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6.4.2005

Ursachen des Nationalsozialismus

"Wie war es möglich?" Diese Frage beschäftigt Historiker, Politiker und Literaten seit Jahrzehnten und ist Gegenstand kontroverser Debatten. Hans-Ulrich Thamer stellt die verschiedenen Ursachen für den Erfolg der Nationalsozialisten dar und erläutert, warum monokausale Erklärungsansätze zu kurz greifen.

Die Menge jubelt dem "Führer" auf dessen Fahrt zum Nürnberger Rathaus, um dort den 10. Reichsparteitag 1938 zu eröffnen, zu. (© AP)


Ursachen des Nationalsozialismus



Zum Jahresende 1932 meinte der liberale Publizist und Politiker Gustav Stolper das nahe Ende des Nationalsozialismus prognostizieren zu können: "Das Jahr 1932 hat Hitlers Glück und Ende gebracht. Am 31. Juli hatte sein Aufstieg den Höhepunkt erreicht, am 13. August begann der Niedergang, als der Reichspräsident den Stuhl, den er ihm nicht zum Sitzen anbot, vor die Tür stellte. Seitdem ist das Hitlertum in einem Zusammenbruch, dessen Ausmaß und Tempo dem seines eigenen Aufstiegs vergleichbar ist. Das Hitlertum stirbt an seinem eigenen Lebensgesetz." Beobachter aus fast allen politischen Lagern teilten damals diese optimistische Einschätzung. Auch wenn sie sich einige Wochen später als dramatische Fehlkalkulationen erweisen sollten, waren diese Überlegungen zunächst so abwegig nicht. Denn in der Tat hatte sich die NSDAP wenige Wochen vor der Machtübertragung an ihren Führer Adolf Hitler am 30. Januar 1933 in einer der tiefsten Krisen ihrer kurzen Geschichte befunden.

Nur ein halbes Jahr später berichtete der französische Botschafter in Berlin, André François-Ponçet, seiner Regierung in Paris von einer Rede des Reichskanzlers Adolf Hitler vom 1. Juli, in der dieser den erfolgreichen Abschluß seiner "nationalen Revolution" und den Übergang zu einer neuen Phase der nationalsozialistischen Herrschaft angekündigt hatte: "In der Tat konnte sich Hitler zum Zeitpunkt seiner Rede rühmen, alles, was in Deutschland außerhalb der nationalsozialistischen Partei existierte, zerstört, zerstreut, aufgelöst, angegliedert oder aufgesaugt zu haben. Einer nach dem anderen mußten sich die Kommunisten, die Juden, die Sozialisten, die Gewerkschaften, die Mitglieder des "Stahlhelms", die Deutschnationalen, die Frontkämpfer des "Kyffhäuserbundes", die Katholiken in Bayern und im Reich und die evangelischen Kirchen unter sein Gesetz beugen. Er hat alle Polizeikräfte in seiner Hand. [...] Eine unerbittliche Zensur hat die Presse vollständig gezähmt. [...] Hitler beherrscht die einzelnen deutschen Länder durch die Statthalter, die er an ihre Spitze gestellt hat. Die Städte werden von jetzt an verwaltet durch Bürgermeister und Stadträte aus seiner Anhängerschaft. Die Regierungen der Länder und die Landtage sind in den Händen seiner Parteigänger. Alle öffentlichen Verwaltungen wurden gesäubert. Die politischen Parteien sind verschwunden. [...] Wenn man sich die Situation ins Gedächtnis ruft, wie sie am 1. Februar bestand, und die Bedingungen, unter denen Hitler die Kanzlerschaft erlangte sowie die Zusammensetzung der Regierung, die er leitete und in der er eingerahmt war von Männern, die den Auftrag hatten, ihn zu lenken und zu überwachen, wird man zustimmen, daß der Führer erfolgreich ein blitzartiges Manöver durchgeführt hat. Die Zeitungen schreiben zu Recht davon, daß er in fünf Monaten eine Wegstrecke zurückgelegt hat, für die der (italienische) Faschismus fünf Jahre brauchte. [...] Adolf Hitler hat daher gewonnenes Spiel, und er hat diese Partie mit geringem Aufwand gewonnen: Er mußte nur pusten - das Gebäude der deutschen Politik stürzte zusammen wie ein Kartenhaus."

