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5.4.2007

Kriegerische Konflikte: eine Übersicht

In seiner äußeren Erscheinungsform ist Krieg ein wahres "Chamäleon": Er reicht von gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen politisch autonomen Lokalgruppen bis zum Terrorismus.

Einleitung



Seit geraumer Zeit prognostiziert die Politikwissenschaft das Ende des Krieges als Mittel der Politik.[1] Das Ende des Kalten Krieges 1989/91 schien die Menschheit diesem Traum ein gutes Stück näher zu bringen; das damals vorhergesagte "Ende der Geschichte"[2] hätte ganz wesentlich auch ein Ende militärischer Auseinandersetzungen sein sollen. Man hatte sich gründlich geirrt. Die 1990er Jahre brachten u.a. auf dem Balkan, im Kaukasus sowie in West- und Zentralafrika damals kaum mehr für möglich gehaltene, vielfach als "ethnisch" oder "neu" bezeichnete Konflikte und kriegerische Exzesse, die alle Hoffnungen auf eine neue, friedliche Weltordnung blutig zunichte machten. Auch im politischen Instrumentarium der letzten Supermacht bleibt Krieg offensichtlich ein fester Bestandteil.[3]



Was ist Krieg? Oder besser, was gilt in der empirischen Forschung als Krieg? Die Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung an der Universität Hamburg (AKUF)[4] folgt bei ihrer Einschätzung der klassischen Definition des ungarischen Friedensforschers István Kende (1917 - 1988):

Kriege werden als solche gezählt, wenn erstens zwei oder mehr Parteien in bewaffnete Auseinandersetzungen verstrickt sind, wobei mindestens eine aus den regulären Streitkräften einer Regierung bestehen sollte; wenn zweitens ein "Mindestmaß" an zentral gelenkter Organisation der Kriegführung gegeben ist; und wenn drittens eine gewisse Kontinuierlichkeit der Feindseligkeiten herrscht. Wenn nicht alle diese Kriterien erfüllt sind, wird von bewaffneten Konflikten gesprochen. Andere Forschungsprojekte definieren zusätzlich eine quantitative Schwelle, in der Regel 1000 Kriegsopfer insgesamt oder pro Jahr.

Formen der Gewalt: Krieg als " Chamäleon"



Was die inhaltliche Bestimmung des Begriffes "Krieg" betrifft, so kann man sich auch heute noch an den preußischen Militärtheoretiker Carl von Clausewitz halten; er spricht von der "wunderlichen Dreifaltigkeit" des Krieges: seiner "ursprünglichen Gewaltsamkeit", dem "Spiel der Wahrscheinlichkeiten und des Zufalls" und seinem instrumentellen Charakter eines "politischen Werkzeuges". Diese drei "Tendenzen" seien "tief in der Natur des Gegenstandes begründet und zugleich von veränderlicher Größe".[5] Die erste meint den organisierten und kontinuierlichen Einsatz beträchtlicher militärischer Gewaltmittel und die dadurch verursachten Schäden; die zweite die Probleme der Kontrolle der entfesselten Kräfte; die dritte die zu erreichenden Zwecke, die Clausewitz auf rein politische eingrenzen möchte - getreu seiner Devise, dass "Krieg nichts anderes als die Fortsetzung des politischen Verkehrs mit Einmischung anderer Mittel" sei. Die Realität war und ist natürlich eine andere, wie auch Clausewitz wusste, "unserer Theorie zum Trotz". Kriege wurden und werden neben politischen zu mancherlei Zwecken geführt: Die Motive reichen von Religion und Ideologie über Bereicherung bis hin zu persönlicher Profilierung. Und schließlich wird Krieg nicht nur von Regierungen geführt, sondern von Akteuren der verschiedensten Art: von Aufständischen, Rebellen, Kriegsherren, Drogenbaronen, ja sogar Wirtschaftsunternehmen (wie z.B. der damaligen britischen Ostindien-Gesellschaft). Man kann somit von Akteuren und Zielen abstrahieren und "Krieg" vom Begriff her auf den organisierten und zeitlich andauernden Einsatz beträchtlicher Gewalt reduzieren. In seiner Erscheinung wird Krieg damit ein "wahres Chamäleon", wie es Clausewitz formulierte, "weil er in jedem konkreten Fall seine Natur etwas ändert".[6] Dies gilt bereits für den zwischenstaatlichen Krieg, erst recht jedoch für Aufstände, Bürgerkriege, Revolutionen und Interventionen bis hin zum Terrorismus. All dies ist "Krieg", wenn es den organisierten und andauernden Einsatz von Gewaltmitteln impliziert, also nicht nur die Drohung mit diesen oder spontane Fälle von Gewalt.

