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14.10.2011

Skandal und Konflikt: Deutsch-türkische Themen

Deutsch-türkische Themen waren stets von Skandalisierungen geprägt. Dies verstellt den Blick auf die Mechanismen von Integrationsprozessen. Probleme ansprechen, Fortschritte und Chancen wahrnehmen: Integrationspolitischer Realismus ist nötiger denn je.

Eine deutsche, rechts, und eine türkische Flagge wehen am 12. Februar 2008 vor dem Minarett einer Moschee im Stadtteil Hassel in Gelsenkirchen. (© AP)



Die Anwerbung ausländischer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer seit Mitte der 1950er Jahre stieß Wanderungsprozesse an, die eine starke Eigendynamik entfalteten. Die Bundesregierungen waren über Jahrzehnte nur sehr eingeschränkt in der Lage, diese Prozesse zu steuern. Die Westdeutschen standen dabei von Beginn an skeptisch bis ablehnend einer dauerhaften Zuwanderung gegenüber. Unbeabsichtigte Nebenwirkungen der Niederlassungen von ausländischen Arbeitnehmern und ihrer Familien boten ausreichende Ansatzpunkte für journalistische und politische Skandalisierung. Die türkische Gruppe als größte unter den "Gastarbeitern" hatte sich in zahlreichen Städten eine eigenethnische Infrastruktur geschaffen und war damit die "sichtbarste" Gruppe.


Die ethnische Grenzziehung ist hier am stärksten ausgeprägt, auch im Vergleich zu anderen Zuwanderergruppen wie etwa Italienern. 17 Prozent der westdeutschen und 21 Prozent der ostdeutschen Befragten gaben 2006 in der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) an, sie sähen große kulturelle Unterschiede zu den Italienern, 70 Prozent hingegen zu den Türken. [1] Die soziale Distanz ihnen gegenüber ist besonders stark ausgeprägt. [2]

Bonn, türkischer Gastarbeiter, 9. November 1970 (© Bundesarchiv, B 145 Bild-F032884-0005 / Fotograf: Lothar Schaack)

Umgekehrt geben türkischstämmige Personen an, alltägliche Diskriminierungen und Ausländerfeindlichkeit als persönliches Problem häufiger zu erleben als andere Gruppen. [3] Auch die Wahrnehmung von Türken in den öffentlichen Debatten (ihre Konzentration in einzelnen Stadtteilen, aus der Türkei "mitgebrachte" türkisch-kurdische Konflikte) ist von Medienkonjunkturen bestimmt.

Zu Beginn der 1960er Jahre wurden Gastarbeiter zunächst in ihrer wirtschaftlichen Funktion wahrgenommen. Unterschiedslos nannte man sie "Südländer", welche die "Völkerwanderung zu Westdeutschlands Lohntüten" angetreten hatten. [4] Es vergingen Jahre, bis die nationale Herkunft als Kategorie entdeckt wurde, [5] wobei "den Türken" oder anderen "Gastarbeitern" jeweils bestimmte Eigenschaften zugeschrieben wurden. Türkische Arbeiter galten als diszipliniert, anspruchslos und arbeitswillig. [6] In den Medien wurden sie als "'sauber´, 'geschickt´, 'traditionsgebunden´ und 'bescheiden´" dargestellt. [7] Die Berichterstattung war in den 1960er Jahren geprägt von Paternalismus und einem Bild vom "Gastarbeiter" als Menschen aus vormodernen Gesellschaften, rückschrittlich, aber unverdorben. [8] Die Hoffnungen derjenigen, die sich in der Türkei anwerben lassen wollten, auf eine wirtschaftliche Verbesserung der eigenen Lage waren oft ebenso unrealistisch wie ihre Vorstellungen von Deutschland. [9]

Bonn, türkischer Gastarbeiter, 9. November 1970. (© Bundesarchiv, B 145 Bild-F032884-0026 / Fotograf: Lothar Schaack)

