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10.7.2009

Zurück in die Zukunft

"Die Vergangenheit existierte nicht mehr." Alexander Osang erinnert sich an seinen Werdegang nach dem Mauerfall. Nach acht Jahren in New York kam er zurück nach Berlin.

Foto: Sibylle Bergemann (© Sibylle Bergemann)

Als ich fünfzehn Jahre alt war, wäre ich gern in der Zeit zurück gereist, um Karl Marx auszurichten, dass seine Ideen Wirklichkeit geworden waren. Ich hätte natürlich auch Lenin besuchen können, das wäre von Ostberlin aus, wo ich damals lebte, die unproblematischere Reise gewesen. Aber ich wollte zu Marx, was sicher damit zusammenhing, dass der wie die Rolling Stones in London lebte. London war für mich unerreichbar, Uljanowsk, Lenins Geburtsstadt, dagegen hatte ich bereits mit meiner Schulklasse besucht. Ich hatte im Lenin-Heimatmuseum an seiner winzigen Schulbank gestanden. London kannte ich nur aus Edgar-Wallace-Krimis und von den Bildern des Wembley-Stadions aus meinem Sprengel-Fußballalbum, Marx´ Lebensumstände dort waren mir vage aus dem Kinderbuch Mohr und die Raben von London bekannt, das wir im Deutschunterricht gelesen hatten. Ich dachte, es würde ihn freuen, Besuch aus einem Land zu bekommen, wo es Polikliniken für alle gab, stabile Lebensmittelpreise, eine geringe Säuglingssterblichkeit und endlich auch die Diktatur des Proletariats, von der er so geträumt hatte. Der Kommunismus war kein Gespenst mehr, das in Europa umging, er hatte einen Fuß in der Tür.

Ich hätte Marx ein Erdkundebuch aus meiner Zeit mitgebracht mit einer Weltkarte, die sich von Jahr zu Jahr roter färbte, klar, London war noch kapitalistisch, blau, und auch Trier, Marx´ Geburtsstadt, hatte es noch nicht geschafft, aber das war sicher nur eine Frage der Zeit. Kuba schwamm bereits wie ein Raubfisch in der Karibik, ein schmaler, roter Barrakuda, Asien war über den Berg, ein roter Block, ein Massiv, China, die Sowjetunion und die Mongolische Volksrepublik, die – auch das hätte Marx sicher interessiert – unter Umgehung des Kapitalismus direkt vom Feudalismus zum Sozialismus übergegangen war. Am meisten aber hätte mich gefreut, Marx auszurichten, dass es im Süden des Poliklinikenlandes eine Stadt gab, die seinen Namen trug, in meiner Heimatstadt Berlin hieß die breiteste Straße wie er. Später, als ich mich im Unterrichtsfach politische Ökonomie mit all seinen schwer zu merkenden Definitionen rumquälte, spürte ich, dass wir uns doch nicht so verstehen würden, wie ich einst gedacht hatte. Noch später erkannte ich, dass Marx wahrscheinlich keinen großen Wert auf eine sozialistische Prachtstraße seinen Namens gelegt hätte, schon gar nicht auf eine, die vorher Stalin-Allee geheißen hatte. Was Karl-Marx-Stadt anging, das einstige und heutige Chemnitz, so hätte sich Marx´ Freund Friedrich Engels garantiert über den riesigen Marx-Kopf lustig gemacht, der dort im Stadtzentrum herumstand. Das Denkmal wäre ein Running Gag im Briefwechsel der beiden geworden, ganz sicher. Kürzlich lasen Gregor Gysi und Harry Rowohlt aus Briefen vor, die sich Marx und Engels geschrieben haben. Die Klassiker, wie wir sie einst nannten, waren große Spötter, sie machten sich über alles lustig, sogar über die Arbeiter, ehrlich gesagt schien vor allem Marx die Proletarier überhaupt nicht zu schätzen, sie waren ihm zu doof. Ich möchte nicht daran denken, was sie von mir gehalten hätten, dem seltsamen Zeitreisenden. Womöglich hätte ich, wie einst Michael J. Fox im Film Zurück in die Zukunft die Vergangenheit geändert und damit die Gegenwart.

