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18.1.2017

Luthers Kernanliegen

Sola gratia, sola fide, sola scriptura: so hat die Wissenschaft Luthers Kernanliegen formelhaft komprimiert. Denn allein durch Gnade", "allein durch den Glauben und "allein aus der Schrift" erlange der Mensch sein Seelenheil.

Zentralisierung auf die Kurie hin und radikale Kirchenkritik; neben Quantifizierung und Verdinglichung auch Verinnerlichungsprozesse; neben dem 'stummen' Ritus mancherorts schon Wortverkündigung: Sollen wir all diese Gleichzeitigkeiten positiv als Beleg dafür nehmen,

Luther als Mönch, Lucas Cranach d. Ä. (1472-1553). (© picture-alliance/akg)

wie viel innerhalb der Bande der Kirche des 15. Jahrhunderts doch möglich war, oder aber als Krisenzeichen, Indizien einer heillosen Verwirrung nicht nur der Institution, sondern auch der Lehre? Beide Sichtweisen sind legitim und lassen sich stichhaltig begründen – so, wie man ja auch einerseits gute Gründe für die Behauptung findet, dass in Luthers Wirken viele schon im Spätmittelalter angelegte Entwicklungen kulminierten, und doch andererseits plausibel machen kann, dass Luthers Ansichten deshalb so Furore machten, weil sie als Antithesen zu bereits von vielen Zeitgenossen beklagten Missständen in der Kirche empfunden wurden. Die Forschung tendiert derzeit dazu, die Kontinuitäten zu betonen, sozusagen 'das Mittelalterliche an Luther' herauszustreichen. Ohne, dass er einen Automatismus konstruieren wollte ("da musste ja endlich mal einer wie Luther kommen ..."), ging dieser Text, aus didaktischen Gründen, anders vor: Er forcierte das schon von manchen Zeitgenossen als problematisch Empfundene an den Praktiken der damaligen Amtskirche.

Denn was wir über die Frömmigkeit der Zeit um 1500 und über den Zustand der Institution Kirche erfahren haben, hilft dem Nichttheologen, zu verstehen, warum Luthers Anschauungen auf so überwältigende Resonanz stießen – warum, modisch gesagt, ein so großer "Bedarf" danach bestand.

Man wird Luthers Kernanliegen (frühe Fachdidaktik, er hat es selbst nicht so komprimiert!) in drei Formeln bannen: "sola gratia" ("allein durch Gnade"), "sola fide" ("allein durch den Glauben"), "sola scriptura" ("allein aus der Schrift"). Versuchen wir uns in etwas 'Theologie für Nichttheologen'! Der Gläubige, so Luther, muss sich sein Seelenheil (populär gesagt: "den Himmel") nicht durch angestrengte Caritas, Stiftungen und Ablassgelder verdienen, er kann das auch gar nicht: Denn es ist eine Gnade Gottes. Gnade kann und muss man sich nicht verdienen. Gnade ist Gnade, ein Geschenk, es kommt über mich. Es ist deshalb auch weder notwendig noch auch nur sinnvoll, ständig über meinen Gnadenstand nachzugrübeln. Denn Gottes Gnade wird allen wahrhaft Gläubigen (aber auch nur ihnen) zuverlässig zuteil werden. Es war eine ganz praktische Folge, dass damit das Klosterleben für den Mönch Luther wertlos geworden war. Den ganzen Tag lang als Mönch entweder "gute Werke" tun oder aber beten und beten: schlimmste "Werkgerechtigkeit", wie man das nun abschätzig nannte! Nein, man könne sich das ewige Leben nicht verdienen. Auch nicht im Kloster. Der einstige Mönch Luther verlässt sein Kloster, und Territorien, die evangelisch werden, lösen die Klöster mehr oder weniger rasch auf.

"Schriftprinzip" – was ist damit gemeint? Die Römische Kirche kennt zwei prinzipiell gleichgewichtige Wege zur Erkenntnis (in Theologendeutsch: "Offenbarungsquellen") – die Bibel; und die "Tradition", meint: was das kirchliche Lehramt in damals 1500 Jahren, heute zweitausend Jahren dazu verlautbaren ließ, als verbindliche Glaubenslehre verkündet hat. Luther hingegen erklärte die Bibel zum alleinigen Maßstab von Wahrheit. Päpste und Konzilien könnten irren, hätten immer wieder geirrt. Sich ohne Schriftbeleg einfach auf die Tradition, also Kirchenväter, Konzilien oder päpstliche Dekrete zu berufen, konnte bei den Anhängern Luthers keine Geltung beanspruchen. Jeder Gutwillige, so Luther, könne die Wahrheit ohne weiteres in der Bibel finden. Dafür brauche er keine Priester, kein römisches Lehramt. Nicht zuletzt deshalb wird die Reformation auch eine Bildungsbewegung. Denn wenn sich jeder Gläubige an der Bibel orientieren soll: Nun, dann sollte er diese Bibel ja lesen können! Und natürlich lasen sie alle Lutheraner in der Übersetzung des Meisters. Luther war nicht der erste, der die Bibel ins Deutsche übersetzte; aber rasch haben seine Übersetzungen alle anderen vom Markt verdrängt. Auch der Gottesdienst habe durchweg in der jeweiligen Volkssprache zu erfolgen, in Mitteleuropa also deutsch, einschließlich einer ausführlichen Predigt, auf die Luther großen Wert legte. An die Stelle des eindrucksvollen, doch 'stummen' Schauspiels rückte die Wortverkündigung.
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Autor: Axel Gotthard für bpb.de
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Axel Gotthard

Axel Gotthard

Prof. Dr. Axel Gotthard ist Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Zu seinen Schwerpunkten in Forschung und Lehre gehören Historische Friedens- und Konfliktforschung, vormoderne Verräumlichungspraktiken, die Bedeutung der Konfession und von Säkularisierungsprozessen für die europäische Geschichte und die politische, Kultur- und Verfassungsgeschichte des Alten Reiches. Er ist Verfasser zahlreicher Publikationen, u.a. "Das Alte Reich 1495-1806, Darmstadt 2003", "Der Augsburger Religionsfrieden, Münster 2004", "Der liebe vnd werthe Fried. Kriegskonzepte und Neutralitätsvorstellungen in der Frühen Neuzeit, Köln/Weimar/Wien 2014"; zuletzt erschien (September 2016) "Der Dreißigjährige Krieg. Eine Einführung."


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