Die ausländischen Arbeitskräfte konnten aufgrund ihrer niedrigen Qualifikationen, [10] der relativ hohen Ausgaben, welche die Zuwanderung verursachte, und des Willens, in möglichst kurzer Zeit so viel Geld wie möglich zu verdienen, nicht wählerisch bei der Wahl des Arbeitsplatzes sein. Sie nahmen daher ungünstige Arbeitsbedingungen eher in Kauf als Einheimische. 73 Prozent der angeworbenen türkischen Arbeitnehmer reisten zwischen 1968 und 1973 ein [11] – und wurden auf Wohnungen und Arbeitsplätze verwiesen, welche die vor ihnen gekommenen "Gastarbeiter" nicht eingenommen hatten. [12]

Auch waren leistungssteigernde Lohnformen (wie Akkord- und Prämienlohn) bei "Gastarbeitern" wesentlich stärker verbreitet als bei deutschen Arbeitern. Das gleiche galt für Schicht- und Nachtarbeit. [13] Leistungsbereitschaft und Unverständnis gegenüber den Organisationsformen industrieller Produktionsweisen waren ein wesentliches Moment dafür, dass ein negatives Klima zwischen deutschen und türkischen Arbeitern entstand: "Gerade bei den aus vorkapitalistischem Milieu stammenden türkischen Arbeitern und Arbeiterinnen wirkt der Akkordlohn besonders leistungssteigernd.

Es gab vor allem in der Anfangsphase der Anwerbung von Türken häufige Klagen der deutschen Arbeitskollegen darüber, dass die Türken beim Auftauchen eines Zeitnehmers an ihrem Arbeitsplatz 'wie verrückt arbeiten´ und dadurch die Akkordsätze verderben. Unter anderem hat in den Betrieben gerade dieses Verhalten zu einer starken Abneigung gegen die Türken geführt." [14]

Die Konfrontation mit der Wirklichkeit (wie niedrige Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen, miserable Unterkünfte) führte auch zu Arbeitskämpfen und Konflikten. Beispiele sind die Streiks im Jahr 1962 in Duisburg-Hamborn und Essen, beim Industrietraktorenwerk Deere-Lanz in Mannheim, bei den Automobilzulieferern Karmann in Osnabrück oder Hella in Lippstadt und Paderborn. Erhebliche Aufmerksamkeit fand der "Türkenstreik" bei Ford in Köln-Niehl im August 1973. [15]

Walsum, Gastarbeiterkinder in der Schule, 29. Mai 1962. (© Bundesarchiv, B 145 Bild-F013076-0005 / Fotograf: Ludwig Wegmann)

Dort waren inzwischen rund 12.000 türkische Arbeitnehmer beschäftigt, ein Drittel der Belegschaft. "Wie überall, wurden diese Menschen für die am schlechtesten bezahlten und am meisten gesundheitsschädlichen Arbeiten eingesetzt." [16] Schlechte Arbeitsbedingungen sowie die fristlose Entlassung von 300 türkischen Arbeitnehmern (weil sie zum zweiten Mal verspätet aus ihrem vierwöchigen Türkei-Urlaub zurückgekehrt waren, ohne ein ärztliches Attest vorlegen zu können) waren die Ursachen. Werksbesetzungen und gewalttätige Auseinandersetzungen hatten deutlich werden lassen, dass das Geschehen sowohl dem Betriebsrat als auch der IG-Metall aus dem Ruder gelaufen war – es kam auch nicht zur Solidarität zwischen den "Gastarbeitern" und den einheimischen Arbeitnehmern. Diese Konflikte trugen dazu bei, dass sich das Bild vom "Gastarbeiter" im Allgemeinen und den türkischen Arbeitnehmern im Besonderen in der Öffentlichkeit verschlechterte. [17]

Kettenwanderungen



Die Art der Wanderung – Einzel- oder Kettenwanderung – hat wesentlichen Einfluss auf Motive und Erwartungen von Migrantinnen und Migranten und damit auf deren Integrationsverhalten. Einzelwanderer müssen sich sehr viel intensiver auf die Aufnahmegesellschaft einlassen und mit ihr auseinandersetzen als Gruppenwanderer, die darauf vertrauen können, im Aufnahmeland (zumindest für eine Übergangszeit) auf Netzwerke zurückgreifen zu können.

