Bilder des Artikels: Politisch inhaftierte Frauen in der DDR: Binnenperspektiven auf das Frauenzuchthaus Hoheneck


Die ehemalige Haftanstalt Hoheneck in Sachsen. Von 1862 bis 2001 wurde das Schloss als Gefängnis genutzt, 2015 richtete die Stadt Stollberg eine Gedenkstätte ein (© picture alliance/ZB – dpa-Zentralbild, Foto: Peter Endig)


Politische Haft in der DDR



Der Charakter eines Staates zeigt sich in besonderer Weise daran, wie dieser mit seinen vermeintlich politischen Gegnerinnen und Gegnern umgeht. „Politische Straftaten“ gibt es in allen modernen Staatsformen. Insbesondere Straftatbestände wie Spionage, Agententätigkeit, Terrorismus und Korruption fordern auch in Rechtsstaaten die klare Abgrenzung zwischen Politik und Justiz immer wieder heraus und sind gleichzeitig prädestiniert für eine politische Instrumentalisierung unter der Wahrung des Scheins von Rechtsstaatlichkeit.

Die Geschichte der Inhaftierung von Ausreisewilligen in der DDR legt ein besonders deutliches Zeugnis darüber ab, zu welchen inhumanen Konsequenzen eine solche politische Instrumentalisierung des Rechtssystems führen kann. Während die Hafterlebnisse männlicher politischer Häftlinge nach dem Niedergang der DDR mit der Etablierung einer Gedenkstätte des berüchtigten „Gelben Elends“ in Bautzen in der Öffentlichkeit eine recht hohe Präsenz genießen, ist das – nicht minder schreckliche – ehemalige zentrale Frauengefängnis der DDR „Hoheneck“ in Stollberg in der Nähe von Chemnitz weit weniger bekannt. Nach dem Mauerbau waren hier vor allem Frauen inhaftiert, die mit mehr oder minder großem Nachdruck versuchten, in die Bundesrepublik zu emigrieren. Ihre Lebensgeschichten geben in besonderer Weise Auskunft über die spezifischen Interdependenzen eines restriktiven Grenzregimes, einer überwachten öffentlichen Kommunikation, dem radikalen Scheitern sozialistischer Erziehungsansprüche und eines politisch instrumentalisierten Unrechtsapparats. Es ist dabei notwendig, die politische Inhaftierung der Frauen nicht als singuläres Ereignis zu betrachten, sondern in einen lebensgeschichtlichen Kontext zu stellen.

Eine Inhaftierung war in jedem Fall ein dramatischer Bruch der bisherigen Biografie. Es ist dabei wichtig, diese individuellen Hafterfahrungen von einer Außenperspektive ernst zu nehmen, anzuerkennen und zugleich im Rahmen der jeweiligen Lebensgeschichte zu verstehen. Die folgenden Überlegungen stammen aus einer biografieanalytischen Studie,[6] in deren Rahmen von 2011 bis 2016 insgesamt 18 ehemals in Burg Hoheneck politisch inhaftierte Frauen mittels biografisch-narrativer Interviews befragt wurden.[7] Die Frauen wurden dabei aufgefordert, ihre gesamte Lebensgeschichte zu erzählen. Darunter waren auch zahlreichen Akteurinnen, die sich sonst nicht in der Öffentlichkeit äußern. Insofern konnten auch Sichtweisen erfasst werden, die in den bisher öffentlich zugänglichen Zeitzeugendokumenten möglicherweise unterrepräsentiert sind.

Gemeinsame Inhaftierungserfahrungen



Viele ehemals aus politischen Gründen inhaftierte Frauen sind auch heute nicht in der Lage, über ihre Haftzeit zu sprechen, da die psychische Belastung nach wie vor zu groß ist. Die mittlerweile vielfach nachgewiesenen posttraumatischen Belastungen politisch Inhaftierter[8] wurden in allen Gesprächen der Studie angesprochen. Für viele der Frauen reichen vermeintlich harmlose Situationen aus, um massiven Stress hervorzurufen: unter anderem das Klappern von Schlüsseln, geschlossene Räume und Klopfgeräusche. Je nach Schwere der Hafterfahrungen haben die Ereignisse tiefe Spuren hinterlassen und sind für diese Frauen ein immer noch belastender Teil ihres Lebens. Studien belegen zudem die weit verbreiteten körperlichen Folgeschäden der politischen Haft.

