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8.10.2009

Der Buchmarkt im Strudel des Digitalen

Ein gedrucktes Buch hat sinnliche Qualitäten: Was aber zählen diese gegen das smarte Design elektronischer Lesegeräte? Lebensstilfragen der Konsumenten sind berührt – und Überlebensfragen der Buchbranche.

Einleitung



Beginnen wir mit einer kleinen Phantasie. Es ist Dienstag, der 10. Oktober 2034, und die Welt wartet gespannt auf den Upload des neuen Romans von Daniel Kehlmann. Befürchtungen, der Server der Website seines Literaturagenten, der das Buch ins Netz einspeist, könnte wie beim letzten Mal unter dem Ansturm der Neugierigen zusammenbrechen, hielten sich im Vorfeld hartnäckig. Der mittlerweile 59-jährige Schriftsteller hat nichts von seiner Zugkraft für das Publikum verloren, und dass er sein neues Werk, eine historische Groteske mit dem Titel "Siegfried Alexanders Zuckungen", am Vorabend der traditionellen Frankfurter E-Book-Messe publiziert, zeigt, dass Kehlmann weiß, was er der Branche schuldig ist.

Spötter behaupten, der Titel des neuen Romans sei eine Reminiszenz an die beiden Verleger, unter deren Fittichen der damals noch junge Mann seinen Aufstieg zum Bestsellerautor nahm. Aber wenn es sich tatsächlich um einen sentimentalen Tribut des Autors an seine Anfänge handelt, dann ist er nicht ohne bitteren Beigeschmack. Siegfried Unseld, hätte er den Weggang seines Jungstars von Suhrkamp zum Rowohlt-Verlag im Jahre 2004 noch erlebt, hätte dies wohl nie verwunden; und von Alexander Fest ist bekannt, dass er seit nun schon anderthalb Jahrzehnten mit Kehlmanns Entscheidung hadert, seine Bücher via Internet im Selbstverlag herauszubringen. Genauer: Kehlmann hat sich die begehrte First Edition seiner Texte reserviert. Erstausgabe indessen meint heutzutage E-Book; denn Digital ist Trumpf.

Für Fest und dessen Rowohlt-Verlag bleibt immerhin die Zweitverwertung im antiquierten Offsetdruck. Auch damit lässt sich gelegentlich noch ein hübsches Sümmchen verdienen, sofern man die gewandelten Spielregeln für den Absatz von Druckwerken beachtet: Einen Teil der Bücher als einheitliche Auflage herauszubringen, wie es einst die Regel war, ist nach wie vor möglich. Individuelle Bedürfnisbefriedigung aber sieht anders aus. Daher muss ein weiterer Teil als lose Bogen auf edlem Papier lieferbar sein, damit sich Fetischisten von der Buchbinder-Manufaktur ausgefallene Einbände fertigen lassen können. (Das ist im Grunde ein sehr altes Phänomen.) Nicht zu vergessen sind schließlich die sogenannten personalisierten Ausgaben, bei denen der Kunde Typografie, Illustration und Umschlagfoto individuell bestimmt. Hier, beim Individual-Buch, scheidet der Offsetdruck, der erst ab einer höheren Auflage rentabel ist, als Verfahren aus. Für Kleinstauflagen ist Print-on-Demand (PoD), eine Buchherstellung mit Digitaldruckern, die ähnlich wie Fotokopiergeräte arbeiten und nach Bedarf und auf Abruf produzieren können, das Mittel der Wahl. Den Auftrag dazu kann der Kunde in eigene Regie nehmen. Alles, was er dazu braucht, ist eine Textdatei mit dem neuen Roman. Für den druckreifen Satz sorgt die Digitaldruckerei. Und was hätten Verlage beim Individual-Buch noch zu tun? Gute Frage.

Nun zur Realität. Daniel Kehlmann hat heute, im Oktober 2009, gar keine Lust, unter die Selbstverleger zu gehen, und die dieser Tage beginnende Herbstmesse in Frankfurt heißt noch Buch-, nicht E-Book-Messe.[1] Ihr Ehrengast ist China. Das Reich der Mitte gilt so sehr als aufsteigende Großmacht, dass Auguren das 21. Jahrhundert bereits jetzt als "das chinesische Jahrhundert" bezeichnet haben. Müssen wir also auf die Chinesen sehen, um Trends zu erkennen, welche die Zukunft bestimmen? Sollte dies der Fall sein, dann gibt für den Buchmarkt folgende Nachricht[2] zu denken: 2008 ist in China die Zahl derer, die für Buchlektüren elektronische Lesegeräte (E-Reader) nutzen, auf 79 Millionen gestiegen; das ist gegenüber dem Vorjahr ein Plus von 34 Prozent. Aus dem Straßenbild Shanghais sollen junge Leute, die auf Smartphones oder anderen tragbaren Abspielgeräten Texte lesen, nicht mehr wegzudenken sein. Weit über achthunderttausend Titel sind im elektronischen Format, als E-Books also, verfügbar. Jene 79 Millionen Konsumenten entsprechen 5,8 Prozent der chinesischen Bevölkerung. Das sind Dimensionen, von denen Deutschland[3] noch weit entfernt ist.

Nun wissen wir freilich, dass es irrig wäre, würde man sich die Zukunft als lineare Fortschreibung von Entwicklungen der Gegenwart ausmalen. Märkte wachsen in Sprüngen. Auf Phasen der Euphorie folgen Beruhigung und Sättigung, verbunden mit Stagnation oder einem Auf und Ab. Wäre es anders, und man hätte die Zukunft des chinesischen E-Book-Marktes aus der Wachstumsrate für 2007 zu extrapolieren, dann müssten wir für das 21. Jahrhundert eine Marginalisierung von Druckwerken annehmen. Das wäre insofern nicht ohne Ironie, als China, wo schon lange vor Johannes Gutenberg mit beweglichen, allerdings nicht metallenen Lettern gedruckt wurde, erneut eine Vorreiterrolle einnähme: Damals, im 11. Jahrhundert, waren die Chinesen Wegbereiter für den in Korea zur Reife gebrachten Buchdruck.[4] Heute hingegen erschienen sie als Totengräber des Druckens auf Papier.

