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21.6.2011

Mauerbau und Mauerfall in deutschen Geschichtsbüchern

Populäre Geschichtsbücher prägen stärker als die wissenschaftliche Fachliteratur das öffentliche Geschichtsbild. Doch müssen ihre Autoren aus dem Forschungswissen auswählen und Schwerpunkte setzen. Wie geschieht das bei Darstellungen zu Mauerbau und Mauerfall?

Einleitung




Anfang und Ende hätten kaum spektakulärer verlaufen können. Die dramatischen Fluchtszenen vom Sommer 1961 und der ausgelassene Freiheitstanz auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor im Spätherbst 1989 haben sich der Erinnerung der Zeitgenossen tief eingeprägt. Beide Ereignisse markieren zentrale Wendepunkte der jüngsten deutschen Geschichte. Der überraschende Mauerbau besiegelte die deutsche Teilung, der nicht minder unerwartete Mauerfall läutete ihr Ende ein – ein knappes Jahr später endete die staatliche Doppelexistenz Deutschlands.

Zwei Dekaden später kennt ein wachsender Teil der Deutschen die Berliner Mauer bereits nur noch aus Erzählungen, aus Filmen, aus dem Internet und aus Geschichtsbüchern, die nach der Wiedervereinigung in bemerkenswert großer Fülle als Neuerscheinungen oder erweiterte Neuauflagen herausgekommen sind. In Anbetracht der Bedeutung der Berliner Mauer für die Erinnerung an die deutsche Teilung gewinnt die Frage nach dem durch die Medien vermittelten Wissen Relevanz für die politische Bildung, die über die Mauer-"Jubiläen" hinausweist.

Die Aufmerksamkeit richtet sich an dieser Stelle ausschließlich auf historische Einführungen und Überblicksdarstellungen, die breite Leserschichten ansprechen und das Mauerbild in weitaus stärkerem Maße prägen als die wissenschaftliche Fachliteratur. Im Unterschied dazu müssen die Verfasser populärer Geschichtsbücher aus dem umfänglichen Forschungswissen auswählen und Schwerpunkte setzen. Wie sie dabei vorgehen, wird im Folgenden eingehender betrachtet.

Für die Untersuchung ist ein Korpus aus 24 Geschichtsbüchern[1] mit einer – am Satzspiegel eines Reclam-Büchleins gemessenen – durchschnittlichen Zahl von 3,7 Seiten für den Mauerbau und etwas mehr als 7,8 Seiten für den Mauerfall ausgewählt worden. Der Darstellung des Mauerfalls wird also etwas mehr als doppelt so viel Platz eingeräumt als dem Mauerbau.

Um ein (historisches) Ereignis verstehen zu können, bedarf es eines Mindestmaßes an Informationen. Dazu gehören die Gründe, die zu dem Ereignis führten, die Akteure, die an dem Ereignis beteiligt oder unmittelbar von ihm betroffen waren, und schließlich die weitreichenden Folgen, die von dem Ereignis ausgingen. Daraus ergaben sich drei zentrale inhaltliche Forschungsziele:

1. Auf welche Gründe und Ursachen führen die Geschichtsbücher Mauerbau und Mauerfall zurück?

2. Welche politischen und gesellschaftlichen Akteure berücksichtigen sie in ihren Darstellungen?

3. Wie schätzen sie die Folgen von Mauerbau und Mauerfall auf den weiteren Gang der deutschen Geschichte ein?

Um zusätzlich eine Gewichtung vornehmen zu können, wurde als Untersuchungsmethode die Inhaltsanalyse gewählt. Alle im Korpus genannten Gründe, Akteure und Folgen wurden mittels eines Kategoriensystems erfasst und nach Häufigkeit ausgezählt. Die Häufigkeits- oder Frequenzanalyse basiert auf der Annahme, dass Kategorien, denen eine größere Bedeutung beigemessen wird als anderen, öfter genannt werden. Bei den Akteuren erfolgte zudem auch eine Bewertungsanalyse, die positive und negative Beurteilungen der Akteure erfasst und diese ebenfalls nach Häufigkeit auszählt.

Systemkrise und Machtpolitik führen zum Mauerbau




Insgesamt lassen sich neun Gründe für den Mauerbau nachweisen.

Tabelle 1: Gründe für den Mauerbau (n=154)[2]
GründeBücherNennungen
n%
Machtpolitik der UdSSR203623,4
Massenflucht233220,8
Machtpolitik der DDR172415,6
Ökonomische Krise der DDR11138,4
Arrangement der Großmächte9106,4
Politische Repression in der DDR7105,2
Wirtschaftliche Anziehungskraft Westdeutschlands553,3
Politische Anziehungskraft Westdeutschlands110,7


Blick auf das Brandenburger Tor, nach der Schließung der Grenzen zu West-Berlin, 31. Oktober 1961. (© Bundesregierung, B 145 Bild-00019604, Foto: Gerd Schütz)

Die Hauptverantwortung für den Mauerbau geben die Geschichtsbücher mit fast einem Viertel aller Nennungen der Machtpolitik der Sowjetunion. Seit dem ersten Berlin-Ultimatum von 1958 verfolgte die UdSSR als Maximalziel die Vereinnahmung von ganz Berlin und die Verdrängung der USA aus Europa und als Minimalziel die Stabilisierung der DDR und die Sicherung ihres Einflussbereiches. Doch auch der neuen USA-Strategie, die den Status quo in Europa hinnahm und eine politische Entspannung in der Region anstrebte, wird mit fast einem Sechstel aller Nennungen eine beträchtliche Mitverantwortung gegeben. Dicht dahinter folgt die Machtpolitik der DDR.[3] Ihre Ziele deckten sich (weitgehend) mit denen der UdSSR, doch gab es hinter den Kulissen erhebliche Konflikte zwischen beiden Ländern über die Mittel, auf die allerdings kein Geschichtsbuch eingeht.[4] Der Umstand, dass die Machtpolitik der Sowjetunion um ein Drittel stärker gewichtet wird, reduziert den Einfluss der DDR als Juniorpartner der UdSSR und ihre Verantwortung für den Mauerbau. Die sieben Bücher, die gar nicht auf die machtpolitischen Ambitionen des zweiten deutschen Staates eingehen – immerhin fast ein Drittel –, degradieren die DDR – gewollt oder ungewollt – sogar zu einem bloßen Erfüllungsgehilfen der UdSSR. Der Eindruck, dass es vornehmlich die beiden Führungsmächte waren, die für den Mauerbau verantwortlich zeichneten, verstärkt sich noch, indem immerhin neun Bücher von einem Arrangement der Großmächte ausgehen. Die These, dass weder die USA noch die UdSSR letztlich ein ernsthaftes Interesse besaß, sich auf einen Krieg um Berlin oder Deutschland einzulassen, durchzieht leitmotivisch das Korpus.