Als Ergebnis dieses Prozesses entstehen "ethnische Kolonien", [18] die ambivalente Auswirkungen haben: Zum einen mindert die Gemeinschaft mit Landsleuten den Umstellungs- und Anpassungsstress, zum anderen kann sich die ethnische Kolonie negativ auswirken auf die Entstehung von Kontakten zur Aufnahmegesellschaft. Ethnische Konzentration wird dann zum Problem, wenn sich ethnische und soziale Probleme überlappen, wenn sich Armutsviertel verfestigen und ethnische Kolonien nicht mehr Durchgangsstationen, sondern Sackgassen sind.

Besonders für die türkische Zuwanderung war die Kettenwanderung von großer Bedeutung. Dies erklärt sich einerseits aus einer spezifischen Entsendepolitik der damaligen türkischen Regierungen: Bevorzugt wurden Personen aus Regionen, die von Naturkatastrophen heimgesucht worden waren, sowie ländlichen Regionen "entsandt". Wichtiges Kriterium waren die zu erwartenden Rücküberweisungen in die jeweiligen Regionen. [19]

Eine zweite Erklärung liegt in der überwiegend ländlichen Herkunft der türkischen "Gastarbeiter": Sie sind grundsätzlich stärker in Netzwerke und größere Familienverbünde eingebunden als Zuwanderer aus städtischen Regionen. Damit sind erstere auch höherem Erwartungsdruck ausgesetzt, für die im Herkunftsland Verbliebenen Unterstützung zu leisten (wie Aufenthalts-, Beschäftigungs-, Wohnmöglichkeiten, finanzielle Transfers).

Unter den verschiedenen "Gastarbeiter"-Gruppen hatten die Türken den größten sozialen Sprung aus ihrer heimatlichen Welt nach Westdeutschland getan. Die Lebensverhältnisse der "Gastarbeiter" und ihrer Nachkommen in Deutschland waren zwar äußerst bescheiden, im Vergleich zur Situation in der Türkei waren viele jedoch nicht dazu angetan, die einmal vollzogene Niederlassung in Deutschland aufzugeben und sich in die politisch instabilen Verhältnisse in der Heimat mit einer außer Kontrolle geratenen Inflationsrate zu reintegrieren. Auch Sozialleistungen, soziale Infrastruktur und der Standard der medizinischen Versorgung machten das "Gastland" attraktiv.

Während der Anteil der Ausländer aus den Staaten der Europäischen Gemeinschaft zwischen 1974 und 1980 nahezu gleich blieb (rund 21 Prozent), erhöhte sich der Anteil der türkischen Staatsangehörigen hingegen von 25 auf 33 Prozent. Bei den unter 15-Jährigen stieg der türkische Anteil von 31 Prozent im Jahr 1974 auf 46 Prozent im Jahr 1980. [20]

Die Quantität schlug damit in eine neue Qualität für die Integrationspolitik um. Deutlich machte dies 1982 Wolfgang Bodenbender, damaliger Ministerialdirektor im Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung: Die Zahl der Türken, so rechnete er vor, "erhöhte sich zwischen 1979 und 1981 allein um rund 280.000 oder 22 Prozent auf rund 1,5 Millionen. Der gesamte Zuwanderungsüberschuss in diesem Zeitraum beruht allein auf Einreisen aus der Türkei. (...) Mit einem Anteil von einem Drittel an allen hier lebenden Ausländern dominiert mit den Türken nunmehr eine Bevölkerungsgruppe, bei der die Integrationsbarrieren aus vielfältigen Gründen besonders hoch sind. (...) Diese Entwicklungstendenz macht das Ausmaß der Integrationsprobleme deutlich, vor denen unsere Gesellschaft steht." [21]

Walsum, Wohnungen Gastarbeiter, 28. Mai 1962 (© Bundesarchiv, B 145 Bild-F013071-0003 / Fotograf: Ludwig Wegmann)

