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counter 6.5.2013

Auslösung und Beginn des Krieges

Der Kriegsbeginn im August 1914 riss weite Teile der deutschen Bevölkerung mit. Aus dem Gefühl einer existentiellen nationalen Bedrohung erwuchs ein breiter politischer Konsens zur Kriegsunterstützung: die Burgfriedenspolitik. Selbst die zuvor eher internationalistischen Sozialdemokraten unterstützten aus Pflichtpathos jenen Krieg, der als Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts gilt.

Mobilmachung 1914: Deutscher Truppentransport. Lizenz: cc by-sa/3.0/de (Bundesarchiv, Bild 146-1994-022-19A)


Aus dem Tagebuch des Schreinergesellen Georg Schenk aus Nürnberg

Es war der 1. August. Die ganze deutsche Bevölkerung war gespannt; denn man wartete auf die Mobilmachung der deutschen Armee, nachdem schon am 31. Juli der Kriegszustand erklärt worden war.
Der Kriegsbeginn stand im Zeichen verschiedener Entwicklungen, die in hohem Maße ideologisch aufgeladen waren. Die hohe Emotionalität, Suggestionskraft und Sinnstiftungsdynamik des Kriegsbeginns wirkt teilweise bis heute fort und hat auch die geschichtswissenschaftliche Forschung beeinflusst. Vor allem die Frage nach der Kriegsschuld bzw. nach der Verantwortung für die Auslösung des Krieges hat die Historiker immer wieder beschäftigt, ebenso wie die Bedeutung des "Burgfriedensschlusses" aller gesellschaftlichen und politischen Kräfte zur "Verteidigung des Vaterlandes". Auch das sogenannte "Augusterlebnis" und der vielbeschworene "Geist von 1914", d. h. die mit Kriegsbegeisterung und nationalem Enthusiasmus einhergehende Stimmungsentwicklung des Kriegsbeginns, sind bis heute prägende und umstrittene Themen der Geschichtswissenschaft geblieben. Schließlich spielen der als "Schlieffenplan" bekannte deutsche Aufmarschplan zur schnellen Niederwerfung Frankreichs und die Gründe für sein Scheitern ebenfalls bis heute eine wichtige Rolle in den Arbeiten und Analysen der Historiker.

Die Kriegsauslösung



"Germania" von Friedrich August von Kaulbach (1914)

Alle am Krieg beteiligten Länder betonten von Anfang an in propagandistischer Manier, ihr Vaterland gegen feindliche Aggressionen zu verteidigen. Als nach Kriegsende die Sieger im Versailler Vertrag allein Deutschland die Kriegsschuld zusprachen und damit nicht zuletzt Reparationspflichten begründeten, rief dieses "Siegerdiktat" in Deutschland große Empörung hervor. Auf der politischen Rechten wurde weiterhin die These von der alliierten "Einkreisung" Deutschlands als Ursache des Krieges beschworen, aber auch gemäßigte Kräfte einschließlich großer Teile der Sozialdemokratie waren höchstens bereit, die "Schlitterthese" des englischen Kriegspremiers David Lloyd George zu akzeptieren, nach der alle Länder durch die wechselseitigen Bündnisverpflichtungen ohne eigene Absicht in den Krieg "hineingeschlittert“ waren. Erst in der sogenannten Fischer-Kontroverse der 1960er Jahre wurden diese Vorstellungen grundlegend erschüttert. Der Hamburger Historiker Fritz Fischer hatte in seinem großen Werk "Griff nach der Weltmacht“ nicht nur aufgezeigt, dass in Deutschland während des Krieges umfassende, die Pläne der Nationalsozialisten in vieler Hinsicht vorwegnehmende Eroberungsprogramme entwickelt worden waren. Aufsehen erregte vielmehr vor allem seine These, die deutsche Regierung ("Reichsleitung", monarchische Spitze einer Beamtenregierung mit Staatssekretären statt Ministern) habe den Krieg gezielt herbeigeführt. Obwohl einflussreiche wissenschaftliche und politische Kräfte diese These voller Empörung bekämpften, regte die Kontroverse einen intensiven Forschungsprozess an, der unsere Kenntnisse über die Grundlagen und Zusammenhänge der Kriegsauslösung enorm erweitert hat. Dabei kann, auch wenn jüngste Forschungen für alle europäischen Mächte in der Vorkriegszeit Tendenzen zur Verschärfung der europäischen Krise aufgezeigt haben, heute kaum noch bezweifelt werden, dass die Politik des Deutschen Reiches und seines Verbündeten Österreich-Ungarn vor allem in der Julikrise die Hauptverantwortung für die Auslösung des Ersten Weltkrieges getragen hat.

