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15.4.2009

Wir leben in friedlicher Koexistenz

Interview mit dem Soziologen Andreas Zick

Auch 20 Jahre nach dem Mauerfall sind die Deutschen kein vereintes Volk: Der Soziologe Andreas Zick über das lange Warten auf blühende Landschaften und das Misstrauen zwischen Ost und West.

Das Sandmännchen des Deutschen Fernsehfunks der DDR und das Sandmännchen des Senders Freies Berlin. (© AP)



Wie steht es 20 Jahre nach dem Mauerfall um die deutsche Einheit, Herr Zick?

Erstens: Der Begriff "Wiedervereinigung" ist zwar positiv gemeint und hat sich auch eingebürgert, er ist aber nicht sinnvoll. Denn faktisch wurde ja nichts wieder-vereint. Nach dem Fall der Mauer sind zwei völlig unterschiedliche Gesellschaftsmodelle zusammengekommen. Die Begriffe "Vereinigung" oder "Beitritt" sind eher angemessen.

Und zweitens?

Zweitens identifizieren sich Ost- und Westdeutsche immer noch mehr mit ihrer Region und weniger mit ihrer Nation. Auch in der gegenseitigen Wahrnehmung zwischen Ost und West gibt es immer noch deutliche Unterschiede. Psychologisch ist das ganz verständlich: Schließlich haben wir 40 Jahre lang in zwei verschiedenen Kulturen gelebt, das wirkt bis heute nach.

Sie selbst haben in Ost- und Westdeutschland gelebt. Was ist schlimmer: Wenn ich Sie Ossi oder Wessi nenne?

Wessi ist nicht so schlimm wie Ossi. Aber beides kann nett gemeint sein, solange man auf gleicher Augenhöhe ist. Aber unsere Daten zeigen, dass wir das nicht sind: 64 Prozent der Ostdeutschen empfinden sich als Bürger zweiter Klasse.

Es wurde doch viel in den Osten investiert, der Lebensstandard dort ist stark gestiegen. Woher rührt dieses Minderwertigkeitsgefühl?

In Ostdeutschland sind immer noch viele Menschen arbeitslos. Sie haben Angst, am Rand der Gesellschaft zu stehen und nicht teilhaben zu können. Dabei war das Benachteiligungsgefühl anfangs gar nicht so stark ausgeprägt. Aber noch heute gilt der Osten als Entwicklungsland. Es gibt den "Aufbau Ost", den Solidaritätszuschlag – wir haben also einen Teil Deutschlands, der besonderer Hilfe bedarf. Und wenn man dort lebt, fühlt man sich eben wie ein Hartz-IV-Empfänger.

Gilt das auch für den ostdeutschen Porschefahrer?

Tatsächlich ja. Im Osten gibt es viele Leute, denen es ökonomisch zwar gut geht, die sich aber dennoch benachteiligt fühlen. Wenn sie dort einen Porsche fahren, können sie immer noch darüber jammern, dass die Straßen dort nicht gut genug sind.

Woher kommt dieser Frust?

Helmut Kohls Versprechen der "blühenden Landschaften" und das Versprechen, das kapitalistische System werde die Lage im Osten ganz schnell verbessern, haben sich negativ ausgewirkt. Wenn die Hoffnung jedoch idealisiert wird und das Ideal der Realität davonläuft, dann setzt Frustration ein.

Was wünscht sich der Rest zurück, der sagt, vor der Wende war es besser?

Die Leute vergessen oder verklären Geschichte so leicht, die massive Kontrolle, Reglementierung, die Stasi. Sehr viele Menschen sagen auch, dass ihnen der gesellschaftliche Wandel zu schnell geht und fühlen sich desorientiert. Das ist ein klassisches Einfallstor für Populisten.

Mehr als 60 Prozent der Ostdeutschen klagen über mangelnde Anerkennung der Westdeutschen.

Da ist ein großes Bedürfnis, die Leistungen und Opfer für die Einheit mehr gewürdigt zu sehen. Das ist ein Zwei-Klassen-System: Die einen sind oben und die anderen stehen etwas darunter, und das sind die Ostdeutschen.

Gibt es denn Themen, wo wir einig sind?

Gerade aktuell in der Sorge um die Zukunft: In der wirtschaftlichen Krise rücken Ost und West ganz nah zusammen.

Ist die Krise also eine Chance für eine gesellschaftliche Einheit?

