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15.11.2019

Kleine Geschichte der Klimadebatte

Die naturwissenschaftliche Erforschung des Klimawandels ist von einer stetig wachsenden Gewissheit geprägt. Bei der historischen Aufarbeitung der Klimadebatte scheint der Trend in die entgegengesetzte Richtung zu gehen: Das Gesamtbild wird zunehmend unscharf. Das liegt einerseits am Gegenstand, dessen stetige Expansion gegen Grenzen des Wachstums ziemlich immun zu sein scheint – wie bilanziert man eine weltumspannende Debatte, in der unterschiedlichste Disziplinen, fast 200 Regierungen und eine riesige Schar von Interessenten zusammenwirken? Andererseits haben die Hoffnungen und Frustrationen der Klimadebatte auch im Geschichtsbild ihre Spuren hinterlassen. Jeder weiß, dass der anthropogene Klimawandel schneller voranschreitet als die globale Klimapolitik, und da liegen kontrafaktische Spekulationen nahe. Vielleicht wäre das Ganze anders gelaufen, wenn wir nicht irgendwo einmal falsch abgebogen wären?

Im April 2019 veröffentlichte Nathaniel Rich einen Bestseller, der sich in diesem Sinne auf die Zeit von 1979 bis 1989 konzentriert – dies sei das Jahrzehnt gewesen, in dem wir die globale Erwärmung beinahe in den Griff bekommen hätten. Rich ist eigentlich Romanautor, und so liest sich seine Darstellung auch. "Losing Earth" ist die Geschichte einiger kluger Männer, die das Desaster frühzeitig erkannten. Es ist ja eigentlich auch ganz einfach: Die Nutzung fossiler Energien läuft auf eine höhere Konzentration von Kohlendioxid in der globalen Atmosphäre hinaus, und Kohlendioxid ist ein Treibhausgas. Hatte der schwedische Wissenschaftler Svante Arrhenius nicht schon im späten 19. Jahrhundert von einem globalen Temperaturanstieg gesprochen? Und der Mann hatte immerhin 1903 den Chemie-Nobelpreis bekommen.

Es ist eine romantische Vorstellung, dass Politiker sofort reagieren, wenn renommierte Wissenschaftler ihre Stimme erheben. Das gilt jedenfalls dann, wenn man mit dem Abstand der Jahrzehnte sicher sagen kann, auf welche Forscher man hätte hören sollen. Die Eindeutigkeit der naturwissenschaftlichen Diagnose scheint eine Sehnsucht nach ähnlicher Eindeutigkeit in der historischen Erzählung zu befördern, aber Klarheit gibt es in der Geschichte der Klimadebatte nur dann, wenn man Kontexte systematisch herausschneidet und alles auf die politisch gewünschte Erzählung fokussiert. Dabei kann man aus dieser Geschichte viel mehr lernen, wenn man sie nicht nur als Ressource für tagesaktuelle Schlachten behandelt.

Vorläufer der Klimaforschung



Gerne werden Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts als Vordenker der heutigen Klimaforschung verortet, aber das funktioniert nur mit erheblichen intellektuellen Verrenkungen. Der Historiker James Rodger Fleming diskutiert Arrhenius zusammen mit Joseph Fourier, John Tyndall und Thomas Chrowder Chamberlin als Exponenten eines kruden Monokausalismus. Sie konzentrierten sich jeweils auf einen einzelnen Aspekt, Arrhenius etwa auf den Anstieg der globalen CO2-Konzentration, und nahmen nur widerwillig zur Kenntnis, dass beim Weltklima auch andere Faktoren eine Rolle spielen.[1] Heute weiß jeder von den Wettervorhersagen, dass es im komplizierten Wechselspiel der Kräfte in der Atmosphäre immer wieder Überraschungen gibt, und die Ungewissheiten wachsen zwangsläufig, wenn man den gesamten Globus und die ferne Zukunft in den Blick nimmt.

