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19.10.2011

"Das mit dem großen Streik war nicht meine Idee"

Als Betriebsrat bei Ford in Köln: Salih Güldiken

1962 kam Salih Güldiken nach Deutschland um sich das Geld für einen Autokauf zu verdienen. Doch dann arbeitete er sich bei Ford vom Fließband bis zum Aufsichtsrat hoch und ist bis heute in Deutschland geblieben.

Salih Güldiken (rechts) mit Freunden am Kölner Rheinufer.



Dieser Text ist ein Ausschnitt aus der bpb-Publikation Auf Zeit. Für immer., Oktober 2011.

Salih Güldiken, heute 74, hat in Istanbul als Elektriker in einem kleinen Unternehmen gearbeitet, bevor er 1962 nach Köln kam. In Deutschland wollte er eigentlich nur so lange bleiben, bis er genug Geld verdient hatte, um dort ein Auto zu kaufen. Das konnte er für seine Arbeit in Istanbul gut gebrauchen. Knapp fünf Jahrzehnte später – mit Stationen am Fließband, als Dolmetscher und schließlich als Betriebs- und Aufsichtsrat bei Ford – ist Salih Güldiken immer noch in Köln. Den Ford-Werken ist er, bis er vor elf Jahren in Rente ging, treu geblieben, in guten wie in schlechten Zeiten.

Am Freitag, dem 24. August 1973, legen 10.000 Arbeiterinnen und Arbeiter im Betrieb der Ford-Werke AG in Köln-Niehl die Arbeit nieder; die meisten sind Gastarbeiter aus der Türkei. Als "Türken-Streik" wird die Aktion in die Geschichte der Arbeiterbewegung eingehen. Salih Güldiken, elf Jahre zuvor über das Anwerbeverfahren aus Istanbul zu Ford nach Köln gekommen, ist wenige Wochen vor dem Streik in den Betriebsrat gewählt worden. Auslöser für den Streik war die Ankündigung des damaligen Ford-Personalvorstands Horst Bergemann, 300 Arbeiter aus der Türkei fristlos zu entlassen, weil sie bereits zum wiederholten Mal verspätet und ohne ärztliche Krankschreibung aus den Werksferien an ihre Arbeitsplätze in den Ford- Hallen zurückgekehrt waren. Die Streikenden fordern, dass die Kollegen weiterbeschäftigt werden. Die angedrohte Entlassung ist jedoch nur der Tropfen, der ein Fass zum Überlaufen bringt.

Anfang der 70er-Jahre stammen 38 Prozent der Gesamtbelegschaft bei dem Kölner Automobilhersteller aus der Türkei; am Fließband sind es sogar neun von zehn. Die türkischen Arbeiter werden für die unbeliebteren, monotonen und schmutzigeren Tätigkeiten eingesetzt, die häufig weniger gut bezahlt sind und für die es keine Zulagen gibt. Zeitzeugen, deutsche wie türkische, berichten, dass die Arbeiter aus der Türkei sich über ihre Lage nie beschwert hätten. Im Gegenteil – die türkischen Kollegen stehen in dem Ruf, besonders f leißig, schnell und genügsam zu sein. Was damit zu tun haben mag, dass sie angesichts der strikten Aufenthaltsregelungen davon ausgehen müssen, durch Beschwerden oder Aufbegehren ihre Ausweisung zu riskieren. Auch deshalb kommt der Streik in den Ford-Werken für die deutsche Öffentlichkeit, aber wohl auch für viele türkische Arbeiter selbst überraschend. Erstmals wird ihr zuvor lange ungehörter Wunsch nach besseren Arbeitsbedingungen laut. Über die Betriebsräte, die IG Metall und deren Vertrauensleute hatten die türkischen Arbeiter bereits seit längerer Zeit die Gleichstellung mit deutschen Arbeitern, mehr Lohn und eine Reduzierung der Fließbandgeschwindigkeit gefordert – vergeblich. Den Unmut seiner türkischen Kollegen kann Güldiken nachvollziehen. Die Härten der Fließbandarbeit hat der gelernte Elektriker in den ersten Jahren bei Ford selbst erfahren. In der Endmontagehalle Y, für die Güldiken in seiner Funktion als Vertrauensmann im Betriebsrat zuständig ist, arbeiten 5.000 Menschen, mehrheitlich Türken. Er ist einer von ihnen – und gleichzeitig der Firma verpflichtet, die ihm berufliche Perspektiven bietet. Als Mitglied des Betriebsrats steht er zwischen den Fronten. Dass die türkischen Arbeitnehmer – rechtlich und sozial ohnehin benachteiligt – sich durch den Streik mehr Rechte erkämpfen würden, kann er sich nicht vorstellen. Er selbst, so sagt er auch im Rückblick, wäre dieses Risiko lieber nicht eingegangen. Zumal sich die Stimmung im Land gegenüber den türkischen Gastarbeitern, verglichen mit den 60er-Jahren, deutlich gewandelt hatte. Ein zentraler Vorwurf gegen sie lautete, sie trügen mit ihren geringen Ansprüchen dazu bei, das Lohnniveau in Deutschland zu drücken.

