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21.2.2011

Droht eine Zerstörung der ethnischen und religiösen Vielfalt im Irak?

Angesichts der Anschläge verstärkt sich auch bei Angehörigen der kleineren Gemeinschaften der Wunsch nach neuen autonomen Regionen. Hinzu kommt eine verstärkte Auswanderungswelle von nichtmuslimischen Gruppen.

Einleitung



Anschläge gegen irakische Christen, gegen Siedlungen und Einrichtungen der Yeziden in den Regionen Sinjar und Shaykhan (Provinz Ninawa) sowie gegen Angehörige der kleineren religiösen Minderheiten (vor allem Schabak und Mandäer) haben in den vergangenen drei Jahren zugenommen. Wie bei den Auseinandersetzungen zwischen Sunniten und Schiiten spielt auch hier Al Qaida eine wichtige Rolle. Bislang scheiterte sie beim Versuch, einen landesweiten konfessionellen und ethnischen Bürgerkrieg anzuzetteln, weshalb immer mehr die militärisch wehrlosen nichtmuslimischen Minderheiten oder heterodoxen islamischen Gruppen ins Visier geraten.

Al Qaida geht es um die Schaffung und Aufrechterhaltung von Unruhe und Chaos im Land, die Vorführung der Unfähigkeit von irakischen Sicherheitskräften, für Sicherheit zu sorgen, und die Vertreibung der nichtmuslimischen Minderheiten aus dem Irak. In diesem Kontext sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass die überwiegenden Anschläge gegen islamische Einrichtungen gerichtet und die meisten Opfer der Gewalt Muslime sind.

Auf den ersten Blick eher paradox wirkt die Tatsache, dass die Eskalation der Gewalt gegen religiöse und ethnische Minderheiten in einer Zeit stattfindet, in welcher Ethnizität und Konfessionalismus in der irakischen Politik immer mehr relativiert werden. Ethnisch-konfessionelle Grenzziehungen verlieren als Bezugspunkte an Bedeutung, und eine politische Differenzierung innerhalb der einzelnen ethnischen und konfessionellen Gruppen tritt deutlicher zutage. Innerhalb der drei größten Bevölkerungsgruppen (Schiiten, Sunniten und Kurden) spalteten sich die politischen Blöcke und machten Raum für mehr politischen Pluralismus.[1] Doch wie verträgt sich die Verfolgung von religiösen und ethnischen Minderheiten mit dem Prozess der ethnisch-politischen Differenzierung?

Ethnische und religiöse Heterogenität



Zweifelsohne haben die Minderheiten im Irak nach dem Sturz des Baath-Systems zum ersten Mal seit der Gründung des Staates im Jahr 1921 politische Anerkennung erfahren. Die politischen Freiheiten, die Hervorhebung ihrer besonderen Identität und die Partizipation im politischen System sind sichtbare Elemente des Systemwechsels im Irak. Doch schon bei der Frage, um welche ethnischen und religiösen Gruppen es sich hierbei handelt, wird es schwierig, da die Gruppenidentitäten noch nicht definiert beziehungsweise nach wie vor im Aushandeln begriffen sind. Abgesehen von den Arabern, Kurden und Turkmenen scheint es, dass die Frage nach der ethnischen und religiösen Zugehörigkeit die verschiedenen Minderheiten eher spaltet als vereint.

Im allgemeinen Sprachgebrauch sind mit Minderheiten die Yeziden, die Christen und die heterodoxen islamischen Gruppen (Schabak, Kakaiya und Mandäer) gemeint. Es liegen zwar keine präzisen Angaben über die Größe der ethnisch-religiösen Gruppen vor - da in der Vergangenheit bei den Volkszählungen im Irak ethnische und konfessionelle Kriterien nicht berücksichtigt wurden; das Baath-Regime versuchte in den 1970er Jahren gewaltsam, eine sprachliche und kulturelle Arabisierung durchzusetzen. Aber man kann davon ausgehen, dass die Anzahl der Schabak, Kakaiya und Mandäer jeweils unter 100.000 liegt. Die Zahl der yezidischen Bürgerinnen und Bürger lag vor der großen Auswanderungswelle in den 1990er Jahren bei etwa 700.000. Die Christen waren die größte nichtmuslimische Gruppe, und ihre Zahl dürfte vor der großen Auswanderungswelle in den 1990er Jahren faste eine Million betragen haben.

