Bilder des Artikels: Die Transformation der ostdeutschen Genossenschaftsbanken nach 1989


Bürgerinnen und Bürger vor der Genossenschaftskasse in Gera am Tag der Währungsunion am 1. Juli 1990 (© Bundesarchiv, Bild 183-1990-0706-400, Foto: Jan Peter Kasper)


Bankgenossenschaften in der DDR



Bereits kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges hatte die Rote Armee in den von ihr kontrollierten Gebieten Deutschlands die zeitweilige Schließung aller Banken angeordnet. Aufgrund ihrer Bedeutung für die landwirtschaftliche Produktion wurde den ländlichen Raiffeisengenossenschaften am 20. November 1945 die Aufnahme des ländlichen Warenhandels und des Bankgeschäfts wieder gestattet.[32] Parallel entstanden nach sowjetischem Vorbild bis zum Frühjahr 1946 die als bäuerliche Massenorganisation konzipierten Vereinigungen der gegenseitigen Bauernhilfe (VdgB). Diese sollten sich anfänglich vor allem auf die Aufgaben einer Berufsvertretung, die tierärztliche Versorgung und den Betrieb von Saatreinigungs- oder Viehdeckstationen konzentrieren. Auf politischen Druck beschnitten die VdgB jedoch bald die Aufgabenbereiche der Raiffeisengenossenschaften, beispielsweise durch den Aufbau von Maschinenausleihstationen.[33] Am 20. November 1950 beschlossen beide Organisationen schließlich ihre Verschmelzung unter dem Dach der VdgB.[34] Damit wurden die Raiffeisengenossenschaften – nunmehr als Bäuerliche Handelsgenossenschaften (BHG) bezeichnet – schon in den Anfangsjahren der DDR zu einem verlängerten Arm der staatlichen Wirtschaftspolitik. Ihr Bankgeschäft beschränkte sich schnell auf die Annahme von Spargeldern und den Zahlungsverkehr für die ländliche Bevölkerung. Das Kreditgeschäft wurde – abgesehen von der begrenzten Vergabe kurzfristiger Kleinkredite – über die als Zentralinstitut agierende Deutsche Bauernbank (ab 1968 Bank für Landwirtschaft und Nahrungsgüterwirtschaft) abgewickelt.

Das zweite Standbein des genossenschaftlichen Bankwesens bildeten auch in der DDR die Volksbanken. Ihnen wurde die Wiederaufnahme ihrer Geschäftstätigkeit durch die sowjetische Militäradministration am 15. Januar 1946 gestattet.[35] Zu den Aufgaben der nun als (Genossenschafts-)Banken für Handwerk und Gewerbe bezeichneten Institute zählte insbesondere die Förderung und Entwicklung des Handels, des Handwerks und anderen Kleingewerbes. So sollten sie zu einer verbesserten Versorgung der Bevölkerung mit Reparaturen und Dienstleistungen beitragen. Wie die Bäuerlichen Handelsgenossenschaften wurden auch die Gewerbebanken im Laufe der nächsten Jahrzehnte in das sozialistische Planungssystem eingebunden. Ein wesentlicher Schritt hierzu war das neue Musterstatut von 1970. Danach hatten die Banken nun im Rahmen ihrer Geschäftsbeziehungen und unter Anleitung staatlicher Organe "auf die Lösung der mit dem Volkswirtschaftsplan gestellten Aufgaben aktiv Einfluss zu nehmen".[36]

1989 existierten in der DDR 95 Genossenschaftskassen für Handwerk und Gewerbe mit weiteren 89 Zweigstellen sowie 272 Bäuerliche Handelsgenossenschaften mit 2.817 Bankstellen.[37] Ihre Situation war geprägt von der allgemein angespannten wirtschaftlichen Lage in der DDR. Investitionsmittel waren – bis auf wenige industrielle Schwerpunktbereiche – knapp, die Wirtschaft wurde zunehmend auf Verschleiß gefahren.[38] Daraus resultierten ein oftmals schlechter Zustand der Bankgebäude sowie ein hoher Überalterungs- beziehungsweise Abnutzungsgrad der Betriebsmittel.