Fritz, hätte Marx seinem Freund geschrieben, ich hatte einen äußerst beunruhigenden Gast heute. Er trug verwaschene, blaue, nun ja, Arbeitskleidung, auf die er sehr stolz zu sein schien, und behauptete, aus der Zukunft zu kommen. Er brachte Geschichtsbücher aus einem sozialistischen Schulbuchverlag, die mich frösteln ließen. Das Land, aus dem er kam, heiße Deutsche Demokratische Republik, sagte er, sie haben dort Straßen nach uns benannt. Es gibt eine Stadt, die meinen Namen trägt, und, alter Freund, ein Soldatenregiment Friedrich Engels, hah! Insgesamt klingt es nicht so, als sei dies ein Land, in dem wir beide uns wohlfühlen würden, Bruder. Ich glaube, diese bescheuerten Proletarier haben uns gründlich missverstanden. Der Vorsitzende des Landes, der Generalsekretär einer Sozialistischen Einheitspartei, war früher Dachdecker. Ein Dachdecker, Friedrich. Die Bruderländer dieses unheimlichen deutschen Staates sind die Polen, die Rumänen, die Russen, die Koreaner, die Albaner, ein karibisches Inselvolk und die Mongolen. Die Mongolen, Fritz! Die Hunnen kommen! Eine Horde Wilder reitet mit unseren Köpfen auf der Fahne durch die Welt. Wenn der Junge im blauen Drillich recht hatte, müssen wir neu nachdenken.

Besorgt, Charles. Womöglich hätte Marx nie wieder schreiben können oder nur noch Limericks, vielleicht hätte er sich jetzt mehr um seine vielen Kinder gekümmert und alles wäre ganz anders gekommen, aber wahrscheinlich ist es nicht. Selbst wenn Marx aufgegeben hätte, hätte irgendjemand anderes die Fahne aufgenommen, um im Bild zu bleiben. Der Traum von einer gerechten Welt ist zu verführerisch. Sie hätten nur einen anderen Namen finden müssen für die Stalin-Allee. Ich jedenfalls träumte in den späten Achtzigerjahren eher von Orts- als von Zeitreisen, ich träumte von U-Bahnen, die sich mit mir als Gast versehentlich in den Westen verfuhren, und manchmal saß ich auf dem S-Bahnhof Plänterwald, sah hinüber auf die weißen Hochhäuser der Neuen Heimat, die von mir – vor allem im Sommer, wenn man die Mauer nicht sah – nur durch das Grün einer großen Kleingartensiedlung getrennt waren, und träumte mich dort hin. Das kann ich mir heute auch kaum noch vorstellen: der Traum von einer Westberliner Sozialwohnung. Im Sommer 1988 stellte ich mir vor, dass ich durch irgendwelche verzwickten Umstände für mehrere Stunden mit Bruce Springsteen in einem Ostberliner Fahrstuhl stecken blieb. Springsteen und ich, wir freundeten uns an, der Boss lud mich ein, ihn auf seiner Welttournee zu begleiten. Ein Wunsch, den ihm die DDR-Funktionäre schlecht ausschlagen konnten, außerdem wäre ich ja zurückgekommen. Die Rückkehr stand immer am Ende meiner Fluchtträume. Die heldenhafte Heimkehr in das graue, arme Land, mit der niemand gerechnet hatte. Ich reiste mit der E Street Band durch die wilde Welt, aber irgendwann stand ich wieder mit staubigen Schuhen in Berlin-Karlshorst, wo ich damals wohnte. Ich hatte eine Bürgschaft geleistet und löste sie ein wie Friedrich Schillers Held Damon.