Selbst dann jedoch, wenn man so weit gar nicht gehen will, bleibt der rasante Anstieg auf 79 Millionen chinesischer E-Book-Leser ein eindringliches Faktum. Ihn als etwas speziell Chinesisches kleinreden zu wollen, hilft wenig. Ein erster Verdacht, die chinesischen Schriftzeichen seien besonders gut für die Wiedergabe auf E-Readern geeignet, und dies erkläre den Boom, hat sich nicht bestätigt. Eine kleine private Umfrage, die der Sinologe Helwig Schmidt-Glintzer, Direktor der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, auf unsere Bitte hin unter chinesischen Bekannten machte, ergab: Die Chinesen schätzen E-Reader aus technischer Neugierde, aus Lust am Spielerischen, als modisches Accessoire und natürlich als Datenbank, die viele tausend Seiten Text vorhalten kann. Sie begrüßen es, dass sich der Text über Suchfunktionen erschließen und mittels copy and paste bequem für eigene Zwecke plündern lässt. Dankbar sind sie für die Wörterbücher, mit denen E-Reader standardmäßig ausgerüstet sind, denn die vielen tausend Zeichen ihrer Schrift stellen auch geübte Leser vor Probleme. Dass man es in China mit dem Copyright nicht so genau nimmt und die Lesegeräte ein Medium für digitale Raubkopien abgeben, mag hinzukommen. In summa aber lässt sich sagen: Mit Kulturrelativismus können sich europäische oder deutsche Buchverleger den E-Book-Boom nicht vom Hals halten. Die chinesischen Motive fürs elektronische Buch sind bis auf Nuancen die gleichen wie anderswo. Und so sind auch die Verlockungen und Gefahren die nämlichen.

Das chinesische Exempel ist instruktiv. Wie altes Buch und junge Technologie in Konstellation treten, wird deutlich. Da konkurrieren Angebote für ein gewandeltes Kaufverhalten, für unterschiedliche Rezeptionsweisen, für Produktions- und Distributionsformen. Ein von einer durchkomponierten Buchdoppelseite geführtes Auge gleitet lesend anders voran als der Blick auf ein Display. Ein vielbändiges Nachschlagewerk im Regal bietet Wissen anders dar als eine elektronische Datei oder eine Funkverbindung vom E-Reader zu Wikipedia. Apropos Nachschlagewerk: Welchem Angebot lexikalischer Information die Gegenwart zuneigt, ist nach dem ökonomischen Desaster, das die 21. und wahrscheinlich für alle Zeit letzte gedruckte Auflage der "Brockhaus Enzyklopädie" erfuhr, entschieden. Andere Fragen sind noch offen. Das geltende Urheberrecht steht quer zum leichthändigen Herunterladen eines Bestsellers aus einer Online-Tauschbörse, die das Buch trotz Copyright gratis anbietet: Wohin geht die Rechtsentwicklung, stärkt sie die Urheber oder die Piraten? Ein gedrucktes Buch hat sinnliche Qualitäten: Was aber zählen diese gegen das smarte Design eines zur Lektüre tauglichen Mobiltelefons? Lebensstilfragen der Konsumenten sind berührt - und Überlebensfragen der Buchbranche. Was wird aus der Druckindustrie im Zeitalter elektronischen Publizierens? Wie können Buchläden am Verkauf von E-Books partizipieren?

Konzentration



Nüchtern betrachtet, trägt der Rummel ums E-Book hysterische Züge. Der Buchmarkt hatte bisher andere Sorgen: Überproduktion und Konzentration. Er lebt vom Anbieten, nicht von drängender Nachfrage, laboriert am Zuviel, nicht an der Knappheit. Er muss die Bedürfnisse oft erst schaffen, die er befriedigen will. Der mit Buchhandlungen dicht besetzte deutschsprachige Raum ist seit langem ein gesättigter Markt. Wirtschaftswachstum kann, da sich der zu verteilende Kuchen kaum vergrößern lässt, in gesättigten Märkten nur in der Form stattfinden, dass bestimmte Marktteilnehmer auf Kosten der anderen prosperieren. Für einen nachhaltigen Strukturwandel sorgt seit über zwanzig Jahren der Konzentrationsprozess in Verlag und Handel. Kleine und mittlere Firmen mussten aufgeben oder unter das Dach von Medienmischkonzernen und Buchhandelsketten flüchten. Diese ökonomische Konzentration der Kräfte hat ihr literarisches Pendant darin, dass die Fixierung des Marketings auf "Spitzentitel" rasant zugenommen hat. Verlage machen schon seit längerem mit einigen wenigen Titeln den Löwenanteil des Umsatzes. Maximal hundert Spitzentitel pro Halbjahr sind natürlich immer noch weit mehr, als ein einzelner Leser aufnehmen kann. In Anbetracht von über 80 000 Neuerscheinungen pro Jahr allein aus deutschen Verlagen bekommt man aber eine Ahnung, dass die Lenkung der öffentlichen Aufmerksamkeit auf bestsellerfähige Titel, erkennbar im Buchladen an der sogenannten Stapelware, eine kulturelle Verengung auf das Gängige impliziert: Herrschaft des Mainstreams.