Die übrigen fünf Gründe, die die Geschichtsbücher für den Mauerbau verantwortlich machen, lenken die Aufmerksamkeit auf die Verhältnisse in der DDR. Als wichtigster Grund wird mit etwas mehr als einem Fünftel aller Nennungen die Massenflucht – insbesondere von jungen, qualifizierten Menschen – genannt, die sowohl auf die ökonomische Krise als auch auf die politische Repression in der DDR zurückgeführt wird. Beide kommen zusammen auf einen Anteil von 13,6 Prozent. Diesen Push-Effekten wird damit ein deutlich stärkerer Einfluss (+9,6 %) beigemessen als den Pull-Effekten, die von der wirtschaftlichen und politischen Anziehungskraft Westdeutschlands (und West-Berlins) ausgingen, die zusammen nur 4,0 Prozent auf sich vereinigen. Der deutsch-deutsche Systemgegensatz, der die DDR zusätzlich einem starken nationalen Konkurrenzdruck aussetzte, findet folglich nur wenig Beachtung.

Zu knapp zwei Fünfteln werden die systemischen Probleme der DDR und zu etwas mehr als drei Fünfteln die antagonistische Machtpolitik im Kalten Krieg für den Mauerbau verantwortlich gemacht. Dabei gehen die Geschichtsbücher von einem Ursache-Wirkung-Mechanismus aus, wonach die Systemkrise der DDR die rivalisierenden Großmächte schließlich dahin führte, die unbefristete Einmauerung des Status quo als die beste Lösung anzusehen. Die Berlin- und Deutschlandfrage wurde damit entschärft und das Kriegsrisiko deutlich reduziert. Der DDR wird eine aktive Rolle beim Mauerbau bescheinigt, jedoch nur ein begrenzter Einfluss konzediert.[5]

Akteure beim Mauerbau




Drei Akteursgruppen waren in den Mauerbau verwickelt: auf der einen Seite die Staaten und Bündnisse und Politiker als aktiv Handelnde, auf der anderen Seite die Bevölkerung, die mit den Folgen des Kalten Krieges und der Teilung zurechtkommen musste.

Tabelle 2: Akteure beim Mauerbau (n1=1.801)[6]
AkteureNennungenBewertungen
Büchern1%n2positivnegativ
Staaten241.22968,23939
Bevölkerung2429616,5
Politiker2327615,31349


Mehr als zwei Drittel der Nennungen entfallen auf die Staaten, die rein quantitativ betrachtet mit weitem Abstand die wichtigsten Akteure sind. Auch werden Staaten dreimal so oft bewertet wie Politiker.

Die DDR und das politische Tauziehen zwischen den Supermächten

Das Hauptaugenmerk liegt auf der DDR (und Ost-Berlin). Auf sie entfällt auch die überwiegende Zahl negativer Bewertungen, wobei nur die Hälfte der Bücher die DDR ausgesprochen kritisch beurteilt und die Hälfte aller negativen Bewertungen gerade einmal auf zwei Bücher entfällt. Die gewöhnlichste Form der negativen Bewertung besteht darin, das politische System als "Regime" zu charakterisieren, womit eine unlegitimierte und diktatorische Herrschaftsform gemeint ist. Offen von einer "Diktatur" ist jedoch nur sehr selten die Rede.

Tabelle 3: Staaten (n=1.229)
StaatenNennungenBewertungen
Büchern%Büchernegativ
DDR/SED2430424,71236
West-Berlin2414211,6
Westliche Alliierte2114211,522
Berlin2112410,1
Bundesrepublik231199,711
UdSSR221129,1
USA19927,5
Ost-Berlin20705,7
Deutschland16494,0
Warschauer Pakt15473,8
Frankreich6151,2
Großbritannien6141,1


Anders als der Nationalstaat Deutschland, dessen Einheit zum Zeitpunkt des Mauerbaus längst zu einer Fiktion geworden war, wurde Berlin weiterhin durch das Viermächtestatut zusammengehalten. Faktisch war aber auch die Teilung der ehemaligen deutschen Hauptstadt weit fortgeschritten, wie die wesentlich häufigere Nennung von Ost- und West-Berlin anzeigt. Dabei wird West-Berlin doppelt so viel Aufmerksamkeit zuteil wie Ost-Berlin. Hierfür gibt es mehrere Gründe. Zum einen wird der Ostteil bereits als ein integraler Teil der DDR angesehen. Zum anderen ist der Westteil das Objekt östlicher Begierde und sein politischer Status der Hauptstreitpunkt. Zum dritten ist West-Berlin das letzte Schlupfloch für die Ostdeutschen, um die DDR relativ gefahrlos verlassen zu können.

Am unteren Ende der Aufmerksamkeitsskala finden sich Großbritannien und Frankreich, denen nur eine Nebenrolle konzediert wird. Zwar sind beide Staaten auch unter den westlichen Alliierten vertreten, doch lassen die Bücher keinen Zweifel an der Rolle der USA als unbestrittener westlicher Führungsmacht aufkommen. Auch der Bundesrepublik wird auf westlicher Seite nur eine Zuschauerrolle zugewiesen.