Für eine Klassifizierung von Konflikten und Kriegen lassen sich zunächst zwei Dimensionen unterscheiden (vgl. die Abbildung der PDF-Version): die vertikale der Akteurskategorie, die von Dorfgemeinschaften bis hin zu Militärallianzen und Supermächten reicht; und die horizontale der Gewaltsamkeit. Auf dieser sind wiederum verschiedene Schwellen unterscheidbar: der Übergang zu einem sichtbaren Interessenkonflikt, der auf gewaltlose Weise abgearbeitet werden kann, bei Misserfolg dann über die Schwelle des Waffeneinsatzes gerät, was den Konflikt zum Krieg geringer Intensität macht. Eine weitere Schwelle ist jene des Einsatzes schweren militärischen Geräts, womit der Konflikt zum konventionellen Krieg mutiert. Die letzte Schwelle ist schließlich jene des Einsatzes von Nuklearwaffen. Die wichtigsten Konfliktformen seien nachfolgend skizziert.

Als innerstaatliche Konflikte bezeichnet man eine größere Klasse unterschiedlichster Ereignisse, bei denen in erster Linie innerstaatliche Gruppierungen und Parteien aufeinander treffen. Diese Konflikte werden zu innerstaatlichen Kriegen, wenn sie die Schwelle des Waffeneinsatzes überschreiten und die vorher genannten Merkmale andauernder und organisierter Gewaltanwendung aufweisen. Als tribale Kriege lassen sich organisierte, bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Lokalgruppen in Regionen ohne staatliche Zentralgewalt bezeichnen, d.h. in Gegenden, in denen der nominal verantwortliche Staat sein Gewaltmonopol nicht durchzusetzen vermag.[7]

Gerade der innerstaatliche Konflikt ist ein "Chamäleon", d.h. man findet eine Vielfalt von Erscheinungsformen, beginnend bei Parteien und Gruppen, die mit dem Instrument des passiven Widerstandes die jeweilige Staatsgewalt herausfordern. Aufstände tendieren dann zur Eskalation in den Bereich der Gewaltanwendung, wenn Behörden diese mit dem Einsatz militärischer Mittel niederzuschlagen versuchen. Wenn Aufständische der direkten Konfrontation mit den militärisch überlegenen regulären Streitkräften ausweichen und sich primär verdeckter Taktiken bedienen, nennt man sie Guerilla. In kleinen Einheiten agierend, setzen sie auf die Bekämpfung des Gegners etwa durch Attacken aus dem Hinterhalt oder hohe Kosten verursachende Sabotageakte.[8] Wenn dies auch Anschläge auf Unschuldige und Unbeteiligte impliziert, spricht man von Terrorismus (siehe unten).

Als Staatsstreich oder Putsch bezeichnet man den irregulären Transfer der Regierungsgewalt, oft ohne den Einsatz militärischer Mittel, meist aber unter Androhung dieser, üblicherweise durch das Militär oder mit dessen Hilfe. Er bringt in der Regel einen zumindest temporären Wandel der politischen Ordnung mit sich. Revolutionen hingegen zielen immer auf die Umwälzung der politischen und sozialen Ordnung ab; sie tendieren ebenfalls zur Eskalation in den Bereich der Gewalt, wenn sich die Exponenten der alten Ordnung mit militärischen Mitteln wehren. Aufstände und Revolutionen werden auf diese Weise zu Bürgerkriegen.

Unter anderem als so genannte neue Kriege sind innerstaatliche Kriege und Konflikte seit Ende des Kalten Krieges wieder stark in der Diskussion. Diese zeichnen sich gemäß Herfried Münkler[9] durch die Entstaatlichung und Privatisierung kriegerischer Gewalt aus, die häufig mit einer Kriminalisierung und Kommerzialisierung einhergeht. Bereits zu Beginn der 1990er Jahre prophezeite der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld der Welt eine neue Form des Krieges und nannte als Beispiele Somalia, Angola, Kurdistan, Libanon, Sri Lanka und auch die Favelas von Rio de Janeiro; der herkömmliche, zwischenstaatliche Krieg sei ein Auslaufmodell.[10] Nicht schwere, moderne Waffen kommen im neuen Krieg des 21. Jahrhunderts zum Einsatz, so van Creveld, sondern leichte, primitive und vor allem billige Kampfmittel. Nuklearwaffen spielten im 21. Jahrhundert keine Rolle mehr. Darin hat sich van Creveld aber wohl getäuscht: Der nukleare Nervenkrieg zwischen Indien und Pakistan vom Frühjahr 1998, der andauernde Konflikt um das nordkoreanische Nuklearprogramm[11] sowie die nuklearen Ambitionen Irans erinnern daran, dass Nuklearwaffen weiterhin ein Problem sind. Auch hat der neue Krieg den "alten", zwischenstaatlichen Krieg nicht abgelöst, wie der zweite Golfkrieg vom Frühjahr 2003 zeigte. Zudem sind die Übergänge fließend: Innerstaatliche Kriege eskalieren namentlich dann, wenn sich weitere Staaten in den Konflikt zwecks Unterstützung der einen oder beider Seiten einmischen.

