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18.10.2011

"Das ist meine Welt! Da muss ich hin!"

Von Kind auf Europäer: Selahattin Biner

Selahattin Biner kam aus einer kleinen Stadt in der Nähe von Edirne in der Türkei. Er war ausgebildeter Modellschreiner und ging 1964 mit zwei Freunden als Gastarbeiter nach Deutschland. Beinahe ein halbes Jahrhundert später haben seine Frau und er nach der zweiten in Deutschland noch eine dritte Heimat gefunden.

Das Ehepaar Biner vor seiner ersten gemeinsamen Wohnung in München.



Dieser Text ist ein Ausschnitt aus der bpb-Publikation Auf Zeit. Für immer., Oktober 2011.
Seine Familie hat es immer geahnt: Schon als er von den Anzeigen am Schwarzen Brett seiner Schule erzählt, schärfen Vater und Bruder ihm ein: "Guter Junge, wir wissen ja, wie gerne du reist. Aber wenn du nach Deutschland gehst, dann musst du dort Geld verdienen. Und sparen, dass du dir ein schönes Haus auf einem schönen Grundstück in der Türkei leisten kannst!"

"Ja, ja", erwiderte der Abenteuerlustige da, "wenn es sein muss, spare ich natürlich auch. Aber ich möchte auch das Land, Europa und am besten noch viel mehr kennenlernen!" Nach Deutschland gehen, als Gastarbeiter – um die Welt zu sehen? Seine Familie fand das völlig verrückt.

Dabei war es genau das, was er wollte, 1964, als er mit 20 Jahren an seinem Staatlichen Institut zur Ausbildung von Handwerkern die Aushänge deutscher Firmen studierte: Der junge Selahattin Biner war gut ausgebildet, mobil, unternehmungslustig. Vor allem aber fühlte er sich als Europäer, als einer, dem das Leben im Westen schon deswegen nicht schwerfallen würde, weil seine ganze Umgebung immer schon dorthin geschaut hatte. In seiner Schule waren nicht nur Englisch und Französisch oder Deutsch Pf lichtfächer; die Lehrer lasen mit den Schülern auch die Sage des Rattenfängers von Hameln und das Märchen der Bremer Stadtmusikanten. Und natürlich hatten sie ihnen auch schon vom Ruhrgebiet als der Herzschlagader des deutschen Wirtschaftswunders erzählt. In Kırklareli war das, einer kleinen Stadt in der Nähe von Edirne, im europäischen Teil der Türkei, nahe dem griechisch-bulgarisch-türkischen Dreiländereck. Und der junge Modellschreiner, der er war, dachte sich: "Das ist meine Welt! Da muss ich hin!"

Heute, beinahe ein halbes Jahrhundert später, blickt Selahattin Biner nicht nur auf ein Leben in Duisburg und München zurück. Er kennt auch Polen und Ungarn, die Toskana und Andalusien, den Sinai und Marokko. Und vor allem: Das Land der Schafe und Berge – Neuseeland. Am anderen Ende der Welt haben seine Frau und er nach der zweiten in Deutschland noch eine dritte Heimat gefunden. Ihre ältere Tochter hat es, der Liebe wegen, dorthin verschlagen – und die Biners, die inzwischen auch Großeltern zweier neuseeländischer Enkelinnen sind, lassen keine Gelegenheit aus, sie zu besuchen. Und alles nur, weil er damals, mit 20 Jahren, zusammen mit zwei Freunden beschloss: Wir gehen nach Deutschland! Drei Monate dauerte es nur, dann durften sie weg. Nur kurze Zeit nach dem Wechsel in das Wohnwagen-Geschäft bekommt die Freude über das neue Leben einen gewaltigen Dämpfer. Der junge Gastarbeiter wünscht sich nichts sehnlicher, als in Deutschland zu bleiben, die Sprache besser zu lernen und eine Technische Universität zu besuchen. Erst bezahlt er aus eigener Tasche seine ersten Sprachkurse, dann nimmt er Kontakt zur Carl-Duisberg-Gesellschaft auf. Die, 1949 von Bund und Ländern zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses gegründet, unterstützt nicht nur Deutsche bei ihren Auslandsaufenthalten. Sie hilft auch Ausländern in Deutschland. Auch den ehrgeizigen Türken nimmt sie in ihr Programm auf, bietet ihm Schulungen und eine Studienreise nach Berlin an. Die Hoffnung auf das deutsche Studentendasein macht ihm das türkische Generalkonsulat in Köln allerdings gründlich zunichte: Es verlängert seinen Pass nicht, und ohne gültigen Pass kann er nicht bleiben. Schweren Herzens packt er seine Sachen und fährt zurück in die Heimat, und das von ebenjenem Gleis 11 im Münchner Hauptbahnhof, von dem er damals in sein Leben im Ruhrgebiet fuhr. Das Ende eines Abenteuers. Als er in den Zug nach Istanbul einsteigt, laufen ihm die Tränen übers Gesicht.