Was das soziale Leben betraf, unterschied sich der Irak kaum von anderen Staaten in der Region: Die soziale Kommunikation fand vor allem innerhalb der eigenen ethnischen oder religiösen Bezugsgruppe statt. Doch ist es in der 90-jährigen Geschichte des modernen Irak nie zu Konflikten zwischen den religiösen Minderheiten gekommen - was auch damit zusammenhängt, dass gerade kleinere Minderheiten sich nicht allein auf ihre religiöse und/oder ethnische Identität festlegen wollen. Ein Beispiel sind die Yeziden: Unter ihnen konkurrieren die Anhänger der kurdischen Identität mit den Protagonisten einer genuin yezidisch-nationalistischen Identität. Bei den Christen wiederum konkurrieren die Anhänger eines assyrischen Nationalismus mit dem Klerus, der einen Machtverlust befürchtet, wenn sich bei den Christen die Nationsidee durchsetzen sollte.

Verfassungsrechtliche Stellung



Seitdem die irakische Verfassung im Jahr 2005 nach einem Referendum in Kraft trat, gibt es Debatten über die in ihr festgeschriebenen Rechte für ethnische und religiöse Gemeinschaften. So unterstreichen einige Artikel explizit die Rolle des Islams innerhalb des Gemeinwesens, was von nichtmuslimischen Gemeinschaften als Diskriminierung empfunden wird. Bereits im zweiten Artikel wird konstatiert, dass der Islam die Staatsreligion des Irak und eine Hauptquelle der Gesetzgebung ist. Kein Gesetz dürfe verabschiedet werden, das mit den Grundsätzen des Islam im Widerspruch steht. Dieser Artikel wird wiederum dadurch relativiert, dass kein Gesetz im Widerspruch mit den Prinzipien der Demokratie (Artikel 2 Absatz B) und mit den in der Verfassung erwähnten Grundrechten stehen darf.

Für Religionsgemeinschaften werden in der Verfassung (Artikel 42) drei Garantien gegeben: die Freiheit der Religionsausübung, die Sicherheit der religiösen Einrichtungen und der Schutz der religiösen Stiftungen. Außerdem wird in Artikel 3 festgehalten, dass der Irak ein multinationales und multireligiöses Land ist, und die Angehörigen der verschiedenen ethnischen Gruppen ihre Muttersprachen als Schul- und Ausbildungssprache benutzen dürfen (Artikel 4). Neben den beiden Hauptsprachen Arabisch und Kurdisch werden Turkmenisch und Syrisch zu offiziellen Sprachen in den Gebieten mit turkmenischer beziehungsweise assyrischer Mehrheit erklärt. In Artikel 10 werden auch die schiitischen heiligen Schreine (atabat) und andere religiöse Stätten (maqamat) unter den Schutz der Verfassung gestellt. Angehörige der nichtmuslimischen Minderheiten wie Christen oder Yeziden bemängeln aber, dass ihre religiösen Einrichtungen, die oft zum Ziel terroristischer Anschläge werden, expressis verbis nicht erwähnt werden.[2]

Das wohl weitreichendste Recht ist in Artikel 125 garantiert: die Errichtung von Selbstverwaltungsgebieten für Turkmenen, Assyrer und Chaldäer, wenn sie in bestimmten Regionen die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen.

Turkmenen



Es gibt keine gesicherten Angaben über die Anzahl der Turkmenen. Einige Schätzungen gehen von fünf Prozent der irakischen Bevölkerung aus. Die Irak Türkmen Cephesi (Irakische Turkmenische Front) geht bei ihren Berechnungen für das Jahr 1994 von 1.750.000 Turkmenen aus.[3] Heute dürfte ihre Zahl demnach bei weit über zwei Millionen liegen. Die Wahlergebnisse spiegeln diesen Anteil jedoch nicht wider: Bei den Wahlen zum Verfassungskonvent im Januar 2005 wurden gerade einmal drei turkmenische Abgeordnete, bei den Parlamentswahlen im Dezember 2005 sogar nur ein einziger Vertreter gewählt.