Verglichen mit den USA, ist der deutsche Markt immer noch durch Vielfalt gekennzeichnet. Das ändert nichts am Trend. Auch bei uns bündelt sich die Macht, die es braucht, um Geschäftsbedingungen durchzusetzen, Rabatte zu erstreiten oder Sonderkonditionen auszuhandeln. Was soll all dies Ringen um Größe, wird der Laie fragen, welchen Wert hat Marktführerschaft? Am besten sagt man es mit der Verlegerin Antje Kunstmann, kurz und knapp in einem Wort: "Ellenbogen". Die Bertelsmann-Tochter Random House sowie die Gruppen Holtzbrinck und Bonnier sind die Riesen unter den Verlagen in Deutschland; auf Buchhandelsseite dominieren Thalia (Mutterkonzern: Douglas) und der Zusammenschluss von Weltbild und Hugendubel mit ihren Filialen die Szene. Buchkaufhäuser nach amerikanischem Vorbild der Superstores haben die 1A-Lagen der Innenstädte besetzt. In ihrem näheren Umkreis kann auf Dauer kein mittelständischer Buchladen bestehen, und sei er noch so alteingesessen. Die Buchkaufhäuser locken mit Weitläufigkeit, Bücherfülle, Sitzecken und Kaffeebars. Sie zu besuchen, soll Teil des Einkaufsbummels sein. Ob die Superstores mit diesem Konzept auf ein gewandeltes Konsumentenverhalten reagieren oder es anheizen, sei dahingestellt. Durch Marktforschung belegt ist, dass der Besuch beim Buchhändler seinen Charakter verändert hat. Viele Kunden betreten eine Großbuchhandlung ohne den Vorsatz, ein bestimmtes Buch zu kaufen. Es geht nicht um die dezidierte Wahl, sondern um das "Einkaufserlebnis". Man kann kulturkritisch über diese Indifferenz klagen. Der stationäre, ortsgebundene Buchhändler aber, dem in den zurückliegenden zehn Jahren mit dem Internet-Vertrieb ein mächtiger Konkurrent erwachsen ist, dürfte froh sein, dass die Erlebnisorientierung eines der wenigen Pfunde ist, mit denen er noch wuchern kann.

Jenseits dessen nämlich hat der herkömmliche Handel dem Kunden nicht mehr allzu viel zu bieten. Inmitten der Titel-Überproduktion werden kundige Beratung und Empfehlung zur Fiktion; die Websites von Online-Händlern wie Amazon mit ihren Leseproben und Buchkritiken, einer Mischung aus laienhafter "Community-Kommunikation" und professionellen Rezensionen aus Tageszeitungen, leisten in dieser Beziehung mehr. Offenbar im Bewusstsein seiner Überforderung hat das Personal der Buchkaufhäuser die Autorität für Buchempfehlungen an die Bestseller-Listen des "Spiegel" oder anderer Magazine delegiert; diese Listen hängen, zu Plakaten aufgeblasen, im Laden. Um den Nachwuchs steht es schlecht, kaum ein Jugendlicher möchte noch Buchhändler werden, und über das Bildungsniveau der Auszubildenden hört man Klagen.[5] Image und Einkommen sind dürftig. Zweifellos lassen sich noch immer Beispiele für Buchhändler beibringen, die mit Engagement und Kompetenz dem Beratungsbedarf ihrer Klientel zu entsprechen suchen. Vielfach aber ist der Einkauf der Bücher an eine übergeordnete Instanz delegiert, der Angestellte im Laden bleibt bei der Auswahl der Titel außen vor, er erlebt eine Degradierung. Personalabbau und Ausbildungsstopp haben das böse Wort von der "Aldisierung" des Buchhandels aufkommen lassen. Buchhändler packen aus, was zentrale Einkäufer im starren Blick auf ihr Warenwirtschaftssystem bestellen, Sortimenter werden zu Handlangern, die Regale einräumen und allenfalls noch kassieren dürfen. Die in München gegründete Initiative ProBuch, ein Zusammenschluss von angestellten und selbstständigen Buchhändlern, reagierte mit Diskussionsveranstaltungen, deren erste, im Januar 2009, unter der Überschrift stand: "Die Buchhändler sterben aus? - Und verkaufen Thunfischdosen!" Immer hatte die Buchbranche, vor allem in den harten Diskussionen mit den EU-Wettbewerbshütern über den Erhalt des gebundenen Ladenpreises, das Argument ins Feld geführt, Bücher seien keine Ware wie jede andere. Das Buch sei Kulturgut. Ist das passé? Der absichtsvoll provokante Vergleich von Büchern mit Konservendosen legt den Verdacht zumindest nahe.

Wie verhält sich die Digitalisierung zu dieser Lage? Teils als Ausweg, überwiegend wohl aber als Verschärfung bestehender Schwierigkeiten. Die erste Gestalt, in welcher das Digitale auf den Buchmarkt traf, war der Online-Handel. Seine Anfänge reichen bis in die Mitte der 1990er Jahre zurück. Noch 1998 lag sein Anteil am Gesamtumsatz des deutschen Buchhandels bei unter einem Prozent. Viele aus der Branche, die seit jeher eine konservative ist, nahmen den Internethandel anfangs nicht ernst. Mittlerweile hat er seinen Umsatz[6] verzehnfacht, und die Ignoranz ist in Furcht und gebannte Blicke umgeschlagen. Die gängigen Kataloge mit Verzeichnissen lieferbarer Bücher stehen seit Jahren im Netz. Einst nur Arbeitsmittel für Buchhändler, um Bestellungen tätigen zu können, dienen sie nun unmittelbar dem Buchkäufer. Kleine Verlage und solche aus der Wissenschaft, die damit gehadert hatten, dass der auf Mainstream geeichte stationäre Buchhandel ihre Werke nicht mehr vorrätig halten wollte, frohlockten: Im Internet waren sie wieder präsent. Am Handel rächten sie sich, indem sie den Kunden auf ihrer Verlagshomepage zur Direktbestellung ihrer Bücher ermunterten. Hegelianer könnten versucht sein, hier eine sozioökonomische Dialektik am Werk zu sehen. Demnach warfen sich zunächst die großen Verlagsgruppen und Handelsketten zu Herren des Konzentrationsprozesses auf, dann aber trat das Internet auf den Plan und bot den Ausgegrenzten Mittel, sich zu behaupten.

Das wäre die positive Version des Geschehens: das Digitale als Ausweg. In der gegenwärtigen Diskussion indes überwiegen die negativen Akzentuierungen. Das Digitale erscheint als Bedrohung der Buchwelt, wie wir sie kannten.