Auf der anderen Seite ist die Sowjetunion die unbestrittene Führungsmacht. Die Treffen des Warschauer Pakts geben im Grunde nur die politische Bühne für sie ab. Politisch-militärisch handlungsfähig sind also nur die Großmächte. Dabei erhält die UdSSR etwas mehr Aufmerksamkeit als die USA.

Generell werden Ost und West annähernd gleich behandelt: 533 Nennungen entfallen auf den Osten, 523 auf den Westen. Dabei gehen die Geschichtsbücher sehr intensiv auf die inneren Verhältnisse der DDR ein, sodass die westliche Strategie ausführlicher dargelegt wird als die östliche. Gleichzeitig wahren die Geschichtsbücher eine distanzierte und streng objektivierende Haltung gegenüber einer Politik, die Berlin und Deutschland endgültig geteilt hat. Die Sowjetunion wird extrem zurückhaltend betrachtet, und auch die westliche Politik wird nur zweimal ausdrücklich abgewertet.



Kennedy und Chruschtschow, Ulbricht und Adenauer

Entsprechend dem politischen Gewicht ihrer Staaten dominieren bei den Politikern die Führer der beiden Großmächte, Nikita S. Chruschtschow und John F. Kennedy, die Darstellungen. Auf sie entfallen 47,9 Prozent aller Nennungen. Zwar werden ihre Staaten öfter genannt als sie selbst, doch machen die im Vergleich zu anderen sehr viel günstigeren Politiker-Staaten-Relationen deutlich, dass sie – und nicht anonyme Strukturen und Systeme – als die eigentlichen Gestalter der Geschichte angesehen werden. Kennedy besitzt ein gewisses Übergewicht (+5,1 %) gegenüber Chruschtschow, auch weil die Erläuterung der Positionen des neuen US-Präsidenten mehr Platz beansprucht als die seines dienstälteren Gegenspielers, dessen politische Ziele den Lesern bereits bekannt sind. Anders als bei den Staaten sind jedoch deutlich mehr westliche Politiker repräsentiert als östliche, und sie treten auch häufiger auf. Das Verhältnis beträgt 173:103 zugunsten des Westens und bekräftigt den Befund, dass die westlichen Positionen breiter und detaillierter dargestellt werden als die östlichen.

Wie schon bei den Staaten legen sich die Geschichtsbücher auch bei der Beurteilung der Politiker große Zurückhaltung auf. Chruschtschow wird einmal seine aggressive Berlin-Politik vorgeworfen, weil er sich in seinen eigenen politischen Schlingen verfangen habe. Und Kennedy wird einmal der Mangel an politischer Erfahrung beim Treffen mit Chruschtschow in Wien am 3./4. Juni 1961 angekreidet. Allerdings wird Kennedy auch dreimal positiv bewertet – einmal zusammen mit dem britischen Premier Harold Macmillan –, weil er West-Berlin gerettet und der Welt einen Atomkrieg erspart habe.

Tabelle 4: Politiker (n=276)
PolitikerNennungenBewertungen
Büchern%Bücherpositivnegativ
Kennedy187326,52/131
Chruschtschow145921,40/11
Adenauer113211,60/22
Andere US-Politiker93211,6
Ulbricht13279,80/34
Brandt8186,5
Honecker3145,10/11
Andere westdeutsche Politiker6114,0
Andere westliche Politiker372,51/01
Andere sowjetische Politiker120,7
Andere ostdeutsche Politiker110,4
Andere östliche Politiker


Die deutschen Politiker, Walter Ulbricht und Konrad Adenauer, stehen nur im zweiten Glied. Zusammen erhalten sie noch nicht einmal halb so viel Aufmerksamkeit wie Kennedy und Chruschtschow. Die Vertreter der Großmächte stellen also die politischen Weichen; die Deutschen müssen sich mit der Rolle des Juniorpartners begnügen. Zweifelsohne entspricht diese Verteilung den realen Machtverhältnissen; doch trifft das auch für den speziellen Fall des Mauerbaus zu? Stellte sich schon bei den Staaten die Frage nach der Rolle der DDR, so ist auch bei den Politikern zu fragen, ob die Rolle Ulbrichts angemessen gewürdigt wird. Im Unterschied zu dem öfter genannten Adenauer spielt dieser in der Darstellung der Geschichtsbücher eine aktive Rolle, doch wird er allenfalls als Erfüllungsgehilfe eingestuft. Auf Ulbricht entfallen jedenfalls nur vier negative Beurteilungen, und der ohnehin wenig beachtete Erich Honecker, dem immerhin die organisatorische Durchführung des Mauerbaus oblag, wird gar nur ein einziges Mal negativ bewertet.

Ost- und Westdeutsche, Ost- und West-Berliner

Bei der Bevölkerung liegt das Hauptgewicht auf den Ostdeutschen (einschließlich der Ost-Berliner) und den West-Berlinern, die am meisten vom Mauerbau betroffen waren. Den Westdeutschen wird dagegen nur wenig Beachtung geschenkt.

Tabelle 5: Bevölkerung (n=296)[7]
BevölkerungBücherNennungen
n%
DDR2317559,1
West-Berliner185217,6
Ost-Berliner83210,8
Berliner4206,8
Deutsche6103,4
Bundesrepublik572,4


Bei der Bevölkerung prägt die sprachliche Scheidung zwischen Ost und West in noch stärkerem Maße das Korpus als bei den Staaten. Nur eine Minderzahl von sechs bzw. vier Büchern spricht noch von Deutschen und Berlinern.

Deutsch-deutsche Koexistenz

Insgesamt lassen sich sechs Folgen des Mauerbaus im Korpus erkennen, die 60-mal von 23 Büchern genannt werden. Dabei ragen zwei Bücher mit zusammen 16 Nennungen (26,7 %) deutlich heraus. Immerhin weisen aber 17 Bücher, mehr als zwei Drittel, auf mindestens zwei Folgen hin; vier Bücher geben drei oder mehr Folgen an.