Über eine Dekade nach der Ankunft der ersten Gastarbeiter in Deutschland findet jedoch nun auch bei den türkischen Arbeitskräften ein Bewusstseinswandel statt: Sie haben im Laufe der Jahre erkannt, dass sie für die deutschen Unternehmen wichtig, zum Teil unentbehrlich sind, was ihnen möglicherweise ein neues Selbstbewusstsein beschert. Gleichzeitig erkennen immer mehr von ihnen, dass sie wohl so bald nicht in die Türkei zurückkehren werden. Zum Teil haben sie ihre Frauen und Kinder bereits nachgeholt oder in Deutschland Familien gegründet. Auch deshalb wachsen ihre Ansprüche auf eine angemessene Entlohnung; aber auch weil sie in Deutschland und anderen europäischen Ländern miterlebt haben, dass Forderungen dieser Art in einer Demokratie Gehör finden.

In der deutschen Öffentlichkeit ist zu der Zeit zunehmend von den sozialen Problemen der aus der Türkei zugewanderten Menschen die Rede, von den Folgen ihrer "Ghettoisierung" in den Städten. Und erstmals stellt sich die Frage, was diese Entwicklung für die deutsche Gesellschaft bedeutet. Die offenen Arme, mit denen die türkischen Arbeitskräfte in den 60er- Jahren willkommen geheißen wurden, verschränken sich zunehmend. Misstrauen, zum Teil feindlich gesinnt, macht sich breit in einer Zeit, in der der Wirtschaftsaufschwung in der Bundesrepublik deutlich an Fahrt verloren hat.

Salih Güldiken ist damals der Meinung, dass die türkischen Arbeitnehmer der negativen Stimmung und der schlechteren wirtschaftlichen Lage mit Vorsicht und unvermindertem Arbeitseinsatz begegnen sollten. Dass seine Kollegen ihre Chancen – und ihren guten Ruf – in Deutschland aufs Spiel setzen könnten, bereitet ihm Sorge. Nach kurzer Zeit bekommt der Streik eine andere, politisch angefachte Dynamik. Längst sind nicht mehr nur Werkskollegen auf dem Gelände, sondern linke, prokommunistische Gruppierungen. Von anfangs 60 Kollegen steigt die Zahl im Laufe von nur einem Tag auf etwa 2.000. Zu den Wortführern gehört der Deutsch sprechende Ford-Mitarbeiter Baha Targün. Den Betriebsrat Güldiken stört vor allem, dass die Arbeitsniederlegung als "wilder Streik" vollzogen wird, ohne Ankündigung und unabhängig von den Gewerkschaften. Zu wilden Streiks großen Ausmaßes kam es Ende der 60er- und Anfang der 70er-Jahre auch in anderen europäischen Ländern; nach deutscher Rechtsauffassung sind sie rechtswidrig. Die Alternative: ein Warnstreik im Einvernehmen mit der Betriebsleitung. Als die Polizei den Ausstand sechs Tage später beendet, scheinen sich Güldikens schlimmste Befürchtungen zu bewahrheiten. Von den Medien wird die Auseinandersetzung weniger als Arbeitskampf betrachtet, sondern vielmehr als ein gesellschaftlicher oder kultureller Konf likt – mit ungleich starken Akteuren. Die Bild-Zeitung hetzt Ende August 1973: "Gastarbeiter, dieses Wort kommt von Gast. Ein Gast, der sich nicht so beträgt, gehört vor die Tür gesetzt!" Güldiken erinnert sich an eine Reihe ähnlicher Schlagzeilen, einige Artikel hat er aufbewahrt. Wörtlich zitieren möchte er sie lieber nicht mehr. Die Forderungen nach Gleichstellung und mehr Lohn bleiben unerfüllt, hunderte von Entlassungen folgen. Der Streik fällt zudem in eine Zeit, in der eine neue Phase der deutsch-türkischen Beziehungen beginnt. Kurz nach Beendigung des Streiks tritt – nach wochenlangen Vorbereitungen – am 23. November 1973 der Anwerbestopp in Kraft. Ein Ende 1973 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichter Kommentar bezeichnet dies als Endpunkt einer "ohnehin wünschenswerten Entwicklung".