Die Inhaftierung hatte zudem häufig schwerwiegende Folgen für die Familienangehörigen, insbesondere für die Kinder der Inhaftierten – insbesondere dann, wenn diese nicht bei Verwandten untergebracht, sondern in Kinderheime eingewiesen oder zur Adoption freigegeben wurden. Potenziell traumatisierend war es für die Kinder, wenn sie die Festnahme der Mutter oder gar beider Elternteile miterleben mussten. Die Inhaftierung erfolgte in der Regel unter dem Vorwand, man habe „Zur Klärung eines Sachverhaltes“ mitzukommen. Dieser Satz ist für die Frauen symptomatisch für die schmerzhaft geteilte Ohnmachtserfahrung der Inhaftierung. Diese wird beispielsweise in dem folgenden Interviewausschnitt sehr anschaulich beschrieben:

Die Inhaftierung wird von allen Frauen als tiefer Einschnitt in ihrem Leben beschrieben. Überraschend, wie für Frau Bürger, war dies insbesondere für all jene, die nicht aufgrund von Fluchtversuchen festgenommen und verurteilt wurden, sondern weil sie einen Ausreiseantrag gestellt und Kontakt zu westlichen Organisationen aufgenommen hatten. Die Gerichtsurteile wurden zwar im Namen des Volkes, aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhängt. Eine angemessene Rechtsvertretung bekamen die Frauen nicht. Stattdessen galten sie als politische Staatsfeinde, die sich gegen die sozialistische Gesellschaftsordnung und Lebensweise richteten. Exemplarisch kann diese politische Verwobenheit der Gerichtsverfahren an einem Auszug aus einem Gerichtsurteil aus den späten 1970er Jahren illustriert werden:

Mit der Verurteilung waren die Frauen nun offiziell als Verbrecherinnen stigmatisiert. Dies ging mit einer enormen Beschädigung ihrer Identität und ihres Selbstwertes einher. Dies war beispielsweise der Fall, wenn die Frauen in Handschellen über den Bahnhof gebracht und somit in der Öffentlichkeit als gemeingefährliche Schwerverbrecherinnen dargestellt wurden. Auch der Transport nach Hoheneck selbst – meist im „Grotewohl Express“ – war für die Frauen eine belastende Erfahrung, die, wie in der Erzählung von Frau Gaspar ausgeführt, durch extreme Enge und unwürdige Behandlung geprägt war:

Die Ankunft in Hoheneck ist geprägt durch den ersten Kontakt mit dem Gefängnisalltag im sogenannten Zugang, wie eine andere ehemalige Hoheneckerin berichtet:

Im „Zugang“ erhielten die Frauen Häftlingskleidung und gerieten in den ersten intensiveren Kontakt mit anderen Gefangenen, darunter auch Schwerstverbrecherinnen. Die Unterscheidung von politischen und kriminellen Inhaftierten ist für alle Frauen ein bedeutendes Merkmal der Haftbeschreibung. Gleiches gilt für die obligatorische Haftarbeit, die bei den meisten Frauen darin bestand, Strumpfhosen oder Bettwäsche in Schichtarbeit zu nähen. Von allen Frauen wird Hoheneck als unhygienischer, kalter und überfüllter Ort beschrieben. Das enge Zusammenleben, der rüde Umgangston, Schikanen durch das Wachpersonal und das extrem schlechte Essen stellten die Frauen auf harte Belastungsproben. Zusätzliches Potenzial für Schikanen bestand dann, wenn sie Kinder hatten, um deren Wohlergehen sie fürchten mussten. Fast alle Frauen vermieden es in der Erzählung über Hoheneck, detaillierter über das Schicksal ihrer Kinder zu sprechen, was ein deutlicher Ausdruck der bis heute andauernden Vulnerabilität bezüglich dieser Thematik ist.