Tabelle 6: Folgen des Mauerbaus (n=60)
FolgenBücherNennungen
n%
Stabilisierung der DDR131728,3
Fluchtversuche und Mauertote121626,7
Neue Deutschlandpolitik111525,0
Anerkennung der deutschen Teilung7813,3
Ende der Berlin-Krisen235,0
Entfremdung zwischen der Bundesrepublik und den USA111,7


Das Hauptaugenmerk gilt den inneren Verhältnissen der DDR. Dabei liegen Fluchtversuche und Mauertote und Stabilisierung der DDR fast gleichauf und kommen gemeinsam auf 55,0 Prozent. Acht Bücher – also ein Drittel – nennen beide Folgen. Der zweite Schwerpunkt betrifft die Deutschlandpolitik. Hier erfolgt ein Schwenk weg von der DDR hin zur Bundesrepublik. Beim Mauerbau nahm die Bundesrepublik nur eine Zuschauerrolle ein. Selbst die Möglichkeit, auf die westlichen Alliierten einzuwirken, wurde als gering veranschlagt. Diese Sichtweise weicht nun einer Neubewertung. Für 13 Geschichtsbücher, mehr als die Hälfte, hat die endgültige Abriegelung des Ostens die Anerkennung der deutschen Teilung durch die Bundesrepublik angestoßen und den Keim zu einer Neuen Deutschlandpolitik gelegt. Fünf Geschichtsbücher nennen beide Folgen. Zusammen entfallen auf sie 38,3 Prozent der Nennungen. Hierdurch signalisieren die Autoren, dass die deutschlandpolitische Initiative auf die Bundesrepublik übergehen wird.

Systemkrise, Massenprotest und Machtverfall führen zum Mauerfall




Auch beim Mauerfall vom 9. November 1989 folgen die Geschichtsbücher einem multikausalen Erklärungsansatz. Insgesamt lassen sich zehn Gründe nachweisen, von denen aber drei – die politische und wirtschaftliche Anziehungskraft Westdeutschlands sowie die westeuropäische Integration – nur marginale Bedeutung besitzen.[8] Da das für die beiden erstgenannten auch beim Mauerbau galt, ist die Zahl der relevanten Gründe gleichgeblieben. Einschneidend verändert hat sich aber die Häufigkeit der Nennungen. Im Durchschnitt werden die Gründe für den Mauerfall 17,5-mal angesprochen. Beim Mauerbau betrug der entsprechende Wert 6,4. Die Geschichtsbücher befassen sich also fast dreimal mehr mit den Gründen für den Fall der Mauer als mit denen, die zu ihrem Bau führten. Da sich hieraus auch ein deutliches relatives Übergewicht zugunsten des Mauerfalls ergibt, ist es notwendig, die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Gründen herauszuarbeiten.

Tabelle 7: Gründe für den Mauerfall (n=419)
GründeBücherNennungen
n%
Demonstrationen und Bürgerrechtsbewegung2411226,7
Machtverfall der SED207718,4
Massenflucht246515,5
Zerfall des Ostblocks234611,9
Politische Repression in der DDR204611,0
Gorbatschows Reform- und Außenpolitik20378,8
Ökonomische Krise der DDR19296,9
Politische Anziehungskraft Westdeutschlands110,2
Wirtschaftliche Anziehungskraft Westdeutschlands 110,2
Westeuropäische Integration110,2


Der größte Nachdruck wird im Korpus auf Demonstrationen und Bürgerrechtsbewegung gelegt, die auf etwas mehr als ein Viertel aller Nennungen kommen. Der Mauerfall wird also primär als ein Akt der Selbstbefreiung der DDR-Bevölkerung verstanden. Je mehr die Opposition gesellschaftlich Fuß fasste, desto schneller schritt der Machtverfall der SED voran. Auf ihn entfällt beinahe ein Fünftel aller Nennungen. Insgesamt schlägt der politische Umbruch in der DDR mit 45,1 Prozent zu Buche.

An dritter Stelle rangiert ein Grund, der die Aufmerksamkeit erneut auf die wirtschaftlichen und politischen Zustände in der DDR lenkt. Auf die Massenflucht entfällt knapp ein Sechstel aller Nennungen. Sie liegt damit unter dem Wert beim Mauerbau. Die Massenflucht hat sowohl die Hilflosigkeit der DDR-Führung verstärkt als auch dafür gesorgt, dass immer mehr Ostdeutsche auf die Straße gingen, um sich für eine demokratische Umgestaltung der DDR einzusetzen. Ausgelöst wurde die Staatskrise wie beim Mauerbau durch die politische Repression und die ökonomische Krise der DDR, die zusammen 17,9 Prozent auf sich vereinigen. Dieser Wert liegt über dem des Mauerbaus. Mit diesen drei Gründen sowie den einleitend erwähnten drei Gründen, die sich auch auf die inneren Verhältnisse auswirkten, summieren sich die Probleme der DDR zu etwas mehr als einem Drittel aller Nennungen und liegen damit nur geringfügig unter dem Wert beim Mauerbau. Damals haben die Strukturprobleme der DDR zum Bau der Mauer geführt, jetzt tragen sie zu ihrem Fall bei.

Zugleich machen aber die Geschichtsbücher nachdrücklich deutlich, dass der politische Umbruch erst durch den Wandel im Osten möglich geworden ist. Michail Gorbatschows Reform- und Außenpolitik und der Zerfall des Ostblocks werden im Durchschnitt 3,6-mal angesprochen. Zusammen kommen sie auf ein rundes Fünftel aller Nennungen. Der Einfluss von außen auf die Revolution in der DDR wird also von den Geschichtsbüchern als erheblich eingestuft. Zum Vergleich: Demonstrationen und Bürgerrechtsbewegung werden durchschnittlich 4,7-mal angesprochen und besitzen damit nur ein relativ geringes Übergewicht.