Es sind nicht nur die groben Simplifizierungen, in denen sich Arrhenius und seine Zeitgenossen von der heutigen Klimawissenschaft unterscheiden. Sie schrieben auch mit einem anderen Anspruch. Wenn etwa Arrhenius darüber spekulierte, ob eine höhere CO2-Konzentration vielleicht gut für den Planeten wäre, dann handelte es sich letztlich um ein intellektuelles Spiel, das man im fin de siècle auch gerne kulturpessimistisch einfärbte. Mit dem Narrativ vom Aufstieg und Fall der großen Mächte war der gebildete Bürger schon durch das Studium der Antike vertraut. Der heute so selbstverständliche Schritt von der Diagnose zur Bekämpfung des Problems fehlt im damaligen Schrifttum. Es gab ja auch niemanden, an den man klimapolitische Wünsche hätte adressieren können.

Die Zeit um 1900 gilt zwar als eine Blütezeit dessen, was heute Globalisierung heißt, eine Weltpolitik zur Bekämpfung des Klimawandels lag aber jenseits des Horizonts der politischen Möglichkeiten. Von 1914 bis 1945 war die Idee erst recht absurd, danach änderte sich jedoch die Situation: Der Kalte Krieg schuf einen Möglichkeitsrahmen, der bis in die Gegenwart nachwirkt. Wer die Klimadebatte verstehen will, kommt um den Kalten Krieg nicht herum.


Kalter Krieg als Möglichkeitsrahmen



Der auf dem ideologischen Gegensatz zwischen USA und Sowjetunion basierende Kalte Krieg hatte eine Vielzahl von Konsequenzen, die auf ganz unterschiedlichen Ebenen spielten und keinem einheitlichen Muster folgten. Es waren in vielen Fällen ungeplante Nebenfolgen, die man im militärischen Sprachgebrauch wahlweise als Spin-off oder als Kollateralschäden bezeichnen könnte. Wenn man die aktuelle Klimadebatte deshalb als Produkt des Kalten Krieges versteht, dann ist dies keineswegs so zu verstehen, als habe der Kalte Krieg eine Bühne geschaffen, auf deren Brettern nun das globale Spektakel einer Weltinnenpolitik inszeniert wird. Es war eher so, dass – um im Bilde zu bleiben – am Ende des Kalten Krieges ein paar Planken nebeneinander lagen, auf denen die globale Klimadebatte seither einen prekären Balanceakt aufführt.

Die erste dieser Planken bestand in der neuen Globalität des Denkens. Der Kalte Krieg war wahrhaft weltumspannend, und im Unterschied zu den beiden Weltkriegen gab es kein europäisches Gravitätszentrum. Noch 1941 hatten die USA ein Hilfsprogramm für Saudi-Arabien abgelehnt, weil das Land nicht wichtig zu sein schien – aber im Kalten Krieg zählte jeder Winkel des Planeten. Das hatte Folgen für die mentalen Landschaften. Man musste erst einmal auf die Idee kommen, den Planeten als Ganzes in den Blick zu nehmen, damit ein Phänomen wie die globale Erwärmung überhaupt denkbar wurde. Bis dahin hatten Wissenschaftler über Veränderungen des Klimas als regionale und lokale Phänomene nachgedacht, und "Klima" war ein Begriff für die typischen meteorologischen Bedingungen in einem begrenzten geografischen Raum. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir heute Klima global denken, ist das Produkt einer mentalen Revolution, die nur ein paar Jahrzehnte zurückreicht.