Die turkmenischen Parteien verlangen die Anerkennung ihrer ethnischen Selbstständigkeit und das Recht auf Selbstverwaltung. Beides ist eng verknüpft mit der Frage nach der Zukunft der umstrittenen Provinzen Kirkuk und Mossul, da die größten turkmenischen Siedlungsgebiete entweder in der Provinz Kirkuk (auf die vor allem die Kurden Anspruch erheben) oder in der multiethnischen Provinz Mossul (hier bilden zwar Araber die Mehrheit, aber auch bedeutende Gruppen von Kurden, Christen und Schabak sind hier beheimatet) liegen. Dass die Forderung turkmenischer Nationalisten, dass Kirkuk aus historischen Gründen von den Turkmenen verwaltet werden sollte, erfüllt wird, scheint wenig realistisch. Nicht nur weil die Kurden dies ablehnen, sondern auch, weil die arabische Mehrheit des Irak lediglich dazu bereit ist, den Kurden eine Art Autonomie zuzugestehen.[4]

Diese machtpolitisch schwierige Position spaltete auch die politischen Parteien der Turkmenen in zwei Lager: Ein Teil hat sich für die Zusammenarbeit mit den Kurden im Rahmen der regionalen Autonomieverwaltung in Erbil entschieden. Ein anderer versucht den Einfluss der Kurden im post-baathistischen Irak einzudämmen. Trotz der Spannungen ist bislang aus den kurdisch-turkmenischen Auseinandersetzungen kein gewaltförmiger Konflikt entstanden.

Christliche Minderheiten



Die christlichen Minderheiten des Irak wurden, nachdem die Anzettelung eines sunnitisch-schiitischen Bürgerkrieges vorerst gescheitert zu sein scheint, zum Hauptziel Al Qaidas. Assyrer, Chaldäer und Syrer sind ohne Unterbrechung seit dem Altertum in Mesopotamien angesiedelt. Diese historische Kontinuität und die feste Verankerung im Christentum sind Hauptelemente ihrer Identität.

Die Verunsicherung der irakischen Christen setzte allerdings schon während des irakisch-iranischen Krieges (1980-1988) ein. Es zeichnete sich ab, dass eine wenig tolerante Interpretation des politischen Islam zu einem Faktor in der irakischen Politik werden würde. Die Baath-Regierung, die als säkular galt, übernahm während des Krieges gegen Iran sukzessive religiös-islamische Inhalte in seinen politischen Diskurs.[5] Die Auswanderungswelle der irakischen Christen als Folge ihrer Perspektivlosigkeit setzte in dieser Phase ein. Die meisten ließen sich in den USA nieder.

Die zweite Welle der Auswanderung fand in den 1990er Jahren statt. Hintergrund war die Zunahme der Gewalt und der Konflikte in vielen Staaten des Vorderen Orients, worunter auch die Lebensqualität und die Lebenschancen im Irak (welche durch die internationalen Sanktionen ohnehin begrenzt waren) litten. Hinzu kam, dass das eher säkulare Regime Saddam Husseins im Zuge der Niederlage im Zweiten Golfkrieg und des folgenden Legitimitätsverlustes immer stärker auf islamische und islamistische Diskurse und religiöse Symboliken zurückgriff. Derselbe Saddam Hussein, der unmittelbar nach dem Ausbruch des Krieges gegen den Iran im Jahr 1980 das "religiös-politische Phänomen" ausmerzen wollte,[6] übernahm vermehrt islamisch-religiöse Inhalte in seine Politik und Rhetorik. Auch nach dem Sturz Saddam Husseins im Jahr 2003 stoppte die Auswanderung nicht, zumal sich Vorboten eines möglichen Bürgerkrieges abzeichneten.

Bei den im Irak lebenden Christen handelt es sich in der Mehrheit um Chaldäer, Assyrer und Syrer, die verschiedene Dialekte der aramäischen Sprache sprechen. Hinzu kommen Armenier, die vor und während des Ersten Weltkrieges nach Mesopotamien geflüchtet waren. Zwar entwickelte sich infolge des Ersten Weltkrieges auch unter den Assyrern und Syrern eine nationale Idee im Sinne einer ethnischen Identität, sie blieb aber auf ihre säkularen Eliten beschränkt. Der Klerus der orthodoxen, katholischen und anderer Kirchen Westasiens, wo diese Völkerschaften angesiedelt sind, erteilte der ethnischen Identität eine deutliche Absage.[7] Die Spaltung in drei Hauptgruppen (Chaldäer, Assyrer und Syrer) entlang der konfessionellen Grenzen ließ die Idee einer umfassenden nationalen Bewegung der Assyrer oder der Chaldäer-Assyrer scheitern.