Dann fiel die Mauer, und das Traumland öffnete sich. Ich betrat es über die Oberbaumbrücke und war enttäuscht. Ich hatte irgendetwas Wildes und Weites erwartet, etwas wie New York wahrscheinlich, und kam in eine kleine, geputzte Welt mit verkehrsberuhigten Zonen und staubfreien Verkehrsschildern. Ich fragte meine Verwandten und Freunde, die bereits vor dem Mauerfall in den Westen reisen durften, was sie eigentlich meinten, damals, als sie mir nach ihrer Rückkehr sagten: Das kannst Du Dir nicht vorstellen! Sie sagten, dass sie die Auslagen in den Fleischereien und das Angebot der Bäckereien meinten, zwanzig Sorten Schinken und Pfannkuchen mit vier, fünf verschiedenen Füllungen, aber ich war Mitte zwanzig, als die Mauer fiel, ich interessierte mich nicht für Schinken. Die Qualität der Unterschiede bemerkte ich später, als ich selbst Westler war und in den Osten reiste, das erste Mal wahrscheinlich auf einer Skireise in die Hohe Tatra 1991 oder 1992. Ich sah die verklebten Verkehrsschilder, das giftige Licht der Peitschenmasten, das funzlige in den Fenstern, die leeren Bürgersteige, die Dunkelheit und den Staub, die schmucklosen Gläser in den Kneipen, das schaumlose Bier, die verschlagenen Kellner, die Menschen, die geduldig auf Busse, die kamen oder nicht kamen, warteten, ich sah die Welt mit den Augen eines Westlers, und das war schön und traurig zugleich. Zum ersten Mal verspürte ich den Wunsch in den Osten zurückzureisen, als Gast aus der Gegenwart, mit meinem heutigen Wissen, meinen heutigen Einkünften, meinen Jeans, Discmen und Amerikaerfahrungen.

Ich hätte die Dinge gern nebeneinander gehalten, verglichen, und sicher wollte ich auch angeben. Vor mir selbst, mit mir selbst. Der Wunsch ist mit den Jahren immer stärker geworden. Ich fuhr mit dem schwarzen Honda CRX, den ich 1992 einer Kollegin aus Dortmund abgekauft hatte, durch Ostberlin und stellte mir vor, wie ich als Junge der Achtzigerjahre auf dem Beifahrersitz Platz genommen habe und die sanften orangefarbenen Zahlen auf dem Display des CD-Players bewundere. Ich erklärte mir, wie er funktioniert. Mein altes Ost-Ich klappte die Plasteschachteln der CDs auf und zu und bestaunte den Drehzahlmesser, das Tachometer, das bis zu 240 Stundenkilometer reichte, die 5-Gangschaltung und die elektrischen Fensterheber.

"Coca-Cola-Werbung?", fragte ich mich überrascht, als wir nachts durch die Leipziger Straße rollten. "Genau", sagte ich, so lässig wie möglich. "Und jetzt fahren wir in den Westen." An der Kaufhallenkasse habe ich manchmal die Waren in meinem Korb bestaunt, bunte Packungen, Schachteln, Flaschen und Päckchen. Ich packte den Inhalt mehrerer Westpakete achtlos in zwei Tüten, mein Wochenendeinkauf, ein einstiger Traum. Noch heute rieche ich an Waschmittelpackungen und frisch geöffneten Kaffeedosen, um den Duft zurückzuholen, der mich umhüllte, wenn ich in der Weihnachtszeit mit meinem verblichenen Paketzettel in die Post ging, um das Westpäckchen abzuholen. Meine kleine Schwester neben mir, es waren die erregendsten Besorgungsgänge unseres Lebens, Ausflüge zur Paketausgabe, wo es nach Seife, Kaffee, Schokolade, Kakao und Weichspüler duftete, die Zeitschriften rochen anders und auch die Bücher, wenn man sie auseinanderbrach und seine Nase hineinsteckte. Es funktioniert heute nicht mehr, weil sich der Geruch nur vor meinem Alltag entfaltete, heute riecht Seife wie Seife, alles riecht wie Westen. Eine untergegangene Geruchswelt wie der Duft der alten Orangenschalen, die meine Großmutter in ihrem Wäscheschrank auslegte.