Direktvertrieb, Open Access und der zweite Anlauf des E-Books



In jenem ersten Zusammentreffen des Buchmarktes mit der Online-Welt veränderte sich eines nicht: Die Bücher blieben Bücher und wurden als physische Objekte gehandelt. Das werden sie noch immer, aber nicht mehr ausschließlich. Die Digitalisierung des Buchmarktes hat nach den Bestellkanälen die Werke selbst erfasst, zunächst als Editionen auf CD-ROM, mittlerweile aber eben auch in der gleichsam fluiden Form als Online-Ausgabe. Der Furcht des Buchhandels, mittels Direktgeschäft umgangen zu werden, hat dies neuen Auftrieb gegeben. Den Anfang machte der Wissenschaftsbereich. Verlage gingen dazu über, nicht nur digitalisierte Zeitschriftenaufsätze, sondern ganze Bücher abrufbereit ins Netz zu stellen und den Service direkt mit dem Leser abzurechnen. Was für die Belletristik lange Zeit ein triftiges Argument schien: dass niemand Lust hat, einen Roman am Bildschirm zu lesen, entfällt in der wissenschaftlichen Literatur. Hier ist die elektronische Volltextrecherche ein willkommenes Hilfsmittel. Außerdem verkürzt die Online-Publikation die Zeit, die es braucht, um neue Erkenntnisse in der Scientific Community zu verbreiten. Gerade im STM-Sektor ("Science, Technology & Medicine") ist der Drang groß, die Nase vorn zu haben.

Im Wissenschaftsbereich machte der digitale Direktvertrieb seinen nächsten, diesmal nicht bloß für den Handel, sondern für die Verlage bedrohlichen Schritt. Das Stichwort lautet "Open Access"; es bedeutet, dass Autoren ihre Texte im Internet frei zugänglich anbieten. In diesem Modell sind die Verlage ihrer Position als Mittler beraubt und spielen für das Publizieren keine Rolle mehr. Ursprünglich handelte es sich dabei um einen Akt der Notwehr der publizierenden Forscher. Sie reagierten auf die Preispolitik von Verlagen für naturwissenschaftliche Zeitschriften, die ihre oligopolartige Stellung ausnutzten und den Bibliotheken schamlos überteuerte Abonnements verkauften, letztlich zum Schaden für die wissenschaftliche Kommunikation. Heute sind es die Universitäten und die wissenschaftsfördernden Institutionen, welche die Wissenschaftler dazu anhalten, ihre Werke über institutseigene Server gemeinfrei im Netz zu publizieren - zum Ärger nicht nur der brotlos werdenden Verleger, sondern auch mancher Autoren selbst, die sich in ihrem Recht auf freie Wahl des Publikationsortes eingeschränkt sehen.[7]

Taugt digitales Publizieren nur für Texte, die schnell durchzulesen sind oder die man fakultativ konsultiert, also etwa bloß für wissenschaftliche Aufsätze und für Nachschlagewerke? Als sich im Februar 2001 Bibliothekare, Wissenschaftler, Verleger und Politiker in Berlin zu einem Symposium über "Wissenschaftspublikation im digitalen Zeitalter" trafen, markierte der Buchhistoriker Stephan Füssel noch einmal den Nutzungsunterschied von Buch und Bildschirm: "Das schnelle Finden einer einzelnen Stelle, die gute Recherchemöglichkeit, das sind die Vorzüge des Bildschirms; die ruhige, sachliche Hintergrundinformation, die vollständige, die andauernde, die genussvolle Lektüre bleibt beim Buch!"[8] Füssel sagte das zu einem Zeitpunkt, als die Universität Köln gerade die erste ausschließlich online veröffentlichte Habilitationsschrift akzeptiert hatte, als es schon Usus geworden war, Forschungsberichte in Datenbanken einzustellen, als Tagungsakten auf CD-ROM ediert wurden und Internet-Literaturarchive die Werke der Klassiker für Interessenten parat hielten. Große Textmassen also, die sich aber, folgte man Füssel, nicht für eine "ausdauernde" Rezeption eigneten. Dem widersprach auch niemand. Es war, als habe der Mainzer Buchhistoriker und Gutenberg-Biograf eine anthropologische Grundtatsache formuliert, an der nicht zu rütteln sei: Ein intensives Lesevergnügen entsteht nur dort, wo sich jemand über eine Buchseite beugt. Genuss und Nachdenklichkeit hängen ab von der Sinnlichkeit von Papier und Einband, von der augenfreundlichen Kontur und Tiefe einer gedruckten Schrift.

Schöne Behauptungen. Sie leuchteten unmittelbar ein und schienen in ihrer Wahrheit dadurch bestärkt, dass keine Leser bekannt waren, die Lust gehabt hätten, Philosophie oder schöne Literatur im digitalen Format zu lesen. Denker und Dichter auf der Suche nach einem hübschen Zitat zu durchforsten, das ginge wohl - aber Belletristik am Bildschirm "schmökern"? Nie und nimmer. Dazu passte, dass sich die erste Generation elektronischer Lesegeräte beim Publikum nicht durchzusetzen vermochte. Einer dieser Minicomputer war unter dem Namen Rocket-E-Book zunächst in den USA vermarktet worden, wagte 1998 den Sprung über den Großen Teich, präsentierte sich mit viel Tamtam auf der Frankfurter Buchmesse - und wurde von der Firma Gemstar nach rundum enttäuschenden Geschäften 2003 vom deutschen Markt zurückgezogen. Die ersten E-Reader hatten mehrere Geburtsfehler: Sie waren mit einem Gewicht zwischen einem halben und einem Kilogramm eindeutig zu schwer; ihr Anschaffungspreis war zu hoch; ihre auf die Buchpräsentation beschränkte Funktion hielt dem Vergleich mit anderen, multifunktionalen Kleincomputern nicht stand. Und was Verlage und Autoren als Kopierschutz begrüßten, fanden die Nutzer wenig einladend: Die Inhalte für das Rocket-E-Book konnten nicht weitergegeben oder verliehen werden, sie waren immer nur auf dem individuellen Gerät lesbar, für das ein Anwender sie gekauft hatte.