Propaganda des Kriegsministeriums: Aufruf „Der Blutrausch“ von Konrad Astfalck

Laßt, Deutsche, Euer Herz vom Rausch des Weltkriegs entzünden.
Des Auferstehungskrieges, der zu Recht der „Heilige“ heißt.

Am 28. Juni 1914 wurde der österreichische Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo ermordet. Das Bild zeigt die Verhaftung des Mittäters Chabrinovic. (© picture-alliance/akg)

Die feindliche "Einkreisung“, von der man sich in Deutschland vor dem Krieg bedroht sah und mit der die Berechtigung eines "Präventivkrieges“ begründet wurde, stellt sich in beträchtlichem Maße als eine Folge der deutschen Politik selbst dar. Mit ihren unberechenbaren Aggressionen und mit dem Bau einer großen Schlachtflotte hatte sie nicht nur in Frankreich und Russland, sondern auch in England Angst geschürt und einer Verständigung der drei Mächte den Weg bereitet. Nach dem Attentat von Sarajewo drängte die Reichsleitung die verantwortlichen Stellen in Österreich-Ungarn, möglichst schnell mit einem unannehmbaren Ultimatum und einem damit begründeten Krieg gegen Serbien vorzugehen. Und sie gab dem Bundesgenossen zugleich einen "Blankoscheck“ für ihre militärische Unterstützung im Falle einer Ausweitung des Krieges. Die Habsburger Monarchie brauchte lange, doch am 23. Juli stellte sie Serbien tatsächlich ein Ultimatum und erklärte nur fünf Tage später trotz eines weitreichenden serbischen Entgegenkommens den Krieg. Die nun von deutscher und österreichischer Seite proklamierte Lokalisierung des Konfliktes auf dem Balkan hätte bedeutet, dass Russland seinen Verbündeten Serbien hätte fallenlassen müssen. Und die englischen Bemühungen um eine Initiative der europäischen Großmächte zur Beendigung des Krieges wurden von deutscher Seite teils zurückgewiesen, teils bewusst verzögert behandelt, weil man erst einmal auf einen österreichischen Sieg über Serbien setzte.

Kriegsziele der Regierung Bethmann Hollweg im „Septemberprogramm“ 1914

Sicherung des Deutschen Reichs nach West und Ost auf erdenkliche Zeit.

Soldaten marschieren an die Front - Historische Zeichnung von Richard Vogts für die Berliner Illustrierte Zeitung vom 6. September 1914 (© FES)

Mit einem solchen Ausgang wäre man auf deutscher und österreichischer Seite durchaus zufrieden gewesen. Doch um die von dem Kanzler-Berater Kurt Riezler - und nach ihm vielen deutschen Historikern - beschworene "Politik des kalkulierten Risikos", hart am Rand des großen Krieges, die nur durch Fehler der anderen Mächte zum großen Krieg geführt habe, handelte es sich dabei nicht. Denn, dass Russland die militärische Niederwerfung seines Schützlings Serbien wohl nicht einfach hinnehmen konnte, war den Verantwortlichen in Deutschland durchaus bewusst. Als Russland am 30. Juli mobil machte, reagierte das Deutsche Reich mit scharf formulierten Ultimaten zur Einstellung dieser Maßnahmen an Russland sowie zur Erklärung der Neutralität in einem deutsch-russischen Krieg an Frankreich, auf deren Nichtbeantwortung am 1. bzw. am 3. August Kriegserklärungen an die Entente-Mächte folgten. Doch zu diesem Zeitpunkt war die Entscheidung für den Kriegsbeginn in Berlin de facto längst gefallen. Denn als hier am 1. August die Mobilmachung verkündet wurde, trat der Automatismus des Schlieffenplans in Gang, der einen möglichst schnellen Angriff auf Frankreich unter Verletzung der Neutralität Belgiens und Luxemburgs vorsah. Diese Neutralitätsverletzungen boten Großbritannien schließlich den Vorwand, dem Deutschen Reich seinerseits den Krieg zu erklären.