Bereits 1968 verfügten knapp zwei Drittel von ihnen über privaten Wohnraum (die meisten waren vorher in Heimen und Unterkünften für "Gastarbeiter" untergebracht), 1977 waren es 97 Prozent der Ausländer in Deutschland. Der Familiennachzug hatte diese Entwicklung noch beschleunigt. Wohnungen außerhalb der betriebseigenen Unterkünfte wurden meist von Landsleuten vermittelt, kaum durch Inserate oder Makler. Bei den Wohnungen handelte es sich nicht selten um sanierungsbedürftige oder gar abbruchreife Altbauten in den Stadtkernen, die für die einheimische Bevölkerung im Zuge eines sich entspannenden Wohnungsmarktes unattraktiv geworden waren. Häufig wurden die ausländischen Arbeitnehmer in der Umgebung der sie beschäftigenden Betriebe untergebracht (wie etwa in Duisburg-Marxloh und Hamburg-Wilhelmsburg).

Für die Unternehmen war diese betriebsnahe Unterbringung von Vorteil, für die Kommunen bedeutete dies allerdings, dass sie mit den mittel- und langfristigen Problemen solcher Konzentrationen fertig werden mussten. Bereits zu Beginn der 1970er Jahre zeichnete sich daher eine räumliche Konzentration der "Gastarbeiter" in den Städten ab. Pointiert hieß das: "Je mehr schlechte und alte Wohnungen es in einem Gebiet gibt, desto höher ist die Türkenquote." [22]

In den 1960er Jahren war die Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer von politischer Seite als ein "gutes Geschäft" für die Bundesrepublik dargestellt worden. Schließlich seien die Ausbildungskosten vom Herkunftsland getragen worden und die "Gastarbeiter" zahlten Sozialversicherungsbeiträge wie ihre deutschen Kolleginnen und Kollegen. Aufgrund ihres niedrigen Durchschnittsalters, ihrer Gesundheit und körperlichen Belastbarkeit (alle Arbeiterinnen und Arbeiter mussten sich vor ihrer Einreise nach Deutschland ärztlich untersuchen lassen) und der damals nicht vorstellbaren Arbeitslosigkeit waren entsprechende Auszahlungen hingegen nicht zu befürchten. [23]

Erst gegen Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre wurde die Lage der "Gastarbeiter" zunehmend problematisiert. Der Niederlassungsprozess mit seinen Auswirkungen auf die kommunale Infrastruktur (wie Wohnungsmarkt, Kindergärten, Schulen) wurde spürbarer, das "Ausländerproblem" zum Topos. [24] Die Rede war vom drohenden "Ghetto" und vom "Slum". [25]

Den Konsens, der einmal in Gang gesetzte Wanderungsprozess werde unbeherrschbar und zeitige bereits schwerwiegende Folgen, artikulierte unter anderem der Chefredakteur der Zeit Theo Sommer am 6. April 1973 in dem Aufmacher "Nigger, Kulis oder Mitbürger? Unser Sozialproblem Nr. 1: die Gastarbeiter": "Allein in der Türkei warten 1,2 Millionen Menschen auf einen westdeutschen Arbeitsvertrag. Proletarier aller Länder vereinigen sich auf dem Boden der Bundesrepublik. (...) Auf der anderen Seite ist unsere Aufnahmefähigkeit in der Tat nicht uferlos. Wir müssen den weiteren Zustrom ausländischer Arbeiter drosseln, mindestens kanalisieren, wenn wir nicht sehenden Auges das Risiko eingehen wollen, daß in immer mehr Ballungsräumen, in immer mehr Altstädten, schließlich in immer mehr Dörfern fremdländische Gettos entstehen; daß ein neues Subproletariat hoffnungslos hinter dem zurückbleibt, was wir als menschenwürdig betrachten." [26]

Die türkische Gruppe erfuhr in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre die meiste Aufmerksamkeit seitens der Printmedien, obwohl sie damals noch nicht die größte Gruppe der ausländischen Arbeitnehmer bildete. Im Juli 1973, wenige Monate vor dem Anwerbestopp, titelte der Spiegel: "'Die Türken kommen, rette sich wer kann‘" [27] Beschrieben wurde eine Welt, die gekennzeichnet sei durch orientalischen Singsang, fremde Speisen, Familienverbände und "deutsch-orientalischen Dissens in Hygienefragen" – oder wie es in einer Bildunterschrift hieß: "Türken in der Bundesrepublik: Zuspruch von der Sippe, Schafshoden vom Grill."