Abwechslung und Lichtblicke im inhumanen Strafvollzug boten die wenigen und stark reglementierten „Sprecher“, in denen ein rudimentärer Kontakt zu Angehörigen gehalten werden konnte. Auch Paketsendungen waren im kargen Gefängnisalltag wichtig, in denen Angehörige Waren des täglichen Gebrauchs und auch Genussmittel wie Süßigkeiten und Zigaretten senden konnten. Ansonsten lieferte einzig der gefängnisinterne Kiosk die Möglichkeit, sich mit zusätzlichen, aber häufig minderwertigen Waren zu versorgen. Zentral im Hafterleben blieben bei allen befragten Frauen jedoch stets die sogenannten Transporte, in denen freigekaufte politische Häftlinge abgeholt und über Karl-Marx-Stadt in den Westen abgeschoben wurden. Frau Sommer berichtet beispielsweise:

Die Hoffnung, selbst durch einen Transport von der Qual der Inhaftierung befreit zu werden, war daher allgegenwärtig. Die genaue Dauer der weiteren Haftzeit war für die Frauen kaum zu antizipieren. Zudem mussten sie auch ständig befürchten, zurück in die DDR entlassen oder ohne die eigenen Kinder in den Westen abgeschoben zu werden.

Die unterschiedliche Bedeutung von Hoheneck in den Biografien



Neben diesem dominanten Narrativ über die Haft in Hoheneck, welches in nahezu allen Interviews seinen Eingang findet, zeigen sich auch deutliche Differenzen der jeweils subjektiven Bedeutung der Haftzeit. Diese scheint im besonderen Maße davon geprägt zu sein, in welcher spezifischen biografischen Konstellation die Inhaftierung geschah. Selbstverständlich hingen die Hafterlebnisse auch davon ab, zu welcher Zeit, wie lange und mit welchen zusätzlichen Repressionen die Inhaftierung verbunden war. Dennoch zeigen sich klare Verarbeitungs- und Leidensmuster, die sich aus den biografischen Konstellationen heraus erklären lassen. Dabei hat sich zunächst einmal als bedeutsam erwiesen, wie die Frauen ihre Flucht- und Ausreisehandlung verstanden. Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass sich hier mindestens drei unterschiedliche Arten unterscheiden lassen.

Politische Haft als totalitäre Verfolgung

So gab es zum einen Frauen, deren individuelle Zukunftswünsche explizit mit einer Auswanderung in die Bundesrepublik verbunden waren. Hier war der Wunsch, auszureisen, in der Regel ein langfristig gewachsener Handlungsplan, der mit einer inneren Abkehr vom Leben in der DDR verbunden war. In den biografischen Erzählungen finden sich bereits in der Kindheit und Jugendzeit deutliche Zerwürfnisse und Auseinandersetzungen mit den spezifischen politischen Ritualen, Massenorganisationen oder dem Staatsbürgerkundeunterricht. Diese aktive Auseinandersetzung schärfte bei diesen Frauen ein oppositionelles Bewusstsein. Häufig war dies mit einem westlich orientierten Freundeskreis verbunden, der spezifische Affinitäten zur westdeutschen Lebensweise erzeugte. So berichtet auch Frau Sommer darüber, dass ihre Eltern zwar in der DDR einen enormen sozialen Aufstieg erlebten, sie aber dafür kein Interesse entwickeln konnte:

Die Auseinandersetzung mit der Lebensweise in der DDR führte auch zu einer kritischen Reflexion der Lebensweise der eigenen Eltern und zu entsprechenden Adoleszenzkrisen. In den biografischen Erzählungen wird die DDR eindeutig als Diktatur dargestellt, die das eigene Aufwachsen direkt oder indirekt geprägt und gestört hat. Auch dies kann an einem kurzen Ausschnitt aus dem Interview verdeutlicht werden:

Damit entwickelte sich mehr oder minder kontinuierlich der Wunsch, in den Westen zu ziehen, dem diese Frauen mit zum Teil riskanten Fluchtversuchen nachgingen, oder dadurch, dass sie beharrlich Ausreiseanträge stellten. Ihre Inhaftierung sahen diese Frauen als Ausdruck einer totalitären Diktatur, die ihre politischen Gegner und Gegnerinnen beseitigte. In den Erzählungen wird die Haft oft mit den Deportationen der Verfolgten im Nationalsozialismus verglichen. Sie berichten immer wieder, in diesem Fall abermals Frau Sommer, eindrücklich darüber, wie sie während der Haft das Gefühl hatten, in einem KZ gelandet zu sein.

Die Angst davor, nicht nur inhaftiert zu sein, sondern möglicherweise auch ermordet werden zu können, war bei diesen Frauen in Teilen sehr real. Gleichzeitig traf sie die Haft in der Regel nicht ganz unerwartet. Häufig gab es bereits Kenntnisse über die politische Justiz, und dass man freigekauft werden konnte. Die Haftzeit war für diese Frauen eine Leidenszeit, die sie überstehen mussten, um ihr Ziel erreichen zu können: in den Westen zu kommen.