An dem Mauerbau führte den Geschichtsbüchern zufolge letztlich kein Weg vorbei, da alle Akteure unbeirrbar ihre machtpolitischen Interessen im Kalten Krieg verfolgten. Ein anderes Verständnis vom Ablauf historischer Prozesse liegt dem Mauerfall zugrunde. Als Folge des Wandels im Osten verlor der internationale Systemkonflikt seine stabilisierende Kraft. In der DDR weiteten sich gesellschaftliche Konflikte zwischen Partei- und Staatsführung und wachsenden Teilen der Bevölkerung zum politischen Flächenbrand aus. Bis zum Mauerfall blieb aber offen, ob Demonstranten und Bürgerrechtler die SED wirklich in die Knie zwingen könnten. Ein Ausbruch von Gewalt und Gegengewalt hätte den politischen Prozess des Wandels jederzeit jäh unterbrechen können, womit sich auch die Grenzöffnung am 9. November erledigt hätte.

Akteure beim Mauerfall




Entsprechend dem Darstellungsumfang verdoppeln sich beinahe die Nennungen der Akteure. Die Rangfolge bleibt erhalten, doch die Gewichte verschieben sich merklich.

Tabelle 8: Akteure beim Mauerfall (n1=3.303)
AkteureNennungenBewertungen
Büchern1%n2positivnegativ
Staaten241.81254,986581
Bevölkerung2488626,866
Politiker2260518,3371819


Die größte Aufmerksamkeit gilt nach wie vor den Staaten, doch im Vergleich zum Mauerbau verlieren sie erheblich an Bedeutung (-13,3 %). Davon profitieren nur in einem begrenzten Ausmaß die Politiker (+3,0 %), während der Fokus auf die Bevölkerung noch einmal stark (+10,3 %) zunimmt. Zugleich steigt die Zahl der Bewertungen auf 129 (+77) an. Erneut werden Staaten wesentlich häufiger bewertet als Politiker.

Bewegung in der Sowjetunion – Erstarrung in der DDR

Schon beim Mauerbau lag das Hauptgewicht auf DDR/SED, doch jetzt steigt der Wert um mehr als das Doppelte an. Der zweite deutsche Staat wird zum Schauplatz eines dramatischen Freiheitskampfes. Beim Mauerbau hatte gerade einmal die Hälfte der Geschichtsbücher die DDR negativ bewertet. Jetzt, beim Mauerfall, äußert sich die große Mehrheit abwertend über Staat und Partei. Der Durchschnittswert im Korpus steigt von 1,5 auf 3,2 Nennungen an. Dabei erreicht die Gruppe der Bücher, die die DDR schon beim Mauerbau negativ bewertet hat, mit insgesamt 35 Nennungen und durchschnittlich 2,9 Nennungen pro Buch erneut fast denselben Wert. Unter den Büchern, die die DDR erst beim Mauerfall bewerten, ragt eines mit 13 negativen Bewertungen heraus, mit weitem Abstand der höchste registrierte Einzelwert. Die übrigen neun Bücher verzeichnen mit 29 Nennungen nur einen leicht höheren Durchschnittswert als die erste Gruppe.

Analog zum Mauerbau wird die SED-Herrschaft als "Regime" oder gelegentlich als "Diktatur" eingestuft. Anders als beim Mauerbau zieht die Kritik jetzt aber weitere Kreise. Hauptangriffspunkt ist die unfähige Partei- und Staatsführung. Die bei der Darstellung des Mauerbaus weithin geübte Zurückhaltung wird beim Mauerfall gänzlich aufgegeben. Das politische System der DDR wird nun viel offener als repressiv charakterisiert.

Erstaunlich genug wird die DDR auch zweimal positiv bewertet. Allerdings bezieht sich dieses Lob nicht auf die Führungsspitze, sondern gilt der Besonnenheit, mit der staatliche Stellen und Sicherheitskräfte vor Ort am 9. Oktober in Leipzig, dem "Tag der Entscheidung", und am 9. November in Ost-Berlin agiert haben.

Tabelle 9: Staaten (n=1.812)
StaatenNennungenBewertungen
Büchern%Bücherpositivnegativ
DDR/SED2497653,92/22277
Bundesrepublik2219110,5
Ungarn241186,52/02
UdSSR221096,01/01
Ost-Berlin21854,7
ČSSR22794,40/11
Polen22532,9
Warschauer Pakt/Osten15492,70/23
Deutschland18462,5
Österreich17382,1
West-Berlin15362,0
NATO/Westen9181,0
Berlin5110,6
USA230,2


Die Bundesrepublik dagegen erhält nicht wesentlich mehr Aufmerksamkeit als beim Mauerbau und spielt erneut nur eine Nebenrolle. Dass sie überhaupt beachtet wird, verdankt sie zum einen ihren diplomatischen Vertretungen, die wichtige humanitäre und diplomatische Aufgaben im Zusammenhang mit der Massenflucht der Ostdeutschen wahrnahmen, und zum anderen den Massenmedien, denen eine verstärkende, zum Teil auch initiierende Funktion zugeschrieben wird. Anders als beim Mauerbau findet West-Berlin nur noch geringe Beachtung und erleidet einen starken Aufmerksamkeitsverlust (-9,6 %). Ost-Berlin wird wie beim Mauerbau nur als Anhängsel der DDR betrachtet, rückt aber in den entscheidenden Novembertagen in das Zentrum der Ereignisse.