Seit gut drei Jahren, beginnend in Japan und den USA, starten Firmen nun einen zweiten Anlauf, und diesmal lässt sich das Unternehmen erfolgversprechend an. Eine neue Generation von Lesegeräten, unter denen der Sony Reader und der Kindle von Amazon nur die bekanntesten sind, lassen die Schwächen der Vorgänger vergessen. Es gibt keine lahmen Arme und keine geblendeten Augen mehr, denn diese Leichtgewichte mit ihren Bildschirmen, fünf oder sechs Zoll groß, sind handlich wie Taschenbücher, und ihre mit elektronischer Tinte (e-ink) arbeitenden Displays produzieren keine störenden Reflexe. Selbst bei direktem Sonnenlicht oder aus einem schrägen Blickwinkel lässt sich die Schrift gut lesen. Der Akku hält lange, denn Strom verbraucht das elektronische Papier nur beim Blättern, also beim Aufbau der Seite, nicht aber für einen stehenden Text. Erkennbar ist die Zielsetzung, dem Auge den möglichst gleichen Komfort zu bieten wie beim Lesen bedruckten Papiers. Daran knüpft sich die Frage, ob die von Stephan Füssel als grundlegend gesetzte kategorische Unterscheidung zwischen Buch- und Bildschirmlektüre wirklich auf ewig Bestand hat.

Ohne über die Qualität des Lesevorgangs zu urteilen, lässt sich eines schon jetzt konstatieren: Die Annahme, das Lesen digitaler Formate sei nichts, was literarische Formen wie den Essay oder den Roman jemals erfassen könnte, war voreilig. Mit den neuen Lesegeräten ist die Belletristik e-book-fähig geworden. Der Rubikon ist überschritten. Digitale Publikation ist nicht mehr bloß etwas für Fachverlage. Auf breiter Front bieten die Publikumsverlage Romane, Erzählungen, Lyrik und Titel aus dem Sachbuchprogramm für E-Reader an. Ein erstes eindrucksvolles Indiz für den Sinneswandel war in den Lektoraten zu finden. Dass Autoren ihr Manuskript als E-Mail schicken, hatte sich schon eingebürgert. Dennoch reagierten Lektoren jahrelang auf das digitale Angebot nicht mit einer digitalen Lektüre: Sie druckten die Texte aus und lasen die Angebote auf Papier. Das ist dank der neuen Technologie nun nicht mehr obligatorisch. Ob in den Lektoraten der Verlagsgruppen von Random House oder von Holtzbrinck oder Carl Hanser, ob bei Luchterhand, Kiepenheuer & Witsch oder S. Fischer, überall kommen E-Reader zum Einsatz. Vor allem für die Sondierung, bei der es noch nicht um die Korrektur, sondern nur um die Frage geht, ob man das von einem Autor offerierte Werk überhaupt annehmen möchte, erweisen sich die Lesegeräte als hilfreich. Wie oft gingen Lektoren mit zehn oder mehr Manuskripten auf Reisen, nahmen sie auf Dienstfahrten mit oder auch in die Ferien. Nun endlich winkt Gepäckerleichterung. Statt kiloschwerer Taschen transportieren Lektoren jetzt nur noch 250 Gramm und können dennoch weit mehr Text mit sich führen als je zuvor. Dieser Vorzug findet allgemeinen Beifall. Die Aussicht indessen, dereinst vielleicht Manuskripte nicht nur auf einem Display zu prüfen, sondern dort auch zu redigieren, lehnen die meisten - wie lange noch? - ab. Wer auf seinen Berufsstand hält, kann sich ein sorgfältiges Lektorat nur auf Papier vorstellen. Die Arbeitsstufen, die vielen Auszeichnungen des Textes: Wollte man das digital umsetzen, verlöre man den Überblick.

Das Sortiment geht leer aus



In den USA ist Amazons Lesegerät Kindle ein Massenerfolg, dem Sony Reader hingegen fehlt im breiten Publikum jener Zuspruch, dessen er sich in den Lektoraten erfreut. In Sonys Heimatland Japan fiel das Gerät glatt durch. Zurückgeführt wird das gern auf kulturelle Eigentümlichkeiten: Die Japaner, die täglich in Scharen und oft stundenlang mit Vorortzügen und U-Bahnen zwischen Wohnung und Arbeitsplatz hin und her pendelten, hätten im Gedränge der überfüllten Waggons gar nicht den Platz, den reichlich taschenbuchgroßen Sony Reader zu handhaben. Sie würden Smartphones als Datenträger bevorzugen. Deren kleine Displays hätten, heißt es, auch schon ein neues literarisches Genre entstehen lassen: die Graphic Novel, eine Art Comic speziell fürs E-Book-Format. Wir müssen uns also, sofern dieser Darstellung der Verhältnisse tatsächlich Gewicht zukommt und sie nicht nur einen Nebenaspekt fixiert, den sich durch die Bilderfolgen der Graphic Novels klickenden japanischen Pendler als dominante Figur für den digitalen Konsum von Büchern vorstellen. Für E-Reader mit 6-Zoll-Bildschirmen hat er keine Verwendung, so jedenfalls erklärten zwei Sony-Vertreter auf der Leipziger Buchmesse den Reinfall. Der japanische Markt, trösteten sie sich, sei "ein total anderer" als der europäische.