Wandlungen der Selbst-Identität durch die Inhaftierung

Unter den Interviewten gibt es jedoch auch eine Reihe von Frauen mit gänzlich anderen Lebensgeschichten. In ihren Erzählungen wird deutlich, dass diese weitaus weniger Reibungen und Konflikte in der DDR erlebten. Diese Frauen betonen die Normalität des Alltagslebens in der DDR, mit all den guten und schlechten Seiten. Als bedrohliche Diktatur nahmen sie die DDR jedoch zunächst einmal nicht wahr.

Diese Frauen waren zunächst einmal gut in die DDR-Gesellschaft integriert und folgten in weiten Teilen der gesellschaftlich institutionalisierten Normalbiografie in der DDR. Sie berichten, wie sie ihren Beruf erlernten, vom Wohnungsmangel, von den Problemen des Arbeitsalltags und den entsprechend Strategien, um damit umzugehen. Im frühen Erwachsenenalter wurde für diese Frauen in der Regel die Familiengründung relevant. Die Lebensweise der Eltern hinterfragten sie – im Gegensatz zum oppositionellen Milieu – weniger kritisch. Das Bild, welches diese Frauen vom Westen hatten, war eher nebulös. Typischerweise betonen sie in den Anfangserzählungen des Interviews, dass sie eigentlich nicht in den Westen wollten.

In all diesen Fällen war die Ausreiseentscheidung eine Reaktion auf eine biografische Lebenskrise, die unterschiedliche Formen annehmen konnte, jedoch in allen Fällen die Normalität der Biografie erschütterte. Häufig waren in diesen Fällen die jeweiligen Partner und Ehemänner die Initiatoren, deren Wunsch, in den Westen zu gehen, immer stärker wurde. Diesen Wünschen schlossen sich die Frauen an, sofern es weitere Krisen gab, die diese Frauen in der DDR erlebten, und die sie durch die Ausreise hofften, verarbeiten zu können. So berichtete eine Frau beispielsweise von massiven Eheproblemen, die auch mit den äußerst schlechten Wohnbedingungen in der DDR zusammenhingen. Ihr Mann wollte unbedingt ausreisen und setzte sie massiv unter Druck:

Diese Frauen machten auch auf Nachfrage sehr deutlich, dass sie ohne die Fremdinitiative nicht den Versuch der Flucht oder Ausreise unternommen hätten. Die Inhaftierung kam für sie entsprechend überraschend und unvorhergesehen. Häufig war diese für die Frauen der erste Kontakt mit ernsthaften Sanktionen des Staates. Ihr Selbstbild entsprach in keiner Weise dem einer politischen Staatsfeindin oder einer oppositionellen Akteurin. Symptomatisch dafür ist die Reaktion von Frau Bürger nach ihrer Inhaftierung, als sie in die Zelle gesperrt wurde:

Diese Frauen berichten über ihre Zeit in Hoheneck deutlich anders als die oben genannten: Es fehlt die Assoziation mit einem KZ, stattdessen betonen sie, wie sehr die Haft zu einer Erschütterung des Selbst und der Weltsicht führte. Die Bekanntschaft mit Kindsmörderinnen und anderen Schwerverbrecherinnen bedeute für diese Frauen eine tiefe Krisis-Erfahrung:

Bei diesen Frauen steht – im Vergleich zu den inhumanen Inhaftierungspraxen – deutlich stärker im Fokus der Erzählung, wie man sich den Haftalltag erträglich machte. Sie berichten ausführlich über die Solidarität unter den politisch Inhaftierten und wie sie es lernten, Freiräume zu nutzen. Aus altem Brot und gegorenen Früchten stellten sie beispielsweise Alkohol her, bastelten sich aus Servietten Tischdecken und Spielkarten und feierten illegal Feste. Dies bedeutete nicht, dass damit der Schrecken des Ortes Hoheneck gemindert wurde. Die Inhaftierung ist in den Biografien jedoch deutlich damit verbunden, dass sich ein neues Selbst- und Weltbild etablierte. Entsprechend beschreiben die Frauen Hoheneck als „Lebensschule“, in der man „stärker geworden“ und persönlich gewachsen sei. Erst in der Haft wurden diese Frauen zu politischen Opponenten des Systems.

