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10.10.2008

Editorial

Zurzeit entwickelt sich ein neues, multipolares System internationaler Beziehungen. Deutschland hat außenpolitisch an Gewicht gewonnen, doch in der unübersichtlicheren Weltordnung scheint es seine Rolle noch zu suchen.

Seit dem Zerfall der Sowjetunion hat sich die internationale Ordnung grundlegend verändert. Von zwei ehemals dominierenden Blöcken sind allein die Vereinigten Staaten als führender weltpolitischer Akteur verblieben. Doch inzwischen haben sich weitere Machtzentren entwickelt, sodass sich ein neues multipolares System internationaler Beziehungen bereits abzeichnet. Mit China, Indien, Brasilien sowie weiteren ehemaligen Entwicklungs- bzw. Schwellenländern beanspruchen regionale Führungsmächte zunehmend Mitsprache auf der weltpolitischen Bühne. Drängende Zukunftsfragen, wie die des Klimawandels oder der knapper werdenden Ressourcen, sind nur gemeinsam mit diesen Staaten zu beantworten, die ganz eigene (teilweise gegensätzliche) Interessen verfolgen.

Deutschland hat außenpolitisch zwar an Gewicht gewonnen, scheint aber knapp 20 Jahre nach der Wiedervereinigung noch auf der Suche nach seiner Rolle in dieser unübersichtlicheren Weltordnung zu sein. Eine gemeinsame Außenpolitik der Europäischen Union ist bisher nur in Ansätzen vorhanden. Gleichzeitig setzen die USA verstärkt auf Allianzen außerhalb der NATO oder der UNO, um ihre Interessen durchzusetzen. Dennoch werden die EU und die USA auch in Zukunft Deutschlands wichtigste außen- und sicherheitspolitische Partner bleiben.

Dass der außenpolitische Bedeutungszuwachs der Bundesrepublik auch mit gesteigerten Erwartungen an sie verbunden ist, zeigt der Bundeswehreinsatz in Afghanistan, wo die Alliierten auf ein größeres Engagement der Deutschen drängen. Doch schon jetzt ist die Mission zunehmend gefährlich - manche Experten warnen bereits vor einer schleichenden "Vietnamisierung". Eine übergeordnete Strategie, um eine solche Entwicklung zu verhindern, sei bislang kaum erkennbar.

Piepenbrink, Johannes

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