Die ganzen Neunzigerjahre lang entfernte ich mich von dieser Welt raketenhaft, ich flog immer weiter westwärts, nur manchmal unternahm ich für eine Reportage eine Exkursion in die Vergangenheit, nach Russland oder Warschau oder in ostdeutsche Neubauwohnungen, in denen ehemalige Offiziere mit ihren verbitterten Frauen hinter zugezogenen Gardinen auf den Tod warteten. Aber das war natürlich nicht dasselbe, denn es hatte nichts mit mir zu tun. Gleichzeitig verflog der Stolz auf das Neue, er kam manchmal zurück: Wenn mich die nette Frau von der Autovermietung für eine Recherchereise upgradete, war ich noch mal ein staunender Besucher in meinem Leben. Bei einer Recherche über Rechtsradikale in Rathenow führte ich mir auf einem verlassenen Parkplatz vor, wie ich aus hundert Metern Entfernung mit dem Schlüsselanhänger meines Mercedes-Mietwagens den Kofferraum aufschnappen lassen konnte. Drei-, viermal machte ich das, rannte zum Wagen zurück, schloss die Heckklappe, rannte hundert Meter weg und schoss sie aus der Hüfte auf wie mit einem Colt. Ein paar Wochen lang berauschte ich mich an der Maisonettewohnung in der Wilhelmstraße, in die ich mit meiner Familie Mitte der Neunzigerjahre zog, eine Wohnung, die eigentlich für Diplomaten oder ostdeutsche Stars wie Katharina Witt entworfen worden war, und jetzt wohnte ich drin. Ich, ein Junge aus Prenzlauer Berg, der noch vor fünfzehn Jahren mit einem Entstörfahrzeug der Wasserwirtschaft durch die Gegend gefahren war und Rohrbrüche behoben hatte. Aber das verflog, ich kam immer schneller an.

1999 zog ich so weit weg aus meiner Vergangenheit, wie es auf dieser Welt möglich war, direkt in die Zukunft, nach New York. Ich arbeitete dort als Reporter für den Spiegel, unser Büro war ein kleines Penthouse auf dem Dach eines alten Gebäudes in der 5th Avenue, eher ein Bungalow, den ein gieriger Vermieter dort oben raufgesetzt hatte, aber es war die 5th Avenue, New York, NY. Manchmal, wenn ich nachts das Büro verließ und die lange Straße hinunterblickte, fühlte ich den Zauber wieder. Alles war dunkel, von fern jaulten die Sirenen, die U-Bahnschächte rauchten, und ich stand neben mir auf dem Bürgersteig und winkte nach einem Taxi, das mich nach Hause bringen sollte, nach Hause, in New York! Ich war Gast in einem gewaltigen Traum, einen Traum, den ich nicht einmal geträumt hatte, weil er jenseits meiner Vorstellungskraft lag.

Wenn ich Deutschland besuchte, schlief ich im Hotel. Ich trug meine Adresse mit unbeschreiblichem Stolz in die Anmeldeformulare ein: 732 Carroll Street, Brooklyn, NY, 11215, USA. Nie werde ich diese Adresse vergessen. Die deutschen Hotelangestellten sprachen Englisch mit mir, ich antwortete auf Englisch. Am schönsten war es, wenn ich im Palasthotel abstieg, das ich zu DDR-Zeiten immer nur von außen sah, ein geheimnisvoller, halbverspiegelter Tempel, der mitten in meiner Stadt stand und dennoch unerreichbar schien. Jetzt schlief ich hier, schrieb meine beeindruckende Adresse in die Anmeldung, und der Herr an der Rezeption begrüßte mich mit meinem Namen, wenn ich ankam oder abreiste. Manchmal fühlte ich mich wie ein Hochstapler.

Irgendwann rissen sie das Palasthotel ab, ich schlief in Hotels, die es vor zehn Jahren noch nicht gegeben hatte, einmal sogar im nagelneuen Ritz. Das war zwar auch sehr schön, aber keine Reise in meine Vergangenheit. Es war nur eine Reise aus New York nach Europa, ich betrat ein neues Hotel, das war alles. Einige meiner ostdeutschen Landsleute freuten sich, dass ihr Land nun Teil der alten Welt war, des alten Europas, so als hätten sie sich vor zwanzig Jahren nicht gerade noch in einem sozialistischen Experiment befunden. Ich stand nicht mehr neben mir auf dem Bürgersteig und staunte über mich selbst. Die Vergangenheit und die Gegenwart schoben sich zusammen, übereinander, vielleicht fand ich zu mir selbst, das wäre ja gut. Vielleicht verschwanden aber auch nur die Vergleichsmöglichkeiten. Als ich achtzehn war, schenkte mir jemand auf einem Zeltplatz in Bukarest einen Dollarschein, ich hab ihn jahrelang aufbewahrt wie einen Schatz. Aber mit den Dollars, die ich nun jederzeit von meinem Chase-Manhattan-Konto abheben konnte, verschwand sein Wert. Es war nur ein Dollarschein. Ich weiß nicht mehr, wo er ist.