Zweitens brachte der Kalte Krieg einen neuen Typus der Großforschung hervor. Das Manhattan-Projekt, mit dem die USA im Zweiten Weltkrieg die Atombombe bauten, war paradigmatisch für neue wissenschaftliche Großprojekte, bei denen Legionen von Forschern gemeinsam an Herausforderungen arbeiteten. Seither wuchsen die Zahl und die Intensität der Kooperationen, die über nationale und disziplinäre Grenzen hinausreichten, und diesem Pfad folgte das globale Netzwerk der Klimaforschung, das ab den 1980er Jahren entstand. Die alte Welt der Universitäten lebte weiter, aber der Strahlenglanz der großen Lehrstuhlinhaber, der die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts geprägt hatte, wollte sich nach 1945 nicht mehr einstellen. Große Forscher waren nun vor allem Manager großer Teams und Delegierte, die auf Konferenzen Berichte über den Stand der Forschung aushandelten.

Die heutige Klimaforschung profitiert von internationalen Gemeinschaftsprojekten, die es ohne den Kalten Krieg vielleicht gar nicht gegeben hätte. Die berühmte Keeling-Kurve, die den Anstieg der CO2-Konzentration in der globalen Atmosphäre zeigt, ging zum Beispiel auf das Internationale Geophysikalische Jahr 1957/58 zurück, das auch gemeinsames Forschen in einer geteilten Welt symbolisierte. Seither werden auf dem Mauna Loa Vulkan auf Hawaii regelmäßig Messungen vorgenommen, die bei der Entwicklung der Klimawandel-Hypothese eine zentrale Rolle spielten. Das Messprogramm wäre wohl nach ein paar Jahren eingegangen, wenn die US-amerikanische National Science Foundation nicht nach dem Sputnik-Schock 1957 eine kräftige Finanzspritze zur Förderung der wissenschaftlichen Grundlagenforschung bekommen hätte. In der Nähe der Wostok-Forschungsstation bohrten französische und sowjetische Wissenschaftler in den 1980er Jahren gemeinsam im Eis der Antarktis. Die Wostok-Eisbohrkerne wurden zu einer Berühmtheit der Klimadebatte, weil es durch die im Eis eingeschlossenen Gasbläschen möglich wurde, die Zusammensetzung der Atmosphäre über 420.000 Jahre hinweg zu rekonstruieren.[2]

Zum Kalten Krieg gehörte auch der Protest. Die "Kampf dem Atomtod"-Kampagne, die die betuliche Adenauer-Republik der 1950er Jahre erschütterte, war Teil einer globalen Protestbewegung, die von einem Amalgam pazifistischer und ökologischer Motive getrieben wurde. Frieden war bereits zuvor ein politisches Thema gewesen, und das gleiche galt für die Probleme der natürlichen Umwelt, aber die Kombination beider Anliegen war neu, und daraus erwuchs eine Tradition, die in der heutigen Klimadebatte weiterlebt. Seit den 1970er Jahren gab es in den Ländern des Westens agile Umweltbewegungen, und in den 1980er Jahren interessierten sich auch die Dissidenten Osteuropas für Umweltprobleme. Ohne eine ökologisch sensibilisierte Öffentlichkeit ist die Klimadebatte der vergangenen Jahrzehnte kaum zu denken.


Zivilgesellschaftliche Mobilisierung



Die Umweltbewegung entfaltete eine enorme gesellschaftliche und mediale Resonanz, die bei euphorisch gestimmten Zeitgenossen Visionen einer Weltbürgergesellschaft sprießen ließ.[3] Das hatte freilich mehr mit naiven Hoffnungen und den Schuldgefühlen des modernen Konsumbürgers zu tun als mit den institutionellen Realitäten. Die politischen Ressourcen der Umweltverbände waren stets überschaubar, und mit den Lobbyisten, die große Energiekonzerne finanzierten, konnten sie nicht einmal ansatzweise mithalten. Eindrücklich zeigte sich dies in den Vereinigten Staaten, wo es auf der einen Seite ein Netzwerk von Umweltverbänden gab, das Anfang der 1980er Jahre weltweit führend war und in den folgenden Jahrzehnten kräftigen Rückenwind aus der internationalen Klimaforschung erfuhr, und auf der anderen Seite die Milliarden der konservativen Koch-Brüder standen, die im großen Stil in Klimaskepsis investiert wurden.