Von spontaner Hilfe zur koordinierten Unterstützung



Bereits kurz nach dem Mauerfall am 9. November 1989 kam es zwischen Bankgenossenschaften in Ost und West zu ersten individuellen Kontakten. Sie ergaben sich oft aufgrund räumlicher Nähe im grenznahen Bereich, aber auch durch vorhandene Städtepartnerschaften oder das Interesse westdeutscher Bankmitarbeiter an früheren Heimatorten. Aus den Kontakten entwickelten sich meist unkomplizierte Kooperationsbeziehungen. Diese reichten vom Bereitstellen von Taschenrechnern, Schreibmaschinen, Kopiergeräten, Geldzählautomaten, Formularen, bundesdeutschen Gesetzbüchern und anderer Fachliteratur oder auch ganzen Büro- und Schaltereinrichtungen bis hin zum gegenseitigen Mitarbeiteraustausch. Dabei halfen verschiedene Mitarbeiter der westdeutschen Banken bei ihren ostdeutschen Kollegen aus und gaben ihnen nebenbei erste Einführungen in das bundesdeutsche Banksystem, den Aufbau einer Anlageberatung oder zur Gesprächsführung bei Kreditberatungen. Ergänzend fuhren ostdeutsche Bankangestellte zu Qualifizierungsmaßnahmen in die westdeutschen Partnerbanken, teilweise absolvierten ostdeutsche Berufseinsteiger hier auch ihre Lehre.[39]

Die spontanen Kooperationen wurden in der ersten Jahreshälfte 1990 durch gezielte Hilfsmaßnahmen der westdeutschen Genossenschaftsverbände ergänzt. Der damalige Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), Wolfgang Grüger, gab das Ziel aus, auch in der DDR einen genossenschaftlichen Bankenverbund wie in der Bundesrepublik entstehen zu lassen. Um die dortigen Genossenschaftsbanken "für den harten Wettbewerb der Zukunft" zu rüsten, müssten im Rahmen eines genossenschaftlichen Solidarpaktes qualifizierte Mitarbeiter in die ostdeutschen Genossenschaftsbanken entsandt und dort in größerem Umfang Sachinvestitionen und Baumaßnahmen vorgenommen werden.[40] Hieran sollten sich neben den Volks- und Raiffeisenbanken und dem BVR auch die verschiedenen regionalen Genossenschaftsverbände der Bundesrepublik, die zum genossenschaftlichen Finanzverbund gehörenden Spezialunternehmen wie die Bausparkasse Schwäbisch Hall, die R+V Versicherung oder die Fondsgesellschaft Union Investment sowie die für Ostdeutschland als genossenschaftliche Zentralbank fungierende DG Bank beteiligen.

Zur besseren Koordinierung der Unterstützungsleistungen übernahmen die regionalen Genossenschaftsverbände der Bundesrepublik die Betreuungsfunktion für einzelne Bezirke in der DDR.[41] Unter ihren Mitgliedern suchten sie dann wiederum nach Volks- und Raiffeisenbanken, die einer ostdeutschen Genossenschaftsbank aus dem jeweiligen Bezirk als Kooperationspartner zur Seite stehen wollten. So sollte gewährleistet werden, dass jede Kreditgenossenschaft in der DDR durch eine Partnerbank aus der Bundesrepublik unterstützt und beraten wurde – ein Ziel, dass nach bisherigen Erkenntnissen auch realisiert wurde.[42] Ergänzend veranstalteten die Genossenschaftsverbände, teilweise zusammen mit den Verbundunternehmen, Schulungen über die Bedeutung des Marketings, die Beurteilung von Kreditrisiken, die Förderprogramme der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) oder den Umgang mit Computern. Darüber hinaus unterstützten sie die Banken in ihren Bezirken durch den Einsatz von Prüfern und Beratern.