Was der französische Botschafter hier beschrieben hat, war die erste Phase der nationalsozialistischen Machteroberung, deren Tempo und Dynamik alle Zeitgenossen überrascht und teilweise überrumpelt hatte. Heute wie damals drängt sich die Frage auf, wie in einer so kurzen Zeit ein etabliertes und differenziertes System von politischen Parteien und gesellschaftlichen Verbänden, von Parlamenten und Verwaltungen zusammenbrechen oder sich selbst aufgeben konnte. Auch fragt sich, wie der rasante und scheinbar unaufhaltsame Aufstieg eines politischen Agitators zu erklären ist, der bis zu seinem 30. Lebensjahr ein politisch und sozialer Niemand war und der in den verbleibenden 26 Lebensjahren die Geschichte zutiefst geprägt hat. Diese Zeitspanne wurde geprägt von einem deutschen Diktator, der fast bis zu seinem Ende auf eine gläubige Gefolgschaft und Zustimmungsbereitschaft der großen Mehrheit der Deutschen setzen konnte, der einen Völkermord und einen Krieg anstiftete und damit einen der größten Zivilisationsbrüche der Neuzeit verursachte. Wie konnte er mit seiner Massenbewegung einen hoch entwickelten und modernen Industriestaat mit einer großen kulturellen Tradition unter seine diktatorische Gewalt bringen? Wie war es möglich, daß die überwiegende Mehrheit der Deutschen sich mit diesem Unrechtsregime arrangiert hat? Wie konnten sich in einer solchen Gesellschaft mit ihrer rechtsstaatlichen Tradition und ihrer technisch-wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit derartige kriminelle Verfolgungs- und Vernichtungsenergien entfalten, wo doch die Kriminalitätsrate dieser Gesellschaft bis dahin nicht höher war als die in den anderen europäischen Ländern?

Bedeutung für die Gegenwart

Die Frage "Wie war Hitler möglich?" gehört seit seiner Machtentfaltung bis zur Gegenwart zu den entscheidenden Erkenntnisfragen unserer Zeit. Denn hinter der historischen Erfahrung der Machteroberung durch eine radikalfaschistische Partei und der diktatorischen Machtentfaltung ihres "Führers" steht immer auch die Sorge um die Gefährdung der aktuellen demokratisch-humanitären Verfassung durch extremistische Propaganda und Gewalt. Das Scheitern der ersten deutschen Demokratie von Weimar und die Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur sind längst zum Musterfall für die Zerstörung einer Demokratie und der Verlockungen einer Diktatur in der Moderne überhaupt geworden. Denn gerade die Verbindung von Faszination und Gewalt, von Loyalität zum Regime und der Eroberungs- bzw. Vernichtungspolitik des Regimes macht das historisch Besondere der nationalsozialistischen Herrschaft aus und erklärt das Erschrecken, das von dieser geschichtlichen Erfahrung ausgeht. Das Wissen um die Mechanik der Machteroberung und die Wirkungsweise bzw. Folgen der nationalsozialistischen Diktatur kann darum beispielhaft die Grundzüge totalitärer Herrschaft erläutern und die Gefährdungen der politischen Freiheit verdeutlichen.

Die Ursachen und Folgen der nationalsozialistischen Machtergreifung haben bis in die Gegenwart das kollektive Gedächtnis der Deutschen und der europäischen Nachbarn, die Opfer der Eroberungs- und Vernichtungspolitik wurden, belastet und die politische Kultur im Nachkriegsdeutschland geprägt. Mehr als 50 Jahre nach dem Untergang des "Dritten Reichs" ist die nationalsozialistische Vergangenheit darum noch immer gegenwärtig und wird es bleiben. Denn zu einzigartig und unvorstellbar sind die Massenverbrechen, die vom nationalsozialistischen Deutschland begangen wurden. Auch wenn die Fakten längst bekannt sind, wird es immer schwer sein, die nationalsozialistische Eroberungs- und Vernichtungspolitik begreiflich zu machen, sie mit unseren sprachlichen und wissenschaftlichen Mitteln zu erklären, ohne sie dabei zu verharmlosen.

Antworten auf die Frage, wie das alles geschehen konnte, lassen sich nur finden, wenn wir die ideologiegeschichtlichen und mentalitätsbedingten Wurzeln des Nationalsozialismus sowie die Bedingungen für die zunehmende Akzeptanz seiner Propagandakampagnen in der damaligen Zeit erklären, wenn wir die krisenhafte Zuspitzung in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft der Weimarer Republik als Voraussetzung für den Aufstieg des Nationalsozialismus zur Massenbewegung berücksichtigen und schließlich die schrittweise Entfaltung der nationalsozialistischen Herrschaft beschreiben.