Warum liebt das Lektorat den Sony Reader? Weil dieses Gerät, anders als der Kindle, für verschiedene Formate offen ist. Der Lektor kann den vom Autor erhaltenen Text mühelos auf den Reader überspielen. Sony ist (auch wenn das Unternehmen dazu Anlauf nimmt) kein Buchhändler, es ist der Firma gleichgültig, ob der auf dem Gerät laufende Roman ein hauseigenes Format besitzt oder als PDF- oder sonstige Datei vorliegt. Anders Amazon: Der Online-Händler liefert sowohl die Hardware wie den Inhalt, er hat beides aufeinander abgestimmt. Er möchte die Kunden dazu anhalten, dass sie auf dem Kindle nur die bei Amazon gekauften E-Books lesen. Darin, Lesestoff und Lesegerät aus einer Hand zu erhalten, hat das Publikum bisher eher einen Vorteil denn Nachteil gesehen. Schließlich ist es bequem: Amazon wirbt in den USA damit, stets alle Titel der Bestsellerliste der "New York Times" als E-Book parat zu haben (wann der Kindle nach Deutschland kommt, steht noch nicht fest). Zudem verfügt der Kindle über eine Funkverbindung zu Amazons E-Bookstore. Das ist ein grandioser Vorzug gegenüber dem größten Konkurrenten. Um den Sony Reader mit Lesestoff zu laden, braucht man eine Schnittstelle, einen Computer mit Internetverbindung zu einer Plattform, die digitalisierte Bücher anbietet. Der Kindle hingegen ist wireless mit Amazons Datenbank verknüpft; der Kunde kann sich zu jeder Zeit und von jedem Ort aus bedienen. Man sitzt mit einem Freund in einem Café, und der erzählt so begeistert von einer Neuerscheinung, dass man das Buch auch gleich lesen möchte? Kein Problem. Als "Killer-Applikation", mörderisch für alle drahtgebundene Konkurrenz, bezeichnet daher Rüdiger Salat, Chef der Buchverlage des Holtzbrinck-Konzerns, den Online-Sofortzugriff.

Das heißt aber noch keineswegs, dass der Kindle im Wettstreit der Geräte das Rennen machen wird. Die Kunden, namentlich die jungen, wollten kein zusätzliches Endgerät, sondern etwas Multifunktionales, etwas, womit man zugleich telefonieren, E-Mails bearbeiten, Filme gucken und Bücher lesen kann. In den Vertriebsabteilungen des Piper-Verlags oder bei Hoffmann und Campe schwört man deshalb auf Apples iPhone. Aber ist dessen Display nicht zu klein für Romanlektüren? Für Leute jenseits der Vierzig vielleicht schon. Sie werden dankbar auf E-Reader mit mehr Präsentationsfläche zurückgreifen, zumal nur dort die Möglichkeit besteht, den Schriftgrad augenfreundlich zu vergrößern. Welche Firma mit welchem Lesegerät Marktführer wird, kann letztlich gleichgültig bleiben. Es ist eine Frage des Bedürfnisses und des ihm korrespondierenden technischen Raffinements. Vielen technischen Mängeln, die momentan noch gegen elektronische Lesegeräte sprechen, wird man abhelfen. Was der E-Reader der Zukunft alles kann und besitzt (Foliendisplays zum Ausrollen vielleicht, um auch große illustrierte Werke darzustellen), darf man getrost den Entwicklungsabteilungen der Elektronikfirmen überlassen. Bedeutsam aber ist, dass die E-Reader nun auch die Belletristik der digitalen Lektüre zuführen, und dass der klassische Buchhandel düpiert und machtlos neben dieser Entwicklung steht.

Niemand, der ein solches Gerät besitzt, wird noch in einen Laden gehen, wenn er sich das gewünschte Buch bequem vom Sessel aus herunterladen kann. Es war ebenso traurig wie rührend zu verfolgen, wie angestrengt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und andere Lobbyisten beim Verkaufsstart des Sony Reader den Eindruck zu erwecken suchten, auch der stationäre Handel könne vom E-Book-Geschäft profitieren. Sony spielte zunächst mit und band den Buchhandel in den Verkauf der Lesegeräte ein, damit das Sortiment zumindest beim Absatz der Technik beteiligt ist (der gute Wille hielt nicht lange vor, mittlerweile bestückt Sony auch Multimedia-Märkte). Branchenblätter phantasierten, in den Buchläden Terminals aufzustellen, wo der Kunde seinen digitalen Lesestoff zapft. In diesem Kontext wäre die Volltextdatenbank Libreka zu nennen, ein Gemeinschaftsprojekt der deutschsprachigen Buchbranche. Libreka verkauft nicht selbst, sondern ist mit seinen weit über hunderttausend Titeln vor allem eine vorzügliche Literatur-Suchmaschine, gleichsam die deutschsprachige Antwort auf Google Book Search. Der spontane Download von Texten (im Format PDF) ist möglich, der Kauf als solcher aber läuft über Buchhandlungen, um sie am Umsatz zu beteiligen. Die Verlage sind aufgefordert, Bücher einzustellen, aber Libreka klagt, es würden die Bestseller fehlen.

Fragt man Verleger unter vier Augen, welche Chancen sie langfristig dem herkömmlichen Buchhandel im E-Book-Geschäft einräumen, lautet die fernab aller Propaganda gegebene Antwort regelmäßig: gar keine. Der stationäre Handel macht sich also besser keine Illusionen, er wird leer ausgehen. Seine durch den Online-Versandhandel ohnehin schon geminderte Bedeutung wird dramatisch schrumpfen, sollte das E-Book das gedruckte Buch verdrängen. Aber danach sieht es zurzeit nicht aus. Die Menge des frisch Gedruckten steigt Jahr um Jahr und überschritt 2008 erstmals die Grenze von einer Million Titel (Neuerscheinungen plus Neudrucke bereits publizierter Druckwerke).[9] Es wäre daher ausgesprochen kühn, wollte man heute, nur weil um das E-Book ein solcher Budenzauber veranstaltet wird, den Tod des Buches voraussagen. In seiner Gestalt als Codex, mit der Verbindung aus Buchstaben und Papier, mit Seiten, die so geheftet und gebunden sind, dass man darin blättern kann, ist das Buch aus unserer Kulturgeschichte nicht wegzudenken. Es stehe für eine ideale Einheit von Form und Funktion, meinte einmal Rowohlts Verleger Alexander Fest, und er benutzte einen schönen Vergleich: "wie der Löffel".