Finanzierungspaket des genossenschaftlichen Finanzverbundes



Zur Finanzierung der Hilfeleistungen aus dem genossenschaftlichen Finanzverbund initiierte der Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken im Mai 1990 einen besonderen Solidarfonds "Personelle Maßnahmen". Dieser sah eine Abgabe der westdeutschen Mitgliedsbanken in Höhe von 0,1 Promille ihrer Bilanzsumme per 31. Dezember 1988 vor.[43] Die so eingesammelten rund 45 Millionen D-Mark dienten vor allem zur Deckung der zusätzlichen Personalkosten, die den Einzelbanken und Verbänden durch ihr Engagement in der DDR entstanden.[44] Ebenfalls noch 1990 wurde von den genossenschaftlichen Zentralbanken und den Verbundunternehmen ein zweiter Solidarfonds für Investitionsmaßnahmen in Höhe von bis zu 100 Millionen D-Mark aufgelegt. Hieraus sollten bis 1996 vor allem Bau- und Renovierungsmaßnahmen sowie Sachinvestitionen der ostdeutschen Genossenschaftsbanken durch zinsverbilligte, zum Teil auch tilgungsfreie Darlehen gefördert werden.[45]

Diese finanziellen Hilfen erfolgten nicht uneigennützig. Denn bei den Genossenschaftsverbänden und auch den Verbundunternehmen sah man das erhebliche Geschäftspotenzial im Osten mit seinem unterentwickelten Finanzsektor. Und wenn man auch im wiedervereinten Deutschland den bisherigen Marktanteil zumindest halten, wenn nicht sogar ausbauen wollte, konnte man das ostdeutsche Bankgeschäft nicht allein den Sparkassen und Privatbanken überlassen.[46] Gleichzeitig drohte sich eine schlechte Entwicklung bei den ostdeutschen Genossenschaftsbanken negativ auf das Image des genossenschaftlichen Finanzverbundes in den westdeutschen Bundesländern auszuwirken – zumal sich die Ost-Institute ab April 1990 auch wieder in Volks- beziehungsweise Raiffeisenbanken umbenannten und Werbemittel des westdeutschen Finanzverbundes einzusetzen begannen.

Die Verbandsfrage



Auf Verbandsebene ging es darüber hinaus darum, für die ostdeutschen Banken die gesetzlich geforderte Zugehörigkeit zu einem Prüfungsverband zu gewährleisten und damit auch die Mitgliedschaft in der Sicherungseinrichtung des BVR zu erreichen. Ursprünglich gab es auf ostdeutscher Seite die Überlegung, den Verband der Genossenschaftskassen für Handwerk und Gewerbe der DDR – der sich auf seinem Verbandstag am 20. April 1990 in Verband der Kreditgenossenschaften der DDR umbenannt hatte[47] – zu einem eigenständigen Regionalverband auszubauen. Dieser hätte dann die ihm angeschlossenen Genossenschaftsbanken in rechtlichen, steuerlichen sowie betriebswirtschaftlichen Fragen beraten und auch die erforderlichen Pflichtprüfungen der Jahresabschlüsse übernehmen können. Doch das Vorhaben scheiterte an der Forderung des Bundesaufsichtsamtes für das Kreditwesen, das die Genehmigung der Verbandstätigkeit ohne Übergangsfrist an die Erfüllung gesetzlicher Bestimmungen band. Dazu zählte insbesondere die erforderliche Besetzung des Verbandsvorstandes mit Wirtschaftsprüfern, die – da es in der DDR keine Ausbildung hierfür gab – nur aus der Bundesrepublik gewonnen werden konnten.[48] In dieser Situation erklärte der BVR, dass eine Stärkung der ostdeutschen Verbände durch die Zuführung von Wirtschaftsprüfern und anderen Prüfern nicht möglich sei. Als Alternative könne man nur die Prüfung der Volks- und Raiffeisenbanken durch die westdeutschen Regionalverbände anbieten.[49]