Als ich nach sieben Jahren New York zurück nach Berlin kam, war auch die alte Welt verschwunden. Die zerschossenen Fassaden meiner Straße im Prenzlauer Berg hatten die Farben von Kanarienvögeln, es gab keine Kohleöfen mehr, und die Bewohner sahen alle gleich aus. Sie hatten selbstbewusste, laut sprechende Kinder, fuhren solide Fahrräder, unauffällige Autos, lasen ernst zu nehmende Zeitungen und bekamen an langen Wochenenden Besuch von ihren Eltern aus Westdeutschland. Sie betonten sogar das Bötzowviertel, in dem ich früher gelebt hatte und nun wieder lebte, anders. Es wurde heute mit kurzem Ö ausgesprochen. Sogar die elektronische Stimme im Bus betonte es mit kurzen Ö. Die Vergangenheit existierte nicht mehr, sie war weg. Bis sie im letzten Winter noch einmal zurückkehrte. Der Pfarrer der Erlöserkirche in Berlin-Lichtenberg fragte mich, ob ich dort im Frühjahr lesen würde. Sie hatten die Blues-Messe wiederaufleben lassen, eine legendäre Widerstandsveranstaltung aus den Siebziger- und Achtzigerjahren. Zu den ersten beiden Revivals waren nicht besonders viele Besucher erschienen. Sie wollten die Blues-Konzerte mit Lesungen kombinieren, um sie attraktiver zu machen, sagte mir der Pfarrer. Ich sagte schnell zu.

Ich war nie auf einer Blues-Messe gewesen, ich wusste damals nicht mal, dass es so etwas gab. Ich befand mich nicht im Widerstand, ich war Schüler einer Polytechnischen Oberschule in Berlin-Prenzlauer Berg, dann Lehrling beim VEB Wasserwirtschaft und Abwasserbehandlung in Neubrandenburg, Soldat der Nationalen Volksarmee und schließlich Journalistikstudent der Karl-Marx-Universität in Leipzig. Als die Mauer fiel, hatte ich gerade begonnen als Wirtschaftsredakteur bei der Berliner Zeitung zu arbeiten, wo es meine Aufgabe war, aus auseinanderbröckelnden Betrieben irgendwelche positiven Nachrichten zu filtern wie Goldstaub. Wahrscheinlich hätten sie einen wie mich in der Blues-Messe geopfert. Aber nun schien sich die Möglichkeit zu ergeben, noch einmal zurückzureisen in die Zeit, alles wieder gutzumachen, die Geschichte umzuschreiben, sozusagen. Leider meldete sich der Pfarrer dann nicht mehr, und ich dachte, sie hätten es sich anders überlegt. Aber zwei Tage vor der Blues-Messe rief ein Mann an, der aus der Vergangenheit kam. Meine Frau war am Telefon.

"Ick möchte einen Journalisten sprechen, der da wohnt", sagte der Mann. "Wen?", fragte meine Frau. "Ick weess nicht, wie der heisst, ick hab nur die Nummer bekommen", sagte der Mann am Telefon. "Und wer sind Sie?" "Na, Holly." "Holly?" "Von der Blues-Messe." "Ach so", sagte meine Frau, "Sie könnten trotzdem ein bisschen freundlicher sein." "Da müssten se mich ma sonst hören", sagte Holly. Dann bekam ich den Hörer. Holly erzählte mir, dass er für das musikalische Programm zuständig war. Der Pfarrer sei an der Ostsee und habe ihn beauftragt, mich anzurufen. Wir sollten das jetzt besser organisieren, sagte er. Bei den letzten beiden Blues-Messen seien nur fünfzehn Leute da gewesen. "Wenn es diesmal nicht mehr wird, hör ick wieder uff", sagte Holly. "Wird schon", sagte ich, "Was spielen Sie denn?" "Na, den Blues", sagte Holly. "Klar", sagte ich.