Vielleicht kann es den Effekt haben, wenn wir ähnliche Probleme gemeinsam bewältigen. Doch was passiert, wenn Eisenach gefördert wird und Bochum nicht, dann wird die Frage nach dem Solidaritätspakt laut.

Können wir in Bezug auf die Einheit vielleicht von anderen Ländern lernen?

In England gibt es eine Reihe von Studien, die besagen, dass die meisten Konflikte in Irland und Nordirland auf mangelndem Vertrauen beruhen. Vertrauensbildende Maßnahmen sind also ein gutes Vereinigungsinstrument.

Der Umzug der Regierung nach Berlin, war ein Einheitsymbol vor allem für das Ausland. Ist Bundeskanzlerin Angela Merkel, die in der DDR aufwuchs, ein Einheitssymbol für die Deutschen?

Ich glaube ja. Sie ist eine größere Kanzlerin der Einheit, als es Kohl gewesen ist, und wird auch als solche wahrgenommen und zitiert. Merkel hält die Ostthemen hoch. Auch Bundesminister Wolfgang Tiefensee vermittelt in seinen Reden zum Tag der Deutschen Einheit gut die Alltagsrealitäten und Verbesserungen in Ost wie in West; er spricht immer über beide Seiten ausgleichend. Ein gutes Symbol wäre vielleicht auch, die Einheitsfeiern am dritten Oktober viel stärker in der Lokalpolitik zu verorten. Sodass wir auch in Ostwestfalen merken, dieser Tag ist ein Einheitstag.

War der Beitritt des Ostens auch eine Chance für den Westen?

Einige Studien zeigen, dass die Einheit dem Westen am Anfang erst mal einen Selbstwert beschert hat. Dort waren eben die Bürger "erster Klasse". Der Westen hat sich als Unterstützer erleben können, auch wenn es inzwischen viel Kritik um den Soli-Zuschlag gab. Jetzt aber gibt es Regionen im Westen, die durch die massiven Kosten der Einheit nun in einer ähnlich desolaten Situation sind, wie Teile des Ostens. Auch der Westen hat dazugelernt: Einige kleinere Gemeinden in Westdeutschland pflegen Partnerschaften zu Ostkommunen. Sie haben deren Eigeninitiative beobachtet und davon gelernt, wie die Bürger in den neuen Bundesländern Alltagsprobleme selber lösen.

Ost-West-Freundschaften gibt es allerdings kaum, wie sie herausgefunden haben. Die negativen Stereotype verhärten sich demnach immer weiter.

Stereotype verhärten sich in dem Ausmaß, wie wir nur zusammen leben, aber keinen Kontakt haben. Wir leben praktisch in ökonomisch friedlicher Koexistenz. Wir können da von der Integration der Ausländer lernen: Unser Bild von Türken und Italienern im Westen hat sich ebenfalls durch Kontakte verbessert. Das Wissen um die Sorgen, die Ängste, aber auch die positiven Seiten des Alltages der anderen baut Vorurteile ab.

In ihrer Studie haben sie auch die Rollenklischees hinterfragt. Im Osten gibt es demnach die selbstbewussteren Frauen und weniger Machos.

Im Osten war eben die Gleichberechtigung der Frau weiter fortgeschritten – etwa im Berufsleben und in der Kindesbetreuung. Allerdings wurde diese Gleichstellung mit dem Beitritt zum Westen infrage gestellt, viele Frauen verloren nach der Wende ihren Job. Das war ein Werteumbruch.

Was erwarten sie sich vom 20. Geburtstagsjahr des vereinigten Deutschlands?

Es ist eine Chance, sich über den Zustand der Gesellschaft und die noch vorhandene gesellschaftliche Teilung zu verständigen. Der Osten fühlt sich immer noch zu stark benachteiligt, da muss man was tun.

Wie lange werden wir auf eine echte Einheit noch warten müssen?

In zwanzig Jahren werden wir eine Generation von Menschen haben, die sich als Europäer verstehen. Die Fragen gestellt haben über die nationalsozialistische Vergangenheit, Stasi, Sozialismus und Kontrolle und die daraus gelernt haben. Ich wünsche mir weniger Autoritarismus in Ost wie in West.

Also mehr Selbstdenker?

Genau. Menschen, die nicht verstehen, wie man 2009 so große Unterschiede zwischen Minderheiten und Mehrheiten gemacht hat.


Das Interview führte Patricia Dudeck. (Quelle: Fluter)
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