Das Scheitern des Schlieffenplans



Der deutsche Angriff im Westen (© Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr)

Mit dem vom früheren Generalstabschef Alfred v. Schlieffen entwickelten Kriegsplan hatte die deutsche Militärführung versucht, das Problem eines Zweifrontenkrieges gegen Russland und Frankreich sowie eines daraus hervorgehenden Abnutzungskrieges zu lösen, in dem man langfristig zu unterliegen drohte. Da die Mobilmachung im technologisch rückständigen Zarenreich erwartungsgemäß viel länger dauern würde, sah der Plan vor, zuerst einmal den Großteil der deutschen Streitkräfte gegen Frankreich zu führen und hier eine schnelle Kriegsentscheidung zu erzwingen. Die französischen Truppen sollten durch eine riesige Umfassungsbewegung durch Belgien und Nordfrankreich hindurch und um Paris herum eingekesselt und vernichtend geschlagen werden. Anschließend hätte man sich dann nach Osten wenden und gemeinsam mit Österreich-Ungarn Russland militärisch besiegen können. Doch es kam anders.

Verlauf der Westfront. (© picture-alliance)

Da Russland schneller mobilisierte als erwartet und Österreich seine Streitmacht vor allem gegen Serbien richtete, konnten russische Truppen weit nach Ostpreußen und Galizien eindringen. Die deutsche Heeresleitung sah sich deshalb genötigt, zwei Armeekorps von der Westfront abzuziehen und nach Osten zu transportieren. Der durch belgischen Widerstand und das schnelle Eingreifen britischer Berufssoldaten teilweise schon verzögerte deutsche Vormarsch, bei dem es zu erheblichen Gewaltakten wie der Niederbrennung der Bibliothek von Löwen und Greueltaten gegen die belgische Bevölkerung kam, musste deshalb verändert werden. Statt der geplanten Umfassung von Paris marschierte die am weitesten vorgerückte Heeresgruppe nun direkt auf die französische Hauptstadt. Doch an der Marne wurde sie gestoppt und musste sich in Verteidigungsstellungen zurückziehen. Nun begann der sogenannte Wettlauf zum Meer, in dem beide Seiten sich erfolglos zu umfassen versuchten. Daraus entstand eine bald mit Stacheldrahtverhauen und Schützengräben gesicherte Frontlinie, die durch Nordfrankreich und Teile Belgiens bis an die Nordseeküste reichte und nach Süden bis an die Schweizer Grenze ausgebaut wurde.

Bericht des deutschen General-Gouverneurs Freiherr von Bissing über Vorgänge beim deutschen Einmarsch in Belgien, 28.2.1915

Die für den Bereich des Generalgouvernements abgeschlossenen Ermittlungen haben folgendes ergeben:

Der Schlieffenplan war damit gescheitert, doch die militärische Position der Mittelmächte stellte sich zum Jahreswechsel 1914/15 trotz des englischen Kriegseintritts nicht schlecht dar. Denn nachdem die neue Heeresleitung im Osten unter den Generälen Hindenburg und Ludendorff in den Schlachten bei Tannenberg und an den masurischen Seen die russischen Invasoren vertrieben hatten und weit auf russisches Gebiet vorgerückt waren, standen deutsche Truppen sowohl im Osten als auch im Westen weit auf feindlichem Territorium. Die oft vertretene Auffassung, der Krieg sei für die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn mit dem Scheitern des Schlieffenplans bereits verloren gewesen, ist so angesichts einer strategisch durchaus nicht schlechten Lage kaum haltbar. Es brauchte immerhin noch vier Jahre und den Kriegseintritt der USA, um den Krieg militärisch zugunsten der Alliierten zu entscheiden.

