zurück 
12.12.2011

Antikommunismus, Angst und Kalter Krieg. Versuch einer erneuten Annäherung - Essay

Mit dem McCarthyismus wurde die längste Phase politischer Repression in den USA eingeleitet. Zugleich wurde ein emotionaler Ausnahmezustand inszeniert, dessen Schleifspuren heute noch deutlich erkennbar sind.

Einleitung



Weil Antikommunismus so alt wie der Kommunismus ist, mutet sein Auftreten im Kalten Krieg auf den ersten Blick wie ein Déjà-vu an. Im Grunde sind die einschlägigen Parolen noch älteren Datums. Ob Deutschland zur Zeit der Sozialistengesetze oder die USA während der Anarchistenbewegung der 1880er Jahre, die Stereotype sind austauschbar, sieht man von wenigen landestypischen Einsprengseln ab. Erst recht trifft diese Beobachtung auf die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zu, als der sogenannte red scare - die Furcht vor der "Roten Flut" - diesseits wie jenseits des Atlantiks den öffentlichen Raum überschwemmte. Angst-Machen und Angst-Haben, Selbsthysterisierung und Selbstmobilisierung treten an unterschiedlichen Orten und zu verschiedenen Zeiten als Signatur verstörter Seelenlandschaften auf.

Stets ist dabei zu beobachten, wie die öffentliche Kommunikation das subjektive oder kollektive Empfinden von Angst verändern und am Ende Ängste ganz neuer Art oder anderen Umfangs generieren kann. Scheinbar nichtige Anlässe wie Gerüchte reichen mitunter aus, um unspezifische Befürchtungen in angsterfüllte Hysterie und Wut gegen deutlich identifizierbare Sündenböcke zu verwandeln. Sozialpsychologen sprechen von "sozialen Kaskaden" und "Gruppenpolarisierung", von einer infektiösen Dynamik, die durch soziale Interaktion befördert wird. In den Worten des Rechtsphilosophen Cass Sunstein: "Es ist gut belegt, dass Mitglieder von Gruppen, in denen ein Austausch über ein Problem stattfindet, verglichen mit ihren vorherigen Neigungen letztlich oft eine extremere Position einnehmen. Gruppen sind deshalb unter Umständen weitaus ängstlicher, als ihre Mitglieder es vor der Beratschlagung waren." Die Rede ist also von "moralischer Panik" und ihren weithin geläufigen Synonymen: Denunziation, Nachbarschaftskontrolle, Bespitzelung oder Hexenjagd. Ob Feinde real präsent sind oder letztlich nur imaginiert werden, ist im Grunde von nachrangiger Bedeutung. Der wehrhafte Ausnahmezustand ist - wie am Beispiel des Antisemitismus, der Lynchjustiz oder eben des Antikommunismus unschwer zu erkennen - auf vielfältige und im Zweifel auch konträre Weise begründbar. Seine eigentliche Pointe aber liegt in der Kraft des Rituals: Sich als Einzelner an der Selbstreinigung zu beteiligen, heißt, auf demonstrative Art und Weise der Verantwortung für das Gemeinwohl gerecht zu werden. In diesem Sinne lenkte der irische Staatsphilosoph Edmund Burke bereits Ende des 18. Jahrhunderts den Blick auf Angst als emotionale Ressource von Politik: "Es ist nicht so sehr das tatsächliche Vorhandensein einer Bedrohung als vielmehr die Vorstellung dieser Bedrohung, die der Erneuerung oder Restauration dient." Womit im Vorbeigehen gesagt ist, wovon Ängste zu guter Letzt auch handeln - von Erweckungserlebnissen und Erlösungsphantasien.