Die Bezeichnung "neuer Krieg" ist an sich irreführend, weil diese Form der militärischen Auseinandersetzung erstens historisch gesehen älter ist als der zwischenstaatliche Krieg, der erst mit der Entstehung des internationalen Systems als Nebeneinander souveräner Staaten möglich wurde, und weil zweitens kriegerische Auseinandersetzungen zwischen substaatlichen Gruppierungen immer schon häufiger waren als zwischenstaatliche Kriege. In der Konfliktforschung findet denn auch vermehrt eine Abkehr von der staatszentrierten Perspektive statt, wie dies etwa am Einbezug substaatlicher Konflikte ohne Regierungsbeteiligung durch Forschungsprojekte wie das Uppsala Conflict Data Project (UCDP) deutlich wird.[12] Darüber hinaus wächst das Interesse an den trans- und internationalen Dimensionen interner Konflikte wie grenzüberschreitenden Prozessen der "Übertragung" oder "Diffusion" kollektiver Gewalt oder mit externen Interventionen einhergehenden Dynamiken.

Terrorismus als Form des Krieges?



Der Krieg ist ein "Chamäleon", er hat viele Erscheinungsformen, und vieles spricht dafür, dass Terrorismus eine davon geworden ist. Terrorismus kann man als "politisch motivierte Form der Gewaltkriminalität" definieren, wie dies im "Brockhaus" geschieht, und ihn damit nach "unten" von allgemeinen Gewalttaten abgrenzen, denen das Motiv des Politischen fehlt. Die Abgrenzung nach "oben", in Richtung Krieg, ist schwieriger. Der Terrorismus bedient sich der Verbreitung von Angst und Schrecken durch die Anwendung von Gewalt, auch und vornehmlich gegenüber Unschuldigen, und zwar willkürlich und wahllos. Das Merkmal besonderer Rücksichtslosigkeit auch gegen Unschuldige reicht zur Abgrenzung des Terrorismus vom zwischenstaatlichen und innerstaatlichen Krieg offensichtlich nicht aus, weil in allen Kriegen bis hin zum zweiten Golfkrieg 2003 Opfer unter der Zivilbevölkerung zumindest in Kauf genommen werden. Zudem gibt es genügend Beispiele, in denen die Kriegführenden sehr bewusst zivile Infrastruktur oder die Zivilbevölkerung ins Visier nehmen; man denke an die Flächenbombardierungen des Zweiten Weltkriegs oder die Exzesse marodierender Banden in afrikanischen Kriegen. Krieg wird damit zum Terrorismus.

Umgekehrt kann Terrorismus dann als Krieg gelten, wenn dieser den Charakter des Krieges annimmt und dessen Merkmale aufzeigt. Dem "gewöhnlichen" Terrorismus der Zeit vor dem 11. September 2001 fehlte in dieser Hinsicht zumeist das Merkmal organisierter, andauernder und in größerem Stile stattfindender Gewalt. Gerade in dieser Hinsicht hat nun der Terrorismus des frühen 21.Jahrhunderts völlig neue Qualität, und zwar weil er nach Massenvernichtungswaffen strebt[13] bzw. mit minutiöser Planung und großer Ausdauer äquivalente Zerstörungen erzeugt, wie der Anschlag auf das World Trade Center gezeigt hat. Die Welt hat es zweifellos mit einer neuen Qualität der Bedrohung zu tun, und wenn der amerikanische Präsident bereits am 15. September 2001 bemerkte, die USA befänden sich nun im Krieg, so hatte man zumindest dies sehr genau begriffen. Der Vergleich der aktuellen terroristischen Bedrohung mit jener der beiden Weltkriege und des Kalten Krieges, wie ihn die amerikanische Regierung unterstellt, ergibt jedoch wenig Sinn.