Umweltverbände hingen stets an Mitgliedsbeiträgen und Spenden aus der Zivilgesellschaft, und das machte sich nicht nur in notorisch knappen Budgets bemerkbar. Der anthropogene Klimawandel war für Umweltverbände stets eines von zahlreichen Themen: Naturschutzgebiete, bedrohte Arten, Blei und Ozon in der Luft, Müll, Kernkraft, Supergifte wie Dioxin – immer wieder mussten Bürger und Verbände Entscheidungen treffen, was ihnen wirklich wichtig war, und da war ein globales Problem wie der Klimawandel ein klassisches Verliererthema. Wenn ein Chemiewerk seine Nachbarn krank machte, gab es eine klar umgrenzte Gruppe der Betroffenen und konkrete Maßnahmen, für die sich kämpfen ließ. Aber wie mobilisiert man eine globale Gemeinschaft für schmerzliche Einschnitte, die erst auf lange Sicht ihre Wirkung entfalten?

Die Proteste der vergangenen Monate verstellen leicht den Blick dafür, dass die zivilgesellschaftliche Mobilisierung für den Kampf gegen die globale Erwärmung meist ziemlich schwerfällig war. US-amerikanische Umweltverbände konzentrierten sich lieber auf konkretere Probleme mit überschaubarem Zeitrahmen. Die bundesdeutsche Umweltbewegung, die starken Zulauf aus den Bürgerinitiativen der 1970er Jahre erfuhr, tat sich mit dem Sprung zu globalen Themen ebenfalls schwer, zumal das Klimathema ein wenig quer zum populären Protest gegen die Kernenergie lag. Es gibt sehr zu denken, dass hinter dem legendären "Spiegel"-Titel vom Sommer 1986, der als Menetekel des Klimawandels den im Meer versinkenden Kölner Dom zeigte, nicht etwa ein Umweltverband steckte, sondern der Arbeitskreis Energie der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Diesen Physikern ging es nicht nur um das Weltklima, sondern auch um die Kernkraft, die nach Tschernobyl in der Defensive war.[4]

Nationalstaat als zentraler Akteur



Für eine globale Klimapolitik brauchte man jedoch nicht nur kluge Wissenschaftler und engagierte Verbände, sondern auch politische Institutionen. Seit den 1980er Jahren stehen dabei die nationalstaatlichen Regierungen im Mittelpunkt, und dahinter steckt ebenfalls ein Erbe des Kalten Krieges. Dieser markiert auch einen historischen Höhepunkt für die Autorität der Nationalstaaten, denn er bedeutete eine gesamtgesellschaftliche Kraftanstrengung: Der Kampf der Systeme tobte auf allen Ebenen bis hin zur US-amerikanischen Einbauküche, über die Richard Nixon und Nikita Chruschtschow 1959 in Moskau ein legendäres Streitgespräch führten. Damit besaßen die Regierungen in Ost und West eine enorme Verfügungsgewalt über gesamte Volkswirtschaften, die gesellschaftlich weithin unumstritten war. Selbst der Neoliberalismus, seit den 1970er Jahren im Aufwind, verstand Deregulierung und Privatisierung zunächst als ein klar umgrenztes Projekt. In der globalen Konkurrenz der Systeme konnte es sich keine Regierung leisten, die eigene Ökonomie einfach aus der Kontrolle zu entlassen.

Die Imagination des mächtigen Nationalstaats prägt die Klimaliteratur bis in die Gegenwart. Rich lässt sein Buch mit einer Regierungskonferenz im niederländischen Noordwijk 1989 enden, auf der sich die USA querstellten. Dort sei eine historische Chance vergeben worden: Wenn sich damals die Regierungen des Westens einem entschlossenen Kampf gegen die globale Erwärmung verschrieben hätten, lebten wir heute in einer anderen Welt.[5] Das war damals eine durchaus populäre Vorstellung, die nicht nur von der idealistischen Sorge um den blauen Planeten beflügelt wurde.