Wann aber, so ließe sich mit gutem Grund einwenden, hat es je angstfreie Epochen in der Menschheitsgeschichte gegeben, Zeiten ohne Angst vor Schmerz, Sterben und Tod, vor Gott, der Hölle und dem Teufel, vor natürlichen oder vom Menschen gemachten Katastrophen, ohne Angst vor Krankheit, Verbrechen, Verarmung, vor einer ungewissen Zukunft, vor Neuem und Unbekanntem? Angst ist bekanntlich das ursprünglichste, in der Bibel vor allen anderen Emotionen genannte Gefühl. Und Angst ist, wie die Historikerin Joanna Bourke bemerkt, eine in Zeit und Raum vagabundierende Emotion, weitläufiger und intensiver als andere Emotionen. "Angst würfelt Individuen auf ganz unterschiedliche Weise zusammen. Es ist die demokratischste aller Emotionen und betrifft jeden, der über das Risiko seines eigenen Todes nachdenkt." Was wäre, so gesehen, an der Geschichte des Antikommunismus erstaunlich, aufregend und bedenkenswert? Fügen sich die in dieser Zeit aktivierten Emotionen nicht nahtlos in eine universelle Geschichte der Angst? Oder, um die Frage zuzuspitzen: Erscheint vor diesem Hintergrund eine Beschäftigung mit dem Antikommunismus überhaupt sinnvoll? Kann man sich Einsichten jenseits des Erwartbaren erhoffen? Bekanntlich ist es methodisch nicht nur zulässig, sondern bisweilen geradezu zwingend, nach der Normalität im Extrem zu fragen. In anderen Worten: Aus der Analyse des Außeralltäglichen Hinweise auf die Funktionsweisen des Alltags zu gewinnen. Dass der amerikanische Antikommunismus zur Zeit des Kalten Krieges als besonders extreme Variante eines internationalen Phänomens aus dem Rahmen fällt, liegt auf der Hand. Mit dem McCarthyismus wurde nicht nur die längste Phase politischer Repression in den USA eingeleitet, sondern auch ein emotionaler Ausnahmezustand inszeniert, dessen Schleifspuren auch nach Jahrzehnten noch deutlich erkennbar sind. Die Rede ist von einer ideologischen Totalmobilmachung, deren absurde Verstiegenheit für sich selbst spricht. Beispielsweise mussten Hobbyangler, die Mitte der 1950er Jahre im Staat New York ihre Lizenz zum Fischen in regionalen Gewässern beantragten, eine Treueerklärung auf die Verfassung unterschreiben - und damit vermeintlich dokumentieren, dass sie nicht vorhatten, die Brunnen zum Zweck des gesellschaftlichen Umsturzes zu vergiften. Dergleichen Beispiele sind Legion. Sie fügen sich zum Signum eines nervösen Zeitalters, in dem Angst weit mehr war als ein steinerner Gast. Angst und die Suche nach Mitteln zu ihrer Einhegung okkupierten die politische Vorstellungswelt. Kurz: "There was more of it during the Cold War." Wie aber dechiffriert man als Historiker eine Emotion, wie kommt man den Ängsten von Individuen, Gruppen oder gar Kollektiven auf die Spur? Wie erklären wir uns die besondere Verkoppelung von Angst und Antikommunismus im Kalten Krieg? Und was sagt uns das amerikanische Extrem über die vergleichsweise normalen Erscheinungsweisen des Antikommunismus andernorts?

Angst und Freiheitsversprechen



Zunächst verweist das Beispiel des amerikanischen Antikommunismus auf eine für die Geschichte und Historiographie von Emotionen grundsätzliche Überlegung. Was immer Angst im Einzelnen sein mag, sie handelt stets von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. So sehr ihre raumgreifende Dynamik mit den Umständen ihrer Zeit verkoppelt ist, so wenig ist sie allein aus den Umständen dieser Zeit heraus erklärbar: Angst ist - wie andere Gefühle auch - in unterschiedlichen Zeithorizonten verortet, sie verbindet die Gegenwart sowohl mit der Vergangenheit als auch mit der Zukunft. Gespeist von unheilvollen Erinnerungen an zurückliegende Ereignisse, steht Angst für die Erwartung, dass sich ähnliches Unheil unweigerlich wiederholen wird.

Im amerikanischen Fall ist die Urangst des 20. Jahrhunderts mit einem auch in der klinischen Psychologie gebräuchlichen Begriff belegt: "Große Depression". Aus gutem Grund. Die seit 1929 ein Jahrzehnt währende Wirtschaftskrise bricht bis heute alle Negativrekorde. Jede zweite Maschine in der Automobilindustrie, dem Stolz der amerikanischen Industriekultur, musste abgeschaltet werden, zeitweise war die Hälfte aller Amerikaner im arbeitsfähigen Alter un- oder unterbeschäftigt. Die psychischen und moralischen Verwüstungen, die sich hinter diesen und ungezählten anderen Daten verbergen, sind - zumal aus einer europäischen Perspektive - kaum zu ermessen. Bis 1929 hatte das Wort "Krise" oder "Scheitern" keinen Platz in der kulturellen Folklore des Landes. Man kann sich kaum eine Gesellschaft vorstellen, die für einen Rückschlag in der Art der Großen Depression psychisch schlechter hätte vorbereitet sein können - eine Gesellschaft, in der selbst die tiefen Spaltungen zwischen Klassen, "Rassen" und Geschlechtern noch als Potenzial einer gewinnträchtigen Zukunft gedeutet wurden. Nun aber, gleichsam über Nacht, schien der Traum vom ewig währenden Fortschritt und garantierten sozialen Aufstieg an ein unwiderrufliches Ende gekommen zu sein. Die Krise der Wirtschaft wurde als Scheitern einer gesellschaftlichen Utopie gedeutet - als Scheitern der Vision, an die Stelle einer Gesellschaft von haves and have nots eine Gemeinschaft von haves and will haves zu setzen.