Konfrontation zwischen Supermächten und großen Bündnissystemen



Als besondere Form des Konfliktes mit Potenzial zur Eskalation in eine große militärische und allenfalls auch nukleare Auseinandersetzung verdient die Supermacht-Konfrontation zumindest wegen des gerade zitierten Vergleichs mit den aktuellen terroristischen Bedrohungen einige Beachtung. Nach dem Ende des ost-westlichen Antagonismus kann dies in Form eines Rückblicks auf den Kalten Krieg und die beiden Weltkriege geschehen. Voraussetzung einer derartigen Konfrontation war eine politisch-ideologische Spaltung des Staatensystems in zwei Lager, die von rivalisierenden Groß- oder Supermächten geführt wurden. Notwendige Voraussetzung war ferner Konfliktstoff zwischen beiden Lagern, dessen Beseitigung für bedeutsame Mitglieder eines der beiden Lager tatsächlich oder vermeintlich eine Überlebensfrage darstellte und deshalb subjektiv keinen Aufschub vertrug. Die führenden Großmächte beider Seiten waren darüber hinaus davon überzeugt, dass die Lösung des Konflikts mit militärischen Mitteln denkbar oder mindestens einem demütigenden Einlenken vorzuziehen sei. Beide Weltkriege begannen nach diesem Schema. Der Kalte Krieg zwischen Ost und West eskalierte mehrmals bis an den Rand der großen militärischen Auseinandersetzung, namentlich in den Berlinkrisen, in der Kuba-Krise 1962 und in der Folge der Nachrüstung der NATO in den frühen 1980er Jahren. Erst die Reformpolitik Michail Gorbatschows und die gemeinsamen Rüstungskontrollbemühungen von USA und Sowjetunion beendeten schließlich die bis dahin wohl gefährlichste Phase menschlicher Geschichte.

Die Zeit der großen Weltkriege und der Supermacht-Konfrontation ist vorbei. Das 21. Jahrhundert birgt jedoch neue Risiken. Könnte der vom Harvard-Politologen Samuel Huntington diagnostizierte Kampf der Kulturen, der "Clash of Civilizations", die Welt womöglich in eine neue, große Konfrontation im Stile der Weltkriege stürzen?[14] Während die Konflikte des 19. und 20. Jahrhunderts ideologische Ursachen hatten, so Huntington, werde es im 21. Jahrhundert um kulturelle Differenzen gehen. In diesem Konflikt würden sich nun Allianzen bilden, namentlich jene zwischen konfuzianischer und islamischer Kultur, sodass am Ende der Westen gegen den Rest der Welt stehe: "the west versus the rest".[15] Hier wäre also wiederum jene Teilung der Welt in zwei Lager, wie sie für Weltkriegssituationen konstitutiv ist. Huntingtons Thesen wären ohne den 11. September 2001 wohl aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwunden - zu Recht: Allzu pauschal wird die Welt in Kulturen aufgeteilt, wird über bedeutsame intrakulturelle Differenzen hinweggegangen. Insgesamt gesehen ist die Welt des frühen 21. Jahrhunderts zum Glück weiter denn je von jenen bipolaren Konstellationen entfernt, die im 20. Jahrhundert zu zwei Weltkriegen und einer Zeit gefährlicher Supermacht-Konfrontation geführt hatten.

Der Zerfall der Sowjetunion ließ die USA als einzige Supermacht zurück. Mit der gegenwärtigen Tendenz zur "Multipolarisierung" der Machtverteilung im internationalen System, wie sie auch von Verfechtern der Unipolaritätsthese eingeräumt wird, sind in Bezug auf die internationale Kriegswahrscheinlichkeit unterschiedliche Prognosen kompatibel. Während sich neue Spielräume für die Bildung von Bündnissen ergeben dürften, sind generelle Aussagen zur Gewaltanfälligkeit des internationalen Systems allein aufgrund der polaren Struktur der Machtverteilung kaum möglich.[16]