In den beginnenden 1970er Jahre setzte auch eine Debatte darüber ein, was geschehen solte, wenn die "Gäste" nicht gehen wollten? Im Zentrum der Debatten standen dabei bis in die 1980er Jahre hinein die Topoi von der Begrenzung, der "Rückkehrfähigkeit" und der "Integration". Die deutsche Ausländerpolitik setzte lange Jahre auf die Bewahrung der "kulturellen Identität" von Zuwanderern und ignorierte, dass sich Identitäten insbesondere in Wanderungsprozessen wandeln. Lag bei den einen eine romantisierende Vorstellung der jeweiligen Herkunftsidentitäten vor, wollten die anderen damit vor allem die Rückkehrfähigkeit der "Gastarbeiter" erhalten.

Mitgebrachte Konflikte



Auch die politische und gesellschaftliche Polarisierung in der Türkei spiegelte sich in Westdeutschland wider. [28] In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre nahmen die Konflikte zwischen türkischen Rechts- und Linksextremisten in Deutschland zu und fanden zunehmend öffentliche Aufmerksamkeit. Das galt naturgemäß in erster Linie für die Verfassungsschutzberichte des Bundes, in denen stets darauf hinwiesen wurde, dass "der ganz überwiegende Teil dieser Ausländer Recht und Verfassung der Bundesrepublik Deutschland respektiert und dass sich nur eine ganz geringe Minderheit als Mitglieder oder Sympathisanten extremistischer Organisationen oder Gruppen angeschlossen haben". [29] Die Mitgliederzahl türkischer extremistischer Organisationen war von 6.400 (1974) auf 11.700 (1976), 36.800 (1978) und 58.000 (1979) gestiegen. Zu gewalttätigen Aktionen zählten Brandanschläge auf diplomatische Vertretungen der Türkei sowie gewaltsame Auseinandersetzung zwischen türkischen Rechts- und Linksextremisten.

Lag der Schwerpunkt der Aktivitäten zunächst im Linksextremismus, nahmen seit Ende der 1970er Jahre rechtsextremistische und extrem nationalistische Aktivitäten zu, wobei islamistische Orientierungen (wie die Nationale Heilspartei, MSP) dazu gerechnet und noch nicht eigenständig als "Islamismus" wahrgenommen wurden. [30] Die Konflikte eskalierten, so dass 1979 und 1980 vier Todesopfer verzeichnet wurden sowie 14 gewalttätige Ausschreitungen türkischer Extremisten, bei denen mindestens 20 Personen zum Teil schwer verletzt wurden. [31]

In der ersten Hälfte der 1980er Jahre ging die Zahl türkischer Linksextremisten in Deutschland zurück, die Zahl der Rechtsextremisten stagnierte. 1983 verbot der Bundesinnenminister die Organisation Devrimci Sol (DEV SOL), "Revolutionäre Linke", die als besonders militant galt. [32] Den darauf folgenden Protesten schlossen sich auch westdeutsche "Neue Linke" an. Im Verfassungsschutzbericht 1984 wurde erstmals in einer eigenen Rubrik über "Islamische Extremisten" unter der türkischen Gruppe berichtet, darunter von der "Islamischen Union Europa", die der inzwischen verbotenen MSP zugerechnet wurde. [33]

Mitte der 1980er Jahre trat die "Arbeiterpartei Kurdistans" (PKK) zunehmend ins öffentliche Bewusstsein, 1984 wurden im Verfassungsschutzbericht in der Rubrik "Türkische Kurden" erstmals Berichtedazu veröffentlicht. [34] Die Veranstaltungen der PKK (vor allem zum kurdischen Neujahrsfest Newroz) fanden immer stärkeren Zulauf. 1987 leitete der Generalbundesanwalt ein Verfahren wegen des Verdachts der Bildung einer terroristischen Vereinigung ein, 1988 erhob er Anklage gegen Mitglieder der PKK wegen Mitgliedschaft oder Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Im November 1993 verfügte das Bundesinnenministerium ein Betätigungsverbot gegen die PKK sowie ihre Teilorganisation "Nationale Befreiungsfront Kurdistans" (ERNK).