Ein Stimmungsbericht über die sozialdemokratischen Antikriegsdemonstrationen zum Kriegsbeginn


Der Burgfrieden



Innenpolitisch stand der Kriegsbeginn im Zeichen des Burgfriedensschlusses, d. h. der Integration aller relevanten politischen Kräfte in eine nationale Einheitsfront. Alle politischen und sozialen Konflikte wurden vertagt, um erst einmal mit gemeinsamen Anstrengungen den Krieg zu gewinnen. Diese Entwicklung war keineswegs selbstverständlich, insbesondere nicht für die Sozialdemokratie, die bisher betont kriegsgegnerische, fundamentaloppositionelle und internationalistische Positionen bezogen hatte, während sie von den herrschenden Kräften umgekehrt als vaterlandslos und reichsfeindlich denunziert und ausgegrenzt worden war. Beim offiziellen Burgfriedensschluss anlässlich der Eröffnung des Reichstages im Berliner Stadtschloss am 4. August 1914, wo die bürgerlichen Parteiführer dem Kaiser in die Hand gelobten, mit ihm "durch dick und dünn, durch Not und Tod“ zu gehen, waren die bislang monarchiekritischen sozialdemokratischen Abgeordneten dementsprechend gar nicht anwesend. Als sie anschließend jedoch trotzdem im Reichstag einstimmig die Kriegskredite bewilligten (nur zwei weniger prominente SPD-Abgeordnete, Kunert und Simon, hatten vor der Abstimmung unauffällig das Reichstagsplenum verlassen), kannte der Jubel kaum Grenzen. Der Krieg schien sich mit den Worten der konservativen Täglichen Rundschau als ein "Zauberkünstler und Wundertäter“ zu erweisen, der sogar das "größte aller Wunder“ vollbracht und die Sozialdemokraten nach langen Jahren der inneren Auseinandersetzungen "an die Seite ihrer deutschen Brüder“ gezwungen habe.

Thronrede Wilhelm II. am 4. August 1914 anlässlich der Eröffnung des Reichstages am 4. August 1914 im Berliner Schloß

In schicksalsschwerer Stunde habe Ich die gewählten Vertreter des deutschen Volkes um Mich versammelt.
Tatsächlich wurde die Bewilligung der Kriegskredite zu einem Wendepunkt in der Geschichte der Sozialdemokratie. Noch in der letzten Juliwoche hatte sie überall im Reich große Antikriegsproteste mit einer Massenbeteiligung von etwa einer ¾ Million Menschen organisiert und so die Ängste der bürgerlichen Öffentlichkeit vor ihrer Widerstand gegen den Krieg noch einmal bestärkt. Doch in den Zusammenhängen des Kriegsbeginns schienen die oppositionellen Positionen der Sozialdemokratie ihre Überzeugungskraft zu verlieren: Zu einem offenen Kampf gegen den Krieg war man nicht bereit und stand so der in den Krieg führenden Entwicklung ohnmächtig gegenüber. Trotzdem schienen auch bei fortgesetzter politischer Opposition Verfolgung und Illegalität zu drohen, während die Bewilligung der Kriegskredite den Nachweis nationaler Loyalität und damit verbundene Integrationsmöglichkeiten und Reformhoffnungen zu eröffnen schien. Diese integrative Perspektive wurde noch dadurch bestärkt, dass sich die Reichsleitung, deren kriegstreiberische Politik man noch vor wenigen Tagen angeprangert hatte, nun ebenfalls um eine nationale Versöhnung mit der Arbeiterbewegung bemühte. Als Angreifer und Hauptkriegsgegner stellte sie das zaristische Russland dar, das den Sozialdemokraten traditionell als "Hort der Reaktion“ in Europa galt. Und die Internationale als Gegenpol zur nationalen Identität begann angesichts des Kriegsbeginns schnell zu zerfallen. In einer hektischen, von aufgepeitschten Stimmungen geprägten Situation entschieden sich Parteiführung und Reichstagsfraktion der SPD, ähnlich wie zuvor bereits die Gewerkschaften, für die Unterstützung der nationalen Kriegsanstrengungen. Die Erklärung, mit der Hugo Haase als Partei- und Fraktionsvorsitzender diesen Schritt im Reichstag begründete, war frei von Chauvinismus und beschwor einen möglichst schnellen Friedensschluss. Doch konnte dies nur oberflächlich verdecken, dass die Partei mit zentralen Grundpositionen brach, ihre fundamentaloppositionelle Haltung aufgab und damit die Hoffnung auf eine positive nationale Integration verband.

