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24.4.2018

Gerettet aber einsam - Elizabeth Melamid

Identitätsnachweis von Elisabeth Jonas, ausgestellt am 12. Oktober 1945 vom Home Office in Großbritannien. Sieben Jahre zuvor konnte sie als 17-Jährige mit einem Kindertransport Hamburg verlassen. Ihre Eltern begehen 1939 Selbstmord. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (Leo Baeck Institute New York | Berlin - Elizabeth Melamid Collection AR 25691)


Elizabeth Melamids Vater, Julius Jonas wird 1874 in Itzehoe geboren und lebt seit 1898 in Hamburg-Altona. Er hat ein Jurastudium abgeschlossen und erhält 1902 seine Zulassung beim Amts- und Landgericht in Altona. Zudem arbeitet er als Notar, gründet eine eigene Kanzlei und ist ehrenamtlicher Vorstand der deutschen Anwaltskammer. Als er 1920 die 1895 in Hamburg geborene Julie Oppenheimer heiratet, hat er bereits drei Kinder aus erster Ehe: Annemarie (geb. 1909), Walter (geb. 1910) und Jens Peter (geb. 1914). Zu diesen gesellen sich kurz darauf zwei weitere Töchter: Elisabeth (geb. 1921) und Margarethe (geb. 1922).

Erste Seite des Reichsgesetzblatts vom 7. April 1933. Zwei Monate nach der nationalsozialistischen Machtübernahme dient es als Handhabe zur Gleichschaltung des öffentlichen Diensts und der Entlassung von Gegnern des NS-Regimes. Lizenz: cc publicdomain/zero/1.0/deed.de

Die ersten antisemitischen Gesetze werden bereits kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten erlassen. Dazu gehört auch das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April 1933. Neben dem Ausschluss politischer Gegner aus dem Staatsdienst richtet es sich vor allem gegen "Beamte nicht-arischer Abstammung". Auf Grundlage des Gesetzes können sie entlassen oder zumindest vorzeitig in den Ruhestand versetzt werden. Lediglich Beamte, die schon vor 1914 ihre Zulassung erhalten haben, und jene, die im Ersten Weltkrieg ihre Väter oder Söhne verloren oder selbst gedient haben, sind davon ausgenommen. Im Zuge dieser Regelungen verliert Julius Jonas seine Position als Notar, ist aber weiterhin als Rechtsanwalt tätig. Mit Inkrafttreten der "Fünften Verordnung zum Reichsbürgergesetz" vom 27. September 1938 wird ihm auch diese Möglichkeit genommen: Als Jude wird Julius Jonas ab dem 30. November 1938 aus der Anwaltschaft ausgeschlossen.

Zwischenzeitlich sind bereits seine beiden Söhne emigriert: Walter lebt seit 1933 in Großbritannien und Jens Peter hat sich 1934 entschlossen, in ein Kibbuz nach Palästina zu gehen. Doch die Töchter befinden sich noch in Deutschland, was Julius und Julie Jonas mit wachsender Sorge erfüllt. Annemarie hat geheiratet und ist nach Berlin gezogen. Die beiden Jüngsten haben zwar ihre Ausbildung am Bertha-Lyzeum in Othmarschen begonnen, aber wegen der zunehmenden Anfeindungen die Schule verlassen müssen. Elisabeth besucht daraufhin eine private Oberrealschule am Mittelweg in Hamburg und eine höhere Handelsschule in der Schweiz. Die voranschreitende Entrechtung von Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus verhindert jedoch Elisabeths ursprüngliches Ziel, an der Hamburger Universität Medizin zu studieren, so dass sie stattdessen am Schwedischen Institut für Heilgymnastik in Hamburg eine Ausbildung beginnt. Im November 1938 erhält sie die Ausreisegenehmigung, um Deutschland mit dem vom Jüdischen Hilfsverein organisierten "Kindertransport" nach London zu verlassen. Am 1. Dezember 1938 folgt ihre Schwester Margarethe. Auch Annemarie gelingt es, mit ihrem Mann und ihrem Kind nach Peru auszuwandern.

Postkarten von Julie und Julius Jonas an ihre Töchter Elisabeth und Margarethe in England
 Faksimile 1. Postkarte vom 14. Dezember 1938 Faksimile 1. Postkarte (Rückseite) vom 14. Dezember 1938 Faksimile 2. Postkarte vom 15.12.1938 Faksimile 2. Postkarte (Rückseite) vom 15.12.1938 Faksimile 1. Postkarte vom 14. Dezember 1938 Faksimile 1. Postkarte (Rückseite) vom 14. Dezember 1938 Faksimile 2. Postkarte vom 15.12.1938 Faksimile 1. Postkarte (Rückseite) vom 14. Dezember 1938


Das Ehepaar Jonas bemüht sich ebenfalls um die Auswanderung und leitet alle notwendigen Schritte ein. Sie haben bereits die "Judenabgabe" und "Reichsfluchtsteuer" gezahlt, die "Unbedenklichkeitsbescheinigung" erhalten und ihre Besitztümer aufgelöst. Als letztes steht der Verkauf des Hauses in der Walderseestraße 48 an, das Julius Jonas 1912 hatte errichten lassen und seither mit seiner Familie bewohnt hatte. Am Tag vor der Beurkundung des Hausverkaufs begeht das Ehepaar gemeinsam Selbstmord. Julius Jonas stirbt bereits am Abend nach der Einnahme des Schlafmittels am 4. März 1939, Julie Jonas am 6. März 1939. Laut Zeugenaussagen hatten sie sich die Tabletten "aufgespart" und im Nachtschrank aufbewahrt. Ihren Abschiedsbrief an Elisabeth und Margarethe beginnen sie erneut mit den Worten: "Meine geliebten geliebten Kinder".[1]

Bis es ihnen verboten wurde, nichtjüdische Angestellte zu beschäftigen, hatte Elli Junge (geb. Sewalski) dem Ehepaar Jonas als Kindermädchen, Haushälterin und Stütze zur Seite gestanden. Sie ist es nun, die ihren ehemaligen Schützlingen in England die Nachricht vom Tod ihrer Eltern überbringt. Elisabeth wandert später in die USA aus, wo sie George Melamid heiratet und zwei Töchter bekommt. Sie stirbt im August 2015.