Wenige Tage später folgt er dem Ruf der türkischen Armee: Erst in Izmir, dann in der Region um den Berg Ararat im äußersten Nordosten des Landes absolviert er seinen Militärdienst. Selbst dort, erzählt er stolz, habe man seine Deutschkenntnisse zu schätzen gewusst – und ihn in einem warmen Büro statt draußen im kalten Freien beschäftigt. Damit er in Deutschland nicht vergessen wird, schreibt er immer wieder Briefe an seinen Arbeitgeber: "Wenn ich hier fertig bin, komme ich gerne wieder!" Als das Militär ihn nach zwei langen Jahren 1967 in die Freiheit entlässt, erhält er aus Duisburg ein entmutigendes Schreiben: "Herr Biner, wir werden Sie gerne holen, sobald wir können." Er möge sich noch ein wenig gedulden, momentan habe man ihn in Deutschland mit einer Rezession zu kämpfen. Und während tausende Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter zurück in die Heimat geschickt werden und dort arbeitslos sind, findet der Modellschreiner auch in der Türkei wieder Arbeit. Er fängt als Kassierer bei einer Bank an. Der Traum von Deutschland ist damit aber keineswegs ausgeträumt – er versucht es über einen anderen Weg: Sein Bruder lebt inzwischen in München – ob der nicht etwas organisieren könne? Als der bei seinem Arbeitgeber Krauss-Maffei anfragt, ob ein Modellschreiner gebraucht wird, erwidert man ihm: "Spricht er so gut Deutsch wie Sie? Schicken Sie ihn her!" Mitte 1968 kommt der inzwischen 24-jährige Selahattin zum zweiten Mal in München an, dieses Mal nicht auf der Durchreise ins Ruhrgebiet. Und schon bald will er nie wieder weg. Auf der Rückreise aus der Türkei sitzen sie zu dritt im Auto: Der Theologe, der Modellschreiner und seine junge Ehefrau Güzin. In München lernt Güzin ebenfalls fleißig die Sprache, besichtigt die Stadt. Zu den Highlights ihres ersten Jahres gehört der Besuch im Olympiastadion. Ihr Mann hatte sich einen Job als Platzanweiser verschafft – denn natürlich wollten sie bei dem sportlichen Großereignis, den Olympischen Spielen 1972, dabei sein. Für einen Stundenlohn von fünf Mark kann er Freunde und seine Familie ins Stadion lotsen! Von seiner Firma wird er für die Zeit freigestellt. Die Biners haben inzwischen eine Firmenwohnung im Münchner Norden bezogen – angesichts des desolaten Wohnungsmarktes für die inzwischen 250.000 Gastarbeiter in der Stadt ein echter Glücksfall. Und: ein guter Platz für eine Familie. Ende 1972 kommt ihre erste Tochter zur Welt. Mit vier Jahren fällt das kleine Mädchen seinen Erzieherinnen als außergewöhnlich auf: Die kleine Göknil singt, wie schon lange kein Kind in der Untermenzinger Kita mehr gesungen hat! Als eine Erzieherin den Eltern rät, das erstaunliche Talent zu fördern, fragen die begeistert: "Wie? Was können wir tun?" Wenig später erhält Göknil Gesangs- und Instrumentalunterricht; auch das erste Klavier in der Familie wird angeschafft. Als ihre Tochter eingeschult wird, treffen die Eltern eine Entscheidung: Als Göknil Biner eingeschult wird, ist die Presse voll von Berichten über die "hoffnungslose Zukunftssituation" der Gastarbeiterkinder. Mehr als zwei von drei Kindern der zweiten Generation erreichen bereits Mitte der 70er-Jahre nicht den Hauptschulabschluss; als wesentliche Ursache wird die mangelnde Sprachkompetenz ausgemacht. Dass mit den Gastarbeitern auch deren Kinder nach Deutschland ziehen, war bereits zehn Jahre zuvor – also lange vor dem Anwerbestopp, der zum Signal für den Familiennachzug wurde – bekannt. Bereits 1965 forderte die Caritas, die vor allem in den westdeutschen Großstädten Ausländer betreute, die Einrichtung spezieller "Förderinternate" für die Kinder ausländischer Arbeitnehmer im Land. Und ein Jahr zuvor, 1964, hatten die Kultusminister die allgemeine Schulpf licht für Gastarbeiterkinder in einem Beschluss verankert; das damit verbundene erklärte ministeriale Ziel war, auch ihnen gleiche Bildungschancen zu verschaffen.

