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25.6.2009

Das Ende des Eisernen Vorhangs

Am 27. Juni 1989 durchtrennen die Außenminister Ungarns und Österreichs gemeinsam den Grenzzaun zwischen ihren Ländern. Das Bild geht um die Welt. Wie kam es zu diesem Ereignis?

Der ungarische Außenminister Gyula Horn (rechts) und sein österreichischer Amtskollege durchtrennen am 27. Juni 1989 im ungarischen Sopron den Stacheldraht am gemeinsamen Grenzzaun. (© AP)


Wenige Monate vor dem berühmten Foto: Ungarn im Frühjahr 1989. Es ist die Zeit der so genannten Perestroika. Der mit Gorbatschow in der Sowjetunion einsetzende Wandel hat politische Freiräume geschaffen. In Ungarn ist der Reformprozess schon relativ weit fortgeschritten und so beschließt die Führung in Budapest bereits im Februar 1989, die Grenzanlagen zu Österreich abzutragen. Sie ist politisch nicht mehr zu rechtfertigen, zudem verursacht sie hohe Kosten. Die DDR-Führung nimmt die Entscheidung gelassen. "Offensichtlich verkannte die DDR-Führung die Lage", sagt der Historiker Andreas Oplatka, dessen Buch "Der erste Riss in der Mauer" über die Grenzöffnung in diesem Frühjahr erschienen ist.

Den Worten folgen Taten: Am 2. Mai beginnen Soldaten am wichtigsten Grenzübergang in Richtung Wien den Drahtzaun und das Meldesystem abzubauen. Die Bilder erreichen viele DDR-Bürger mit Westfernsehen noch am gleichen Abend. In Ostberlin macht sich nun doch Unruhe breit. Der DDR-Verteidigungsminister wird nach Budapest geschickt, um die ungarischen Genossen zur Rede zu stellen. Er erhält die beschwichtigende Auskunft, dass die Grenze nach Österreich weiterhin bewacht bleibe.


Als Österreichs Außenminister Alois Mock seinen ungarischen Amtskollegen Gyula Horn zu einem Foto-Termin anregt, um in einem symbolischen Akt den Grenzzaun zu öffnen, muss ein längerer intakter Zaunabschnitt erst gefunden werden. Schließlich einigt man sich auf eine Stelle nahe der ungarischen Stadt Sopron, wo die Politiker vor versammelter Presse mit den Bolzenschneidern den Zaun durchtrennen. "Die Behauptung, die beiden Politiker hätten den Weg für die DDR-Flüchtlinge frei gemacht, ist zweifach falsch", sagt der Historiker Oplatka. "Ende Juni war der Eiserne Vorhang in Ungarn kaum noch existent. Zudem blieb die Grenze streng bewacht."

Nicht leugnen lässt sich aber die Symbolkraft der Bilder, die damals um die Welt gehen: Diesmal sind es keine Soldaten, die den Zaun durchschneiden, sondern Staatsmänner. Das Echo ist gewaltig. Im Sommer 1989 rollt eine ungewöhnlich große Welle mit DDR-Touristen in das Land. Die Ostdeutschen übervölkern die Campingplätze. Notlager werden errichtet. Auch in der westdeutschen Botschaft in Budapest suchen einige Zuflucht. Trotz der andauernden Bewachung der Grenze gelingt mehreren Hundert die Flucht. Der interne Befehl an die Grenzwächter lautet: Waffengebrauch nur im Selbstverteidigungsfall.

Dann kommt der 19. August. Ungarische Oppositionelle wollen im Grenzgebiet zu Österreich ein Fest des Friedens feiern. Ungarn und Österreicher sind gemeinsam zu einem "Paneuropäischen Picknick" eingeladen. Damit die Österreicher an dem Picknick teilnehmen können, soll zeitweise ein altes Grenztor geöffnet werden. Rund 900 DDR-Bürger nutzen die Chance und fliehen ungehindert. Es ist die größte Massenflucht von DDR-Bürgern seit dem Mauerbau.

Dass alles auch hätte anders kommen können, zeigt sich zwei Tage später. Am 21. August erschießt ein junger Grenzsoldat einen Architekten aus Weimar beim Fluchtversuch. Die Ereignisse zwingen Ungarn zu schnellen Entscheidungen. Drei Wochen später, am 11. September, öffnet das Land seine Grenzen und lässt alle DDR-Flüchtlinge in den Westen reisen - ein gewaltiges Loch im Eisernen Vorhang tut sich auf. In den ersten beiden Tagen nach der offiziellen Grenzöffnung reisen etwa 14 000 Ostdeutsche aus. Knapp drei Wochen später, am 30. September, hält Genscher auf dem Balkon der Prager Botschaft seine historische Rede. Gut einen Monat später fällt in Berlin die Mauer.

Nicholas Brautlecht

Zur Person

Nicholas Brautlecht

Nicholas Brautlecht lebt als freier Journalist in Berlin und ist Mitglied des Netzwerks für Osteuropa-Berichterstattung "n-ost". Seine Schwerpunkte sind Außenpolitik, Kultur sowie Gesellschaft und Soziales. Er schreibt unter anderem für die Berliner Zeitung, Frankfurter Rundschau, Reuters und Spiegelonline. Sein Text über die Mauer am 9. November 1989 erschien 2009, er wurde 2018 von Holger Kulick ergänzt.


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