Dabei läßt sich erkennen, daß der Weg Hitlers zur Macht keine Einbahnstraße der deutschen Geschichte darstellte, die notwendigerweise zu seiner Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 und zu den weiteren Etappen auf dem Weg in den Krieg und die Vernichtung führte. Vielmehr gab es Knoten- und Wendepunkte, an denen die Entwicklung auch anders hätte verlaufen können, an denen auch andere Entscheidungen möglich gewesen wären. Denn der Nationalsozialismus war weder ein bloßer Betriebsunfall noch kam er mit einer unwiderstehlichen Naturgewalt über die Deutschen. Viele Faktoren und Konstellationen wirkten zusammen, wie innen- und außenpolitische Strukturen und Umstände, Personen und ihre Wahrnehmung bzw. ihr Handeln sowie Fehleinschätzungen und Zufälle. All dies machte Hitler am Ende "möglich" und führte dazu, daß er seine Diktatur festigen konnte, daß sich ideologische Konzepte und Worthülsen der Propaganda in politisches Handeln umsetzten; daß beispielsweise antisemitische Parolen und Einstellungen, die eschon länger und auch anderswo gegeben hatte, zur Rechtfertigung und Richtschnur der grausamen Politik eines millionenfachen Völkermordes wurden.

Keine einfachen Erklärungen

Erklärungen für die Massenwirksamkeit und die Machteroberung Hitlers, für den Weg in den Krieg und nach Auschwitz gab und gibt es in großer Zahl. Keine Epoche der deutschen Geschichte ist so intensiv erforscht worden wie die NS-Zeit. Dennoch gibt es noch immer offene Fragen und vor allem viele und mitunter heftige wissenschaftliche und geschichtspolitische Kontroversen um Hitler und den Nationalsozialismus. Das hat einen Grund in der Vielgesichtigkeit der nationalsozialistischen Politik und Propaganda selbst, die ihre Barbarei hinter den Verlockungen einer scheinbaren zivilisatorischen Normalität verbarg. Ein weiterer Grund ist die singuläre historische Erscheinung des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen, die bei allen Versuchen einer rationalen Erklärung immer auch zu einer moralischen Wertung zwingt, zum historischen Verstehen und zum Verurteilen zugleich. Gerade das hat aber auch mit dem politisch-kulturellen Standort des Betrachters zu tun.

Einigkeit besteht in der historischen Forschung jedoch darin, daß es keine einfachen Erklärungen für Aufstieg und Fall des Nationalsozialismus, für die Verlockungen und die Gewalt im Führerstaat gibt. So kann weder die nationalsozialistische Ideologie und Propaganda allein die Massenwirksamkeit des Nationalsozialismus erklären, denn dort wurde nur verkündet, was man auch anderswo hören konnte; noch kann es die vermeintliche politische Genialität oder Suggestivkraft Hitlers, denn selbst wenn diese von der Parteipropaganda unaufhörlich herausgestellt wurde, bedurfte es erst einer entsprechenden Erwartungshaltung beim Publikum, um eine politische Wirkung zu erzielen. Auch der Terror der Sturmabteilung (SA) kann den Aufstieg des Nationalsozialismus allein nicht erklären. Ebensowenig die politischen und sozialen Umstände, die immer wieder genannt werden: der Versailler Vertrag (1919) und die kommunistische Revolutionsdrohung aus Moskau, die Massenarbeitslosigkeit oder die sozio-ökonomischen Interessen der Großindustrie und des Großgrundbesitzes. Keiner dieser Faktoren kann bei einer historischen Erklärung übersehen werden, aber für sich allein reicht weder der eine noch der andere für die Erklärung des nationalsozialistischen Aufstiegs zur Macht noch der Politik des Führerstaates aus. Sie verschränkten sich vielmehr wechselseitig. In einem doppelgleisigen Prozeß des Machtverfalls bzw. -verlustes der Demokratie einerseits und der politisch-sozialen Expansion der nationalsozialistischen Bewegung andererseits wurde der politische Handlungsspielraum zuerst der demokratischen, dann aber auch der konservativ-autoritären Kräfte zunehmend eingeengt. Dieser Prozeß wurde beschleunigt durch politische Fehleinschätzungen, persönliche Machtkämpfe und Intrigen.
Auszug aus:
Informationen zur politischen Bildung (Heft 251) - Ursachen des Nationalsozialismus

Hans-Ulrich Thamer

Zur Person

Hans-Ulrich Thamer

geb. 1943, ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Münster. Seine Forschungsschwerpunkte sind der Nationalsozialismus und der europäische Faschismus.

Veröffentlichungen u.a.: Verführung und Gewalt. Deutschland 1933-1945, (Die Deutschen und ihre Nation, Bd. 5), Berlin 1986; Der Nationalsozialismus, Stuttgart 2002.


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