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6.8.2010

Der Niedriglohnsektor in Ost- und Westdeutschland

Etwa 20 Prozent der Vollzeitbeschäftigten arbeiten in Ost und West zu Niedriglöhnen. Sind Frauen stärker betroffen als Männer? Und in welchen Branchen werden besonders viele Niedriglöhner beschäftigt?

Über 70 Prozent der Beschäftigten im Friseurhandwerk arbeiten zu Niedriglöhnen. (© AP)


1. Niedriglohngebiet Ostdeutschland – ein teuer erkaufter Wettbewerbsvorteil



Während Deutschland bis Mitte der 1990er Jahre für seine ausgeglichene Einkommensstruktur bekannt war, ist der Anteil der Niedriglohnbeschäftigung seit Mitte der 1990er Jahre deutlich gestiegen (Kalina/Weinkopf 2006, 2008a und b; Bosch/Kalina 2007). Dabei hat sich die Zahl der Empfänger von Niedriglöhnen in Ost- und Westdeutschland unterschiedlich entwickelt. Dass die Quote der Geringverdiener in Ostdeutschland stärker anstieg, lässt sich wesentlich mit Langzeitfolgen des ökonomischen Strukturwandels erklären, der dem Zusammenbruch der DDR folgte. Nach wie vor wird die Wettbewerbsfähigkeit ostdeutscher Unternehmen in entscheidendem Maße durch niedrig gehaltene Arbeitskosten herbeigeführt. Ausschlaggebend für die von ostdeutschen Unternehmen erzielten preislichen Wettbewerbsvorteile war laut dem Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) "die Mäßigung bei der Angleichung der Tariflöhne nach dem Scheitern der raschen Angleichungsstrategie, vor allem aber das Unterlaufen der Tarifbindung durch die Unternehmen" (IWH 2009, S. 49).

2. Die innerdeutsche Schere bei Geringverdienern öffnet sich weiter



Nachdem sich der Niedriglohnanteil unter den sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten in Westdeutschland bis Mitte der 90er Jahre auf 14,2 Prozent verringert hatte, ist seitdem ein kontinuierlicher Anstieg auf mittlerweile knapp 19,5 Prozent erfolgt (vgl. Diagramm "Anteil der Niedriglohnbeschäftigten unter sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten"). In Ostdeutschland lag der Niedriglohnanteil zu Beginn der 90er Jahre (1992) mit 10,6 Prozent noch deutlich unter dem westdeutschen Wert. Durch den stärkeren Anstieg der Niedriglohnbeschäftigung waren im Jahr 2007 in Ostdeutschland mit 20,1 Prozent mittlerweile mehr Beschäftigte von Niedriglöhnen betroffen als in Westdeutschland, wo sich im gleichen Jahr ihr Anteil auf 19,5 Prozent belief.

Anteil der Niedriglohnbeschäftigten unter sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten in den Jahren 1980 bis 2007. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)



Der Niedriglohnbereich wird hierbei definiert als solche Brutto-Monatslöhne, die unterhalb von zwei Dritteln des Medians [1] liegen, d.h. die Betroffenen verdienen demzufolge in Westdeutschland weniger als 1.799 Euro im Monat und in Ostdeutschland weniger als 1.331 Euro monatlich (Schwellenwerte jeweils für 2007). Würden wir eine gesamtdeutsche Niedriglohnschwelle berechnen, läge diese bei 1.715 Euro. In Ostdeutschland würden für das Jahr 2007 dann 38 Prozent der Beschäftigten unter dieser Schwelle liegen, d.h. der Niedriglohnanteil wäre fast doppelt so hoch wie bei der Verwendung getrennter Niedriglohnschwellen (vgl. Tabelle "Niedriglohnschwellen und Anteile von Niedriglohnbeschäftigten").

