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27.4.2005

Neubeginn: "Alltag" in Nachkriegsdeutschland

Trümmerfrauen, Tauschmärkte, das erste Weihnachtsfest: In kurzen Szenen schildert Karl Heinz Kirchner die Tage nach dem Krieg. Aus Stahlhelmen wurden Siebe, aus Eicheln Kaffee. Zwischen Ruinen, Reisenden, Hunger und nächtlicher Schwärze dominierte für ihn ein Gefühl: die bloße Freude am Überleben.

Die vorrückenden US-amerikanischen Truppen kontrollieren die Verteilung von Lebensmitteln an die deutsche Zivilbevölkerung im März 1945, wenige Wochen vor der bedingungslosen Kapitulation Nazi-Deutschlands im Zweiten Weltkrieg. (© AP)


Weihnachten 1945



Ein Dörfchen im Marschland Niedersachsens vor den Toren Hamburgs. In die Niederungen entlang der Elbe hatte es Flüchtlinge aus dem Osten verschlagen. Sie waren gegen den Willen der meisten Bauern in Notquartieren (Ställen, Kammern, auf unausgebautem Boden) untergebracht worden.

Das Nebeneinander war ohne Mitleid. Die einen waren froh, ihr Leben gerettet zu haben. Die anderen fühlten ich belästigt. Die Flüchtlinge waren alles losgeworden, nun ging es schlicht ums Überleben in kargen und kalten Zeiten. Wand an Wand und ohne Lastenausgleich. Hier fast das Nichts, daneben die Segnungen der Hausschlachtung und Vierfelderfrucht. Köstliche Gerüche drangen oft durch die Ritzen und trafen durch die Nase auf leere Mägen. Bis auf das unvermeidliche "Guten Tag" gab es auch sonst kaum Möglichkeiten zum Austausch. Mit einer Ausnahme: Weihnachten 1945 – an einem Abend war alles anders. Die kleine Stube mit dem Eisenbett für drei Personen, den leeren Holzkisten als Regalen und Schränken war plötzlich warm. Der Kachelofen von nebenan aus dem Wohnzimmer war zu Heiligabend beheizt worden. Den Flüchtlings-Anrainern bescherte das zum erstenmal in dem kalten Winter 1945 eine warme Stube: Fröhliche Weihnachten.

Weihnachten 1945

Dieser vielbeschworene 'Aufbauwille', eine den nachgeborenen so oft vorgehaltene Eigenschaft, ... das war nichts weiter als der Wunsch, das nackte Überleben zu Leben zu machen; der eine mit etwas mehr, der andere mit etwas weniger Glück.


Die pure Freude am Überleben



25. August 1945. Einige der alten Hauptstrecken der Reichsbahn können wieder befahren werden. Über zerbombte und notdürftig wieder hergerichtete Gleiskörper, über Behelfsbrücken und durch zerstörte Bahnhöfe. Militärtransporte und Güterzüge sind unterwegs. Wer reisen muß, muß Güterzüge stürmen und hoffen, daß sie in die richtige Richtung fahren.

Halb Deutschland muß reisen: Ausgebombte, Flüchtlinge aus dem Osten, Vertriebene, entlassene Soldaten, befreite Häftlinge und die Millionen Fremdarbeiter, die im Krieg für die deutsche Rüstungsindustrie zwangsverpflichtet wurden. Und die Hamsterer, die auf dem Lande Lebensmittel erbettelten oder tauschten: Fotokamera gegen 20 Pfund Kartoffel.