Ballast abwerfen



Die härteste Nuss, welche die Digitalisierung der Verlagswelt zu knacken gibt, ist die Piraterie. Der unerlaubte Nachdruck hat die Jünger Gutenbergs von Anfang an geplagt. Bereits die Frühdrucker der Inkunabelzeit fluchten über die üble Konkurrenz, manchen Ruin hat das bleisatzbewehrte Raubrittertum verschuldet. Zur Verbreitung der Aufklärung hat der Nachdruck beträchtlich beigetragen. Knigge verteidigte ihn deswegen, Wieland, der ihn "ärger als Hochverrath" schimpfte, erkannte zumindest an, dass der Nachdruck dem Schriftsteller nicht wenig schmeichle und seinen Ruhm verbreite. Auch die Studenten, die um 1968 gegen den Willen von Horkheimer und Adorno deren "Dialektik der Aufklärung" auf dem grauen Markt verbreiteten, agierten in dem Bewusstsein, vielleicht etwas Illegales, aber doch auch Gutes zu tun.

Kaum anders steht es mit dem Selbstverständnis derer, die heute im Internet ohne Einwilligung der Rechteinhaber digitale Kopien von Büchern zum Download anbieten. Fundamental geändert hat sich das Werkzeug der Kopierer. Mit ein paar Mausklicks lassen sich Bücher global streuen. "Wird ein kopierbarer Gegenstand mit dem Internet in Berührung gebracht, dann wird er kopiert, und diese Kopien lassen sich nicht mehr aus der Welt schaffen", schreibt der Medientheoretiker Kevin Kelly. "Im Unterschied zu den massengefertigten Reproduktionen des Maschinenzeitalters sind diese Kopien nicht nur billig, sondern kostenlos."[10]

Das Desaster der Musikindustrie, die durch Tauschbörsen wie Napster an den Rand des Ruins getrieben wurde, lastet als Menetekel auch auf der Buchbranche. Für die Verlage, welche die Spitzentitel ihres Programms oft schon im Netz zirkulieren sehen, wenn die Buchhändler kaum angefangen haben, die frisch ausgelieferte Ware zu sortieren, sind Raubkopierer eine existenzielle Bedrohung. Kevin Kelly rät: Wenn Kopien massenhaft kostenlos verfügbar sind, muss man verkaufen, was knapp und nicht kopierfähig ist. Für Kelly sind das Waren, die Qualitäten wie Vertrauen, Unmittelbarkeit, Authentizität inkorporieren, die personalisierbar oder mit besonderen Dienstleistungen verbunden sind. Seine Überlegungen zu möglichen Geschäftsmodellen für die digitale Welt mögen praktikable Vorschläge enthalten. Sie zeichnen sich aber für die Besitzer von Urheberrechten dadurch negativ aus, dass Kelly die Vorstellung, man könne den Schutz von Copyrights im Internet durchsetzen, aufgegeben hat.

Was die Zirkulation von Privatkopien in Tauschbörsen angeht oder die von hiesigen Staatsanwälten nicht zu belangenden Raubkopierer, die ihre illegalen Scans gern über russische Websites vertreiben, mag das stimmen. Hat man es jedoch mit einem Unternehmen wie Google zu tun, einer im Handelsregister eingetragenen Firma, die man mit Rechtsansprüchen konfrontieren kann, sieht die Sache nicht so schwarz aus. Unter dem Anspruch, das "Weltwissen" allgemein zugänglich zu machen, arbeitet der kalifornische Suchmaschinen-Betreiber seit 2004 mit großen Bibliotheken zusammen, um deren Bestände zu digitalisieren und ins Netz zu stellen. Millionen von Büchern, die zwar im Handel vergriffen sind, aber dem Copyright unterliegen, sind bereits erfasst. Zunächst klagten in den USA die Inhaber von Verlags- und Urheberrechten dagegen, dass ihre Bücher ungefragt kopiert und im Internet aufgeblättert wurden. Dann verglichen sich die Parteien. Dieser als Google Book Settlement bekannt gewordene Vergleich ist - ungeachtet dessen, wie es um den letzten richterlichen Segen steht - interessant, weil er zeigt, welche Verschiebungen das Urheberrecht erleiden könnte. Gemäß dem Settlement können Rechteinhaber zwar verlangen, dass Google die Kopien ihrer Bücher wieder aus dem Netz entfernt, nicht aber, dass Google sie, wie es das Urheberrecht bisher für selbstverständlich nahm, vor dem Scannen der Texte um Erlaubnis fragt. Das Urheberrecht wäre also zu einem nachträglichen Einspruchsrecht herabgestuft. Tröstlich dürfte sein, dass es dabei nicht um lieferbare Titel geht. Deren Schutz tastet auch das Settlement nicht an.

Das Ende der Brockhaus-Enzyklopädie als Druckwerk war zugleich der Triumph einer Wissensrepräsentation im Internet. Googles großes Digitalisierungsprojekt dehnt den Bücherkosmos, genauer: den Zugriff darauf, auf ungeahnte Weise aus. E-Reader wiederum minimieren den Raum, den unsere Büchersammlung künftig beansprucht. Man muss solche Erscheinungen im Zusammenhang sehen. Wohin man auch blickt, unverkennbar ist, dass die Geschichte der textlichen Überlieferung unserer Kultur eine Zäsur erfährt. Alles scheint plötzlich präsent, Information mühelos greifbar. Mit der virtuellen Allgegenwart historischer und zeitgenössischer Texte wird ihr Besitz entwertet. Bücher haben an Distinktionswert verloren, gut gefüllte Regale sind nichts mehr, womit man angeben kann. Entsprechend ist das Mobiliar für die früher so bedeutsame Wohnzimmer-Bücherwand aus den Katalogen der Einrichtungshäuser verschwunden (Ikea einmal ausgenommen, doch bei den Möbeln dieses Anbieters ging es ja noch nie um Prestigefragen).

