der Heimatschutzbewegung im Kaiserreich dienen. Zunächst als antimodern eingestuft, weiß man heute, dass die entsprechenden Gruppierungen zwar für eine Konservierung vormoderner Lebensweisen eintraten, tatsächlich aber moderne Lobbyarbeit mit Hilfe der Massenmedien betrieben.[16]

Beim Umgang mit Natur und Umwelt handelt es sich um das Thema der (gefährdeten) Lebensbedingungen; dieses ist ein für Industriegesellschaften konstitutives Problem. Ein Grund dafür liegt in der von Sieferle beschriebenen Zunahme der Stoffströme (man könnte auch sagen: Schadstoffbelastungen). Ein weiterer Grund für die zentrale Bedeutung des Umgangs mit der Natur resultiert aus dem Umstand, dass Industriegesellschaften in der Regel Wissensgesellschaften sind; ihr Erfolg hängt eng mit dem Bedeutungszuwachs der kaum noch theologisch gebundenen Naturwissenschaften zusammen. Während Religion und Glaube im 19. Jahrhundert zunehmend zur Privatsache wurden, avancierte die Naturwissenschaft zur Referenzgröße für (vorgeblich) objektive Erkenntnis. Zugleich löste das Studienobjekt dieser Wissenschaften, die Natur, Gott als entscheidendes "Gegenüber" des Menschen im Kosmos ab. Dies brachte es mit sich, dass die Selbstverortung moderner Gesellschaften in wachsendem Maß von ihrem Naturbild geprägt wurde. Daher war beispielsweise die Entscheidung über Schutz oder Umgestaltung der Natur zentral für das Selbstverständnis vieler sozialer Gruppen.[17]

Eine ganze Reihe wichtiger Fragen aus der Zeitgeschichte können mit dieser Untersuchungsperspektive verbunden werden, und zwar weit über den Kreis der sich selbst so verstehenden Naturschützer und ihrer politischen Gegenspieler hinaus. So kann die Nutzung natürlicher Ressourcen im Rahmen von Agrar- und Forstwissenschaften als doppelte Geschichte von Industrialisierung und Chemisierung auf der einen sowie der Suche nach biologischen und "naturnahen" Verfahren der Ertragssteigerung auf der anderen Seite geschrieben werden. Dahinter stand eine Kontroverse darüber, ob sinnvolle Innovationen aus technischer Rationalität oder eher aus vorgefundenen Naturvorgängen abzuleiten seien. Neben dieser abstrakten Frage spielen aber auch soziale, kulturelle und ideologische Verortungen der handelnden Personen eine zentrale Rolle. So ist die Karriere des naturnahen Dauerwald-Konzeptes im "Dritten Reich" sowohl mit personalen Netzwerken als auch mit ideologischer Anschlussfähigkeit an Blut-und-Boden-Konzepte zu erklären. Sein Scheitern wiederum war eine Folge derDominanz des technisch-ausbeuterischen Prinzips im Kontext der Kriegsanstrengungen. Überhaupt stellt die nationalsozialistische Herrschaft eine Verdichtungsphase in den Aushandlungsprozessen zwischen den beiden Umweltstrategien dar, wie man etwa an den Konzepten zur Ostraumplanung zeigen kann. Auch unter umwelthistorischen Gesichtspunkten ist diese Phase noch lange nicht "ausgeforscht".[18]

Mit Blick auf die Geschichte der Bundesrepublik hat die Untersuchungsperspektive sinnvollerweise ihren Fluchtpunkt in den siebziger Jahren. In den Siebzigern und Achtzigern scheinen sich modernistische und naturorientierte Umweltstrategien neu gebündelt und formiert, ja vielfach miteinander verbunden zu haben. Ein aktuelles Folgeproblem dieser Bündelung lässt sich anhand der Kontroverse um die Windenergie beobachten. Lange Zeit durch die Frontstellung vonUmweltschützern und -skeptikern verdeckt, werden nun Differenzen zwischen tendenziell technikorientierten Windkraftbefürwortern und naturorientierten Landschaftsschützern sichtbar, welche die Verschandelung der Landschaft, Lärmbelästigungen und Großtechnik überhaupt mit Sorge betrachten. Vor allem aber änderte sich ab den siebziger Jahren die kulturelle und habituelle Verortung der zweiten Strategie: War diese bislang im kulturkonservativen Kontext aufgehoben, erfuhr sie nun in der links-alternativen Szene eine Renaissance. Spätestens die politische Ausrichtung der grünen Partei machte die einstmals konservativen Konzepte zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung zu einem linken Projekt, obwohl bei genauerem Hinsehen die Kontinuitäten in der Ideenwelt deutlich überwogen.[19]