Aus heutiger Sicht ist offenkundig, dass die Krise der Staatlichkeit zu den zentralen Entwicklungen der vergangenen drei Jahrzehnte zählt. Es ist durchaus offen, ob die heutigen Regierungen die politischen Mittel zum drastischen Umsteuern besäßen, selbst wenn sie einen solchen Kurswechsel tatsächlich wollten. Die Macht der Nationalstaaten erodiert in vielfältigen Formen, unterdessen ächzen die Wohlfahrtsstaaten des Westens unter Schuldenbergen, einem Gewirr von rechtlichen und finanziellen Verpflichtungen und apathischen Bürgern, die sich für große politische Programme nicht mehr begeistern lassen.

Die Illusion der nationalstaatlichen Verfügungsmacht wurde jedoch tief in die globale Klimapolitik eingeschrieben. Mit der Klimarahmenkonvention, die 1992 auf dem Erdgipfel von Rio de Janeiro unterzeichnet wurde, wurden die Nationalstaaten zu entscheidenden Akteuren, deren Regierungen sich alljährlich zu Klimakonferenzen mit fünfstelliger Teilnehmerzahl treffen. Klimapolitik ist seither automatisch Klimadiplomatie, auch wenn das von der Sache her nicht unbedingt zwingend war. Man hätte auch die multinationalen Energiekonzerne ins Visier nehmen können oder auch das Anspruchsdenken westlicher Konsumbürger. Vielleicht brauchte man nicht nur eine andere Politik, sondern auch andere Vorstellungen vom guten Leben?


Enger klimapolitischer Korridor



Materialismus und Wachstumsdenken sind in den Gesellschaften des Westens nahezu zweite Natur, und auch das ist ein Erbe des Kalten Krieges. In Ost und West lebte man in den 1950er und 1960er Jahren den kurzen Traum der immerwährenden Prosperität, der schon damals mehr Schein als Sein war. Auch in der Bundesrepublik der Wirtschaftswunderjahre lebten Menschen in prekären materiellen Verhältnissen, und Vollbeschäftigung gab es erst ab 1961, aber all dies verschwand hinter einem langen Boom mit Wachstumsraten, die in der Geschichte des modernen Kapitalismus ihresgleichen suchen. Nach den multiplen Krisen in der Zeit der Weltkriege war das eine gänzlich unerwartete Wendung, deren praktische Konsequenzen erst nach und nach ins Bewusstsein rückten. Die berühmte Studie "Grenzen des Wachstums" des Club of Rome konnte nur deshalb 1972 zum Weltbestseller werden, weil die meisten Menschen bei aller Wachstumseuphorie nie darüber nachgedacht hatten, dass exponentielle Wachstumsraten auf einem begrenzten Planeten früher oder später in einer Katastrophe enden mussten.[6]

Das Jahr 1945 gilt inzwischen als umwelthistorische Epochenschwelle erster Güte. Der Schweizer Umwelthistoriker Christian Pfister prägte in den 1990er Jahren den Begriff "1950er Syndrom", sein amerikanischer Kollege John McNeill sprach lieber von einer "großen Beschleunigung", aber im Kern ging es um den gleichen Befund: Nahezu alle Parameter, die den Einfluss des Menschen auf seine natürliche Umwelt maßen, schnellten mit beängstigender Geschwindigkeit und Stetigkeit nach oben.[7] Die Folgen sind nicht nur in dem beständig steigenden CO2-Gehalt der globalen Atmosphäre zu erkennen. Sie stecken gleichermaßen in Siedlungsstrukturen und gesellschaftlichen Leitbildern, Ernährungsgewohnheiten und Mobilitätsansprüchen, elektrischen Küchengeräten und Düsenflugzeugen, und all dies erwies sich als ausgesprochen resistent gegenüber den moralischen Appellen, die ab den 1980er Jahren zur transnationalen Klimadebatte gehörten. Einige zentrale Entwicklungen fallen sogar in die Zeit nach dem Erdgipfel von Rio 1992, so etwa der Boom der Billigflieger oder der globale Siegeszug der Klimaanlage.