In der irakischen Verfassung von 2005 ist von der chaldäisch-assyrischen Gemeinschaft die Rede. Die christlichen Mitglieder des Verfassungskonvents hatten diese Formulierung vorgeschlagen. In der Realität lehnen vor allem die Chaldäer die Darstellung der beiden Gruppen als eine gemeinsame ethnische Gruppe ab. Stattdessen sprechen auch sie seit dem Sturz des Saddam-Regimes vermehrt von einer "chaldäischen Nation".

Diese Unstimmigkeiten und der fehlende Konsens innerhalb der christlichen Gemeinden haben signifikante politische Auswirkungen, vor allem dahingehend, dass sich die Christen im Irak nicht über Maßnahmen, die ihre Sicherheit gewährleisten könnten, einigen können.

Bis Ende des Jahres 2010 waren Schätzungen zufolge 25 Kirchen und Kloster Ziele von Anschlägen, bei denen etwa 900 Christen umkamen.[8] Nach der Ermordung des chaldäischen Erzbischofs von Mossul Paulos Faraj Rahho durch Al Qaida im Jahre 2008 und nach dem Anschlag gegen die Sankt Joseph-Kirche in Bagdad im Oktober 2010 wurden Stimmen laut, welche die Errichtung einer autonomen Region für die Christen in der Mossul-Ebene forderten. Doch die christliche Geistlichkeit wie der Bischof von Kirkuk Louis Sako und andere irakische Kirchen lehnen einen Sonderstatus für die Christen und die Errichtung von temporären Schutzzonen, was sie als "Gettoisierung" der Christen bezeichnen, ab.[9] Zudem argumentierte Bischof Sako, dass die Christen in verschiedenen irakischen Provinzen ansässig seien, so dass eine Autonomielösung schwer realisierbar wäre. Ein Teil dieser Gebiete wird von der Zentralregierung und der andere von der kurdischen Autonomieverwaltung in Erbil verwaltet.

Stattdessen kursiert ein anderer Plan, der vom Assyrisch-Chaldäisch-Syrischen Rat[10] unter Führung des Politikers in der Autonomen Kurdischen Region Sarkis Agajan propagiert wurde. Dieser Plan sieht die Angliederung der christlichen Gebiete Mossuls an die christlichen Gebiete in der kurdischen Region vor. Aus diesen wiederum solle ein größeres Selbstverwaltungsgebiet der Christen unter dem Dach der regionalen Autonomieverwaltung in Erbil entstehen. Während diese Idee heftige Ablehnung seitens der Araber in Mossul hervorruft, gibt es erwartungsgemäß Unterstützung aus den Reihen der Kurden: Für sie wäre das ein territorialer Zugewinn, und durch die Angliederung der Christen hätten sie eine gut ausgebildete und wirtschaftlich aktive Minderheit gewonnen.

Eine andere Variante der christlichen Selbstverwaltung wird von Christen in der Diaspora propagiert. Sie sieht die Ausgliederung der christlichen Gebiete aus der kurdischen Region und ihre Fusionierung mit den christlichen Gebieten Mossuls vor. Diese Option allerdings wird von den Arabern, Turkmenen und Kurden abgelehnt.

Für viele Christen scheint deshalb die Flucht aus dem Irak die einzige Lösung zu sein. Diesen Weg wählten bislang bereits etwa 300.000 bis 500.000 von ihnen. Weder die politischen Parteien der Assyrer und Chaldäer noch irakisch-christliche Kirchen oder Vertreter der Zentralregierung favorisieren zwar die Auswanderung, können sie aber wegen der sich häufenden Anschläge nicht verhindern.