Neben den beiden deutschen Staaten richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Länder des zerfallenden Ostblocks. An erster Stelle – und damit mit leichtem Vorsprung noch vor der UdSSR (+0,5 %) – rangiert Ungarn, dessen westlicher Kurs zur schrittweisen Öffnung der Grenzen nach Österreich führte, das wiederum als Durchgangsland für die DDR-Flüchtling auf dem Weg in die Bundesrepublik fungierte. Fundamental hat sich die Rolle der UdSSR gewandelt. Im Vorfeld des Mauerfalls entlässt die wankende Großmacht die kommunistischen Staaten in die Selbständigkeit, verzichtet auf den Einsatz militärischer Mittel und sendet wichtige Impulse zur gesellschaftlichen und politischen Erneuerung aus. Entsprechend wohlwollend ist der Ton, der gegenüber beiden Staaten angeschlagen wird, auch wenn sie nur wenige Male ausdrücklich gelobt werden.

Deutlich weniger Aufmerksamkeit als Ungarn und der UdSSR wird der ČSSR und Polen zuteil, doch auch sie erfahren mehr Beachtung als der Warschauer Pakt. Hieran wird deutlich, dass das Blockdenken, das die Darstellung des Mauerbaus geprägt hatte, sich aufzulösen beginnt. Insgesamt kommt der Osten auf einen Anteil von 22,5 Prozent. Das aber macht den Mauerfall zu einer rein ost- und mitteleuropäischen Affäre. Weder die USA noch die NATO bzw. der Westen spielen eine nennenswerte Rolle.

Beim Mauerbau wurde auf Deutschland als Ganzes im Grunde nur noch in Verbindung mit dem Verlust der Einheit und einer fehlgeschlagenen Deutschlandpolitik verwiesen. Jetzt kehrt die Nation wieder auf die politische Bühne zurück. 18 Bücher, zwei mehr als zum Mauerbau, greifen diesen Kollektivbegriff auf, der sich wieder mit Leben zu füllen beginnt. Die Mauer hatte Deutschland 28 Jahre geteilt – jetzt beginnen drei Viertel der Autoren Ost- und Westdeutschland wieder zusammenzudenken. Auch Verweise auf die im Bundestag gesungene Nationalhymne oder die deutsche Geschichte deuten in diese Richtung. Gleiches gilt jedoch nicht für Berlin. Es überrascht einigermaßen, dass nur fünf Bücher von Berlin sprechen, obwohl der Mauerfall doch zunächst einmal die beiden Stadthälften wieder zusammenführte. Nach dem Mauerfall waren weiterhin zwei Deutschland denkbar, wohl kaum aber zwei Berlin.

Gorbatschow und Honecker –
Reformer in Moskau, Betonköpfe in Ost-Berlin


Bei den Politikern ziehen die ostdeutschen Politiker die meiste Aufmerksamkeit auf sich. Zusammen kommen sie auf fast drei Viertel der Nennungen.

Tabelle 10: Politiker (n=605)
PolitikerNennungenBewertungen
Büchern%Bücherpositivnegativ
Honecker2114423,80/812
Krenz2013322,04/647
Gorbatschow2110617,54/06
Schabowski11579,4
Andere ostdeutsche Politiker8406,6
Modrow8264,36/08
Mielke7172,8
Kohl7172,8
Stoph7162,6
Mittag6132,2
Andere östliche Politiker5101,7
Brandt591,5
Andere westdeutsche Politiker581,3
Genscher330,5
Andere sowjetische Politiker330,5
Bush sen.220,3
Andere westliche Politiker110,2


An erster Stelle steht Partei- und Staatschef Erich Honecker, der mit beinahe einem Viertel aller Nennungen seine treuesten Mitstreiter um ein Vielfaches überragt. Der Chef der Staatssicherheit Erich Mielke und der oberste Wirtschaftslenker Günter Mittag erreichen zusammen gerade einmal 5,0 Prozent. Ministerpräsident Willi Stoph wird nur im Zusammenhang mit der Absetzung Honeckers und dem Rücktritt der Regierung Beachtung geschenkt. Hauptzielscheibe der Kritik aber ist Honecker. Ein Drittel der Bücher äußert sich abfällig über den ersten Mann der DDR, der als "Diktator" betrachtet wird. Hierdurch aber rückt automatisch die Mitverantwortung der anderen Spitzen von Partei und Staat in den Hintergrund. Die SED-Elite erscheint charakterlos, opportunistisch und unfähig, doch politisch nur bedingt verantwortlich.

Ungeachtet seiner kurzen Amtszeit erhält der neue Partei- und Staatschef Egon Krenz fast genauso viel Aufmerksamkeit wie sein langjähriger Vorgänger. Das ist zum einen darauf zurückzuführen, dass die Ereignisse vom Oktober und November in den Geschichtsbüchern sehr detailliert abgehandelt werden. Zum anderen spielte Krenz eine zentrale Rolle in Verbindung mit dem Mauerfall. Zweifellos scheiden sich an ihm die Geister. Er ist der einzige DDR-Politiker, der sowohl negativ als auch positiv gesehen wird. Auf der einen Seite tritt der "Günstling" Honeckers als unsympathischer Repräsentant des alten Machtapparats auf. Negativ angekreidet wird ihm vor allem der Schulterschluss mit den chinesischen Kommunisten. Das aber setzt ihn – wie auch die gesamte Partei- und Staatsführung – dem Generalverdacht aus, dass eine "chinesische Lösung" bis zur Maueröffnung eine Option war. Auf der anderen Seite wird positiv registriert, dass Krenz, der die Verschwörung gegen Honecker angeführt hatte, sich gesprächsbereit zeigte und sich um einen neuen Politikstil bemühte. Hoch angerechnet wird ihm zudem, dass er mitgeholfen habe, die Sicherheitskräfte zurückzuhalten. Insofern wird Krenz durchaus auch ein persönliches Verdienst für den friedlichen Verlauf der Revolution zugeschrieben.