Die soziologische Kategorie des Distinktionsverlustes erfasst das Phänomen allerdings nur unvollständig. Wenn sich Menschen heute schneller von ihren Büchern trennen, sie wegwerfen, zum Weiterlesen an Dritte verschenken oder leichten Herzens verramschen, dann zeigt sich darin ein Bestreben, Ballast abzuwerfen. Googles Weltbibliothek (oder Weltbuchladen, denn als Händler möchte Google Geld verdienen) entspricht gerade darin, dass dieses Bücher-Reich potenziell unendlich, gleichwohl spontan verfügbar und trotz Verfügbarkeit virtuell und damit für Benutzer kein Ballast ist, jener Tendenz unserer Zeit. Desgleichen der E-Reader oder besser noch das multifunktionale Smartphone: Wir forcieren einerseits die Virtualisierung der Wissensbestände mittels Internet, anderseits die Miniaturisierung der physischen Datenträger. Beides verringert Ballast. Ballast abzuwerfen kann eine Gegenreaktion sein, eine Kompensation des "Zuviel", welches als Versprechen und Drohung zugleich in der durch Digitalisierung erzeugten Datenfülle steckt. Wer Ballast abwirft, wehrt sich aber nicht nur, er unterwirft sich auch den Imperativen der Mobilität und Flexibilität. Lesegeräte, die sich in der Hosentasche transportieren lassen und die es erlauben, zu jeder Zeit und von wechselnden Orten aus per Funk auf Datenbanken zuzugreifen, sind die passenden Begleiter des "flexiblen Menschen". Eine Soziologie des E-Book-Readers zu schreiben, sollte nicht allzu schwerfallen. Richard Sennett, übernehmen Sie...

Fußnoten

1.
"E-Book" meint die in digitalem Format vorliegende Publikation; als "E-Book-Reader" bzw. "E-Reader" wird das Lesegerät bezeichnet.
2.
Tiffany Wong, Mitbegründerin der Firma Aldiko, die Applikationen für E-Reader entwickelt, meldete am 12. August 2009 im Weblog von Teleread: "There were 79 million readers of digital books in 2008, a 34 % growth compared to 2007. An interesting trend is how e-books appeal in particular to young people. Readers below 24 accounted for almost 50 % of the group. Unlike reading printed books, reading e-books is seen by the younger generation as a modern and fashionable activity. In cities like Shanghai, wherever you go, you can see people reading with devices such as PSPs, mobile phones, portable media players (PMP), etc. In contrast, the proportion of older-ages is relatively small as this population of people are used to reading physical books." www.teleread.org/2009/08/12/ coming-tiffany-wongs-report-on-e-books-in-china-79m-readers-of-digital-books (15.9. 2009).
3.
Die Unternehmensberatung Kirchner + Robrecht hat aktuelle empirische Daten spekulativ hochgerechnet und im März 2009 eine Prognose vorgelegt, wonach hierzulande im Idealfall bis 2013 rund drei Millionen elektronische Lesegeräte abgesetzt werden könnten. Für die Zeitspanne von Mitte 2009 bis Mitte 2010 erwarten die Verfasser der Studie, dass rund 80000 Deutsche einen E-Reader erwerben werden. Erst neue Generationen von Lesegeräten sollen einen Absatzschub bringen. Auch zum Verkauf digitaler Bücher äußert sich die Prognose. Die Schätzungen für 2010 schwanken zwischen einem Optimum von 1,5 Millionen E-Books und einem Minimum von 380 000 Titeln.
4.
Vgl. dazu und zum Folgenden Marion Janzin/Joachim Güntner, Das Buch vom Buch. 5000 Jahre Buchgeschichte, Hannover 2007.
5.
Die desolate Lage ließ sich nicht länger kaschieren und ist in einer aktuellen Studie der Gesellschaft für Konsumforschung, erstellt im Auftrag des Dachvereins der deutschen Buchhändler, dokumentiert. Resümees und Kommentare dazu im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Nr. 36 vom 3.9. 2009.
6.
Nach Schätzungen des Börsenvereins werden derzeit 76 Prozent der Erlöse im Versandbuchhandel via Internet erwirtschaftet (gut eine Milliarde Euro); vgl. Buch und Buchhandel in Zahlen 2009, hrsg. vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Frankfurt/M., Juli 2009, S. 7. Da der Gesamtumsatz des Buchhandels auf 9614 Mio. Euro beziffert wird, liegt für den Online-Handel ein Marktanteil von zehn Prozent in greifbarer Nähe, er ist, da seine jährlichen Zuwächse zweistellig sind, wahrscheinlich schon erreicht.
7.
Vgl. Joachim Güntner, Der Kampf ums Urheberrecht hat viele Schauplätze. Mit dem "Heidelberger Appell" wehren sich Autoren gegen Raubkopien und den Zwang zu Open Access, in: Neue Zürcher Zeitung vom 2.5. 2009.
8.
Stephan Füssel, Geisteswissenschaften und digitale Medien: von der Medienkonkurrenz zur Mediensymbiose, in: Die unendliche Bibliothek. Teil 2, hrsg. von der Deutschen Bibliothek, Wiesbaden 2001, online unter www.ddb.de.
9.
Vgl. Buch und Buchhandel (Anm. 6), S. 127.
10.
Kevin Kellys Aufsatz "Better Than Free", einen im Internet viel zitierten Text über Geschäftsmodelle in der digitalen Welt, hat Thomas Rohde für seinen Weblog ins Deutsche übertragen: http://bewegliche-lettern.de/2009/08/kevin-kelly-besser-als-kostenlos-better-than-free/ (15.9. 2009).

Joachim Güntner

Zur Person

Joachim Güntner

Geb. 1960; Deutschland-Kulturkorrespondent der "Neuen Zürcher Zeitung", Zürich/Schweiz.
E-Mail: nzz.guentner@t-online.de


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