Kriegsursachen



Warum kommt es zum Krieg? Traditionell unterscheidet man in der Kriegsursachenforschung zwei Schulen oder Richtungen.[17] Die eine bevorzugt einen systemischen Ansatz. Kriege sind aus dieser Sicht das Nebenprodukt sozialer, wirtschaftlicher und politischer Umwälzungen. Die andere Schule propagiert einen strategischen oder entscheidungstheoretischen Ansatz. Kriege sind aus strategischer Perspektive die Folge von Kalkülen, in denen sich Einzelpersonen, Stäbe, Gruppen oder Behörden für den Griff zur Waffe entschließen. Drei Richtungen der Forschung lassen sich hier unterscheiden: 1. der Ansatz der rationalen Entscheidung (rational choice): Wenn die Prämissen der Handelnden als gegeben unterstellt werden, lässt sich die Rationalität des Entscheides, zu den Waffen zu greifen, in einigen Fällen rein logisch nachvollziehen, in anderen Fällen werden dabei auch die Defizite dieser Entscheide (Irrtümer, Illusionen usw.) sichtbar. 2. Spieltheoretische Ansätze modellieren jene Dilemmasituationen, die dem Entscheid zwischen Krieg und Frieden zugrunde liegen, und machen damit das Kalkül der Verantwortlichen transparent. 3. Organisationssoziologische und -psychologische Ansätze erforschen außenpolitische Entscheide im Kontext bürokratischer und organisatorischer Strukturen, wobei rigide Strukturen, Glaubenssätze, Feindbilder, gruppendynamische Phänomene (group think) und ähnliche Vorgänge die Qualität der Entscheidungen stark negativ beeinflussen.

Die Schwäche dieser Ansätze ist nicht in erster Linie ihre Fixierung auf bloß zwischenstaatliche Kriege, wie Kritiker meinen. Tatsächlich lassen sich Modelle rationalen Handelns auch auf das Kalkül von Terroristen übertragen, wie dies Todd Sandler[18] und Bruno Frey[19] gezeigt haben. Problematischam entscheidungstheoretischen Ansatz scheint vielmehr, dass gerade jene Umstände, die Akteuren eine Wahl zwischen Krieg und Frieden aufnötigen und sie in Dilemmasituationen stürzen, als unabhängige (d.h. gegebene) Variable behandelt werden. Sollten nicht vielmehr just diese Prozesse im Mittelpunkt der Überlegungen stehen?

Auf diese konzentriert sich der so genannte systemische Ansatz. Der moderne Pionier der vergleichenden Kriegsursachenforschung ist zweifellos David Singer. Das von ihm initiierte Correlates of War-Projekt sollte so viele Informationen wie möglich über die zwischen- und innerstaatlichen Kriege des 19. und 20. Jahrhunderts zusammentragen, um diese statistisch auf Regelmäßigkeiten zu untersuchen. Inzwischen sind Dutzende von Monographien und mehrere hundert wissenschaftliche Artikel erschienen, die über Forschungsprojekte auf der Basis der Daten dieses Projekts berichten.[20] Es ist hier nicht der Platz, alle Ergebnisse auch nur ansatzweise zu referieren; von einer allgemein gültigen Theorie systemischer Kriegsursachen ist die Forschung jedoch noch weit entfernt. An den ursprünglichen Hoffnungen Singers und den eingesetzten großen Ressourcen gemessen enttäuschten die Resultate etwas. Relativ unbestritten ist jedoch die These vom demokratischen Frieden, die zum Gegenstand von inzwischen etwa 100 wissenschaftlichen Artikeln und Konferenzpapieren avancierte: Demokratien ziehen nicht gegen andere Demokratien in den Krieg, was weniger mit der Friedensliebe von Demokratien zu tun hat als mit der demokratischen Kontrolle des Militärs und wichtiger Entscheidungsprozesse sowie der faktischen Verflechtung zwischen Demokratien durch Diplomatie, Handel und Kapitalbeziehungen. Die Politikwissenschaft bezeichnet dieses Phänomen als komplexe Interdependenz. Entwickelt wurde der Gedanke durch die amerikanischen Politologen Robert Keohane und Joseph Nye bereits in den 1970er Jahren, und er hat seine Gültigkeit behalten. Diese Verflechtung verhindert keine Konflikte, aber die geschaffenen internationalen Institutionen - wie etwa die Welthandelsorganisation WTO - wirken als Leitplanken bei deren friedlicher Abarbeitung.

In der globalisierten Welt sind auch innerstaatliche Konflikte und Kriege längst eine Angelegenheit internationaler Politik geworden - wegen ihrer grenzüberschreitenden Folgen und (als Konsequenz) der wachsenden Neigung der Staatenwelt zur Intervention. Die Analyse von Gewalt innerhalb von Staaten - zunächst ein eigenständiges Thema der Konfliktforschung - ist inzwischen zumindest teilweise mit der traditionellen Kriegsursachenforschung zusammengewachsen.[21] So finden in den Internationalen Beziehungen entwickelte Konzepte und spieltheoretische Modelle etwa auch in der Analyse "ethnischer Konflikte" Anwendung.[22] Gleichzeitig werden angesichts der Heterogenität inner- bzw. substaatlicher Konflikte Entflechtungsbestrebungen in der Theoretisierung und Erforschung derselben fortgesetzt.