Ich traute mich nicht, nach seinem richtigen Namen zu fragen, ich hatte das Gefühl, ihn kennen zu müssen. Ich kannte ihn aber nicht, meine Frau auch nicht. Sie wuchs zwar in der Nähe der Kirche, in der die Blues-Messen früher stattfanden, auf, aber sie war damals noch zu jung für den Blues. Sie dachte, in der Kirche fänden Blutmessen statt, sagte sie mir. Bei Wikipedia fanden wir heraus, dass Holly schon ziemlich viel hinter sich hatte. Er wurde 1950 in Mahlsdorf geboren und hieß eigentlich Günter Holwas. Er wurde als Jugendlicher wegen Rowdy- und Bandentum verurteilt, arbeitete im Kraftwerk Klingenberg und im Altstoffhandel und verweigerte 1975 den Armeedienst an der Waffe. So wurde er als Bausoldat Gärtner von Admiral Waldemar Verner, dem stellvertretenden Minister für Nationale Verteidigung. Verner und seine Frau mochten Holly und halfen ihm, seinen Wehrersatzdienst vorzeitig zu beenden. Er gründete Hollys Bluesband und trat 1978 erstmals in einer Konzertumbaupause zwischen der Hansi-Biebl-Band und der Engerling Blues Band im Kino Forum in Berlin-Karlshorst auf. Weil er kaum Auftrittsmöglichkeiten hatte, schlug er Pfarrer Eppelmann die Blues-Messe vor. 1979 fand die erste statt, 1980 löste sich Hollys Band schon wieder auf. Im Juli 1981 erhielt Holly Auftrittsverbot, am 13. August stellte er einen Ausreiseantrag, demonstrativ, wie es heißt, im November reiste er aus. "Die Bundesrepublik war für ihn keine Alternative", ist bei Wikipedia zu lesen, deshalb ging Holly nach Kanada, schlug sich als Begleitmusiker und Truckfahrer durch, kehrte nach dem Mauerfall zurück, war allerdings geschockt vom Konsumrausch seiner ostdeutschen Landsleute, zog in eine Hippiekommune nördlich von Ontario und brach 1995 auf der Bühne zusammen. Nach dem dritten Herzinfarkt zog er 1995 nach Berlin zurück, trat zum 25. Jahrestag der Blues-Messe wieder zum ersten Mal auf und belebte die Idee wieder.

Holwas bezeichnet sich als "geborener Provokateur", steht da. Dem konnte man wohl zustimmen. Was für ein Leben. Es war eine Schande, dass nur fünfzehn Menschen zur letzten Blues-Messe erschienen waren, dachte ich. Glücklicherweise waren es diesmal fast dreihundert, die Kirche war gut gefüllt. In der Sakristei stellte mich Holly seinen Musikern vor, einem älteren, gut gelaunten Herrn und der Schlagzeugerin Tina Powileit, die einst im DEFA-Film die Alleinseglerin mitgespielt hatte. "Alleinseglerin?", fragte ich. "War ick och mal", sagte sie, "vor Ewigkeiten."

Wir stimmten ab, dass ich zweimal las, sie zweimal spielten. Wer gerade nicht dran war, wartete hinterm Altar. Mehr Programm gab es nicht. Ich trat vor die Gemeinde und fing erst einmal an. Es waren eine Menge bärtige Männer im Saal, und ich fühlte mich ein wie ein Revolutionspfarrer. Leider trübten Holly und sein Techniker das erhabene Gefühl. Der Techniker schien bereits vorgeglüht zu haben, er hatte Rotweinlippen und schwankte bedenklich. Er besprach während meines Vortrages lautstark irgendwelche Dinge mit Holly. Unentwegt brummte es hinterm Altar, als gebe mir Gott Kommandos, ich konnte mich kaum auf meinen Vortrag konzentrieren. Noch schlimmer war es, wenn Holly spielte. Dann stand ich hinterm Altar und zitterte. Es war eine eiskalte Märznacht. Hollys Sets wurden immer länger. Der schwankende Techniker forderte die Leute auf, zu tanzen. Holly bat seine Tochter nach vorn, um ein Lied mit ihr zu singen. Er erzählte, dass sie in den nächsten Tagen operiert werden würde. Sie sagte, dass sie ihren Vater zehn Jahre nicht sehen durfte, wegen der Mauer. Ich stand hinterm Altar in der Kälte. Dort vorn wurde der Geist der alten Blues-Messen beschworen, sie feierten eine Art Live Aid Lichtenberg, und ich war wieder nicht dabei.