Egal, ob man sich aus freien Stücken und scheinbar grundlos ängstigt oder Angstmachern auf den Leim geht, auf Dauer sind dergleichen Ängste weder Einzelnen noch Kollektiven zuträglich. Erstere drohen an ihrer Psyche Schaden zu nehmen, Letztere stoßen an die Grenzen politischer Integration und Kohäsion, wenn der Staat sein ureigenstes Anliegen - nämlich Sicherheit und Freiheit von Angst zu gewährleisten - nicht mehr zu bedienen weiß. Kaum einer hatte diesen Zusammenhang besser verstanden als der damalige Präsident Franklin D. Roosevelt (1933-1945). Und niemand hatte einen griffigeren Gegenentwurf zur Hand als er: "All you have to fear is fear."

"Sicherheit" und "Freiheit vor Furcht" bildeten die semantische Achse der Roosevelt'schen Krisenrhetorik. Sicherheit der Arbeitsplätze, der Märkte, der Finanzwelt, Sicherheit in der Lebensplanung - selbst der traditionelle Entwurf amerikanischer Freiheit, der bekanntlich die Bereitschaft zum Risiko höher als alles andere veranschlagt und im Grunde eine Aussöhnung mit fortwährender Unsicherheit reklamiert, wurde in diesem Sinne umdefiniert. Amerika bietet Sicherheit, so die Rede, weil es frei ist, und diese Freiheit verlangt nach uneingeschränkter Sicherheit. Der besondere Akzent lag auf "uneingeschränkt" - ein Adjektiv mit weit reichenden Implikationen. Denn wie kein anderer vor ihm verklammerte Roosevelt die innen- und außenpolitischen Dimensionen von Sicherheit. Man könnte auch von einer Verflüssigung traditionell scharf gezogener Grenzlinien sprechen. Innenpolitik wird zu einem integralen Bestandteil der Außenpolitik und umgekehrt, Militärstrategie ist von Wirtschafts- und Sozialpolitik nicht mehr zu trennen, kulturelle Identität wird an eine auch jenseits der eigenen Grenzen zu wahrende Sicherheit gekoppelt. Kurz: die Logik des einen definiert die Agenda des anderen, Sicherheit ist nur als unteilbare vorstellbar.

Die ironische Pointe dieser Vision von "universeller Sicherheit" und "totaler Politik" trat erst im Laufe der folgenden Jahrzehnte ins Bewusstsein. So sehr Roosevelt es darauf angelegt hatte, Angst im Begriff der "Sicherheit" ruhig zu stellen, wenn nicht unsichtbar zu machen, so wenig blieb er Herr über die von ihm angestoßene Entwicklung. Im Gegenteil: Trotz des überragenden Sieges im Zweiten Weltkrieg schärfte ausgerechnet die Ausweitung des Sicherheitsversprechens die Sensibilität für reale und imaginierte Unsicherheiten und wurde folglich zum Nährboden neuer und im Wortsinn entgrenzter, maßloser Ängste.

Die Karriere des Begriffs "nationale Sicherheit" illustriert diesen Zusammenhang auf eine bis heute gültige Weise. Im Grunde blieb kein Bereich des politischen und gesellschaftlichen Lebens, keine private oder öffentliche Aktivität ausgespart: Schlechterdings alles war ein Problem "nationaler Sicherheit". Weil Streiks die Rüstungs- und Verteidigungsanstrengungen unterlaufen konnten, bürgerte sich der Begriff der industrial security ein. Weil politische Arbeit mit oder für Minderheiten - beispielsweise zur Rekrutierung schwarzer Wähler - das Bild einer gespaltenen, uneinigen Nation transportierte, trat die Kategorie der "sozialen Sicherheit" in ihrer disziplinierenden Variante in Erscheinung.