Ausgehend von dem Fluchtpunkt in den Siebzigern lohnt es, nach Tendenzen zu suchen, die auf die Reformulierung der Schutzansätze nach 1970 hinausliefen. Dabei sollten auch Fragen der Konsum- und Alltagsgeschichte im Sinne des Pfister'schen Ansatzes einbezogen werden. Allerdings scheint es lohnenswert, auch hier nach Ambivalenzen und Eigendynamik des Modernisierungsprozesses Ausschau zu halten, wie es etwa die Tourismusgeschichte zeigt. Die massenhaft praktizierte Liebe zur vorderhand gesellschaftsfernen Natur führt tendenziell zu ihrer Umwandlung in eine administrierte und ökonomisierte Freizeitressource. Selbst einige dezidiert "antimodern" eingestellte Naturschutzverbände haben diese Dynamik unterschätzt und, eigentlich Verfechter eines organischen Naturbildes als Gegenbild zur modernen Rationalität, unter der Hand ein funktional-rationalistisches Landschaftsverständnis entwickelt.[20]

Umgekehrt wäre mit Blick auf die Umweltbewegung zu fragen, inwieweit ihre Aktivitäten mit anderen gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen drei Jahrzehnte gepaart waren. Zu untersuchen wäre, ob und inwiefern es Zusammenhänge zwischen deklamatorischer (meist nicht tatsächlicher) Konsumzurückhaltung, alternativem Lebensgefühl, ökologisch begründeter Zukunftsangst und dem anwachsenden Interesse für historische Bauten, Heimat(-kultur), Geschichte und Museen sowie einem Bedrohungsgefühl auf dem Gebiet internationaler Beziehungen (Friedensbewegung) gab. Zum einen wäre es denkbar, eine neue Haltung gegenüber der Natur als Kern eines breiten gesellschaftlichen Normenwandels zu begreifen, wobei allerdings nicht erklärt würde, warum die 1968er Bewegung keinen Zugang zu dieser Frage fand. Zum anderen könnte die Gemeinsamkeit in der Veränderung von gesellschaftlichen Praktiken und Habitualisierungen gesucht werden, der sich unterschiedliche Themen und Bewegungen von der APO bis zur Friedensbewegung anlagerten. In diesem Fall hätte die "Oberfläche" sozialer Handlungsmuster dazu beigetragen, die weiter bestehende rational-antimoderne Dichotomie im Umweltlager zu überdecken.