Mein Zug fuhr von Würzburg nach Aschaffenburg, offene Waggons mit Steinkohle, oben drauf Hunderte von Mitreisenden. Ich hielt mich an der Rückwand des Waggons fest. Mit 16 Jahren war ich aus amerikanischer Gefangenschaft in Oberbayern entlassen worden. Nun wollte ich ins hundertfach zerbombte Gelsenkirchen zu Verwandten, dem vereinbarten Sammelplatz für die in alle Himmelsrichtungen versprengten Familienmitglieder. Auf abschüssiger Strecke durch den Spessart gewann der Zug an Fahrt. Die Lokomotive teilte dies durch kräftiges Rucken an die 42 Kohlewaggons mit. Ich verlor dabei den Halt, rutschte ab und sauste nach unten. Der nachfolgende Waggon krachte mir ins Kreuz. Der Schlag wurde aber durch den prallgefüllten Wehrmachtstornister abgefangen. Ich kippte dabei nach vorn weg und landete, den Wäschebeutel fest in der linken Hand, fast unbeschädigt zwischen den Gleisen. Schotter ramponierte etwas die Kniee. Der Zug brauste in ganzer Länge über mich weg und hielt überraschenderweise in einiger Entfernung. Mitreisende auf dem Tender der Lokomotive hatten den Lokomotivführer auf den Sturz aufmerksam gemacht. Sie kamen mit Decken, um die Leichenteile zu bergen. Ich erschien ihnen kopflos und schwer geschockt, aber mit Kopf und allem Zubehör. Ich erlebte ursprüngliche und selbstlose Freude von kohlestaubgeschwärzten Mitmenschen. Und das war nach sechs Kriegsjahren etwas wahrhaft Ungewöhnliches.

Die Geschichte hatte noch eine erfreuliche Pointe. Des Schocks wegen konnte ich nicht weiter. Ich versuchte, in Stockstadt am Main ein Quartier zu finden, und ich fand es bei einer Familie Bauer. Die waren gut durch den Krieg gekommen und hatten in den letzten Kriegstagen aus beschädigten Mainschiffen reichlich Lebensmittelkonserven, Mehl und andere Schätze bergen können. Mitten im Chaos des totalen Zusammenbruchs ein Paradies mit lauter freundlichen Menschen, reichlich und gut gedecktem Tisch und frischem Bettzeug. Das hält kein Schock aus. 14 Tage später begann das neue Abenteuer in Richtung Gelsenkirchen. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Darf es ein Viertelpfund mehr sein?



Not macht erfinderisch. Nie galt die Volksweisheit mehr als 1945. Aus Stahlhelmen wurden Siebe und Töpfe, aus Gasmaskenbüchsen Gießkannen, aus Eierhandgranaten Kinderspielzeug. Nur beim Hungern versagte die Phantasie, weil der Magen Handfestes verlangte. Und trotzdem ...

... "legen Sie beim Zubettgehen die Hände auf den Magen, dann haben sie das Gefühl, als wäre was drin." Zigaretten waren Hilfsmittel gegen Kohldampf. Kohl, Steckrüben und Kartoffelschalen waren Grundnahrungsmittel – so es sie überhaupt gab. Die ersten wiedererscheinenden Tageszeitungen veröffentlichten Kochrezepte für eine Quasi-Mehl-Suppe aus Erbsen, Grünkern oder Mais. Die Brennessel kam zu hohen Ehren als Spinatersatz (in manchen Feinschmeckerlokalen ist das bis heute geblieben, zumindest als Suppe), Baumrinde, fein gemahlen, half Mehl zu "verlängern", Eicheln wurden gebrannt zum Kaffee-Ersatz, Eichelmehl und gebackene Kartoffelschalen retteten die Illusion von Eßbarem. Aber auch sonst galt Bio-Kultur: Für das Waschen wurden Kastanien empfohlen, zum Färben von schwarzen oder blauen Sachen Efeublätter, Kartoffelschalen oder Ochsengalle, für das Färben von Kleidern rote Rüben, Birkenlaub, Sauerampfer oder die äußere Schale reifer Walnüsse oder Eichenrinde. Die Farbechtheit war damit nicht zu garantieren, der nächste Regen entfärbte wieder radikal.