Wie es aber gelingen sollte, diese zu verwirklichen, dafür fehlte von Beginn an und von Jahr zu Jahr mit immer dramatischeren Auswirkungen ein schlüssiges Konzept. In einem waren sich Bund und Länder in Deutschland mit der Mehrheit der Regierungen der Anwerbestaaten lange einig: Nationale Sonderschulen – wie sie etwa die Griechen in den Folgejahren einrichteten und bis heute gründen – sollte es nicht geben, die Bindung an die Heimat allerdings wegen der geplanten und politisch gewollten Rückkehr dennoch gewahrt bleiben. Das Resultat ist ein Zwittersystem aus deutschen und ausländischen Bildungsinstitutionen. In ganz Deutschland organisieren die türkischen Konsulate muttersprachlichen Ergänzungsunterricht. Dass türkische Lehrer in Deutschland nach türkischen Lehrplänen unterrichten, wird von deutschen Bildungspolitikern und Gewerkschaften über Jahre massiv kritisiert. Viele türkische Familien sehen den Zusatzunterricht allerdings häufig als einzige Chance, den Kindern die Heimat auch in Büchern nahezubringen. Nicht alle allerdings – die Biners lehnen das Modell rundweg ab. Beide Töchter meistern die Schule mit Bravour. Beide machen Abitur, beide starten eine musikalische Laufbahn: Göknil absolviert am Münchner Konservatorium eine Ausbildung zur Sopranistin, die sechs Jahre jüngere Gülbin studiert Musik- und Erziehungswissenschaften an der Ludwig- Maximilians-Universität. Göknil, die Ältere, steht schon bald nach Beginn ihrer Ausbildung nicht nur als Papagena in Mozarts "Zauberflöte" auf der Bühne – in Münchens berühmtestem Gotteshaus, der Frauenkirche, singt sie, in Anwesenheit des Kardinals, das Weihnachtsoratorium. Dass ihre Tochter christlichen Festen huldigt, ist für die liberalen Eltern, die sich durchaus immer noch als Muslime verstehen, kein Thema. Ist es für den Kardinal eins? Als der die hübsche junge Frau mit der schönen Stimme kennenlernt, kann er ihren Namen so wenig glauben, dass er ihre Hand loslässt. 'Vielleicht', sagen ihre Eltern damals, 'ist er einfach nur erstaunt, dass ein muslimisches Mädchen zu Weihnachten auftritt.'

Die junge Nachwuchs-Sopranistin macht weiter ihren Weg. Auf dem Konservatorium lernt Göknil einen Pianisten aus Neuseeland kennen; gemeinsam präsentieren sie dem bayerischen Publikum wenig später eine musikalische Reise um den Globus: "In 40 Minuten um die Welt" heißt das Programm. Es dauert nicht lange, da nimmt der junge Neuseeländer seine Freundin mit in seine Heimat. Nach ihrer Rückkehr eröffnet Göknil ihren Eltern: "Papa, ich habe mich in Tom verliebt. Und in das Land. Wir möchten heiraten und auswandern." Den Eltern, die selbst Jahrzehnte zuvor ebenfalls ihre Heimat verlassen hatten, um in dem Land ihrer Träume zu leben, fällt es nicht schwer, die Tochter ziehen zu lassen: "Mach, was Du für richtig hältst", erwidern sie und besuchen sie, wann immer sie können.

Reisen in die Türkei stehen bei den Biners dagegen nur noch selten auf dem Programm. Aber das schon, seit Anfang der 90er-Jahre ihre Eltern dort verstorben sind. Dass sie sich, wie manche in ihrem Umfeld finden, von Heimat und Herkunft entfremdet hätten, wollen Selahattin und Güzin Biner aber nun keineswegs gelten lassen.

Dieser Text ist ein Ausschnitt aus der bpb-Publikation Auf Zeit. Für immer., Oktober 2011.

Jeannette Goddard

Zur Person

Jeannette Goddard

Jeannette Goddard ist freie Publizistin und Journalistin in Berlin und hat laengere Zeit in den Niederlanden gelebt.


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