Eine Demonstration kurdischer PKK-Anhänger in Hamburg, 19. Februar 1999 (© AP)

Repressionen gegen Abweichler (bis hin zum Mord), [35] Zwangsrekrutierungen für den militärischen Kampf, Spendengeld-
erpressungen, [36] Anschläge auf türkische Einrichtungen, Autobahnblockaden, schwerverletzte Polizeibeamte und die Verbindungen zum Drogenhandel [37] machten das Thema PKK Mitte der 1990er Jahre zu einem Top-Thema auch der deutschen Medien. Bei der "Terrorpartei", so der Spiegel 1996, spielten sich "Szenen archaischer Brutalität" ab, wenn es um Dissidenten oder zahlungsunwillige Landsleute gehe. [38] So solidarisierte sich Günter Wallraff öffentlich mit Selim Çürükkaya, einem ehemaligen Führungskader der PKK, der sich mit dem PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan überworfen hatte, von ihm inhaftiert und zum Tode verurteilt worden war. [39]

Die Haltung zur PKK spaltete auch die deutsche Linke. Das brutale Vorgehen des türkischen Militärs gegen Kurden in der Türkei, die diskriminierende Politik der türkischen Regierung ließen Teile der Linken auf den Zug der Kurdistan-Solidarität aufspringen und die PKK aktiv unterstützen. [40]

Vom Gastarbeiter zum Moslem



Waren es bis in die 1980er Jahre vorwiegend linke und rechte türkische Gruppen, die sich durch Demonstrationen und Infostände, Plakate und Parolen an Häuserwänden bemerkbar machten, so prägten seitdem religiöse Gruppen mit ihren Ausdrucksformen und Symbolen einzelne Stadtviertel. "Über die religiösen Gruppen (...) tauchen dauerhaft präsente Minarette, Moscheen, Kopftücher und der Gebetsruf auf, die den sozialen Raum symbolisch verändern und besonders von den deutschen Alteingesessenen in ihren vertrauten Orten als Herausforderung interpretiert werden."[41]

Innenansicht der Moschee in Köln-Ehrenfeld, fotografiert am Freitag, 8. Juni 2007 (© AP)

Die Begegnung mit den Zuwanderern nahm eine andere Qualität an – Distanz und Fremdheit wurden auch durch diesen Strukturwandel innerhalb der türkischen Gemeinschaft verstärkt, obwohl er unübersehbar eine deutliche Hinwendung zur deutschen Gesellschaft signalisierte.

Die Ursachen für das Sichtbarwerden des Islams in Deutschland beschreibt Nina Clara Tiesler mit den Stichworten "Krisen, Kinder, Krieg der Verse". [42] Wirtschaftliche Krisen (wie die Erdöl-Krise 1973) ließen westeuropäische Regierungen die Anwerbungen stoppen. Jene Ausländer, denen nach einer Ausreise keine Rückkehrmöglichkeit mehr offenstand und die in ihren Heimatländern keine positiven Perspektiven sahen (wie aus der Türkei oder dem ehemaligen Jugoslawien), sahen sich – gleichsam als unbeabsichtigte Nebenwirkung des Anwerbestopps – veranlasst, ihre Familien nachzuholen.

Hinzu kamen außenpolitische Ereignisse wie die islamische Revolution im Iran 1979 oder die Rushdie-Affäre 1989 in Großbritannien, die eine Rückkehr in die Heimatländer unmöglich machten.

