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30.3.2010

Abschied vom Wachstum

Perspektiven und Probleme des Bevölkerungsrückgangs
Rückgang der Bevölkerung, leere Wohnungen, Rückbau der Infrastruktur: Im Osten Deutschlands haben bereits jetzt Schrumpfungsprozesse eingesetzt, die bald auch Teile des Westens treffen werden. In Zukunft werden regionale Unterschiede in Deutschland zunehmen.

Hoyerswerda, Lange Straße: In der einst "jüngsten Stadt der DDR" werden laut Prognosen um das Jahr 2015 die Hälfte der Einwohner Rentner sein. (© Wikimedia)


Fakten



Ein weiterer Rückgang der Bevölkerung und ein Rückbau von Infrastruktur-Einrichtungen und öffentlichen Versorgungsangeboten in unterschiedlichen Bereichen werden das öffentliche Leben in Ostdeutschland in den nächsten Jahren bestimmen. Diese Entwicklungen werden jedoch nicht auf den Osten beschränkt bleiben, sondern hier werden in größerem Maßstab Schrumpfungsprozesse sichtbar, die in fernerer Zukunft auch den Westen Deutschlands treffen werden.

1. Schrumpfung als Problem – nicht nur Ostdeutschlands



Ostdeutschland kann als Abwanderungsregion mit einer jahrzehntelangen Geschichte angesehen werden. Im Weiteren geht es darum, Folgen dieser negativen Bevölkerungsentwicklung darzustellen und Prognosen aufzugreifen.

Bevölkerungsveränderung nach Ursachen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)



Die Gesellschaft Ostdeutschlands wird durch Mobilität und Geburtenrückgang geprägt. Kennzeichnende Merkmale der Bevölkerungsveränderungen sind die Abwanderung jüngerer Personen, der gehäufte Fortzug von Frauen und ein unterschiedlicher Problemdruck in einzelnen Gebieten.

Die Veränderung im Bevölkerungsstand wird für die überwiegende Anzahl der ostdeutschen Landkreise durch die Kombination von Wanderungsverlusten und Sterbeüberschüssen bewirkt. Geburtenüberschüsse und Mobilitätsgewinne können nur in einigen Städten (beispielsweise Jena, Dresden und Potsdam) und angrenzenden Landkreisen beobachtet werden. Zudem werden derartige Wanderungsgewinne zu Lasten des angrenzenden Umlands erzielt. Das bedeutet, Ostdeutschland wird überwiegend durch eine ungünstige demografische Situation geprägt. Ein Extremfall ist Hoyerswerda: Die einst "jüngste Stadt der DDR" wird Prognosen zufolge um 2015 zur Hälfte von Rentnern bewohnt sein (Hannemann 2003, S. 16). Der Geograf Andreas Peter schreibt am Beispiel Hoyerswerda von einer "regelrechten Bevölkerungsimplosion", bei der die Zahl der Kinder unter 18 Jahren allein im Zeitraum 1991 bis 2003 um 59 Prozent gefallen ist (2009, S. 96 ff.).

Besonders ausgeprägt ist der Frauenmangel in der jüngeren Generation der 18- bis 29-Jährigen. So gibt es ganze Landstriche in Ostdeutschland, in denen der Frauenanteil in dieser Altersgruppe weniger als 82 Prozent der Anzahl der Männer beträgt. In Westdeutschland existieren bislang nur zwei Regionen, die vergleichbare Verzerrungen aufweisen. Schätzungen der Alters- und Geschlechtseffekte der Binnenwanderung zwischen den Bundesländern gehen davon aus, dass ohne Mobilität die Geburtenzahl für Ostdeutschland im Zeitraum 1991-2004 um 12,3 Prozent höher, in den alten Bundesländern hingegen um 1,3 Prozent niedriger gelegen hätte (Mai/Scharein 2009, S. 97).

Die jetzt schon beobachtbaren Folgen dieser demografischen Prozesse in Ostdeutschland wirken sich auf das gesamte Zusammenleben und den sozialen Zusammenhalt in den betroffenen Gebieten aus. Einige Schlaglichter vermitteln die Größenordnung der Probleme:

Anzahl der Frauen je 100 Männer. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Probleme, die mit Schrumpfungsprozessen einhergehen


Diese unterschiedlichen Faktoren von Bevölkerungsrückgang, Mobilität und zugrundeliegenden wirtschaftlichen Ursachen – fehlenden Arbeitsmöglichkeiten in Ostdeutschland und einem Lohngefälle zwischen Ost und West – wirken einander verstärkend zusammen. Aus diesem Zusammenwirken ergeben sich negative Rückkoppelungen. Gesprochen wird auch von einer "Abwärtsspirale", die sich am Beispiel der Schulen folgendermaßen verdeutlichen lässt: "Schwindet die kleine Schule aus dem Ort, verliert er schlagartig an Interesse für junge Familien. [...] Regionen, die ihre Schulen schließen, folgen zwar voll guter Absicht der Notwendigkeit zu sparen – zugleich aber verstärken sie selbst den Sog, der ihre ländlichen Regionen dräniert. Sie beschleunigen einen Teufelskreis: Je mehr Schulen aus der Peripherie verschwinden, desto mehr Familien mit Kindern gehen, und desto mehr Schulen müssen geschlossen werden" (Weber/Klingholz 2009, S. 30).