Mandäer



Die Mandäer (Sabäer), die vorwiegend im Südirak, Bagdad, Basra, Nasiriya und Samarra beheimatet sind, sind eine eigenständige ethno-religiöse und sprachliche Minderheit. Während der Diktatur unter Saddam Hussein wurden auch sie Opfer einer aggressiven Arabisierung. Sie sprechen teilweise noch ihre Muttersprache, modernes Mandäisch. Ihre Liturgiesprache ist das sogenannte klassische Mandäisch, das in einem eigenen mandäisch-aramäischen Alphabet geschrieben wird. Die Mandäer praktizieren bis heute eine sehr alte, der überlieferten Tradition nach aus dem syro-palästinensischen Raum stammende vorislamische Religion.[11]

Da die Mandäer von vielen Muslimen nicht als eine monotheistische Religion anerkannt werden, genießen sie keinen besonderen Schutz. Sie werden zwar in der irakischen Verfassung als Bestandteil des irakischen Volkes betrachtet, aber dies verhindert nicht die Übergriffe und die gegen sie gerichteten Anschläge. Selbst Nachrichten über die Anschläge auf sie erreichen kaum die irakische, regionale oder internationale Öffentlichkeit. Dass ihre Siedlungsgebiete in verschiedenen irakischen Provinzen liegen, erschwert es zusätzlich, sie vor Übergriffen und Terror zu schützen.

Die seit Tausenden von Jahren in Mesopotamien beheimateten Mandäer werden wahrscheinlich die erste nichtmuslimische Gruppe des Irak sein, die en bloc das Land verlassen wird und damit die erste Gemeinschaft, die ihre Heimat für immer verliert. Über die Hälfte wanderte bereits aus, weshalb dort gegenwärtig nur noch etwa 13.000 Mandäer leben.[12] Die Mehrheit flüchtete bereits ab 1990 nach Amerika, Australien und Europa. In Deutschland leben inzwischen 1.900 Mandäer, die als politische Flüchtlinge Asyl bekommen haben.

Yeziden



Die Yeziden[13] (ezidi) sind eine der ältesten nichtmuslimischen Gruppen im Irak. Die irakische Verfassung von 2005 stellt das Yezidentum als Religion dem Islam und Christentum gleich.[14] Dies gilt auch für die Verfassung der kurdischen Region, die im Jahr 2010 zwar vom Regionalparlament verabschiedet wurde, aber noch durch ein Referendum bestätigt werden muss.

Die Yeziden lebten bis ins 19. Jahrhundert in fast allen Siedlungsgebieten der Kurden. Die Übergriffe der Osmanen und der muslimischen Kurden im 19. Jahrhundert dezimierte ihre Zahl dramatisch. Heute leben die etwa 700.000 Yeziden vor allem in den nordirakischen Provinzen Duhok und Mossul. Sie sind kurdischsprachig. Obwohl der Ursprung dieser Religion noch nicht eindeutig geklärt ist, liegen ihre Wurzeln in der vorislamischen Zeit. Zu ihren Elementen gehören altiranische, manichäische, synchretistische und orientalisch-christliche Merkmale. Bedingt durch die islamische Umwelt gibt es auch Spuren dieser, aber die Gemeinschaft der Yeziden kann wegen der deutlichen rituellen, ethischen und sozialen Eigenheiten kaum als eine heterodoxe islamische Gruppe betrachtet werden.

Von nichtmuslimischen kurdischen Nationalisten, neuerdings auch in den Reihen der Yeziden selbst, wird die Yezidengemeinschaft essentiell dem Kurdentum zugeordnet.[15] Die Kurden verlangen daher, dass die Sinjar- und Shaykhan-Gebiete, die in der Provinz Mossul liegen, der Autonomen Region Kurdistan zugeordnet werden. Auch innerhalb der Yezidengemeinschaft gibt es Stimmen, die eine Angliederung ihrer Siedlungsgebiete an Kurdistan befürworten. Sie erhoffen sich davon Schutz vor den Übergriffen von Islamisten. Diese Forderung wurde vor allem nach dem Anschlag der Al Qaida im Oktober 2007 in den Dörfern im Sinjar-Gebiet laut.

Diesen Stimmen steht eine kleine Gruppe von Politikern gegenüber, die eine eigene yezidische Identität propagieren und sich für die Gründung einer autonomen yezidischen Region Ezidikhan [16] aussprechen. Sie verstehen sich als Vertreter des yezidischen Nationalismus. Das Hauptanliegen dieser Strömung, die in der europäischen Diaspora und besonders in der Republik Armenien ihre Anhänger hat, ist vor allem die politische und ideologische Trennung von der kurdischen Identität. Diese Haltung basiert auf der kollektiven Erinnerung an die Jahrhunderte andauernde Verfolgung durch islamisch-kurdische Stämme, die seit einigen Jahrzehnten durch yezidische Historiker aufgearbeitet wird.