Weitere Beispiele erübrigen sich, denn sie illustrieren nur Grundsätzliches - dass "nationale Sicherheit" mittels Prävention und allumfassender Vorsorge zu gewährleisten ist. Diesem Verständnis zufolge müssen Gefahren bekämpft werden, bevor sie konkret geworden sind, muss selbst dann gehandelt werden, wenn es weder schlüssige Vermutungen noch hinreichende Beweise für eine Bedrohung gibt. In anderen Worten: Die Frage ist nicht, ob oder wie wahrscheinlich ein Szenario ist; dass es potenziell vorstellbar ist, gibt den Ausschlag. Folglich scheinen die Risiken des Nichthandelns allemal größer als die Risiken des Handelns. Um noch einmal Cass Sunstein zu zitieren: "Nur oder vor allem dem schlimmstmöglichen Fall wird Beachtung geschenkt, selbst wenn dieser höchst unwahrscheinlich ist."

Seither tritt der Antikommunismus in veränderter Gestalt in Erscheinung - in radikalisierter und substantialisierter Form. "Sie sind überall, in Fabriken, Büros, Metzgereien, an den Straßenecken, in privaten Firmen", meinte der amerikanische Justizminister Tom Clark Ende der 1940er Jahre über kommunistische Schläferzellen. "Und jeder trägt den Keim für den Untergang der Gesellschaft mit sich." "Den Keim für den Untergang der Gesellschaft": Obwohl die Kommunistische Partei der USA zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, sondern im Vergleich zu ihrer Hochphase zehn Jahre früher weniger Mitglieder hatte, galt sie nicht mehr wie ehedem als Störfaktor, wurde sie nicht länger als zwar lästiges, aber im Grunde tolerables Problem behandelt - sondern wie eine unmittelbare und tödliche Bedrohung der Nation. Nicht zufällig war der Alarmismus jener Tage eingewoben in eine nicht enden wollende Litanei über die politische Immunschwäche der liberalen Demokratie und ihre vermeintliche Unfähigkeit, die richtigen Lehren aus den zurückliegenden Katastrophen zu ziehen. Deutlicher hätte man die Selbstzweifel als Voraussetzung einer aggressiven Risikoprävention wohl kaum formulieren können.

Vermutlich wäre diese auf die Spitze getriebene Variante des Antikommunismus ohne den Kalten Krieg eine kurze Episode geblieben und würde aus heutiger Sicht wie eine jener Verirrungen gewertet, die in der Geschichte der USA fast regelmäßig zu Tage treten. Dass dem nicht so war, lag offenkundig an der politischen Konstellation der Zeit. Wer das Prinzip aggressiver Vorsorge als Leitfaden jedweder Politik definierte, musste auf die potenzielle Gefahr einer Kommunistischen Partei hinweisen, die seit 1945 mit einer Weltmacht im Bunde war. Oder kam nicht umhin, die Präsenz sowjetischer Truppen in Osteuropa als Ouvertüre für den Fall Westeuropas und einen Zangengriff auf die USA zu sehen. Dass aber nicht nur ein neues, sondern ein beispielloses Kapitel der Angst aufgeschlagen wurde, hing hauptsächlich mit der Bedrohung durch beispiellose Waffen zusammen - mit Nuklearwaffen, die seit August 1949 bekanntlich auch in der Hand der Sowjetunion waren.

Angst und nukleare Abschreckung



Das Dilemma des Nuklearzeitalters ist oft und hinreichend beschrieben worden: Ausgerechnet von jenen Mitteln, die für die Gewährleistung größtmöglicher Sicherheit aufgeboten wurden, ging die größtmögliche Gefahr aus - die Selbstvernichtung im Falle eines Versagens der Abschreckung. Wirksame Abschreckung aber setzte voraus, dass die Angst vor der Bombe nicht als Verängstigung in Erscheinung trat. Wer glaubwürdig abschrecken wollte, musste den Gegner einschüchtern, verunsichern und ihm dauerhaft Rätsel aufgeben: Nie sollte er ein klares Bild von den eigenen Kapazitäten und Absichten gewinnen, nie gewiss sein, wie weit die Berechenbarkeit seines Gegenübers reichte. So wollte US-Außenminister John Foster Dulles (1953-1959) sein viel zitiertes Diktum über Staatskunst im Nuklearzeitalter verstanden wissen: Wenn nötig, sich dem Abgrund nähern, ohne zum Äußersten entschlossen zu sein, aber die andere Seite rätseln lassen, wo die Grenze zwischen Bluff und Vabanque verlief. Selbst zu Zeiten der Entspannung hatte das Kalkül mit dem Unkalkulierbaren, die Rationalisierung des Irrationalen, einen festen Platz im Inventar der Außenpolitik. Es ging nämlich um den Kern des Politischen: nicht sich selbst, sondern andere abzuschrecken.

