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15.4.2005

"Ich weiß nicht, wie viel Tausende Frauen wir waren."

Irmgard wächst in Breslau auf. Ihr Vater ist jüdischer Herkunft. Sie ist politisch aktiv und schließt sich dem Sozialistischen Jugendverband an. Ab 1941 muss Irmgard den Judenstern tragen und Zwangsarbeit leisten. Zwei Jahre später wird sie nach Ravensbrück deportiert und muss im April 1945 mit auf den "Todesmarsch" gehen.

Irmgard Konrad (© privat)

Irmgard Konrad


Geboren am 14. November 1915, in Wroclaw/Breslau (Polen)


Gestorben am 8. November 2003



Ich wurde am 14. November 1915 in Breslau geboren. Mein Vater war jüdischer Herkunft. Nach seinem frühen Tod 1924 musste meine Mutter meine vier Geschwister und mich alleine versorgen. Durch meinen ältesten Bruder Georg kam ich schon früh mit der sozialistischen Arbeiterbewegung in Berührung. Von meiner Kindheit an wurde ich durch den Gedanken der Solidarität geprägt, wie ich ihn bei den "Roten Falken" kennen lernte, einer Gruppe der "Arbeiterkinderfreunde". Rückblickend verbrachte ich dort die schönste Zeit meiner Kindheit. Mit 14 Jahren ging ich zum Sozialistische Jugendverband (SJV), der Jugendorganisation der Sozialistischen Arbeiterpartei, wo ich dann meine große Liebe, Fritz Konrad, kennen lernte.

Bereits im September 1933, acht Monate nach der Machtübernahme der Nazis, wurde ich das erste Mal verhaftet. Ich arbeitete damals in einer Bücherei, und ein Jugendgenosse hatte mich gebeten, als geheime Anlaufstelle für Karl Bartel zu fungieren, der aus Berlin kommend, den Kommunistischen Jugendverband (KJVD) in Breslau reorganisieren sollte. Aber jemand hatte die Gruppe verraten. So saß ich in Untersuchungshaft, kam aber wieder frei, weil ich nicht belastet wurde. Im April 1936 wurden Fritz und ich mit vielen Jugendgenossen wieder verhaftet: Fritz wurde wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" zu zwei Jahren Haft verurteilt, ich aber kam wegen Mangel an Beweisen frei.

Nie wieder dürfen solche Verbrechen geschehen



Für Fritz und mich begann die schwerste Zeit, als ich ab 1941 den Stern tragen musste und zur Zwangsarbeit in eine Papierfabrik bei Sackrau herangezogen wurde. Fritz stand, trotz aller Gefahren für ihn, die ganz Zeit zu mir. Im Sommer 1942 wurde ich erneut verhaftet und vom Breslauer Untersuchungsgefängnis direkt nach Auschwitz überstellt. Mit dem so genannten "Mischlingstransport" kam ich 1943 nach Ravensbrück. Dort musste ich für Siemens Zwangsarbeit leisten. Ende April 1945 wurden wir auf den Todesmarsch getrieben. In den ersten Maitagen erlebte ich dann in dem mecklenburgischen Dorf Kritzow die Befreiung.

Über den Internationalen Suchdienst forschte ich nach dem Verbleib von Fritz. Er suchte mich auch, und schließlich kam 1947 ein Lebenszeichen von ihm. Wir hatten uns wieder gefunden und konnten endlich in Leipzig ein neues Leben beginnen. Ich bin sofort wieder politisch aktiv geworden. Natürlich hat das Lagerleben körperlich und seelisch tiefe Spuren hinterlassen, aber man ist auch politisch reifer geworden. Bis zum heutigen Tag bin ich aktiv. Besonders fühle ich mich verpflichtet, junge Menschen über den Faschismus aufzuklären und an sie zu appellieren, Sorge dafür zu tragen, dass nie wieder solche Verbrechen begangen werden.

Quelle: Frauenkonzentrationslager Ravensbrück - Kalendarium 2000, Senatsverwaltung für Arbeit, Berufliche Bildung und Frauen, Berlin, 1999
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