Innerstaatliche Kriege finden vornehmlich dort statt, wo Armut grassiert und der Staat schwach, umstritten oder beides ist, d.h. im Kontext gesellschaftlicher und/oder institutioneller Umwälzungen. In jüngerer Zeit haben politökonomische Ansätze an Popularität gewonnen, welche Bürgerkriegsursachen nicht in "Leidfaktoren" wie ethnischen Zerwürfnissen, politischer Unterdrückung oder sozialer Ungleichheit verwurzelt sehen, sondern Möglichkeitsstrukturen in den Vordergrund rücken - etwa Bedingungen, welche die Finanzierung von Rebellionen erleichtern (wie die Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen) und die Opportunitätskosten der Rebellen senken.[23] Obschon diesbezügliche Befunde mit der Interpretation konsistent sind, dass Rebellionen in erster Linie auf apolitischen, ökonomischen oder "quasi-kriminellen" Handlungslogiken beruhen, ist die Verknüpfung von Mikro- und Makroebene bzw. individuellen Motiven und gewaltsamen Konflikten selbstredend komplexer, als die Leid/Gier-Dichotomie (grievance/greed) suggeriert.[24]

Wie Kriege beginnen und enden



Politik ist die Abarbeitung konfliktiver Interessenkonstellationen unter Einmischung von Machtmitteln, unter Umständen eben auch militärischer. Zumeist sind entweder die zu erreichenden Ziele oder die verfügbaren Mittel in derartigen Konflikten begrenzt; in diesem Falle bleibt auch der entstandene Krieg begrenzt, soweit er überhaupt als ein solcher wahrgenommen wird oder gar auf die Konflikt- und Kriegslisten der Forschung gerät.[25] Militärische Auseinandersetzungen, bei denen beide Seiten zusätzliche Mittel mobilisieren können und wollen, tendieren jedoch schnell zu einer Eskalation. Da sich die Kriegsziele üblicherweise im Verlauf eines Konfliktes ändern - expandierende Erwartungen bei "positivem" Verlauf einerseits, Problem des "Ausstiegs" angesichts schon erbrachter Opfer andererseits -, sind eskalierende Konflikte schwer zu beenden, namentlich auch dann, wenn keine Seite der anderen entscheidende Verluste zu bereiten vermag. Letzteres ist in sogenannten asymmetrischen Konstellationen (Regierungstruppen gegen irreguläre Kämpfer) oft der Fall, d.h. der Konflikt eskaliert und deeskaliert, aber er endet nicht. Der Griff zu den Waffen bedeutet für alle Akteure, private und staatliche, eine bewusste Schwellenüberschreitung. Zur Rechtfertigung benötigt die Politik dabei oft plausible Anlässe, die sich entweder von selbst einstellen, etwa in Form von Provokationen des Gegners, oder aber bei Bedarf inszeniert werden. Bei spektakulären Fällen kann man von einem katalytischen Kriegsbeginn sprechen.[26]

Manche Kriege des 18. und des 19. Jahrhunderts entstanden in Form einer bewussten Verabredung zum Waffengang, wie bei einem Duell. Das genaue Gegenteil ist der Überfall, ein taktischer Schachzug, der auch einem schwachen Angreifer temporär Überlegenheit und damit Erfolg verspricht. Man findet diese Form des Kriegsbeginns auf allen Ebenen der Gewalt, von der tribalen Auseinandersetzung bis hin zum großen zwischenstaatlichen Krieg in den Feldzügen Adolf Hitlers. Das eigentliche Gegenteil ist der Kriegsbeginn infolge fehlgeschlagener Risikopolitik: Eine Krise wird bewusst inszeniert, d.h. dem Gegner werden konkrete militärische Maßnahmen für den Fall angedroht, dass gewisse Konzessionen ausbleiben. Wenn diese Drohung nichts fruchtet, muss sie entweder wahrgemacht werden, oder aber man riskiert eine diplomatische Niederlage und Gesichtsverlust.[27]