Schabak



Auch die Schabak[17] waren in den vergangenen acht Jahren wiederholt das Ziel terroristischer Aktionen. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen fielen etwa 2.000 Schabak den Anschlägen zum Opfer - eine hohe Zahl für eine Gemeinschaft, die lediglich 60.000 Angehörige hat. Diese religiös-ethnische Gemeinschaft ist in einigen Dörfern in der nordirakischen Provinz Mossul beheimatet. Ihre Sprache gehört zur Gurani-Gruppe der nordwest-iranischen Sprachen. Die Ritussprache der Schabak und einiger ihrer religiösen Schriften sind turkmenisch. Da aber einige Schabak-Untergruppen auch arabischsprachig sind, ist es schwierig, diese Gemeinschaft einer der größeren ethnischen Gruppen zuzuordnen.

Religiös stehen sie den kurdischen Gemeinschaften nahe, die als "extreme Schiiten" betrachtet werden. Laut ihrer Vorstellung bildet Ali, der vierte Kalif und Schwiegersohn des Propheten Muhammed, mit Allah und Muhammed die Trinität, wobei Ali die Manifestation der Gottheit verkörpere.[18] Wie auch bei den anderen kurdischen religiösen heterodoxen Gemeinschaften (Kakaya, Yarisan oder Ahl-e-Haqq[19]) bilden die alten iranischen Religionen sowie der Islam einen Bestandteil der religiösen Vorstellung der Schabak-Gemeinschaft. Nach 2003 waren vor allem Dörfer der Schabak, die nicht unter dem Schutz der Kurden standen, das Ziel von Anschlägen.

Zerstörung der ethnischen und religiösen Vielfalt



Im Jahr 2010 forderten die terroristischen Anschläge im Irak täglich etwa 50 Opfer, darunter eine steigende Anzahl von Angehörigen der nichtmuslimischen Gemeinschaften und der heterodoxen islamischen Gruppen.[20] Inzwischen haben seit 2003 Hunderttausende von Christen, Yeziden und andere Gruppen das Land verlassen. Sollte die Auswanderung anhalten, hätte Al Qaida ihr strategisches Ziel - die Vertreibung der nichtmuslimischen Gruppen aus der Region und die Zerstörung der ethnischen und religiösen Vielfalt im Vorderen Orient, die in der Vergangenheit immer wieder als Manifestation der Toleranz und Humanität galt - erreicht.

Im Irak bot der Regimewechsel von 2003 trotz vieler negativer Begleiterscheinungen eine Chance, die Grundlagen für die Vielfalt verfassungsrechtlich und in der Praxis zu verankern. Die Verfassung von 2005 ist trotz ihrer Mängel eine gute Basis für das Zusammenleben der Völker des Irak. Politisch stellen sich vor allem die Unstimmigkeiten mit Blick auf ein föderales System als größte Herausforderung heraus. Einige Stimmen unterstellen, dass der Föderalismus Konflikte schaffe, weil er auf ethnischen und konfessionellen Kriterien basiere. Daher ist auch fünf Jahre nach der Verabschiedung der Verfassung die kurdische Region die einzige föderative Region geblieben.

Die gegenwärtigen Probleme und Konflikte, vor allem im Zusammenhang mit den Anschlägen auf nichtmuslimische Gemeinschaften können nicht allein durch Änderungen des gesetzlichen Rahmens gelöst werden. Das Problem liegt eher in der mangelnden Anwendung des Rechts und der Unfähigkeit der irakischen Sicherheitsorgane, geltende Gesetze durchzusetzen und der Bevölkerung den notwendigen Schutz zu gewähren.