Vielleicht wollten sie sich rächen. Ich spürte, wie Holly sich an der gut gefüllten Kirche berauschte, vielleicht würde er sich in einer ewig langen Improvisation verlieren, die Männer mit den langen Bärten und glühenden Augen tanzten vielleicht schon auf ihren Kletterschuhen zwischen den Kirchenbänken, tanzten sich warm, während ich hier hinten erfror. Der ewig Gestrige, erstarrt in einer symbolischen Geste, während vorn der geborene Provokateur zum Tanz aufspielte. Später würden sie mich finden, vielleicht der Pfarrer, wenn er aus dem Ostseeurlaub zurückkam. Hier liegt ja jemand, würde er sagen. Wer ist denn das? Und die Gemeinde würde mit den Schultern zucken.

Aber kurz bevor es soweit war, brach Holly die Blues-Messe ab. Ich lief nach vorn und las noch schnell einen Text vor, ein paar Leute, die bereits auf dem Weg zum Ausgang waren, drehten sich noch mal um, blieben stehen und sahen mich erstaunt an. Ich las immer schneller, so, als wollte ich ihnen nicht unnötig zur Last fallen. Irgendwann kam ein freundlicher junger Mann von der Gemeinde und übereichte uns mitten im Aufbruchsgemurmel ein paar Geschenke. Holly bekam einen Präsentkorb, ich eine Fliese, die eine Lichtenberger Künstlerin gestaltet hatte. Die Fliese zeigte eine Frau in einem Kostüm, ein Gründerzeitmotiv, sie erinnerte mich an das Kunstgewerbe, das Ende der Achtzigerjahre auf DDR-Flohmärkten verkauft wurde.

Ich sah auf die bärtigen Männer, die dem Ausgang zustrebten, Atemwolken ausstoßend, auf die Fliese, auf den Techniker mit den Rotweinlippen, der zwischen den Kabeln taumelte, und auf Holly, der unsicher in die Kirche schaute oder vielleicht auch nur teilnahmslos, ich wusste es nicht. Das war die Vergangenheit, nach der ich mich so gesehnt hatte. Die ernsten Gesichter, die Kälte, die Unverbindlichkeit, die Vorwürfe. Keine Erlösung in der Erlöserkirche. Die roten Backsteinmauern erinnerten mich an die Wände der St. Josephs Kirche in Weißensee, wo ich zum ersten Mal gebeichtet hatte, meine Erstkommunion empfing und später ministrierte, bevor ich Marx-Fan wurde und dann von jedem Glauben abfiel. Die Vergangenheit war kompliziert, verzwickt. Wer wusste das besser als Holly, der neben mir stand und zusah, wie unser Publikum langsam in der kalten Lichtenberger Nacht verschwand. Wir kannten uns nicht, wir hatten nichts gemeinsam. Aber wahrscheinlich wollte auch er nichts weiter als zurückreisen in der Zeit, auf der Suche nach dem Glück. Er hatte es im Westen gesucht, dann in Kanada, dann im wiedervereinigten Deutschland und schließlich in der Hippiekommune nördlich von Ontario. Ich weiß nicht, ob er es jemals gefunden hat. Im Moment sah er nicht unglücklich aus.

Holly schaute auf seinen Präsentkorb. "Der gute alte Präsentkorb", sagte ich. "Jenau", sagt Holly, "kannste ja deiner Frau schenken, dit se nicht mehr sauer auf mich ist." "Ach lass mal", sagte ich. "Wollen wa dit jetzt regelmäßig machen?", fragte Holly. "Mal sehn", sagte ich, nahm die Fliese der einheimischen Künstlerin, trug sie in meinen Volvo Cross Country, den ich aus Amerika mitgebracht hatte, und fuhr zurück in die Gegenwart, so schnell ich konnte.

Alexander Osang

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