Verständnis von Integrationsprozessen



Mitglieder der türkischen Gemeinde demonstrieren für mehr Rechte vor dem Bundesinnenministerium in Berlin am Mittwoch, 31. Januar 2007. (© AP)

Gegenüber den türkischen "Gastarbeitern" wurde schon früh eine "kulturelle Distanz" behauptet und in den Vordergrund gestellt. Die öffentliche Debatte zu Fragen der Integration krankt bis heute daran, dass es an Verständnis für grundlegende Mechanismen und Abläufe von Integrationsprozessen mangelt – etwa der Rolle der Gruppengröße, der Bedeutung des Wohnungsmarktes, des negativen Zusammenhangs von ethnisch-sozialen Konzentrationen im Wohn- und Schulumfeld und des Erwerbs der Sprache des Aufnahmelandes.

Der Sozialwissenschaftler Hartmut Esser hatte bereits 1983 darauf hingewiesen, dass es keines Rückgriffs auf spezifische kulturelle Eigenschaften bedürfe, um etwa das Integrationsverhalten der türkischen Gruppe zu erklären. [43] Doch von zahlreichen Medien (und Politikern) wurde (und wird nach wie vor) eher auf Skandalisierung als auf sachliche Analyse gesetzt. Probleme ansprechen, Fortschritte und Chancen wahrnehmen: Integrationspolitischer Realismus ist nötiger denn je.