So operierten die Klimapolitiken der Welt von Anfang an in einem ziemlich engen Korridor. Die demokratischen Industriegesellschaften des Westens fürchteten, durch eine allzu forsche Politik die eigene Legitimität zu untergraben, und die boomenden Ökonomien des Globalen Südens, allen voran China, folgten dem westlichen Wachstumspfad mit der naiven Begeisterung der bundesdeutschen Wirtschaftswunderjahre. Auch institutionell waren die Würfel gefallen. Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) war seit seiner Gründung 1988 der zentrale Aushandlungsmechanismus für periodische Berichte über den Stand der Klimaforschung, und die Klimapolitik operierte im Takt der "conferences of parties" der Klimarahmenkonvention. Das war, so der Globalsprech der Diplomaten, "the only game in town".

Das IPCC baute auf der Tradition der vernetzten Großforschung auf, aber seine Mission war bedeutend anspruchsvoller als beispielsweise die gemeinsamen Expeditionen des Internationalen Geophysikalischen Jahres. Seine Aufgabe war Konsensfindung unter intensiver Beobachtung von Medien und Politik, und es fehlte nicht an skeptischen Prognosen. Ein Team um den Wissenschaftssoziologen Peter Weingart ging davon aus, dass die Klimadebatte auf ewig in einem Dreieck von Wissenschaft, Medien und politischen Entscheidungsträgern pendeln würde, weil die Akteure im Umgang mit Unsicherheit ganz unterschiedlich gepolt waren. Für Journalisten sei Unsicherheit eine Neuigkeit, für Wissenschaftler Ausgangspunkt für Forschungsprojekte, und die Politik lege am liebsten die Hände in den Schoß, solange nicht alles klar ist.[8]


Boom der Klimaforschung



Vor dem Hintergrund dieser Erwartungen wurde die globale Klimaforschung zu einer der großen Erfolgsgeschichten der modernen Wissenschaft. Es gab zwar ein paar peinliche Fehlleistungen, die von einschlägigen Interessenten grell ausgeleuchtet wurden, aber letztlich zeigte das eher die wachsende Verzweiflung der Skeptiker. Vor der Jahrtausendwende gab es noch Wissenschaftler, die die Forschung mit gut begründeten Zweifeln herausforderten, aber danach wuchs die Gewissheit, während sich die Kritiker mit schrillen Tönen um Kopf und Kragen redeten. Irgendwann machten sie sich nicht einmal mehr die Mühe, eigene Hypothesen aufzustellen, die man mit den Mitteln der Wissenschaft überprüfen konnte, und konzentrierten sich ganz auf das Streuen ätzender Zweifel.

Gerne klagen Klimaforscher über die Hartnäckigkeit der Skeptiker, aber darin hallt auch das Triumphgeheul der Gewinner nach. Inzwischen ist das Leugnen des Klimawandels nur noch ein politisches Problem, und man muss eher Sorgen haben, dass sich die Forscher im Siegesrausch einen gehörigen Schwips antrinken. Weniger augenfällig war ein Sieg der Wissenschaft an einer anderen Front. Es gab neben den Skeptikern auch forsche Experten mit einfachen Lösungen, die man erst einmal im Zaum halten musste. Der Ozeanograf John Martin prahlte 1988, er könnte mit einem halben Tanker voller Eisen eine neue Eiszeit auslösen. Das Eisen würde zu einem schnellen Wachstum des Phytoplanktons im südlichen Polarmeer führen und dadurch die Sequestrierung von Kohlendioxid im Ozean auf Touren bringen.[9] Das Geoengineering ist als Option weiterhin im Spiel, aber bislang ist klar, dass es dafür eines breiten Konsenses und einer Sensibilität für Nebenwirkungen bedarf.