Historischer Hintergrund: Der Kindertransport



Ankunft in England mit dem zweiten Kindertransport. (© National Archives and Records Administration, College Park, Public Domain)

Nach Bekanntwerden der Novemberpogrome beschließt die britische Regierung, die Einreisebestimmungen für Juden zu lockern. Sie erklärt sich bereit, Kinder und Jugendliche bis 17 Jahren aufzunehmen und bietet somit die Voraussetzung für eine der größten und zugleich auch tragischsten humanitären Unternehmungen der Geschichte: den "Kindertransport". Im Rahmen der Aktion werden seit Ende November 1938 jüdische Kinder aus dem Deutschen Reich, dessen annektierten Gebieten und den von feindlicher Übernahme bedrohten Ländern nach Großbritannien gebracht. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs finden die Kindertransporte ihr jähes Ende. Bis dahin hat Großbritannien jedoch schon knapp 10.000 Kinder aufgenommen.

Jüdische Flüchtlingskinder von Hamburg landeten mit dem Dampfer "Washington" in Southampton. (© Bundesarchiv, Bild 183-S65226)

Die von staatlicher Seite vorgegebene Altersbegrenzung verhindert, dass Eltern oder andere Erwachsene die Kinder auf ihrem Weg begleiteten, so dass sich ältere Geschwister und mitreisende Jugendliche um die Kleinsten kümmern. Zudem verlangen die Behörden eine Bürgschaft in Höhe von 50 Pfund Sterling pro Kind. Sie wird von Privatpersonen, verschiedenen Hilfsorganisationen und den jüdischen Gemeinden bereitgestellt. Die Summe soll die Versorgung, Unterbringung und spätere Rückreise der Kinder sicher stellen, deren Aufnahme unter der Annahme erfolgt, dass sie nach Beruhigung der Lage wieder in ihre Heimatländer zurückgeschickt und dort in die Obhut ihrer Eltern übergeben werden können. Bis dahin werden die angekommenen Kinder bei Pflegeeltern, in Heimen und Sammelunterkünften untergebracht. Angesichts der großen Anzahl eintreffender Kinder ist es nicht immer möglich, die aufnehmenden Familien vor der Vermittlung eingehend zu prüfen. Einige finden liebevolle Pflegefamilien, die sich geduldig um die mitunter traumatisierten Kinder bemühen. Andere haben weniger Glück und werden als billige Arbeitskräfte im Haushalt ausgenutzt. Allen ist gemeinsam, dass sie sich nur mühsam an die unbekannte Umgebung und fremde Sprache gewöhnen können.

Dieser kurze Ausschnitt aus einem Universal Newsreel vom Dezember 1938 zeigt deutsch-jüdische Jugendliche bei ihrer Ankunft im britischen Harwich. (27 Sekunden, ohne Ton) (© Accessed at United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of National Archives & Records Administration)

Dezember 1938, Harwich, England: 200 deutsch-jüdische Kinder aus Holland werden von Bord eines Schiffes geleitet, von Fotografen aufgenommen und mit dem Bus ins Dovercourt Holiday Camp gebracht. Sie tragen Nummern um ihren Hals. Im Camp werden sie beim Ausladen des Gepäcks, beim Tischtennis und bei Essen gefilmt. (ca. 7 Minuten, ohne Ton) (© Accessed at United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of National Archives & Records Administration)

Der Überfall auf Polen am 1. September 1939 markiert den Beginn des Zweiten Weltkriegs und beendet den "Kindertransport". Deutsche in Großbritannien werden nunmehr zu "enemy aliens" erklärt und in Internierungslager gebracht. Diese Maßnahme betrifft 1940 auch knapp 1.000 Heranwachsende, die mit dem "Kindertransport" ins Land kommen und zwischenzeitlich volljährig werden. Sie werden ebenfalls in Lagern auf der Isle of Man, in Kanada oder Australien inhaftiert. Trotz ihrer Kategorisierung als "enemy aliens" wird ihnen jedoch angeboten, den britischen Streitkräften beizutreten. Viele ergreifen diese Chance, gegen die Nationalsozialisten zu kämpfen. Einige Dutzend werden auf Grund ihrer Sprachkenntnisse den "Special Forces" zugeteilt und dienen auch nach 1945 bei den alliierten Streitkräften.

Aktuellen Schätzungen zufolge werden während des Holocaust ungefähr 1,5 Millionen jüdische Kinder ermordet. Mehrere Tausend Kinder verdanken ihr Leben einzig und allein dem "Kindertransport". Die Ausreise bewahrt die Kinder zwar vor der nationalsozialistischen Verfolgung, aber oftmals müssen die Geretteten nach Kriegsende feststellen, dass sie die einzigen Überlebenden ihrer Familien sind. Die eilig und unter Tränen geschriebenen Notizen vor der Abreise oder die in England per Post erhaltenen Briefe und Postkarten sind somit die letzten Lebenszeichen ihrer Liebsten.

Fußnoten

1.
Der komplette Abschiedsbrief ist in Abschrift in den Akten der Hamburger Polizeibehörde für unnatürliche Sterbefälle zu finden: http://www.stolpersteine-hamburg.de/?MAIN_ID=7&BIO_ID=2340 (zuletzt aufgerufen 15. November 2017)
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