An dieser Stelle und mit Blick auf die zeitgleiche Virulenz des Antikommunismus drängt sich das Werk des Sozialphilosophen Günther Anders auf. In seinen Abhandlungen zum Atomzeitalter weist er darauf hin, dass nicht "die gespannte politische Lage den Aufbau der atomaren Apparatur nach sich zieht, sondern umgekehrt, dass der Aufbau der atomaren Apparatur die gespannte politische Lage benötigt und deshalb herstellt". Und dass zweitens die atomare Bedrohung "überschwellig" ist - zu groß, um wahrgenommen oder vorgestellt werden zu können, zu diffus, um greifbar zu sein. Von einer "entmachtenden Übermacht" spricht Anders und meint nicht zuletzt die verwirrende Ortlosigkeit der atomaren Bedrohung: Sie ist universal, kann buchstäblich jeden treffen, überall und jederzeit. Ortlos aber ist das Gegenteil von politisch, es verträgt sich nicht mit dem jedweder Politik eigenen Anliegen - nämlich Problemen einen Ort und eine Adresse zu geben, sie durchschaubar und damit lösbar zu machen und im Zweifel die Welt trennscharf in Freund und Feind zu scheiden. Stattdessen stiftet die atomare Welt eine nicht auflösbare Verwirrung: Gegen wen soll sich Kritik richten, wer ist als verantwortlich zu identifizieren, wenn ausnahmslos alle potenzielle Opfer der absoluten Waffe sind, jener Waffe, die Schuldige wie Unschuldige unterschiedslos in den Abgrund reißt und mithin bei der Verteilung des Risikos keinen Unterschied kennt?

Wer die Frage so stellt, wird im Extrem des amerikanischen Antikommunismus den Versuch erkennen, zur Normalität zurückzukehren. Genauer gesagt das Bemühen, dem Unverstandenen und Unverstehbaren eine klare Kontur zu geben. Die Hysterie der Zeit kannte alle möglichen Schurken: Kommunisten, die angeblich das Außenministerium infiltriert hatten, Agenten im Pentagon und bei den Streitkräften, Aktivisten der "fünften Kolonne", die das öffentliche Leben vergifteten. Im Zentrum aber stand der "Atomspion". Sein geheimes Wirken gab die Antwort auf alle offenen Fragen: Warum die rückständigen Russen auf wundersame Weise in den Besitz der Atombombe gelangt waren, weshalb die Frucht des Sieges im Zweiten Weltkrieg für die USA zum bitteren Lorbeer wurde oder wer Schuld am Ausbruch des Korea-Krieges hatte. Letzteres führte 1951 der Richter im Prozess gegen die Atomspione Ethel und Julius Rosenberg übrigens zur Begründung des Todesurteils an. So skandalös dieses Urteil auch war, es kündet auch von einer bemerkenswerten und dem Geist der Zeit entsprechenden Konsequenz. Im Bild des kommunistischen Spions konnte man dem Ungreifbaren wieder Kontur geben, dem Flüchtigen eine Adresse zuschreiben und das Ortlose endlich wieder verorten. Vielleicht nährte das Todesurteil sogar die Illusion, das verdinglichte Böse buchstäblich aus der Welt schaffen zu können. Sollte dem so gewesen sein, so war die Beruhigung nur von kurzer Dauer. Denn der überhitzte Antikommunismus gab der Politik weiterhin ihren Takt vor - als könnte der ideologische Lärmteppich ein Sedativum gegen tief sitzende und mit anderen Mitteln schwerlich zu beruhigende Ängste sein.