Die Duellkriege des 18. und 19. Jahrhunderts wurden so beendet, wie sie begonnen wurden: auf Verabredung, durch Waffenstillstand, Kapitulation und allenfalls nachfolgendem Friedensvertrag. Mit dem Wandel der dominierenden Kriegsgestalt ist auch diese Form des Kriegsendes zunehmend seltener geworden. Innerstaatliche Kriege sind tendenziell von längerer Dauer als zwischenstaatliche; häufig verschwinden bewaffnete Konflikte auch nur temporär aus den entsprechenden Statistiken, um auf niedriger Stufe weiterzuschwelen - und zu einem späteren Zeitpunkt erneut aufzuflammen.[28]

Immer weniger Kriege



In einem gewissen Gegensatz zum andauernden öffentlichen Interesse am Thema Krieg stehen die Zahlen: Wir erleben gegenwärtig einen dramatischen Rückgang der Anzahl der Kriege. Die Zahl der Bürgerkriege blieb während des 19. und bis Mitte des 20. Jahrhunderts unter zehn pro Jahr, um im Zuge der Dekolonisierung und der Folgekonflikte der Umwälzungen im Osten Europas nach dem Ende des Kalten Krieges stark anzusteigen. Während internationale Kriege bereits ab Ende der 1970er Jahre immer seltener wurden, ist seit den frühen 1990er Jahren auch ein deutlicher Rückgang an Bürgerkriegen zu verzeichnen.[29] Folgerichtig rangieren Kriege und Konflikte in der Liste der "großen Menschheitsprobleme" des Kopenhagener Konsensus abgeschlagen auf Platz 18. Auf den vorderen Plätzen liegen jene Großprobleme, die heute weitaus die meisten Menschenleben fordern: ansteckende Krankheiten, Mangel an sauberem Trinkwasser, Hunger.[30]

Erleben wir gegenwärtig also jenes Ende des Krieges, das die Politikwissenschaft seit mehr als einem Vierteljahrhundert prognostiziert? Andere Zeichen weisen in die entgegengesetzte Richtung: Nach einem Rückgang in den 1990er Jahren wachsen die Militärausgaben seit der Jahrhundertwende weltweit wieder kräftig.[31] Nicht vom Fleck kommen auch neue, bedeutsame Rüstungskontrollprojekte, etwa bei den Kleinwaffen oder dem Verbot sämtlicher Nukleartests (Comprehensive Test-Ban Treaty, CTBT).[32] Auch Erosionstendenzen beim Vertragssystem zur Verhinderung der Weiterverbreitung von Nuklearwaffen (Treaty on the Non-Proliferation of Nuclear Weapons, NPT) geben zu Sorge Anlass.

Schließlich steht der internationalen Gemeinschaft mit dem Aufstieg der großen Schwellenländer in den Rang der Großmächte ein bedeutsamer Wandel der "Machtgleichung" bevor, wie es beim diesjährigen World Economic Forum in Davos formuliert wurde. In früheren Jahrhunderten war dies regelmäßig ein Anlass großer Konflikte. Für eine generelle Entwarnung spricht also leider auch heute eher wenig.