Fußnoten

1.
Für Anregungen danke ich Franz-Josef Brüggemeier, Anselm Doering-Manteuffel und Peter Kramper. Vgl. Franz-Josef Brüggemeier, Umweltgeschichte. Erfahrungen, Ergebnisse, Erwartungen, in: Archiv für Sozialgeschichte, 43 (2003), S. 1 - 18; ders./Jens Ivo Engels, Den Kinderschuhen entwachsen. Einleitende Worte zur Umweltgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: dies. (Hrsg.), Natur- und Umweltschutz in Deutschland nach 1945. Konzepte, Konflikte, Kompetenzen, Frankfurt/M. 2005, S. 10 - 19.
2.
Vgl. Axel Schildt/Arnold Sywottek (Hrsg.), Modernisierung im Wiederaufbau. Die westdeutsche Gesellschaft der 50er Jahre, Bonn 1993; Axel Schildt/Detlef Siegfried/Christian Lammers (Hrsg.), Dynamische Zeiten. Die 60er Jahre in den beiden deutschen Gesellschaften, Hamburg 2000; Die Siebzigerjahre. Gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland = Archiv für Sozialgeschichte, 44 (2004).
3.
Einen Überblick über die aktuellen Ansätze bietet demnächst Joachim Radkau/Frank Uekötter (Hrsg.), The Turning Points of Environmental History, Lanham 2006.
4.
Vgl. Rolf Peter Sieferle, Rückblick auf die Natur. Eine Geschichte des Menschen und seiner Umwelt, München 1997.
5.
Vgl. John R. McNeill, Something New Under the Sun. An Environmental History of the Twentieth-Century World, New York-London 2000.
6.
Vgl. Christian Pfister (Hrsg.), Das 1950er Syndrom. Der Weg in die Konsumgesellschaft, Bern 1995.
7.
Vgl. Arne Andersen, Das 50er-Jahre-Syndrom. Umweltfragen in der Demokratisierung des Technikkonsums, in: Technikgeschichte, 65 (1998), S. 329 - 344.
8.
Vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986.
9.
Vgl. Richard Münch, Die "Zweite Moderne": Realität oder Fiktion? Kritische Fragen an die Theorie der "reflexiven" Modernisierung, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 54 (2002), S. 417 - 443.
10.
Vgl. Ulrich Beck/Christoph Lau, Theorie und Empirie reflexiver Modernisierung. Von der Notwendigkeit und den Schwierigkeiten, einen historischen Gesellschaftswandel innerhalb der Moderne zu beobachten und zu begreifen, in: Soziale Welt, 56 (2005), S. 107 - 135. Zur Luftreinhaltung vgl. Franz-Josef Brüggemeier, Tschernobyl, 26. April 1986. Die ökologische Herausforderung, München 1998.
11.
Vgl. Jens Ivo Engels, The Ecological turn, in: J.Radkau/F. Uekötter (Anm. 3); Matthias Heymann, Luftverschmutzung, Atmosphärenforschung, Luftreinhaltung: Ein technisches Problem?, in: F.-J. Brüggemeier/J. I. Engels (Anm. 1), S. 325 - 342.
12.
Vgl. demnächst jedoch Friedemann Schmoll/Hans-Werner Frohn (Hrsg.), 100 Jahre amtlicher Naturschutz, Münster 2006. Zum Wertewandel Ronald Inglehart, The Silent Revolution. Changing Values and Political Styles among Western Publics, Princeton 1977.
13.
Vgl. Anna-Katharina Wöbse, Der Schutz der Natur im Völkerbund - Anfänge einer Weltumweltpolitik, in: Archiv für Sozialgeschichte, 43 (2003), S. 177 - 190; Kai F. Hünemörder, Vom Expertennetzwerk zur Umweltpolitik. Frühe Umweltkonferenzen und die Ausweitung der öffentlichen Aufmerksamkeit für Umweltfragen in Europa (1959 - 1972), in: ebd., S. 275 - 296.
14.
Einen Überblick vermittelt F.-J. Brüggemeier (Anm. 10).
15.
Vgl. Jens Ivo Engels, Von der Sorge um die Tiere zur Sorge um die Umwelt. Tiersendungen als Umweltpolitik in Westdeutschland zwischen 1950 und 1980, in: Archiv für Sozialgeschichte, 43 (2003), S. 297 - 323. Zu den Grenzen des medial vermittelten Alarmismus vgl. Frank Uekötter/Jens Hohensee (Hrsg.), Wird Kassandra heiser? Die Geschichte falscher Ökoalarme, Stuttgart 2004, S. 112 - 138.
16.
Vgl. William H. Rollins, A Greener Vision of Home. Cultural Politics and Environmental Reform in the German Heimatschutz Movement, 1904 - 1918, Ann Arbor 1997.
17.
Vgl. Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie, Berlin 1995. Zum Zusammenhang von Natur und Geschichte Friedemann Schmoll, Erinnerung an die Natur. Die Geschichte des Naturschutzes im deutschen Kaiserreich, Frankfurt/M. 2004.
18.
Vgl. Joachim Radkau/Frank Uekötter (Hrsg.), Naturschutz und Nationalsozialismus, Frankfurt/M.-New York 2003; Franz-Josef Brüggemeier/Mark Cioc/Thomas Zeller (Hrsg.), How Green Were the Nazis? Nature, Environment, and Nation in the Third Reich, Athens 2005; Willi Oberkrome, "Deutsche Heimat". Nationale Konzeption und regionale Praxis von Naturschutz, Landschaftsgestaltung und Kulturpolitik in Westfalen-Lippe und Thüringen (1900 - 1960), Paderborn 2004.
19.
Vgl. Jens Ivo Engels, Naturpolitik in der Bundesrepublik. Ideenwelt und politische Verhaltensstile in Naturschutz und Umweltbewegung 1950 - 1980, Paderborn 2006.
20.
Vgl. ebd. zur Geschichte des Vereins Naturschutzpark in den fünfziger und sechziger Jahren.

Jens Ivo Engels

Zur Person

Jens Ivo Engels

PD Dr. phil., geb. 1971; Hochschuldozent am Historischen Seminar der Universität Freiburg, Werthmannplatz 1, 79085 Freiburg/Br.
E-Mail: Jens.Ivo.Engels@geschichte.uni-freiburg.de


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