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counter 30.4.2015

Soldatische Kriegserfahrungen

Zwischen Langeweile und Enthemmung

So unterschiedlich wie die Einsätze und Einsatzorte der Soldaten fallen auch ihre zu Papier gebrachten Erfahrungen aus. Gleichwohl kann man von typischen Erfahrungen oder übergreifenden Phänomen sprechen. Mit Langeweile und Enthemmung lassen sich zwei Extreme beschreiben, zwischen denen sich der militärische Alltag bewegte.

Abgekämpft: deutsche Soldaten in einer Kampfpause nach der alliierten Landung in der Normandie im Juni 1944. (© Bundesarchiv)


Krieg ist Kampf: Zumindest vermitteln uns diesen Eindruck bis heute die Bilder der nationalsozialistischen Propaganda. Wir sehen vorwärtsstürmende Infanteristen, hören Granateinschläge und riechen förmlich den Pulverdampf. Doch nicht jeder, der sich freiwillig zur Wehrmacht gemeldet hatte oder eingezogen worden war, verbrachte den Krieg ganz oder teilweise im Frontgebiet. (Dass es sich um ein Gebiet unterschiedlicher Tiefe handelt, verdecken die Begriffe "Front" und "Frontlinie" leicht.) Hunderttausende Soldaten dienten fernab der Kampfzone und der, wie es seit dem Ersten Weltkrieg hieß, Hauptkampflinie (HKL), an der gerade die wichtigsten Kämpfe tobten. Stattdessen warteten sie in Ersatzbataillonen auf ihren Einsatz oder waren zu sogenannten rückwärtigen Diensten im Versorgungsraum hinter der Front, in der "Etappe", eingesetzt. Im Soldatenjargon "Etappenhengste" genannt, kümmerten sie sich zum Beispiel um den Nachschub, um Verwaltungsangelegenheiten oder Instandsetzungsarbeiten. Von den Soldaten der Marine war sogar nur eine Minderheit an den Frontkämpfen beteiligt.

Wieder andere befanden sich zu einem Urlaubs- oder Lazarettaufenthalt im Reichsgebiet. Nicht zu unterschätzen ist schließlich die Mobilität der Truppe. Jeden Tag waren zahllose Wehrmachtangehörige auf Dienstreise unterwegs:

Reiter-Schwadron der Aufklärungs-Abteilung 157: Marschpause vor Rudki, nördliches Polen 1939. (© Bundesarchiv)

Sie befanden sich auf dem Weg in die Heimat, auf dem Rückmarsch zu ihrer Einheit oder wurden an einen neuen Frontabschnitt verlegt, etwa von der Ost- an die Westfront. Als die ersten Wehrmachtangehörigen dem Gegner in die Hände fielen, kam ein weiterer Erfahrungsraum hinzu: das Lagerleben als Kriegsgefangener im Gewahrsam der Alliierten, sei es in Großbritannien, den USA und Kanada, sei es in der Sowjetunion. Schließlich blieb jede Erfahrung ihrerseits von den jeweiligen Vorprägungen des Einzelnen, namentlich seinem Alter und seiner Herkunft, abhängig. All das wandelte sich im Kriegsverlauf erheblich. Kein Wunder, dass die Tagebücher, Feldpostbriefe und auch die Memoiren der Soldaten diese unterschiedlichen Erfahrungen widerspiegeln.

Aus dem Tagebuch Wilm Hosenfelds (Warschau)

Wilm Hosenfeld (1895-1952) war als Reserveoffizier bei der Oberfeldkommandantur in Warschau eingesetzt. Er rettete vermutlich 12 Polen und polnischen Juden das Leben.

Feldpostbrief eines Soldaten aus Gotenhafen (Gdynia) an seine Frau und seinen Sohn im Frühjahr 1945. Der Brief wurde nicht mehr zugestellt.