Haft als biografisches Moratorium

Eine dritte Bedeutung erlangte die Haftzeit bei Frauen, deren biografische Situation bereits vor der Inhaftierung in mancher Hinsicht prekär war, sodass eine autonome Lebensführung massiv gestört war. Dies konnte durch politische Verfolgung und aufgrund von Schikanen – sogenannter Zersetzungsmaßnahmen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) – gegenüber den Frauen oder nahen Familienangehörigen ausgelöst sein, aber auch durch andere Faktoren, wie einem Leben in einer gewalttätigen Beziehung oder psychische Belastungen. Bei diesen Frauen geschah die Inhaftierung zu einer Zeit, in der sie bereits einem massiven Leidensdruck ausgesetzt waren. Hier veränderte sich in der Haft weder die Selbst-Identität der Frauen, noch verstanden sie sich als Opponenten eines totalitären Regimes. Vielmehr sind die Beschreibungen der Haftzeit in diesen Fällen davon gekennzeichnet, dass die Inhaftierung den Leidensprozess verschlimmerte, aber zugleich ein Moratorium bot. Dies führte beispielsweise zu einem vollständigen Rückzug in Passivität und Gleichgültigkeit:

Andererseits finden sich in der Retrospektive auch in diesen Fällen erstaunlich positive Erlebnisse in Hoheneck, die den Zusammenhalt unter den Inhaftierten und die Routine des Haftalltags positiv herausstellen. Für die Frauen war die Haftzeit auch ein Rückzugsraum aus einer Leidenszeit außerhalb der Haft und ermöglichte es, zu sich selbst zu finden. Dies waren sicherlich seltene Fälle, die nur in den spezifischen biografischen Konstellationen vorkamen. In unserer Studie war dies jedoch kein Einzelfall. So berichtet die aufgrund eines Fluchtversuches verhaftete Frau Schmied:

Auch die regelmäßigen Ehemaligen-Treffen sind für diese Frau positiv besetzt: „Und Hoheneck – es klingt komisch – aber ich fahre gerne dort hin.“ In einer Phase nach ihrer Haft, in der sie erneut eine tiefe Krise durchlief, wurde Hoheneck sogar zu einem erwünschten Rückzugsort:

Hoheneck – Binnenperspektiven



Die Beschäftigung mit den Lebensgeschichten politisch inhaftierter Frauen macht deutlich, dass die Haft nicht nur systemkritische Opponenten traf, sondern auch zahlreiche Frauen, die sich als unpolitisch bezeichneten. Ausreise- und Fluchtentscheidungen gab es zwar auch, aber keinesfalls nur dann, wenn es eine tiefe Ablehnung gegenüber der DDR gab. Stattdessen zeigte sich, dass es vielfache andere Gründe geben konnte, warum das Korsett der politisch durchdrungenen sozialistischen Lebensweise für Frauen zu eng werden konnte und man sich ein besseres Leben in der Bundesrepublik erhoffte. Es wäre daher überzogen, politisch inhaftierte Frauen a priori als Systemopponenten zu bezeichnen. Gleichermaßen muss festgestellt werden, dass sie alle gegen das inhumane Grenzregime der DDR aufbegehrten, indem sie das Ausreiseverbot nicht akzeptierten und Ausreiseanträge stellten und/oder Fluchtversuche unternahmen. Ausreise und Flucht waren biografisch riskant und die Entscheidung dafür eine Form des Widerstands gegen das System. Die Praxis der politischen Inhaftierung zeigt, wie das Grenzregime der DDR, das mit einer Propagierung sozialistischer Lebensweise gekoppelt war, in die Biografien der Bürgerinnen und Bürger hineinragte und welche perfiden Konsequenzen es hatte, wenn die Erwartungen an die sozialistischen „Normalbiografien“ nicht mehr mit den Lebensrealitäten vereinbar waren. Dafür zahlten die in unserer Studie interviewten Frauen einen hohen Preis. Die politische Haft ist Teil ihrer Biografie. Sie hat für die Lebensgeschichten – neben der geteilten Erfahrung von Unrecht und Schikane und in Abhängigkeit von den biografischen Vorerfahrungen – sehr unterschiedliche Bedeutungen.

Zitierweise: Frank Beier, Politisch inhaftierte Frauen in der DDR: Binnenperspektiven auf das Frauenzuchthaus Hoheneck, in: Deutschland Archiv, 12.06.2018, Link: www.bpb.de/270085




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