Fußnoten

1.
Vgl. Michael Blohm/Martina Wasmer, Einstellungen und Kontakte zu Ausländern, in: Statistisches Bundesamt/Bundeszentrale für politsche Bildung (Hrsg.), Datenreport 2008, Bonn 2008, S. 210 f.
2.
Vgl. Ferdinand Böltken, Soziale Distanz und räumliche Nähe, in: Richard Alba/Peter Schmidt/Martina Wasmer (Hrsg.), Deutsche und Ausländer: Freunde, Fremde oder Feinde?, Wiesbaden 2000, S. 147-194; Anja Steinbach, Soziale Distanz, Wiesbaden 2004, S. 143 ff.; Dirk Baier et al., Kinder und Jugendliche in Deutschland, Zweiter Bericht zum gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesministeriums des Innern und des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Hannover 2010, S. 66 f.
3.
Vgl. F. Böltken (Anm. 2), S. 173 ff. Hierzu sind die Ergebnisse der einzelnen Untersuchungen allerdings unterschiedlich
4.
Spiegel vom 7.10.1964.
5.
Vgl. Karen Schönwälder, Einwanderung und ethnische Pluralität, Essen 2001, S. 191.
6.
Vgl. Karin Hunn, "Nächstes Jahr kehren wir zurück ..." Die Geschichte der türkischen "Gastarbeiter" in der Bundesrepublik, Göttingen 2005, S. 101-110 ff.
7.
J. Manuel Delgano, Die "Gastarbeiter" in der Presse, Opladen 1972, S. 111.
8.
K. Schönwälder (Anm. 5), S. 161 ff.
9.
Vgl. Cord Pagenstecher, Ausländerpolitik und Immigrantenidentität, Berlin 1994, S. 84.
10.
Vgl. Stefan Luft, Staat und Migration, Frankfurt/M. 2009, S. 82 ff.
11.
Vgl. K. Hunn (Anm. 6), S. 304.
12.
Vgl. Hartmut Esser, Ist das Ausländerproblem in der Bundesrepublik Deutschland ein "Türkenproblem"?, in: Rolf Italiaander (Hrsg.), "Fremde raus?", Frankfurt/M. 1983, S. 175.
13.
Vgl. Bundesanstalt für Arbeit, Repräsentativuntersuchung ´72 über die Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer im Bundesgebiet und ihre Familien- und Wohnverhältnisse, Nürnberg 1973, S. 36 ff.
14.
Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, Mainz 1985, S. 109 f.
15.
Vgl. Peter Birke, Wilde Streiks im Wirtschaftswunder, Frankfurt/M.–New York 2007, S. 296 ff.
16.
Ebd., S. 299.
17.
So titelte die Bild am 31.8.1973: "30 Verletzte. Deutsche Arbeiter kämpfen ihre Fabrik frei. 2000 türkische Gastarbeiter schlugen mit Knüppeln, Messern und Zahnrädern auf ihre deutschen Kollegen ein." Zit. nach: K. Hunn (Anm 6), S. 253
18.
Vgl. Friedrich Heckmann, Ethnische Minderheiten, Volk und Nation, Stuttgart 1992, S. 112 ff.
19.
Vgl. Ali Gitmez/CzarinaWilpert, A Micro-Society or an Ethnic Community?, in: John Rex/Daniele Joly/Czarina Wilpert (eds.), Immigrant Associations in Europe, Aldershot 1987, S. 92 ff.
20.
Vgl. Karen Schober, Zur Ausbildungs- und Arbeitsmarktsituation ausländischer Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland, in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 14 (1981) 1, S. 13 f.
21.
Wolfgang Bodenbender, Zwischenbilanz der Ausländerpolitik, in: Franz Ronneberger (Hrsg.), Türkische Kinder in Deutschland, Nürnberg 1977, S. 35.
22.
H.-G. Kleff (Anm. 14), S. 186.
23.
Ulrich Herbert/Karin Hunn, Beschäftigung, soziale Sicherung und soziale Integration von Ausländern, in: Hans Günter Hockerts (Hrsg.), Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945, Bd. 4, Baden-Baden 2006, S. 790 f.
24.
K. Schönwälder (Anm. 5). S. 196 ff.
25.
Der Spiegel machte die abgesonderten Werksunterkünfte schon 1964 als Problem aus: "Die Gastarbeiter "finden meist keinen Zugang zum bundesbürgerlichen Lebensstil. Sie sind eher Getto-Bewohner als Gäste." Spiegel vom 7.10.1964.
26.
www.zeit.de/1973/15/nigger-kulis-oder-mitbuerger (6.10.2011).
27.
Spiegel vom 30.7.1973. Die Überschrift war als Zitat gekennzeichnet, das allerdings aus dem Text nicht zu entnehmen war.
28.
Vgl. Ertekin Özcan, Türkische Immigrantenorganisationen in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 1989; Levent Tezcan, Kulturelle Identität und Konflikt, in: Wilhelm Heitmeyer/Reimund Anhut (Hrsg.), Bedrohte Stadtgesellschaft, Weinheim–München 2000, S. 401-448; Gökçe Yurdakul, From Guest Workers into Muslims, Newcastle upon Tyne 2009.
29.
Bundesministerium des Innern (BMI) (Hrsg.), Verfassungsschutz 1976, Bonn 1977, S. 142.
30.
Vgl. ders., Verfassungsschutz 1979, Bonn 1980, S. 131.
31.
Vgl. ebd., S. 133 ff.
32.
Vgl. ders., Verfassungsschutzbericht 1983, Bonn 1984, S. 175.
33.
Vgl. ders., Verfassungsschutzbericht 1984, Bonn 1985, S. 194 f.
34.
Vgl. ebd., S. 195 ff.
35.
Vgl. Spiegel vom 25.3.1996.
36.
Vgl. Stefan Luft, Ausländerpolitik in Deutschland, Gräfelfing 2003², S. 235 ff.
37.
Vgl. BMI (Hrsg.), Verfassungsschutzbericht 1995, Bonn 1996, S. 211 ff.
38.
Spiegel (Anm. 37).
39.
Vgl. Selim Çürükkaya, PKK. Die Diktatur des Abdullah Öcalan, Frankfurt/M. 1997.
40.
Die Welt vom 22.3.1996. Vgl. zur Kritik daran: Bernhard Seidel-Pielen, Mit Öcalan auf dem Weg nach rechts, in: die tageszeitung vom 21.3.1996.
41.
L. Tezcan (Anm. 28), S. 411.
42.
Nina Clara Tiesler, Muslime in Europa, Berlin 2006, S. 82.
43.
H. Esser (Anm. 12), S. 178 f.

Stefan Luft

Zur Person

Stefan Luft

Dr. phil. habil., geb. 1961; Privatdozent am Institut für Politische Wissenschaft der Universität Bremen, FB 8, Postfach 33 04 40, 28334 Bremen. sluft@uni-bremen.de www.stefanluft.de


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