"Gotenhafen, den 23. März 1945
Gleichwohl kann man sinnvoll verallgemeinern, von jeweils typischen Erfahrungen sprechen oder übergreifende Phänomene betrachten. Mit Langeweile und Enthemmung lassen sich zwei Extreme beschreiben, zwischen denen der militärische Alltag sich bewegte. Auch wenn Militär in erster Linie für Aktion steht, löste die Routine militärischen Handelns schnell ein Gefühl der Langeweile aus, weil der Ernstfall wochen-, ja monatelang nicht eintrat. Der junge Heinrich Böll zum Beispiel langweilte sich als Soldat an der Westfront und im Ersatzbataillon entsetzlich, bevor er – endlich! – an die Ostfront verlegt wurde.

Aus den Briefen Heinrich Bölls an seine spätere Ehefrau

Heinrich Böll (1917-1985), nach einem Lazarettaufenthalt in Frankreich in einem Ersatzbatallion im Kölner Raum stationiert, klagt in Briefen an seine künftige Ehefrau Annemarie Cech über die Langeweile des Soldatenalltags und schwärmt – wenige Tage nach dem Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 – von einem Fronteinsatz im Osten.
Kameradschaft als Bedürfnis – Interview mit Sönke Neitzel (© 2013 Bundeszentrale für politische Bildung)
Zu den soldatischen Erfahrungen des Krieges in Ost- und Südosteuropa dagegen gehörte die Enthemmung. Diese "Brutalisierung" hatte nicht eine Ursache, sondern lässt sich nur durch ein Bündel von Motiven und Umständen erklären, die Wissenschaftler/innen unterschiedlich gewichten. Die gesteigerte Gewaltbereitschaft hing damit zusammen, dass sich der Krieg im Osten von einem Bewegungs- zu einem Stellungskrieg wandelte, bevor er in einem verzweifelten Rückzugskrieg endete. Der Landser musste unter immer primitiveren Mitteln gegen einen moderner ausgerüsteten Feind um sein Überleben kämpfen. Diese "Entmodernisierung" (Bartov) habe die Brutalisierung ebenso vorangetrieben wie die Auflösung der Gruppensolidarität. Die millionenfachen Verluste zerstörten den ursprünglichen Gruppengeist der

Bekanntmachung über die standrechtliche Erschießung von vier Deserteuren in Kahlberg im Februar 1945. (© Bildarchiv preußischer Kulturbesitz)

sogenannten Primärgruppen und ließen den einzelnen Soldaten vereinsamen und verzweifeln. Die Militärjustiz drohte mit drakonischen Strafen – am Ende setzte das Regime fliegende Standgerichte ein –, denen bis zu 15.000 Männer zum Opfer fielen (im Ersten Weltkrieg waren es gerade einmal 58!). Diese rigide Disziplinierung habe, so lautet eine Vermutung, deshalb funktionieren können, weil man gleichzeitig die Zügel beim Verhalten gegenüber dem Gegner gelockert und Disziplinlosigkeit zugelassen habe, insbesondere bei der Partisanenbekämpfung. Die Mischung von Terror und Motivation hat, darauf deuten Interviewprotokolle hin, auch die Soldaten der Roten Armee angetrieben, die bei Stalingrad ihre Heimat verteidigten.

Zu den Erfahrungen, die den Brutalisierungsprozess auf deutscher Seite vorangetrieben haben, gehört schließlich eine verzerrte, von der NS-Ideologie beeinflusste Verzerrung der Wahrnehmung: Deutsche Soldaten sahen sich angesichts des Elends der Menschen in der Sowjetunion in ihrer Auffassung bestätigt, es mit "Untermenschen" zu tun zu haben. Wie ein Großteil der Zivilbevölkerung auch, glaubten sie lange an den "Hitler-Mythos" (vgl. Ian Kershaw) und waren gewiss, dass der Führer sie schon retten würde. Sie fühlten sich schließlich als Opfer, nicht als Täter. Doch welche Rolle genau spielte die NS-Ideologie für das enthemmte Verhalten auch gegenüber Zivilisten und Kriegsgefangenen? In der privaten Feldpost und auch in den Stimmungsberichten, die das NS-Regime für die Truppe erstellen ließ, finden sich nationalsozialistische Deutungen und Versatzstücke der Goebbels-Propaganda eher selten. Wo sie auftauchten, bleibt noch die Frage, inwieweit sie über Lippenbekenntnisse hinausreichten und tatsächlich das Handeln der Soldaten radikalisierten. Brauchte es die ideologische Rechtfertigung überhaupt?