Fußnoten

1.
Vgl. z.B. Werner Levi, The Coming End of War, Beverly Hills 1981.
2.
Francis Fukuyama, The End of History, in: The National Interest, 16 (1989), S. 3-18.
3.
Vgl. The White House, The National Security Strategy of the United States of America, September 2002, Washington 2002; The White House, The National Security Strategy of the United States of America, March 2006, Washington 2006.
4.
Vgl. AKUF: http://www.sozialwiss.uni-hamburg. de/publish/Ipw/Akuf/index.htm.
5.
Carl von Clausewitz, Vom Kriege, Bonn 1966 (1.Ausgabe Berlin 1832-34), S. 111.
6.
Ebd., S. 888, 852, 110.
7.
Vgl. Jürg Helbling, Tribale Kriege. Konflikte in Gesellschaften ohne Zentralgewalt, Frankfurt/M. 2006.
8.
Vgl. Benjamin Valentino/Paul Huth/Dylan Balch-Lindsay, Draining the Sea: Mass Killing and Guerrilla Warfare, in: International Organization, 58 (2004) 2, S. 375 - 407.
9.
Vgl. Herfried Münkler, Die neuen Kriege, Reinbek 2002.
10.
Vgl. Martin L. van Creveld, The Transformation of War, New York 1991.
11.
Vgl. Thomas Bernauer/Dieter Ruloff (Hrsg.), Positive Incentives in Arms Control, Columbia 1999.
12.
Vgl. Sven Chojnacki, Kriege im Wandel. Eine typologische und empirische Bestandsaufnahme, in: Anna Geis (Hrsg.), Den Krieg überdenken. Kriegsbegriffe und Kriegstheorien in der Kontroverse, Baden-Baden 2006.
13.
Vgl. Walter Laqueur, The New Terrorism: Fanaticism and the Arms of Mass Destruction, Oxford-New York 1999.
14.
Vgl. Samuel P. Huntington, The Clash of Civilizations, in: Foreign Affairs, 72 (1993) 3, S. 22- 49.
15.
Ebd., S. 39ff.
16.
Vgl. Dieter Ruloff/Michael Cemerin, Verfrühter Abgesang. Zwischenstaatliche Kriege sind kein Auslaufmodell, in: Internationale Politik, 58 (2003) 11, S. 29 - 36.
17.
Für eine ausführliche Übersicht vgl. Dieter Ruloff, Wie Kriege beginnen. Ursachen und Formen, München 2004(3), S. 14ff.
18.
In: Todd Sandler/Daniel Arce M., Terrorism and Game Theory (unpubl. Manuskript), University of Southern California 2003.
19.
Vgl. Bruno S. Frey, Dealing with Terrorism - Stick or Carrot?, Cheltenham 2004.
20.
Vgl. David Singer/Melvin Small, The Wages of War 1816-1965. A Statistical Handbook, NewYork-London-Sydney-Toronto 1972; Daniel Geller/David Singer, Nations at War: A Scientific Study of International Conflict, Cambridge 1998.
21.
Vgl. Ekkart Zimmermann, Vergleichende Krisen- und Konfliktforschung, in: Dirk Berg-Schlosser/Ferdinand Müller-Rommel (Hrsg.), Vergleichende Politikwissenschaft. Ein einführendes Handbuch, Opladen 1997(3).
22.
Vgl. z.B. James Fearon, Commitment Problems and the Spread of Ethnic Conflict, in: David A. Lake/Donald Rothchild (Hrsg.), The International Spread of Ethnic Conflict, Princeton 1998; Barry Posen, The Security Dilemma and Ethnic Conflict, in: Survival, 35 (1993) 1, S. 27 - 47.
23.
Vgl. Paul Collier/Anke Hoeffler, Greed and Grievance in Civil War, in: Oxford Economic Papers, 56 (2004) 4, S. 563 - 595. Für eine eher staatszentrierte Perspektive vgl. James Fearon/David Laitin, Ethnicity, Insurgency, and Civil War, in: American Political Science Review, 97 (2003) 1, S. 75 - 90.
24.
Vgl. Stathis Kalyvas, The Ontology of "Political Violence": Action and Identity in Civil Wars, in: Perspectives on Politics, 1 (2003) 3, S. 475-494; Nicholas Sambanis, Using Case Studies to Expand Economic Models of Civil War, in: Perspectives on Politics, 2 (2004) 2, S. 259-279.
25.
Vgl. D. Ruloff (Anm. 17), S. 31ff.
26.
Vgl. ebd., S. 93ff.
27.
Vgl. ebd., S. 144ff.
28.
Vgl. Lotta Harbom/Stina Högbladh/Peter Wallensteen, Armed Conflict and Peace Agreements, in: Journal of Peace Research, 43 (2006) 5, S. 617 - 631.
29.
Vgl. Human Security Centre, Human Security Report 2005. War and Peace in the 21st Century, Vancouver-New York-Oxford 2005; Kristian Gleditsch, A revised List of Wars Between and Within Independent States, 1816 - 2002, in: International Interactions, 30 (2004), S. 231 - 262.
30.
Vgl. http://www.copenhagenconsensus.com.
31.
Vgl. Stockholm International Peace Research Institute, Armaments, Disarmament, and International Security (SIPRI Yearbook 2006), Oxford 2006.
32.
Der entsprechende Vertrag wurde zwar von 176 Staaten unterzeichnet und von 136 Staaten ratifiziert, bedeutsame Nuklearmächte wie Indien, Pakistan und zuletzt auch die USA stehen jedoch abseits.

Dieter Ruloff, Livia Schubiger

Zur Person

Dieter Ruloff

Dr. phil., geb. 1947; o. Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Zürich, Seilergraben 49, CH-8001 Zürich.
E-Mail: ruloff@pw.unizh.ch


Zur Person

Livia Schubiger

Geb. 1980; Assistentin am Lehrstuhl für Politikwissenschaft an der Universität Zürich.
E-Mail: schubiger@pw.unizh.ch


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