Diese Entscheidung stieß bei den ostdeutschen Genossenschaftsverbänden erwartungsgemäß auf "kein Verständnis", zumal "diese Fragen ohne Beteiligung der Verbände und Primärgenossenschaften in der DDR behandelt und entschieden wurden".[50] Am Ende musste man jedoch akzeptieren, dass nunmehr "eine eigenständige Verbandsarbeit auf dem Gebiet der DDR nicht mehr möglich ist".[51] Gleichwohl existierten auf westdeutscher Seite unterschiedliche Meinungen darüber, ob und wie die ostdeutschen Bankgenossenschaften in westdeutsche Verbände integriert werden sollten. Kritik an einer solchen Eingliederung kam vor allem von den Genossenschaftsverbänden in Bayern, Baden und Württemberg. In den von ihnen unterstützten DDR-Bezirken Karl-Marx-Stadt, Leipzig und Dresden, dem späteren Bundesland Sachsen, entstand dann auch der Mitteldeutsche Genossenschaftsverband als eigenständiger ostdeutscher Regionalverband.[52]

Mentalitätswandel bei den Mitarbeitern



Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den einzelnen Genossenschaftsbanken waren die Entscheidungen über die zukünftigen Verbandsstrukturen von eher untergeordneter Bedeutung. Sie standen 1990 vor ganz anderen Herausforderungen. Dazu zählten allgemein zahlreiche neue Begrifflichkeiten, die sich ändernden (bank-)rechtlichen Vorschriften und Gesetze oder der vielfach über Nacht zu erlernende Umgang mit neuer Banktechnik. Hinzu kamen die Anforderungen des Massengeschäfts, verbunden mit vielen neuen Produkten. Statt der bisher üblichen Spareinlagen zum Einheitszinssatz von 3,25 Prozent gab es nun zahlreiche Sparmöglichkeiten mit unterschiedlichen Verzinsungen und Laufzeiten. Gleichzeitig änderten sich auch die Kundenwünsche: Besonders hoch war die Nachfrage vor allem im Jahr 1990 nach Krediten für den Autokauf. Parallel stieg die Nachfrage nach Kfz-Versicherungen, die oftmals über den Verbundpartner R+V befriedigt werden konnte. Ebenfalls bestand großer Nachholbedarf bei der Sanierung und Modernisierung von Gebäuden. In der Folge zeigte sich beispielsweise schon vor der Wirtschafts- und Währungsunion am 1. Juli 1990 eine starke Nachfrage nach den von der KfW sowie von der 2003 mit ihr fusionierten Deutschen Ausgleichsbank angebotenen Förderkrediten.[53]

Insgesamt verlangte der Wandel hin zu einer Universalbank von den Mitarbeitern der Genossenschaftskassen und Bäuerlichen Handelsgenossenschaften, die zu DDR-Zeiten ja nur begrenzte Bankaufgaben für eine klar definierte Kundengruppe übernehmen durften, einen erheblichen Mentalitätswandel. Zudem mussten sie die Erkenntnis bewältigen, dass sich ihre Bank künftig in einem freien Markt eigenverantwortlich gegen die lokale Konkurrenz anderer Banken behaupten musste. Plötzlich standen sie vor der Aufgabe, die zahlreichen neuen Produkte ihrer Bank – die sie zum Teil selbst gerade erst verstanden – nun auch verkaufen zu müssen. Dieser Kulturschock und der damit einhergehende Leistungsdruck waren gerade für die älteren Mitarbeiter nicht so leicht zu bewältigen. Doch durch den Wandel zur Universalbank mit einem breiteren Kunden- und Dienstleistungsspektrum wuchs auch der Arbeitskräftebedarf der Banken. Die Aussicht auf einen festen Arbeitsplatz in unsicheren Zeiten sorgte bei den Mitarbeitern für Zuversicht und den Willen, sich im Prinzip noch einmal neu in das Bankgeschäft einzuarbeiten. Damit war auch die Bereitschaft verbunden, das damals in den Banken notwendige hohe Arbeitspensum, nicht nur in der Zeit vor und kurz nach Einführung der D-Mark, zu erfüllen.[54]