"...heitere Erlebnisse aus den Feldzügen dieses Kriegs"

Die Sonderveröffentlichung des Völkischen Beobachters von 1943, von dessen Schriftleiter Wilhelm Utermann 1943 herausgegeben, ging auf ein Preisausschreiben des VB zurück. "Es wurden heitere Erlebnisse aus den Feldzügen dieses Kriegs gesucht.

Verpflegungsstärken der Kriegswehrmacht am 1.9.1943. PDF-Icon Hier finden Sie die Grafik als hochauflösende PDF-Datei. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Allerdings wurden 1944/45 immer häufiger jüngere Männer an die Front geschickt, die sämtliche Erziehungsinstanzen des NS-Regimes durchlaufen hatten. Sie glaubten an ihren "Führer" und fühlten sich ihm verpflichtet. Für sie war klar: Ein Zusammenbruch wie 1918 durfte sich nicht wiederholen. Eine Kollektivbiografie der Mannschaften und Unteroffiziere der 253. Infanteriedivision, die während des Ostfeldzuges an der Ostfront eingesetzt war, hat beispielhaft gezeigt, dass die 18- bis 28-jährigen Männer, die 1939 einberufen wurden, ein nationalsozialistisches Bild des Krieges im Kopf hatten, als sie ihren Marschbefehl erhielten. Rassistische Feindbilder und völkische Vorstellungen von Lebensraumeroberung wirkten zumindest im Hintergrund, auch wenn in der besonderen Situation andere Faktoren das konkrete Handeln und Deuten motiviert haben. Wie sehr sich manche Soldaten mit dem NS-Regime identifizierten, zeigte sich nicht zuletzt in den Kriegsgefangenenlagern im Ausland, wo zweifelnde Kameraden von Überzeugungstätern unter Druck gesetzt wurden.

Soldaten verarbeiteten ihre Eindrücke im konkreten Einsatzraum anhand ihres kulturellen Vorwissens, das nicht spezifisch nationalsozialistisch war. Zum einen gehörte dazu die Vorstellung von "Kameradschaft" als einem soldatischen Idealbild. Diese Vorstellung war deshalb so erfolgreich, weil sie die verschiedenen Erfahrungen, Einstellungen und Weltsichten des einzelnen Soldaten nicht als trennende Faktoren begriff, sondern integrierte. Das Kameradschaftskonzept gründete auf einer tief verankerten Tradition. Vor allem die nationalistischen Kriegervereine hatten nach 1918 das Bild einer egalitären Gemeinschaft von Kameraden gepflegt, das im "Kriegserlebnis" des Ersten Weltkriegs gründete. Kameradschaft gab dem Soldatentod einen Sinn, ohne vom eigenen aktiven Töten zu reden. Als Kameraden bildeten Soldaten vor allem eine Leidensgemeinschaft, in der das christliche Motiv des Leidens für die Gemeinschaft eine wichtige Rolle spielte. Fürsorge und Trost gehörten zu dieser militärischen Kultur ebenso wie Komplizenschaft und Verschwiegenheit angesichts der Verbrechen im Krieg.

Mitgliedschaften in NS-Organisationen. PDF-Icon Hier finden Sie die Grafik als hochauflösende PDF-Datei. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Sozialer Zwang war die Kehrseite der sozialen Geborgenheit in der Gemeinschaft im Zeichen der Kameradschaft. Eins hatte sich nach 1918 gezeigt: Auch wenn die Soldaten aus einem verlorenen Krieg heimkehrten, konnten sie nur "mitreden", wenn sie am Fronterlebnis teilgehabt und durchgehalten hatten. Ansonsten drohten vorwurfsvolle Blicke. Zwar beugten sich längst nicht alle dieser "Moral des Mitmachens" (vgl. Thomas Kühne), doch dem Außenseiter in dieser Zwangsgemeinschaft waren enge Grenzen gesetzt – in welche Nische hätte er auch flüchten können? Geteilte Scham und der Druck, nur nicht aufzufallen, stärkten eine Gruppendynamik, die vor Denunziation schützte. Für die jüngeren Soldaten bot die Kameradschaft, einschließlich der geteilten Erfahrung von Drill und Todesgefahr, von exzessivem Trinken und Bordellbesuchen, zudem die Möglichkeit, in die Männerwelt eingeführt zu werden.