Fußnoten

1.
Vgl. Adeed Dawisha, Iraq: A Vote Against Sectarianism, in: Journal of Democracy, 21 (2010) 3, S. 27-40; Ferhad Ibrahim, Kriza Siysi ya li Iraqe u Rola Kurdan (Die politische Krise im Irak und die Rolle der Kurden), in: Le Monde Diplomatique Kurdi, Dezember 2010.
2.
Vgl. Hasan Ismail al-Jutyar, Huquq al-Izidiyin fi Dustur al- Iraqi wa musuadat Iqlim Kurdistan (Die Rechte der Yeziden in der irakischen Verfassung und im Entwurf der Verfassung für die kurdische Autonomieregion), in: Al-Mahfal, (2010) 1, S. 65-71.
3.
Vgl. Webseite der Irakischen Turkmenischen Front: www.kerkuk.net/kurumsal/?dil=1055&metin=7 (25.1.2011).
4.
Vgl. Markaz Dirasat al-Wahda al-Arabiya, Birnamaj li mustaqbal al-Iraq ba'da inha' als-ihtilal (Zentrum für Arabische Einheit, Programm für die Zukunft des Irak nach der Beendigung der Besetzung), Beirut 2005.
5.
Dazu gehörten die Verdrängung der Frau aus dem öffentlichen Leben, die Abschaffung der Koedukation und die Benutzung von islamischen Symbolen.
6.
Vgl. Ferhad Ibrahim, Konfessionalismus und Politik in der arabischen Welt: die Schiiten im Irak, Münster 1997, S. 286-294.
7.
Vgl. Gabriele Yonan, Assyrer heute. Kultur, Nationalbewegung der aramäisch sprechenden Christen im Nahen Osten. Verfolgung und Exil, Hamburg 1978.
8.
Vgl. Usama Mahdi, al-Iraq yarfudh da'awat kharijiya li-hijrat masihiyihi (Der Irak lehnt externe Forderungen zur Auswanderung seiner Christen ab), in: Elaph vom 23.1.2011, online: www.elaph.com/Web/news/2011/1/626862.
html (25.1.2011).
9.
Vgl. Erklärung von Bischof Louis Sako, online: http://Chaldoashour.com/vb/showthread.php?03d117 (25.1.2011).
10.
Der Rat, der um 2005 in Erbil entstanden ist, geht davon aus, dass die Christen mit allen ihren konfessionellen Gemeinschaften eine ethnische Gruppe darstellen.
11.
Vgl. Rudolf Macuch, Zur Sprache und Literatur der Mandäer, Berlin 1976; ders., Neumandäische Chrestomathie: mit grammatischer Skizze, kommentierter Übersetzung und Glossar, Wiesbaden 1989.
12.
Vgl. Sarah Reinke, Verfolgung der Mandäer im Irak und Iran, in: Pogrom, 2 (2006).
13.
Vgl. John S. Guest, Survival among the Kurds. The History of the Yezidis, London 1993; Philip C. Kreyenbroek, Yazidi. Encyclopaedia of Islam, Leiden 2002.
14.
Vgl. Hasan Ismail al-Jutyar, Huquq al-Yazidiyin fi al-Dustur al-Iraqi wa fi Musudat Iqlim Kurdistan (Die Rechte der Yeziden in der irakischen Verfassung und im Entwurf der Verfassung der kurdischen Region), in: Al-Mahfal, (2010) 1, S. 65-71.
15.
Dagegen wehren sich die auf Eigenständigkeit bedachten Yezidengemeinden Armeniens und Georgiens entschieden.
16.
Ezidikhan ist eine mystisch-religiöse Vorstellung einer Art yezidischen Gottesstaates. Dieser Begriff wurde in einigen qawl (Sprüche, Psalmen, heilige Hymnen der Yeziden) erwähnt, sein Ursprung liegt aber im Dunkeln.
17.
Vgl. Matti Moosa, Extremist Shiites. The Ghulat Sects, Syracuse 1988, S. 1-10; Martin van Bruinessen, The Shabak, in: Encyclopaedia of Islam, Leiden 2002.
18.
Vgl. Martin van Bruinessen, The Shabak, in: Encyclopedia of Islam, Leiden 2002.
19.
Vgl. Matti Moosa, Extremist Shiites. The Ghulat Sects, Syracuse 1988, S. 168-254.
20.
Vgl. Anthony Skinner, US Withdrawal from Iraq: Leaving it all behind?, in: The Middle East, (2010) 10, S. 11.

Ferhad Ibrahim

Zur Person

Ferhad Ibrahim

Dr. phil., geb. 1950; Professor für Politikwissenschaft und Zeitgeschichte, am Lehrstuhl für die Geschichte Westasiens der Universität Erfurt. Seit Februar arbeitet er als DAAD-Kurzzeitprofessor an der Universität Duhok/Irak, Nordhäuser Straße 63, 99089 Erfurt. dibrim@yahoo.de


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