Kritische Entwicklungen gab es in der Forschung vor allem im Globalen Süden, und sie hatten weniger mit kognitiven Unsicherheiten zu tun als mit den ungeplanten Nebenfolgen gutgemeinter Politik. Während westliche Gesellschaften problemlos große Forschungszentren für Klimaforschung finanzieren konnten, sah das in armen Ländern anders aus. Die Soziologin Anita Engels hat für den Senegal gezeigt, wie knappe Ressourcen aus lokal wichtigen Forschungsprojekten abgezogen wurden, weil das Land gemäß Kyoto-Protokoll ein eigenes Klimakonzept entwickeln musste, auch wenn es nur ein paar Millionstel der globalen Treibhausgase produzierte.[10] Der globale Kampf gegen die Wüstenbildung, der ebenfalls auf einer Rio-Konvention basiert, blieb notorisch unterfinanziert, und es ist offen, ob die geplanten Hilfsprogramme für Klimaadaption daran etwas ändern werden.

Inzwischen kämpft die Klimaforschung zunehmend mit dem Problem, dass sie an die Grenzen ihres Erfolgsmodells gelangt. Bei der Problemdiagnose geht es nur noch um graduelle Verbesserungen, die sich begrenzt zur fachwissenschaftlichen Profilierung eignen, und Fragen der Klimaadaption und Klimagerechtigkeit entziehen sich einer Beantwortung, die in vertrauter Weise auf die Instrumente der naturwissenschaftlichen Forschung setzt. Zugleich geht es bei der Klimaadaption um viel Geld. Es bleibt abzuwarten, wie viel Finanzmittel nach dem Klimaabkommen von Paris für den Umgang mit Schäden zur Verfügung stehen werden, aber Verteilungskonflikte und ungeplante Nebenfolgen sind vorprogrammiert. Vom Abglanz der Aufklärung wird nicht viel übrigbleiben, wenn es um Entscheidungen über Milliardenetats geht, und im schlimmsten Fall droht die Rückkehr der Entwicklungshilfe mit der Gießkanne.

Das größte Problem der Klimaforschung bleibt freilich die Kluft zwischen Wissen und Handeln. Das Schneckentempo der Politik ist immer schwerer zu ertragen, von den reaktionären Zumutungen eines Donald Trump oder Jair Bolsonaro einmal ganz zu schweigen, und am Ende lockt die Versuchung der rhetorischen Eskalation. Wenn alle Metaphern ausgelaugt und die moralischen Ressourcen erschöpfend zitiert sind, bleibt nur noch die Flucht in Visionen, bei denen auch dem aufgeklärten Zeitgenossen ein wenig mulmig wird. Rich spricht in seinem Buch von "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" und internationalen Tribunalen, von Wahrheitskommissionen, Reparationen und Verstaatlichung der Energieindustrien und fügt hinzu, dass all dies natürlich nicht genug wäre, um den moralischen Makel wieder gut zu machen.[11] Es spricht nur wenig dafür, dass eine Politik, die vor allem eine kollektive Schuld abarbeiten möchte, dem klassischen Politikstil westlicher Gesellschaften überlegen ist. Eine Politik ohne Augenmaß und Effizienzkalküle ist nicht ohne Risiko, und das erst recht, wenn es trägen Konsumbürgern an den Kragen geht. Außerdem gibt es eine Menge Menschen, die durchaus umweltbewusst und zu Selbstkritik fähig, aber gerade so gar nicht in Kreuzzugsstimmung sind.