Die Stimmung Ende Juli/Anfang August 1914 in den großstädtischen Zentren Deutschlands

In der Tat machen sich Angst und Unsicherheit breit.

Kriegsbegeisterung? Die Stimmungsentwicklung bei Kriegsbeginn



Preußische Soldaten beim Verlassen Berlins, August 1914. (© picture-alliance/AP)

Der sozialdemokratische Burgfriedensschluss ist oft mit einer kriegsbegeisterten Massenstimmung begründet worden, der sich die Partei nicht habe widersetzen können. In der Tat erfasste die deutsche Bevölkerung, wie in anderen Ländern auch, eine dynamische Stimmungsentwicklung, in der Kriegsbegeisterung und nationale Einheitsstimmung eine wesentliche Rolle spielten. Das lange unhinterfragte Bild, die Massenstimmung im Juli/August 1914 sei ausschließlich davon geprägt worden, ist von der neueren Forschung jedoch nachhaltig relativiert worden. Zweifellos gab es kriegsbegeisterte Massen, die auf den Straßen der Großstädte die Mobilmachung bejubelten, und der Burgfrieden wurde in der Öffentlichkeit vielfach als nationale Versöhnung des deutschen Volkes gefeiert. Doch insgesamt war die Stimmungsentwicklung bei Kriegsbeginn zuerst einmal geprägt von einer wachsenden Anspannung und Erregung der Bevölkerung, die in vielfältigen Erscheinungsformen zum Ausdruck kam und sich schließlich in einer weitgehenden Bereitschaft zum Krieg verdichtete.

Bericht eines Pfarrers über die Stimmung im Berliner Arbeiterbezirk Moabit, Herbst 1914

Aus den Fenstern hängen jetzt Fahnen heraus, in manchen Häusern bis zu sechs – ein erstaunlicher Anblick für den Kenner der Verhältnisse.
Auch nachdem die sozialdemokratischen Antikriegsproteste am 31. Juli angesichts der Verhängung des Belagerungszustandes abgebrochen worden waren, finden sich nur wenige Beispiele für nationalistische Kriegsbegeisterung in der Arbeiterschaft. Die SPD-Zeitungen berichteten vielmehr von Verzweiflung und Tränen beim Abschied der Einberufenen, bald auch von der wachsenden sozialen Not, die breite Bevölkerungsschichten kaum in Begeisterung versetzen konnte. Ähnliche Berichte liegen auch über die Stimmung auf dem Lande vor. Offene Begeisterung dagegen herrschte vor allem in den großstädtischen Zentren, wo die Kriegserklärungen und erste Siegesmeldungen bejubelt wurden. Ihr Träger war allem Anschein nach insbesondere das Bürgertum: Studenten und Oberschüler meldeten sich in Massen freiwillig, insbesondere viele Bildungsbürger schrieben begeisterte Gedichte und Aufrufe. Zugleich kam es aber auch zu Erscheinungsformen von Chaos und Panik, die sich vor allem in Hamsterkäufen, einem Ansturm auf die Banken und nicht zuletzt einer hysterischen Angst vor feindlichen Spionen äußerten. Hinzu kam ein aggressiver Chauvinismus. Hassphantasien auf die Kriegsgegner wurden laut und "Gott strafe England!“, diese Zeilen aus Ernst Lissauers berühmten Gedicht "Haßgesang gegen England“ wurden für viele zum "deutschen Gruß“. Fremd aussehende oder sich der nationalen Hochstimmung verweigernde Menschen wurden in aller Öffentlichkeit beschimpft und verfolgt, fremsprachige Geschäfts- oder Warennamen geändert. Manche Menschen dagegen verfielen tiefer Verzweifelung, und oft standen widersprüchliche Emotionen auch in einer Person unverbunden nebeneinander.