Anpassung an die "neue Zeit"



Im Tagesgeschäft standen die ostdeutschen Genossenschaftsbanken vor einer Reihe weiterer Aufgaben. So musste beispielsweise die Rechnungslegung den westdeutschen Vorschriften angepasst und eine D-Mark-Eröffnungsbilanz erstellt werden. Diese erste, nach bundesdeutschen Vorschriften zu erstellende Bilanz, die jedes DDR-Unternehmen per 1. Juli 1990 aufstellen musste, stellte sozusagen den bilanziellen Neuanfang zur Währungsunion dar. Zudem mussten die zu DDR-Zeiten von Genossenschaftsbanken und Sparkassen meist gemeinschaftlich auf Regionalebene organisierten Verrechnungssysteme und die Lohnbuchhaltung aufgetrennt werden. Integriert wurden von den ostdeutschen Genossenschaftsbanken dagegen die meisten Kreisfilialen der vormaligen Bank für Landwirtschaft und Nahrungsgüterwirtschaft (BLN). Das betraf vor allem die Bäuerlichen Handelsgenossenschaften, die in der DDR überwiegend auf das Kassengeschäft und das Einsammeln von Spargeldern beschnitten worden waren. Hier bildete das landwirtschaftliche Kreditgeschäft der Kreisfilialen eine wichtige Ergänzung für die neu entstehenden Raiffeisenbanken.[55] Allerdings bargen gerade die großen Kredite an die Landwirtschaftsbetriebe der DDR teilweise nicht absehbare Ausfallrisiken, weshalb nicht alle Raiffeisenbanken die örtlichen BLN-Filialen übernahmen.

Darüber hinaus hatten sich die Banken mit Blick auf die neue Konkurrenz unter den Instituten und den nun Einzug haltenden Kampf um Kunden und Marktanteile jetzt auch mit Standortfragen auseinanderzusetzen. Neue Geschäftsstellen entstanden. Zudem wurden zum Teil bisherige Standorte an zentralere Plätze verlegt sowie frühere, in der DDR geschlossene Bankfilialen wieder neu eröffnet. Ein weiteres Problem vieler Bankgebäude war ihr baulich oft maroder Zustand. Bei der Sanierung dieser Geschäftsstellen kam dann neben der baulichen Sicherheit der Gebäude auch der Schutz vor Bankräubern hinzu.[56] Denn diese hatten schnell erkannt, wie ungenügend die Sicherheitsstandards in den neuen Bundesländern zu dieser Zeit noch waren. Banküberfälle waren daher keine Seltenheit.[57]

Diese und andere notwendige Investitionen litten allerdings unter der bei den ostdeutschen (Genossenschafts-)Banken allgemein sehr gering ausgeprägten Eigenkapitalbasis. Meist lag sie deutlich unter der vom bundesdeutschen Kreditwesengesetz geforderten Eigenkapitalquote von mindestens vier Prozent der Bilanzsumme. Angesichts dieser Situation und den zu erwartenden weiteren Belastungen durch nicht werthaltige Altkredite wurde den ostdeutschen Banken von der Bundesrepublik im Rahmen der Wirtschafts- und Währungsunion eine entsprechende Eigenkapitalaufstockung auf vier Prozent ihrer jeweiligen Bilanzsumme aus dem staatlichen Ausgleichsfonds "Währungsumstellung" zugestanden.[58]