Mit deutlichem Abstand folgen zwei weitere DDR-Politiker: Günther Schabowski verdankt seinen Platz in den Geschichtsbüchern hauptsächlich der aufsehenerregenden Pressekonferenz am frühen Abend des 9. November 1989, doch wird er auch immer wieder als einer der Mitverschwörer gegen Honecker genannt. Interessanter aber ist der Fall des Dresdener SED-Bezirkschefs Hans Modrow. Dieser war eigentlich nicht direkt am Sturz Honeckers und am Mauerfall beteiligt – er rückte erst am 8. November ins Politbüro auf und wurde fünf Tage später Ministerpräsident –, galt aber als Gorbatschow-Anhänger und als Vorkämpfer für eine neue SED-Politik. Faktisch wird er von den Geschichtsbüchern zum wichtigsten parteiinternen Gegenspieler Honeckers aufgebaut. Er ist der einzige DDR-Politiker, dem nur Lob zuteil wird, und das in beträchtlichem Umfang. Allerdings geben die Autoren durchweg jenes Bild wieder, das damals von Modrow in der Öffentlichkeit kursierte. Hierdurch wird zugleich eine deutliche Distanz zu dem Reformkommunisten signalisiert.

Zu den Besonderheiten der deutschen Revolution von 1989 gehört es, dass sie keine politischen Führer hervorgebracht hat. Die Handvoll Bürgerrechtler und Parteigründer werden, wenn überhaupt, nur kursorisch gestreift. Glanz verbreiten sie in den Geschichtsbüchern nicht. Das gilt auch für so prominente Bürgerrechtler wie Bärbel Bohley und Jens Reich vom Neuen Forum, die sich nicht nach gewohnten politischen Maßstäben einordnen lassen[9] und deshalb im Korpus auch nicht den Status relevanter politischer Akteure erlangen. Dabei übersehen die Geschichtsbücher freilich den gewichtigen Umstand, dass die Bürgerrechtler mit ihren Aufrufen und Appellen einen unverzichtbaren Beitrag zum Gelingen der Massendemonstrationen geleistet haben.[10]

Auch westdeutsche Politiker finden nur wenig Beachtung. Bundeskanzler Helmut Kohl ist gerade einmal sieben Geschichtsbüchern eine Erwähnung wert. Bekommt Kohl also die Aufmerksamkeit, die er verdient? Schließlich überredete der Bundeskanzler die Ungarn, gegen großzügige finanzielle Leistungen die Grenze für DDR-Flüchtlinge zu öffnen. Auch auf die erfolgreiche diplomatische Mission von Außenminister Hans-Dietrich Genscher im Zusammenhang mit den Botschaftsbesetzungen wird nur gelegentlich eingegangen. Der ehemalige West-Berliner Bürgermeister Willy Brandt, der einzige westdeutsche Politiker, der den Mauerbau aktiv miterlebt hatte, wird vor allem bemüht, um einen prophetischen Blick auf die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten zu richten.

Wurde bei den Staaten der direkte Einfluss ausländischer Mächte auf diesen Abschnitt der deutschen Geschichte als außerordentlich gering veranschlagt, so wird dieser Befund durch die geringe Präsenz ausländischer Politiker bestätigt. Anders als beim Mauerbau fehlen beim Mauerfall die großen Politikerpersönlichkeiten, die mit ihren Entscheidungen den Gang der Geschichte maßgeblich beeinflussen. Der amerikanische Präsident George Bush sen. wird gerade einmal von zwei Büchern kurz erwähnt, der französische Präsident François Mitterand und die britische Premierministerin Margaret Thatcher kein einziges Mal. Hingegen dürfte der sowjetische Partei- und Staatschef Michail Gorbatschow sich einen dauerhaften Ehrenplatz in den deutschen Geschichtsbüchern gesichert haben. Über ihn wird nur mit Respekt und Hochachtung geschrieben. Insofern stellen die sechs registrierten positiven Bewertungen des "russischen Reformers" nur die Spitze des Eisberges dar, zumal die Autoren anders als bei Modrow hier ihre eigene Meinung bekunden.

Die Ostdeutschen stehen auf – die Deutschen kehren zurück

Oben konnte schon festgestellt werden, dass die Bevölkerung noch mehr als beim Mauerbau in den Fokus rückt.

Tabelle 11: Bevölkerung (n=886)
BevölkerungNennungenBewertungen
Büchern%Bücherpositiv
DDR2476886,745
Ost-Berliner12616,9
Bundesrepublik10171,9
Deutsche6161,8
West-Berliner6151,7
Berliner291,011


Die Hauptaufmerksamkeit der Geschichtsbücher gilt den Ostdeutschen und vor allem in der Schlussphase den Ost-Berlinern.[11] Zusammen kommen sie auf 93,6 Prozent. Sie haben das DDR-System gestürzt und den Mauerfall erzwungen. Die Westdeutschen und West-Berliner saßen staunend vor den Fernsehschirmen und verfolgten Revolution und Mauerfall aus sicherem Abstand. Entsprechend geringe Aufmerksamkeit wird ihnen geschenkt.

Im Zuge des Mauerbaus hatten die Geschichtsbücher auf eine Bewertung der Bevölkerung verzichtet. Das ändert sich in Verbindung mit dem Mauerfall. So negativ der Unterton gegenüber SED und DDR ist, so positiv ist er gegenüber den Ostdeutschen. Doch ausdrückliches Lob spenden lediglich vier Bücher den demonstrierenden Bürgern, deren Mut und Besonnenheit gerühmt werden.

Wie zuvor schon Deutschland kehren auch die Deutschen mit dem Mauerfall auf die historische Bühne zurück. Allerdings führt nur ein Viertel der Geschichtsbücher diesen Kollektivbegriff wieder ein. Von Deutschland und der deutschen Nation hatten drei Viertel der Bücher gesprochen. Noch näher hätte es gelegen, die sprachliche Scheidung in West- und Ost-Berliner wieder aufzuheben. Doch nur zwei Bücher lassen die Berliner wieder aufleben, die zumindest einmal für ihr friedliches Wiedersehensfest in der "Nacht der Nächte" die verdiente Anerkennung erfahren.