Drohende Abwärtsspirale in schrumpfenden Städten. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Ähnlich wie der Bevölkerungswissenschaftler Ralf Mai (2004a, S. 77) kommt auch die Deutsche Bank in einem Gutachten zu den weiteren Perspektiven in Ostdeutschland zu dem Schluss, dass die alternde und schrumpfende Bevölkerung drastische Auswirkungen auf das wirtschaftliche Wachstumspotenzial haben werde (DB Research 2004, S. 38). Es gäbe aus demografischen Gründen "kaum Chancen auf eine Verringerung des Ost-West-Abstandes".

Demographisch bedingte Tragfähigkeitsprobleme. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Aus regionalpolitischer Sicht wird diese Situation mit dem Ausdruck beschrieben, dass sich in verschiedenen ostdeutschen Regionen verstärkt Probleme der "Tragfähigkeit" zeigen werden (Raumordnungsbericht 2005, S. 110). Insbesondere in "peripheren Regionen" des ländlichen Raumes wird es schwieriger werden, eine einheitliche Versorgung der Bevölkerung weiterhin zu garantieren. Das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung hat Prognosen der weiteren Entwicklung für die Bundesrepublik im Zeitraum bis 2020 erstellt. Demnach werden sich Probleme der Tragfähigkeit in allen ostdeutschen Bundesländern zeigen. Doch die grafische Darstellung der Prognosen verdeutlicht, dass es sich nicht um ein Problem handeln wird, das nur den Osten betrifft. Deutlich überdurchschnittliche Tragfähigkeitsprobleme werden sich voraussichtlich auch im Westen Deutschlands für größere Teile Schleswig-Holsteins, Niedersachsens, Hessens und Bayerns ergeben.

Eine solche Ausweitung der Probleme gen Westen veranschaulicht überdies die Landkarte der prognostizierten Bevölkerungsentwicklung bis zum Jahr 2020. Demzufolge nimmt der Osten den Trend der schrumpfenden Bevölkerungsbasis lediglich vorweg, der auch in manchen westdeutschen Bundesländern mit "altindustrialisierten und ländlichen Räumen" bestimmend werden wird (Raumordnungsbericht 2005, S. 110). Christine Hannemann beschreibt das mit der Redewendung: "Hoyerswerda ist überall" (2003, S. 16).

Prognostizierte Veränderung der Bevölkerungszahl. (© bpb)


2. Statt Konvergenz Divergenzen



Für die weitere regionale Entwicklung ist es wahrscheinlich, dass die Unterschiede zunehmen werden - beginnend in den ostdeutschen Bundesländern, aber langfristig übergreifend auf ganz Deutschland. Schon jetzt zeichnet sich eine Entleerung ländlicher Gebiete und ein Schrumpfen der Städte ab (Raumordnungsbericht 2005, S. 32).

Die regionalen Unterschiede in Ostdeutschland werden zunehmen (Mai 2004a, S. 233ff.). Denn es ist einerseits abzusehen, dass die Bevölkerung strukturschwacher Städte und ländlicher Räume weiterhin schrumpfen wird. Doch andererseits wird diese Entwicklung auch in Ostdeutschland zu regionalen Wanderungsgewinner führen, weil ein Gefälle von den peripheren, strukturschwachen Räumen hin zu den Verdichtungsräumen zu beobachten ist. "Es werden sich verstärkt Gewinner-/Verlierer-Muster herausbilden, die kleinräumig sind und nah beieinander liegen" (Mai 2004a. S. 235). Und vermutlich werden einige, wenige Regionen durchaus Anschluss an westdeutsche Vergleichsgebiete gewinnen. Hierzu werden voraussichtlich die Städte Leipzig, Jena, Erfurt, Potsdam und Dresden samt dem jeweiligen Umland gehören.

Über die Folgen dieser Entwicklungen wird bislang nur zaghaft diskutiert. Radikale (und derzeit wie künftig vermutlich nicht mehrheitsfähige) Vorschläge gehen so weit, dass es ehrlich und konsequent wäre, periphere Gebiete "aufzugeben", d.h. dort nur noch Mindeststandards an Versorgung aufrecht zu halten, ansonsten aber keine weitere aktive Regionalentwicklung mehr zu betreiben (Weber/Klingholz 2009).

Deutschland ist über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahrhunderten durch Wachstum und steigende Bevölkerungszahlen geprägt worden. Die Erschließung – und nicht die Aufgabe – von Gebieten stand auf der politischen Tagesordnung. Angesichts dieses Erfahrungshintergrundes stellen die Schrumpfungsprozesse, die in Ostdeutschland, aufgrund des dort gegebenen Problemzusammenhangs von demografischer Entwicklung und wirtschaftlicher Schwäche, sichtbar werden, sowohl die Betroffenen als auch die verantwortlich handelnden Akteure vor völlig ungewohnte Herausforderungen.

Literaturhinweise

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Bernd Martens

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Bernd Martens

Geboren 1955; wissenschaftlicher Mitarbeiter im SFB 580 Halle/Jena. Schwerpunkte: Managementsoziologie und empirische Forschungsmethoden.


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