Schluss



So ist die populäre Erzählung des Nathaniel Rich nicht nur ein Beispiel für schlechte Geschichtsschreibung. Sie dokumentiert auch eine fatale Zweiteilung, die sich in der Klimadebatte mit zunehmender Schärfe abzeichnet. Da gibt es auf der einen Seite das Heer der Berater und Kommentatoren, die sich mit der realen Politik mit all ihren Halbherzigkeiten und Problemen herumschlagen. Auf der anderen Seite gibt es die moralische Klarheit einer imaginierten Klimapolitik, wie sie sein sollte oder hätte sein sollen. Es ist eine warme Vision, frei von mächtigen Interessen, trägen Konsumenten und kognitiven Zweifeln. Sie liefert das gute Gefühl, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Aber vielleicht ist eine solche Vision nicht unbedingt das, was wir im globalen Treibhaus brauchen?

Das Basteln mit Modellen gehört zur Klimaforschung, aber in der Klimageschichte läuft Modellieren leicht auf Teleologien à la Nathaniel Rich hinaus, die alles, was irgendwie nicht den Erwartungen entspricht, aus der historischen Erzählung herausbügeln. So könnte der Nutzen der Klimageschichte nicht zuletzt darin bestehen, ein Stachel gegen Vereinfachungen und trügerische Gewissheiten zu sein. Die Klimaforschung baut auf Vorarbeiten von Menschen auf, die noch keine globale Erwärmung kannten. Klimapolitik setzt in einer Weise auf nationalstaatliche Regierungen, die letztlich nur historisch zu erklären ist, während wohlmeinende Moralisten ein Eigentor nach dem anderen schießen. Zusammengehalten wird das Ganze von einer globalen Vision, die sich im Kalten Krieg neben lokale und regionale Wahrnehmungsmuster drängte, die freilich nicht verschwanden. Und vielleicht erleben wir gerade einen erneuten Perspektivwechsel, weil mit der Klimaadaption verstärkt die regionalen Spezifika in den Fokus rücken. Es wäre nicht die erste unerwartete Wendung in der Geschichte der globalen Klimadebatte.
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Fußnoten

1.
Vgl. James Rodger Fleming, Historical Perspectives on Climate Change, New York 1998, S. 6.
2.
Vgl. Spencer R. Weart, The Discovery of Global Warming, Cambridge MA 2008, S. 35, S. 126; Stefan Rahmstorf/Hans Joachim Schellnhuber, Der Klimawandel, München 2007, S. 11.
3.
Vgl. Ulrich Beck, Schöne neue Arbeitswelt, Frankfurt/M. 1999.
4.
Vgl. Peter Weingart/Anita Engels/Petra Pansegrau, Von der Hypothese zur Katastrophe, Opladen 2008, S. 49.
5.
Vgl. Nathaniel Rich, Losing Earth, New York 2019, S. 165–173.
6.
Vgl. Patrick Kupper/Elke Seefried, On the History of the 1972 Study "The Limits to Growth", in: Frank Uekötter (Hrsg.), Exploring Apocalyptica, Pittsburgh 2018, S. 49–74.
7.
Vgl. Christian Pfister (Hrsg.), Das 1950er Syndrom, Bern 1995; John R. McNeill/Peter Engelke, The Great Acceleration, Cambridge MA 2014.
8.
Vgl. Weingart/Engels/Pansegrau (Anm. 4).
9.
Vgl. John Weier, John Martin (1935–1993), 10.7.2001, https://earthobservatory.nasa.gov/features/Martin«.
10.
Vgl. Anita Engels, Die geteilte Umwelt, Weilerswist 2003.
11.
Vgl. Rich (Anm. 5), S. 195f.

Frank Uekötter

Zur Person

Frank Uekötter

ist Historiker mit den Schwerpunkten Umwelt-, Landwirtschafts-, Technik- und Wissenschaftsgeschichte und lehrt an der der University of Birmingham, Vereinigtes Königreich. f.uekoetter@bham.ac.uk


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