Tagebucheintrag des jungen Hamburger Sozialdemokraten Wilhelm Heberlein vom 16. August 1914

"Wegen Einberufung der Genossen muß ich Parteibeiträge kassieren – Wohnungselend, Kummer verlassener Frauen, Arbeitslosigkeit, Mutlosigkeit, vereinzelt gefaßte Menschen."

Friedrich Stampfer: Sein oder Nichtsein!

Solange es die Möglichkeit gibt, den Frieden zu retten gibt es nur eine Pflicht: für ihn zu arbeiten.
Insgesamt wird man sagen können, dass der Kriegsbeginn von einer vielschichtigen Stimmungsentwicklung geprägt war, in der Äußerungen von Begeisterung, Verunsicherung und Verzweiflung sich oft auch in ein und derselben Person verbanden und im Ergebnis eine zwar nicht unbedingt begeisterte, aber schließlich doch entschlossene Kriegsstimmung vorherrschte.

Ausgewählte Literatur:



Christopher Clark, The Sleepwalkers. How Europe Went to War in 1914, London 2012.

Hans Ehlert u.a. (Hg.), Der Schlieffenplan. Analysen und Dokumente, Paderborn u.a. 2006.

Christian Geinitz, Kriegsfurcht und Kampfbereitschaft. Das Augusterlebnis in Freiburg. Eine Studie zum Kriegsbeginn 1914, Essen 1998.

John Horn u. Alan Kramer, Deutsche Kriegsgreuel 1914. Die umstittene Wahrheit, Hamburg 2004.

Wolfgang Jäger, Historische Forschung und politische Kultur in Deutschland. Die Debatte 1914-1980 über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, Göttingen 1984.

James Joll, Die Ursprünge des Ersten Weltkrieges, München 1988-

Wolfgang Kruse, Krieg und nationale Integration. Eine Neuinterpretation des sozialdemokratischen Burgfriedensschlusses 1914/15, Essen 1993.

Thomas Raithel, Das "Wunder der inneren Einheit“. Studien zur deutschen und französischen Öffentlichkeit bei Beginn des Ersten Weltkrieges, Bonn 1996.

Gerhard Ritter, Der Schlieffen-Plan. Kritik eines Mythos, München 1956.

Gregor Schöllgen (Hg.), Flucht in den Krieg? Die Außenpolitik des kaiserlichen Deutschland, Darmstadt 1991.

Jeffrey T. Verhey, Der "Geist von 1914“ und die Erfindung der Volksgemeinschaft, Hamburg 2000.
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Wolfgang Kruse

Wolfgang Kruse

Apl. Prof. Dr. Wolfgang Kruse, geb. 1957, ist Akademischer Oberrat und außerplanmäßiger Professor im Arbeitsbereich Neuere Deutsche und Europäische Geschichte am Historischen Institut der Fernuniversität Hagen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte des Ersten Weltkriegs, die Geschichte der Französischen Revolution, Geschichte der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung und die Geschichte des politischen Totenkults. Von Kruse ist u.a. erschienen: Wolfgang Kruse: Der Erste Weltkrieg, Darmstadt 2009 (Geschichte Kompakt der WBG).


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