3. Gründe für die wachsende Zahl von Geringverdienern



Wie konnte es zu solch einem starken Anstieg der Niedriglohnbeschäftigung kommen? Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit, vor allem nach der Wiedervereinigung, hatten Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt eine schwache Verhandlungsposition. Der Rückgang der Tarifbindung – in Westdeutschland war im Jahr 2008 etwa jeder dritte Betrieb (34 Prozent), in Ostdeutschland hingegen nur gut jeder fünfte Betrieb (21 Prozent – Zahlenangaben nach IWH 2009, S. 51) an eine Tarifregelung gebunden – hat die Ausweitung der Niedriglohnbeschäftigung ebenfalls begünstigt. Vor allem durch die Auslagerung von Unternehmensteilen an andere Unternehmen, die nicht tarifgebunden sind, versuchen Unternehmen Kosten zu sparen. Sie erhöhen gleichzeitig den Druck auf die Stammbeschäftigten, Zugeständnisse bei Löhnen, bei Sonderzahlungen oder bei der Arbeitszeit zu machen. Durch die Verlagerung der Beschäftigung zum Dienstleistungssektor hat sich die Beschäftigung von Frauen ausgeweitet. Ein Teil dieser Verlagerung war mit dem Rückgang von Vollzeittätigkeiten und der Ausweitung von Minijobs verbunden, die durch eine unterdurchschnittliche Bezahlung gekennzeichnet sind.

Strukturmerkmale von Niedriglohnbeschäftigten (Vollzeitbeschäftigte). (© bpb)




4. Wer ist besonders betroffen?



Ein besonders hohes Niedriglohnrisiko haben gering Qualifizierte, Frauen, Jüngere und Ausländer/innen. Der Großteil der Niedriglohnbeschäftigten hat allerdings eine abgeschlossene Berufsausbildung, stammt aus den mittleren Altersgruppen und ist deutscher Nationalität (vgl. Tabelle "Strukturmerkmale von Niedriglohnbeschäftigten"). In Ostdeutschland machen Beschäftigte mit abgeschlossener Berufsausbildung mit über 89 Prozent einen noch größeren Anteil des Niedriglohnsektors aus als in Deutschland insgesamt. Hier spiegelt sich das höhere Qualifikationsniveau der ostdeutschen Beschäftigten wider. Der Anteil der Qualifizierten am gesamten Niedriglohnbereich hat sich im Zeitverlauf deutlich erhöht. Als ein Einflussfaktor auf diese Entwicklung kann die Hartz-Gesetzgebung angesehen werden, die den Druck auf Arbeitslose erhöht hat, Tätigkeiten unterhalb ihres Qualifikationsniveaus anzunehmen.

Strukturmerkmale von Niedriglohnbeschäftigten (alle Beschäftigten). (© bpb)


Mit 27,4 Prozent arbeitet in Ostdeutschland mehr als jede vierte aller erwerbstätigen Frauen im Niedriglohnbereich. Damit ist das Niedriglohnrisiko unter Frauen in Ostdeutschland geringer als in Deutschland insgesamt. Für Männer ist es mit 14,6 Prozent hingegen dort höher. Hintergrund könnte eine höhere Erwerbsbeteiligung ostdeutscher Frauen – vor allem auch im Status der Vollzeitbeschäftigung – sein.

Anteil der Niedriglohnbeschäftigten nach aggregierten Wirtschaftsgruppen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Bezieht man Teilzeitbeschäftigte in die Analyse mit ein, so zeigt sich, dass gut 86 Prozent aller Minijobber/innen von Niedriglöhnen betroffen sind. Knapp die Hälfte aller Niedriglohnbeschäftigten (47 Prozent) arbeitet allerdings in Vollzeit. Insgesamt konzentrieren sich Niedriglöhne also nicht auf den Bereich atypischer Beschäftigungsformen, sondern betreffen häufig qualifizierte Erwerbstätige mittleren Alters in Vollzeitbeschäftigung und damit den Kernbereich des deutschen Beschäftigungssystems.

Besonders im Gastgewerbe, in privaten Haushalten und bei sonstigen Dienstleistungen (unter anderem Wäschereien und Friseursalons) ist mit über 70 Prozent ein Großteil der Beschäftigten zu Niedriglöhnen tätig (vgl. Diagramm "Anteil der Niedriglohnbeschäftigten nach aggregierten Wirtschaftsgruppen"). Weitere Branchen mit hohen Niedriglohnanteilen sind die Landwirtschaft, die Nahrungs- und Genussmittelherstellung, der Einzelhandel und die unternehmensnahen Dienstleistungen (unter anderem das Reinigungsgewerbe und Zeitarbeit). Mit Ausnahme des Reinigungsgewerbes, der Großwäschereien und der Zeitarbeit gibt es keine Bestrebungen, der geringen Entlohnung durch branchenbezogene Mindestlöhne entgegenzuwirken.

Die Chancen, aus dem Niedriglohnbereich in besser bezahlte Beschäftigungsverhältnisse aufzusteigen, sind sehr gering und haben sich im Zeitverlauf noch verschlechtert. Ende der 80er Jahre gelang es immerhin noch über 18 Prozent der Niedriglohnbeschäftigten im nächstfolgenden Jahr einen besser entlohnten Job zu finden. Zwischen 2005 und 2006 gelang dies nur noch 10,5 Prozent der Niedriglohnbeschäftigten. [2] Die Chancen, aus dem Niedriglohnsektor aufzusteigen, sind in Ostdeutschland etwas schlechter als in Westdeutschland. Niedriglohnjobs dienen nicht als Einstieg in besser bezahlte Tätigkeiten. Viel häufiger sind Wechsel zwischen Niedriglohnbeschäftigung, Arbeitslosigkeit und Nicht-Erwerbstätigkeit (vgl. Kalina 2008).


Niedriglohnschwellen und Anteile von Niedriglohnbeschäftigten (Vollzeit) im Jahr 2007
Variante I: Einheitliche Niedriglohn-
schwelle
Variante II: Separate Ost-West-
Berechnung
Niedriglohnschwelle
(zwei Drittel des Medians, Vollzeit brutto)
1.715 € Westdeutschland: 1.799 €
Ostdeutschland: 1.331 €
Niedriglohn-
anteil
Westdeutschland 17,4 % 19,5 %
Ostdeutschland 38,0 % 20,1 %
Deutschland gesamt 21,2 % 19,6 %
Quelle: BA-Beschäftigtenpanel, IAQ-Berechnungen


Literaturhinweise


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Fußnoten

1.
Der Median teilt die Einkommensverteilung in der Mitte, so dass 50 Prozent aller Einkommensbezieher unter und 50 Prozent über diesem Wert liegen.
2.
Diese Langfristbetrachtung bezieht sich nur auf Westdeutschland.

Thorsten Kalina / Claudia Weinkopf

Thorsten Kalina/Claudia Weinkopf Zur Person

Thorsten Kalina / Claudia Weinkopf

Thorsten Kalina, geboren 1971. Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsabteilung "Flexibilität und Sicherheit" (FLEX) am Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Forschungsfelder: Arbeitsmarktforschung, Niedriglohnsektor, Beschäftigung gering Qualifizierter.

Claudia Weinkopf, geboren 1963. Stellvertretende Geschäftsführende Direktorin des IAQ und Leiterin der Forschungsabteilung "Flexibilität und Sicherheit". Forschungsgebiete: Arbeitsmarkt und Beschäftigung, Personalpolitik, Niedrig- und Mindestlöhne, Gender. Publikation: Germany: Precarious employment and the rise of mini-jobs. In: Vosko, Leah/MacDonald, Martha/ Campbell, Ian (eds.): Gender and the Contours of Precarious Employment. London 2009: Routledge: 177-193.


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