In den folgenden Jahren gehen viele Türken dahin zurück, wohin sie nach Meinung vieler Deutscher gehören – in ihr Herkunftsland die Türkei. Güldiken bleibt – und er wird sich immer wieder gegen ausländerfeindliche Aussagen und Übergriffe zur Wehr setzen. Seine einflussreiche Stellung als Betriebs- und Aufsichtsrat kommt ihm dabei zugute – und bringt ihm immer wieder Kritik aus den Reihen der türkischen Arbeiter ein. Er sitzt zwischen den Stühlen: als Vermittler zwischen der Macht, den Entscheidungsträgern, und der Basis. 1986 überreicht er Richard von Weizsäcker bei einem Empfang einen Brief, in dem er die Probleme seiner Landsleute konkret benennt. Zuvor hatte er den Brief an den Bundespräsidenten in Kopie an die anwesenden Medienvertreter verteilt, damit diese sein Anliegen kannten und publizieren konnten.

Auch richtet Güldiken zahllose Briefe an offizielle Vertreter der Stadt Köln, des Landes NRW, der Bundesregierung, der türkischen Regierung, an Sendeanstalten und auch Wohnungsbaugesellschaften. Wenn in den Medien falsch, nachteilig oder herabsetzend über in Deutschland lebende Türken berichtet wird, verfasst Güldiken Leserbriefe. Nach den gezielt türkenfeindlichen Anschlägen in Solingen, Mölln und anderen deutschen Städten in den 90er-Jahren, bei denen mehrere Angehörige türkischer Familien getötet werden, ruft Güldiken die Vertreter der Politik und der Gewerkschaften, aber auch die deutsche Öffentlichkeit dazu auf, sich an Aktionen gegen Ausländerfeindlichkeit zu beteiligen.