Reales wird fiktiv, Fiktion wird real



In dieser Spielart des Antikommunismus spiegelt sich ein verstörender Wandel in der Wahrnehmung von Welt und Politik. Sie gründet in der Erwartung, dass jederzeit alles möglich ist, dass es in der Phantasie nichts gibt, was die Wirklichkeit nicht einholen oder gar überbieten könnte. So mögen die Physikstudenten an der Universität von Chicago gedacht haben, die sich Mitte der 1950er Jahre weigerten, eine Petition gegen die Aufstellung eines Cola-Automaten in ihrem Fachbereich zu unterschreiben - aus Angst, den Eintrag auf einer Liste mit dem Ausschluss aus der politischen und beruflichen Gemeinschaft bezahlen zu müssen und die Karriere einem Softdrink zu opfern. Das Reale wird fiktiv, die Fiktion findet in der Realität zu ihrer wahren Gestalt - in diesem Sinne bearbeiteten auch Journalisten und Schriftsteller ihre Stoffe.

Von der auflagenstarken Zeitschrift "Collier's" mit dem Leitartikel für ein Sonderheft über den Dritten Weltkrieg gebeten, bestätigte der Drehbuchautor Robert E. Sherwood den Auftrag mit den Worten: "Der Leser sollte erst gar nicht auf die Idee kommen, wieder einmal irgendeine konstruierte Sensationsgeschichte vor sich zu haben, sondern sollte denken: Mein Gott, darum geht es tatsächlich! Genau das kann passieren." Und zwar, wie die Herausgeber in ihrem Editorial ergänzten, "schon morgen." Mittlerweile geeicht auf das Prinzip der kompromisslosen Vorsorge und bewandert in der Phantasie, das zu einem Prozent Mögliche für das hundert Prozent Reale zu halten, sorgten sich Amerikaner am meisten vor einem russischen Überfall, als "der Russe" noch gar nicht über die Mittel zu einem solchen Angriff verfügte.

Zu fragen wäre, ob der Antikommunismus des Kalten Krieges diesen wirklichkeitsfremden und seiner Zeit zugleich nahen Denkstil - den permanenten Rollenwechsel von Fiktion und Realität - nicht über das Ende des Kommunismus hinaus befördert hat. Ob sich die Energien dieser Zeit also mitnichten erschöpft haben, sondern auf neuen Feldern unvermindert weiterwirken. Angesichts der Konjunktur von Verschwörungstheorien scheint die Frage mehr als berechtigt, beziehen diese Theorien ihre suggestive Kraft doch schlicht aus einem Austauschen der Vorzeichen: Nicht dem Feind im Äußeren, sondern der Regierung im Inneren ist jederzeit alles zuzutrauen - dass sie den Überfall auf Pearl Harbour provoziert hat, dass sie mit John F. Kennedy einen ihrer beliebtesten Präsidenten ermorden ließ, dass sie zum Zweck einer rassistisch aufgeladenen Bevölkerungskontrolle das AIDS-Virus in Umlauf brachte oder einen Grund zum Krieg gegen die muslimische Welt suchte und durch die Sprengung der "Twin Towers" am 11. September 2001 selbst herbeiführte.

Man mag dergleichen für den Ausdruck politischer Fieberträume halten. Wenn aber nicht mehr nur ein lunatic fringe, sondern ausweislich diverser Meinungsumfragen in den USA wie in Europa bis zu 30 Prozent der Wahlbürger sich in diesen Fieberträumen einrichten, stehen demokratische Prinzipen auf dem Spiel - vorab der Grundsatz, dass Demokratien nicht allein auf Partizipation, sondern zu gleichen Teilen auf Vertrauen beruhen. Sollte es zwischen gestrigem Antikommunismus und heutigem Verschwörungsdenken eine Geistesverwandtschaft geben, dann fände sich ein Gedanke von vielen Anti-Antikommunisten aufs Neue bestätigt: dass auch bei der berechtigten Bekämpfung von Gegnern und Feinden der Zweck nicht jedes Mittel heiligt. Es sei denn, man nimmt die Beschädigung der eigenen Sache sehenden Auges in Kauf. Genau davon aber handelt die Geschichte des Antikommunismus zur Zeit des Kalten Krieges - diesseits wie jenseits des Atlantiks.

Bernd Greiner

Zur Person

Bernd Greiner

Dr. phil., geb. 1952; Historiker und Politologe, Leiter des Arbeitsbereichs "Theorie und Geschichte der Gewalt" am Hamburger Institut für Sozialforschung, Mittelweg 36, 20148 Hamburg. bernd.greiner@his-online.de


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln