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29.11.2010

Ein langer Weg

Anpassungsprobleme in der ostdeutschen Unternehmenslandschaft
Von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft: Innerhalb kürzester Zeit mussten sich die Betriebe und Unternehmen in Ostdeutschland den neuen Bedingungen anpassen. Diese Umwandlung führte zu dramatischen Verschiebungen der Eigentümerstruktur.

Viele Verbraucher in den neuen Ländern bevorzugen "Ostprodukte". (© AP)



Fakten



Als vor fast 20 Jahren die Bundesrepublik die Volkwirtschaft der DDR "erbte", kam es zur Umwandlung (Transformation) der damaligen DDR-Planwirtschaft zu einer Marktwirtschaft. Eine wesentliche Voraussetzung hierfür war die Privatisierung der ehemaligen Volkseigenen Betriebe (VEB), die als Transformation "von oben" ("top down") umgesetzt wurde. Parallel hierzu fand eine große Anzahl von Gründungen neuer Unternehmen statt; diese Transformation geschah, spiegelbildlich gesehen, "von unten" ("bottom up").

1. Transformation "von oben"



Die Organisation der Privatisierung staatlicher DDR-Betriebe oblag der noch zu DDR-Zeiten gegründeten Treuhandanstalt. Ziel war es, die VEB der DDR nach den Grundsätzen einer Marktwirtschaft zu privatisieren und so die "Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu sichern" (§ 8 Treuhandgesetz) oder, sofern dies nicht möglich war, die betreffenden Betriebe stillzulegen. Die Praxis der Treuhandanstalt stütze sich auf die von Detlev Karsten Rohwedder, ihrem zweiten Präsidenten, formulierte Leitlinie: "Schnelle Privatisierung, entschlossene Sanierung, behutsame Stilllegung".


Am 1. Juli 1990 waren der Treuhandanstalt etwa 8.500 Betriebe mit mehr als 4 Millionen Beschäftigten unterstellt. Durch die Entflechtung von Kombinaten stieg die Zahl der Betriebe mit der Zeit zunächst noch deutlich an. Bis zur Selbstauflösung der Treuhand am 31. Dezember 1994 wurden 8.134 Betriebe an private Investoren veräußert oder reprivatisiert, ferner 310 Betriebe in kommunale Hände überführt und 3.718 Betriebe stillgelegt. Die hohe Anzahl der Schließungen war sowohl auf das Erbe der sozialistischen Planwirtschaft wie auch auf die dramatisch geänderten Rahmenbedingungen zurückzuführen. Als erklärende Faktoren sind hier insbesondere zu nennen: Während zur Zeit der DDR zwei Drittel der ostdeutschen Exporte in andere osteuropäische Länder des ehemaligen RGW (= Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) gingen, zogen die Preise der ostdeutschen Produkte mit der deutschen Währungsunion zum 1. Juli 1990 drastisch an. Dies führte dazu, dass die Absatzmärkte innerhalb der RGW wegbrachen. Zudem erschwerte die negative Reputation vieler ostdeutscher Produkte, denen der Ruf minderer Qualität anhing, den Absatz auf dem ostdeutschen Markt. Daher verloren viele ostdeutsche Unternehmen ihren gesamten Kundenstamm und waren gezwungen, neue Geschäftsbeziehungen zu Kunden und Lieferanten aufzubauen. Diese Faktoren führten insgesamt dazu, dass die Transformation "von oben" mit einem immensen Arbeitsplatzabbau einherging.

2. Transformation "von unten"



Neben der Umstrukturierung der DDR-Altbetriebe "von oben" fand auch eine Transformation "von unten" statt. Hierbei handelte es sich um die Gründung neuer Unternehmen. Diese Unternehmen fanden in den frühen 1990er Jahren günstige Ausgangsbedingungen vor, da in der Frühphase der Transformation nur relativ wenige Anbieter vorhanden waren. Trotz dieser vorteilhaften Ausgangssituation (siehe Item "Von (fast) Null auf Hundert - Selbstständigkeit nach der Wiedervereinigung") hatten ostdeutsche Neugründungen jedoch oftmals mit Problemlagen zu kämpfen, die denen der Altbetriebe nicht unähnlich waren.

Ein wesentliches Problem ostdeutscher Gründer waren mangelnde Kenntnisse und Erfahrungen mit den Anforderungen einer Marktwirtschaft. Vor allem fehlende Fertigkeiten im Managementbereich stellten ein Wachstumshemmnis dar (Wyrwich, 2010) und erhöhten das Risiko des Scheiterns (Hinz und Wilsdorf, 1999). Außerdem verfügten ostdeutsche Gründer in der Regel über nur geringes Eigenkapital. Die mangelnde Ausstattung mit Eigenkapital vieler Ostdeutscher lässt sich u.a. anhand des soziökonomischen Panels (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in einem Ost-West Vergleich, vor allem für die frühen 1990er Jahre, zeigen. [1]

3. Fazit



Alles in allem ist festzuhalten, dass sowohl die Transformation "von oben" als auch die Transformation "von unten" mit spezifischen Problemen verbunden waren. Beide Entwicklungen führten zu dramatischen Verschiebungen der Eigentümerstruktur. Während gegen Ende der DDR nahezu alle Beschäftigten in staatlichen Großbetrieben tätig waren, belief sich der Anteil der in DDR-Altbetrieben Beschäftigten im Jahr 2000 auf weniger als 35 Prozent (alte DDR-Staatsbetriebe).

Die durch die Transformation "von unten" geschaffenen Arbeitsplätze konnten die mit der Transformation "von oben" verbundenen Arbeitsplatzverluste während der ersten zwei Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der DDR nicht ausgleichen. Trotz massiver Abwanderungen von Arbeitskräften ist die Arbeitslosenquote im Gebiet der ehemaligen DDR im Jahr 2009 immer noch doppelt so hoch wie in den alten Bundesländern.

Entwicklung des Anteils an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Durch den massiven Arbeitsplatzabbau in den Altbetrieben und aufgrund des "Kleinbleibens" vieler Gründungen besteht die ostdeutsche Wirtschaft heute fast ausschließlich aus kleinen und mittelgroßen Unternehmen. Großunternehmen fehlen weitestgehend. Die Unternehmenszentralen sind nach wie vor fast ausnahmslos in Westdeutschland angesiedelt. Nur wenige Unternehmen sind exportorientiert. Was einerseits ein Anzeichen für mangelnde Wettbewerbsfähigkeit ist, stellt andererseits einen Vorteil dar, da ostdeutsche Unternehmen durch die Fokussierung auf lokale Märkte die Folgen einer Krise der Weltmärkte im Durchschnitt besser abfedern können.

Literaturhinweise

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
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Fußnoten

1.
Beim SOEP handelt es sich um eine jährlich wiederholte Befragung eines festen Personenstamm zu verschiedenen soziökonomischen Aspekten.

Michael Fritsch / Michael Wyrwich / Yvonne Schindele

Zur Person

Michael Fritsch / Michael Wyrwich / Yvonne Schindele

Prof. Dr. Michael Fritsch ist Professor für Unternehmensentwicklung, Innovation und wirtschaftlichen Wandel an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Leiter des Projektbereichs Arbeitsmarktforschung am SFB 580 Jena/Halle.

Dipl. Vw. Michael Wyrwich ist Mitarbeiter am Projektbereich Arbeitsmarktforschung am SFB 580 Jena/Halle.

Dipl. Vw. Yvonne Schindele ist Mitarbeiterin am SFB 580 Jena/Halle.


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