Die Familie von Salih Güldiken stammt aus Ortaköy, einem Istanbuler Viertel, in dem vor allem in der osmanischen Zeit viele Juden, Griechen und Armenier lebten. Bis heute stehen dort Kirchen, Synagogen und Moscheen nah beieinander. Von sieben Geschwistern ist er der Einzige, der sich für eine Arbeitsstelle in Deutschland bewarb. Seiner Mutter musste er versprechen, sie mindestens einmal im Jahr zu besuchen, was er fast immer geschafft hat, bis zu ihrem Tod in den 90er-Jahren. Als er 1962 seine Heimat verlässt, ist Salih Güldiken noch nicht verheiratet. Deshalb habe ihn auch nicht so großes Heimweh geplagt, wie viele andere seiner Kollegen. Der Zusammenhalt unter den türkischen Kollegen ist stark. An den Wochenenden verbringen die Männer ihre freie Zeit gemeinsam. Wenn sie am Rhein oder durch Köln spazieren gehen, tragen die jungen Unverheirateten schicke Anzüge. Ohne Krawatte wären sie nie losgegangen, erzählt Güldiken. Viele dieser Ausflüge hat er mit einer Zeiss Ikon festgehalten, die er sich von seinem ersten Geld gekauft hat. Ein deutscher Kollege hatte ihm den Apparat empfohlen. "Schauen Sie sich diese türkischen Casanovas an!", sagt er beim Anblick der Fotos, die ihn zusammen mit damaligen Arbeitskollegen zeigen. Die meisten seiner Freunde stammten, wie er selbst, aus den großen Städten in der Türkei. Aber es waren auch Italiener, Spanier und Deutsche darunter, und einige aus den dörflichen Regionen in Anatolien. Der Kölner Hauptbahnhof ist ein idealer Treffpunkt, weil er zentral liegt und es im Winter dort warm ist, anders als in den Mehrbettzimmern der häufig heruntergekommenen Wohnheime, in denen die meisten Gastarbeiter, zumindest in den ersten Jahren, untergebracht sind. Anfang der 70er-Jahre unterhält das Unternehmen Ford in der Region Köln 30 Wohnheime, in denen die Arbeiter aus der Türkei weitgehend unter sich bleiben. Die Heime liegen meist in Gegenden mit vielen sanierungsbedürftigen Bauten, aus denen die Einheimischen mehr und mehr wegziehen. Auch am Arbeitsplatz bleibt der Kontakt zu den deutschen Kollegen häufig wegen sprachlicher Probleme sehr begrenzt. In den Hallen von Ford arbeiten zeitweise rund 12.000 Türken. Seinem Unternehmen leistet er damit eine wertvolle Hilfe. Da die meisten deutschen Betriebe sich keine professionellen Übersetzer leisten, werden überall Arbeiter von der Werkbank für alltägliche Vermittlungsarbeiten rekrutiert. Die "Gastarbeiter-Dolmetscher" sorgen für eine enorme Arbeitserleichterung und Zeitersparnis. Das Geld, das sie dafür zusätzlich bekommen, ist ein spärlicher Betrag. Die meisten fühlen sich aber offenbar ausreichend dadurch belohnt, dass sie auf diese Weise vom Fließband oder anderen monotonen Arbeiten wegkommen. Nebenbei verbessern sie ihre Sprachkenntnisse – und erfahren eine besondere Aufmerksamkeit bei den deutschen Kollegen und den Entscheidungsträgern in den Unternehmen. Mit der Zeit stellen sich die deutschen Unternehmen zunehmend auf die Arbeiter aus der Türkei ein. Dass die religiösen Bedürfnisse der muslimischen Arbeitnehmer eine Rolle spielen, müssen die deutschen Arbeitgeber von Leuten wie Güldiken vermittelt bekommen. Nach Vollendung seines 63. Lebensjahrs geht Salih Güldiken im Jahr 2.000 in Rente. Von den Kollegen, mit denen er damals bei Ford angefangen hat, leben heute vielleicht noch zwei, drei in Köln. Die anderen seien entweder in die Türkei zurückgegangen oder gestorben. Auch seine Frau Resmiye, gebürtig aus Ruse in Bulgarien, die er 1970 in Köln heiratete und die als Näherin erst in Mönchengladbach und später bei Ford gearbeitet hat, ist bereits verstorben. Sie ist in Marmaris begraben. Ein Moscheeverein hat den Rücktransport in ihre Geburtsstadt organisiert.

Seinen 1972 geborenen Sohn Levent führte Güldiken schon zu dessen Schulzeiten bei Ford ein, später machte er dort eine Lehre. Er sollte lernen, wie in den Fabriken gearbeitet wird. Aber er sollte auch studieren, um eine höher qualifizierte Position zu erlangen. Die zwei Jahre später geborene Tochter Özlem schickte Salih Güldiken schon als junges Mädchen in die USA zur Verbesserung ihrer Englischkenntnisse. Beide Kinder haben auf diesen Wegen Erfolg gehabt: Özlem lebt seit nunmehr 25 Jahren mit ihrer eigenen Familie in den USA und arbeitet dort in einem internationalen Pharmaunternehmen. Levent setzt die Familientradition fort und arbeitet als Ingenieur für die Ford-Werke – zeitweise auch in Kocaeli bei Istanbul. In den Bäumen vor Salih Güldikens Wohnzimmerfenster sitzen knallgrüne Vögel mit bunten Schnäbeln. Sein Nachbar, erzählt er, habe die Vögel gekauft, dem seien sie aber weggeflogen und kämen nicht mehr zu ihm zurück. So wie Salih Güldiken in Köln-Riehl, wo er seit über dreißig Jahren wohnt, eine Heimat gefunden hat.

Dieser Text ist ein Ausschnitt aus der bpb-Publikation Auf Zeit. Für immer., Oktober 2011.

Dorte Huneke

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