Funkgerät in der Instandsetzung, 1943 (© Bundesarchiv)

Auch das Pflichtgefühl, das die Masse der Soldaten verinnerlicht hatte, lässt sich in diesem Zusammenhang als ein militärischer Wert verstehen, der nicht an einen ideologischen Inhalt gekoppelt war. Seine Pflicht zu tun und dafür bereit zu sein, auch Wehrlose zu töten, schien den meisten als Soldaten so lange legitim, wenn nicht selbstverständlich, wie die vollständige militärische Niederlage nicht offenkundig und jedes weitere Opfer sinnlos wurde.

Zum anderen zählten zum kulturellen Gewissen die Wertvorstellungen "Reinlichkeit" und "Ordnung". Immer wieder schildern die Briefe der Soldaten das Erlebte mit dem Gegensatzpaar von Sauberkeit und Schmutz. Ihre gesteigerte Gewaltbereitschaft lässt sich daher auch mit einem Überlegenheitsgefühl erklären, das mindestens auf die Zeit des Ersten Weltkriegs zurückging: Die Landser deuteten die Unterschiede, die sie zwischen Deutschland und "dem Osten" beobachteten, als ein durch eigene Erfahrungen vor Ort bestätigtes Kulturgefälle, das sie wiederum in den Begriffen von Reinlichkeit fassten. Der Gegner galt als schmutziger Barbar, der den "sauberen", kulturell höher stehenden Deutschen zu "infizieren" drohte. Der Krieg bestätigte und radikalisierte die negativen Feindbilder der Soldaten. Die Rede von Ordnung und Sauberkeit haben dem Töten einen (zusätzlichen) Sinn gegeben und insofern das Verbrechen erleichtert. Das erklärt die Kaltschnäuzigkeit, mit der (heimlich abgehörte) Kriegsgefangene über das Töten von Zivilisten redeten. Sicher, Reinlichkeits- und Ordnungsvorstellungen waren ebenso wenig wie das Kameradschaftsideal nicht die Ursache für die Beteiligung am Vernichtungskrieg. Aber sie gehörten zu jenen kollektiven, vom Nationalsozialismus aufgegriffenen Deutungsmustern, die im Zusammenspiel mit den persönlichen Erfahrungen immer wieder zur Enthemmung führten.


Ausgewählte Literatur:

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Dr. habil. Jörg Echternkamp

Dr. habil. Jörg Echternkamp

Dr. habil. Jörg Echternkamp, geboren 1963, ist Privatdozent für Neuere und Neueste Geschichte am Historischen Institut der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Projektbereichsleiter am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw), vormals Militärgeschichtliches Forschungsamt (MGFA), in Potsdam. Er hatte zahlreiche Lehraufträge an Universitäten im In- und Ausland; 2012/13 war er Inhaber der Alfred-Grosser-Gastprofessur am Institut d'Études Politiques (Sciences Po) in Paris. Echternkamp forscht und lehrt zur deutschen und europäischen Geschichte vom 18. zum 21. Jahrhundert; Schwerpunkte bilden derzeit die Gesellschafts- und Erinnerungsgeschichte der Weltkriege, der NS-Zeit und der deutschen Nachkriegsgeschichte. Zu seinen Publikationen zählen: (Hg.) Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 9/1-2: Die deutsche Kriegsgesellschaft 1939-1945 (München 2004/2005; engl. Oxford 2008/2014), Die 101 wichtigsten Fragen: Der Zweite Weltkrieg, München 2010, Militär in Deutschland und Frankreich 1870-2010, Paderborn 2011 (hg. mit S. Martens), München 2012; Experience and Memory. The Second World War in Europe, Oxford 2010/2013 (hg. mit S. Martens); (Hg.), Wege aus dem Krieg im 19. und 20. Jahrhundert, Freiburg 2012; Die Bundesrepublik Deutschland 1945/49-1969, Paderborn 2013; Gefallenengedenken im globalen Vergleich (hg. mit M. Hettling), München 2013; Soldaten im Nachkrieg 1945-1955, München 2014.


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