Im ländlichen Bereich bedeutete die Neuordnung des ostdeutschen Bankwesens darüber hinaus die Trennung von Geld- und Warengeschäft, wie es in Westdeutschland größtenteils schon in den 1960er und 70er Jahren geschehen war. Zwar wurde von den Bäuerlichen Handelsgenossenschaften anfänglich oft die weitere Bündelung beider Geschäftsbereiche angestrebt, doch barg das einige Risiken. Denn je mehr vor allem westdeutsche Baumärkte mit neu gebauten, modernen Verkaufscentern in den Osten drängten, desto härter wurde das Geschäft für die vielfach "angestaubt" wirkenden BHG- beziehungsweise Raiffeisenmärkte. Zudem verringerten die im Handelsgeschäft durch den üblichen Verkauf auf Rechnung entstehenden Außenstände angesichts gesetzlich vorgegebener Höchstkreditgrenzen die Möglichkeiten bei der Kreditvergabe im "normalen" Bankgeschäft. In dieser Situation drängten die westdeutschen Genossenschaftsverbände darauf, Bank- und Warengeschäft zu trennen. Zusätzliches Gewicht bekam dieser Schritt durch die Aussicht, die niedrige Eigenkapitalausstattung der Banksparte durch die zu erwartenden staatlichen Ausgleichszahlungen aufstocken zu können. In der Folge beschlossen die Bäuerlichen Handelsgenossenschaften offenbar bis auf wenige Ausnahmen noch 1990 die Trennung ihres Geschäftsbetriebes in eine Raiffeisenbank und eine Handels- und Warengenossenschaft.[59] Dabei wurde das Warengeschäft zusammen mit dem ihm zuzuordnenden Vermögenswerten und Mitarbeitern in der Regel in eine eigenständige Genossenschaft ausgelagert.

Neuer Konsolidierungsprozess



Von den Bankmitarbeitern erforderte der plötzlich abrupte Systemwechsel einen Mentalitätswandel weg vom abgegrenzten Bankgeschäft nach Planvorgaben hin zum eigenständigen, am Kundenbedarf orientierten Beraten und Verkaufen – und das nun in steter Konkurrenz zu anderen Banken. Wichtige Unterstützung kam von den westdeutschen Genossenschaftsbanken, ihren Verbänden und den Verbundunternehmen. Im Zuge der Neuordnung des genossenschaftlichen Bankenbereichs in der ehemaligen DDR ergab sich aber auch rasch die Notwendigkeit eines weiteren Konzentrationsprozesses. So lag beispielsweise das Geschäftsvolumen der ostdeutschen Kreditgenossenschaften zum Jahresende 1990 mit 15 Millionen DM je Bankstelle deutlich niedriger als bei den privaten Kreditbanken (894 Millionen DM) und den Sparkassen (50 Millionen DM). Hinzu kam eine starke Zersplitterung in 338 separate Genossenschaftsbanken (im Vergleich zu sechs Kreditbanken und 195 Sparkassen).[60] Im Ost-West-Vergleich der Bankgenossenschaften zeigte sich zudem, dass die Volks- und Raiffeisenbanken in Ostdeutschland 1990 im Schnitt lediglich über 395 Mitglieder verfügten, verglichen mit 3.750 Mitgliedern je Bank im Westen.[61]

Daraus resultierten unter anderem eine geringere Eigenkapitalausstattung, ein kleinerer Kundenstamm sowie insgesamt höhere Aufwendungen etwa beim Einsatz neuer EDV-Technik. Als Reaktion darauf kam es bereits ab 1990 unter den zu kleinen Genossenschaftsbanken zu einem weitreichenden Konzentrationsprozess. Dabei schrumpfte ihre Zahl bis 1998 um 190 auf noch 148 Volks- und Raiffeisenbanken, der Umfang der Bankstellen nahm von 1.971 auf 1.648 ab.[62] Auch aufgrund dieses Konzentrationsprozesses haben sich die Genossenschaftsbanken der ehemaligen DDR im vereinten Deutschland als dritte Gruppen neben privaten Kreditbanken und öffentlichen Sparkassen etabliert.

Marvin Brendel, Die Transformation der ostdeutschen Genossenschaftsbanken nach 1989, in: Deutschland Archiv, 1.7.2015, Link: http://www.bpb.de/208818




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