Über die fast leeren Regale der Fleischereien trösteten sich die in Schlangen nach ihrer knappen Ration anstehenden Nachkriegsdeutschen mit dem treffenden Witz hinweg: "Frieden ist erst, wenn der Fleischermeister wieder sagt... darf es ein Viertelpfund mehr sein?"

Fringsen hieß der neue Sport



In der Zeit, in der es nichts mehr gab, entstanden im August 1945 vielerorts "Tauschzentralen" und "Schwarze Märkte", auf denen fast alles zu haben war: "Tausche graues Kleid gegen ein Bügeleisen, einen kleinen Herd gegen Herrenschuhe der Größe 41, ein guterhaltenes Sofa gegen einen Kinderwagen."

Die "Kompensationsgeschäfte" halfen beim Überleben. Für 320 Reichsmark war ein Pfund Butter zu haben. Ein halbes Pfund blieb für den eigenen Verbrauch. Mit der anderen Hälfte wurde gehandelt. Ein halbes Pfund Butter gegen 50 Zigaretten. Zehn Zigaretten für den eigenen Verbrauch, 40 Zigaretten brachten eine Flasche Schnaps und eine Flasche Wein. Der Wein war für den Eigenbedarf, mit dem Schnaps ging es aufs Land. Ein Bauer war bereit, dafür zwei Pfund Butter einzutauschen, Kapital für den neuen Ringtausch zu eigenen Gunsten.

Weniger als 1.500 Kalorien pro Person (je nach Zone: bei Amerikanern und Engländern mehr, bei Franzosen und Sowjets weniger) wurden auf Lebensmittelkarten zugestanden – nur: Offiziell gab es anfangs oft so gut wie gar nichts. Man mußte sich selber helfen. "Illegale Beschaffung von Lebensmitteln und Heizmaterial", sagte die Polizei dazu, Selbsthilfe die bedrängten Bürger, die Steigstrecken der Reichsbahn mit Schmierseife einrieben, damit die Kohlen- und Güterzüge langsam genug fuhren, um aufspringen und abladen zu können. "Fringsen" hieß ein Jahr später dieser Sport, weil der Kölner Oberhirte Josef Kardinal Frings das illegale Tun segnete: "Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise durch seine Arbeit oder durch bitten nicht erlangen kann."

40 Mark oder vier Zigaretten



In München wird am 12. Mai 1945, nach 2.077 Nächten die Verdunkelung aufgehoben, die am 3. September 1939 aus "Luftschutzgründen" eingeführt worden war. Zu sehen waren Tag und Nacht vor allem Trümmer. In München zum Beispiel: zehn Millionen Kubikmeter Schutt, verursacht durch 74 Luftangriffe mit insgesamt 450 Luftminen, 61.000 Sprengbomben, 142.000 Flüssigkeits- und 3.316.000 Stabbrandbomben. Dabei waren 81.500 Wohnungen zerstört und 300.000 Münchner obdachlos geworden, 6.632 Personen kamen um.

München ist nur ein Beispiel – mehr als 131 Städte waren im Luftkrieg, im Feuersturm untergegangen. Dresden, Hamburg, Köln und Berlin waren die schlimmsten Beispiele, kleine Städte wie Kleve, Wesel und Düren verschwanden fast von der Bildfläche, Mittelstädte wie Aachen, Koblenz, Würzburg, Pforzheim und Kassel wurden geradezu gepflügt. Das führte vielerorts nach dem Krieg zur Dienstverpflichtung der Bevölkerung. "100 ehrenamtliche Arbeitsstunden" waren pro Jahr bei der Enttrümmerung zu leisten. Da viel mehr Frauen als Männer übrig geblieben waren, kam so die "Trümmerfrau" zu Ehren und Strafarbeit für 40 Reichsmark Wochenlohn – den Gegenwert von vier Zigaretten.


Auszug aus:
PZ-Extra (Nr. 81/1995) - Neubeginn

Karl Heinz Kirchner

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