Der Mauerfall als Weichenstellung zur Wiedervereinigung

Der Mauerbau hatte das Verhältnis der beiden deutschen Staaten zueinander auf eine neue Grundlage gestellt. Hingegen markierte der Mauerfall zwar den Höhepunkt der DDR-Krise, doch wird er von den Geschichtsbüchern nur als Zwischenetappe oder Weichenstellung auf dem Weg zur deutschen Einheit verstanden. Das ist der Hauptgrund, warum sie sich nicht lange mit einer Erörterung der Folgen des Mauerfalls aufhalten, obwohl dieser ansonsten sehr viel umfassender dargestellt wird als der Mauerbau. 19 Bücher gehen auf die Folgen ein; beim Mauerbau hatten das noch 23 Bücher getan:

Tabelle 12: Folgen des Mauerfalls
FolgenBücherNennungen
n%
Ende der DDR/ Wiedervereinigung182369,7
Freiheit für die DDR-Bürger5824,2
Demokratisierung der DDR113,0
Europäische Einigung1130


Drei Viertel der Geschichtsbücher stimmen darin überein, dass mit dem Mauerfall das Ende der DDR besiegelt war und das Tor zur Wiedervereinigung weit aufgestoßen wurde. Lediglich fünf Bücher halten expressis verbis fest, dass die DDR-Bürger mit dem Mauerfall ihre Freiheit zurückgewannen. Und nur ein einziges Buch hebt hervor, dass der Mauerfall die Chance für eine Demokratisierung der DDR bot. Schließlich deutet ein Buch an, dass sich auch der Europäischen Einigung neue Perspektiven eröffneten. Von entscheidender Bedeutung aber ist, dass die Geschichtsbücher ein enges Band zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung knüpfen. Der Kampf der DDR-Bürger für Demokratie wird mit dem Fall der Berliner Mauer zu einem Ringen um die nationale Einheit erweitert. Darauf deutete auch schon die oben angesprochene Wiederkehr Deutschlands und der Deutschen hin. Der Mehrzahl der Geschichtsbücher zufolge haben die Ostdeutschen nicht nur für ihre eigenen Interessen gestritten, sondern auch für die ganze Nation. Der Eindruck drängt sich auf, dass dem Freiheitssieg zugleich auch ein Bekenntnis zur deutschen Nation innewohnte.[12] So folgerichtig dies aus der historischen Rückschau erscheint, da eine demokratische Doppelexistenz Deutschlands keinen Sinn ergab, so fehlt hier doch der Hinweis, dass am Tage des Mauerfalls niemand an eine Vereinigung gedacht hat. Gefeiert wurde die Öffnung der Grenze. Die Losung "Wir sind ein Volk!" verbreitete sich erst in den folgenden Wochen, und erst von diesem Zeitpunkt an stellte sich die deutsche Frage aufs Neue.

Zusammenfassung




Die untersuchten Geschichtsbücher räumen dem Mauerfall etwas mehr als doppelt so viel Umfang ein als dem Mauerbau. In beiden Fällen erhalten die Gründe deutlich mehr Gewicht als die Folgen, beim Mauerfall in noch sehr viel stärkerem Maße als beim Mauerbau. Vor dem Hintergrund politischer und wirtschaftlicher Missstände in der DDR wird der Mauerbau hauptsächlich als das Werk der beiden Supermächte und ihrer politischen Führer angesehen. Der Beitrag der DDR beschränkt sich auf die Rolle des Juniorpartners und Erfüllungsgehilfen der UdSSR. Die endgültige Teilung Deutschlands und Berlins wird ausgesprochen nüchtern-distanziert geschildert. Die ökonomisch-politische Anziehungskraft der Bundesrepublik und West-Berlins bleibt weitgehend außen vor.

Vor dem Hintergrund des Wandels im Osten konzentrieren sich die Geschichtsbücher beim Mauerfall auf die revolutionären Ereignisse in Ost-Deutschland. Bei den Folgen verengt sich der Blick auf die Wiedervereinigung. Die offensiv-kritische Bewertung der politischen Führung der DDR beim Mauerfall, insbesondere von Honecker, kontrastiert auffallend mit der beim Mauerbau geübten Zurückhaltung.

Korpus




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Fußnoten

1.
Die Untersuchung des Mauerbaus umfasst den Zeitraum vom Frühjahr 1961 bis zum 13.8.1961, die des Mauerfalls jenen von den Kommunalwahlen im Mai 1989 bis zum 9.11.1989. Zusätzlich wurden auch die nachfolgenden Abschnitte berücksichtigt, sofern sie sich mit den Folgen befassten. Der Untersuchung liegen nur die Texte zugrunde.
2.
Die Analyseeinheit ist die Sinneinheit, die sowohl einen eingeschobenen als auch einen über mehrere Absätze ausgeführten Grund umfassen kann. Bei Einschüben wurde der fortlaufende Grund nur einmal kodiert. Entsprechend ist bei den Folgen verfahren worden.
3.
Der Bau der Mauer durch die DDR wurde nur dann als Machtpolitik kodiert, wenn deutlich zum Ausdruck gebracht wurde, dass die SED damit ihre Herrschaft sichern wollte.
4.
Vgl. Matthias Uhl/Armin Wagner (Hg.), Ulbricht, Chruschtschow und die Mauer. Eine Dokumentation, München 2003, S. 9–45.
5.
Vgl. zur Erweiterung des Handlungsspielraums der DDR seit Mitte der 50er-Jahre Michael Lemke, Die Beziehungen zwischen DDR und Sowjetunion im Vorfeld der Berlinkrise, in: Hans-Hermann Hertle u.a. (Hg.), Mauerbau und Mauerfall. Ursachen–Verlauf–Auswirkungen, Berlin 2002, S. 67–75, u. Hope M. Harrison, Wie die Sowjetunion zum Mauerbau getrieben wurde. Ein Superalliierter, eine Supermacht und der Bau der Berliner Mauer, in: ebd., S. 77–96.
6.
Die Analyseeinheit ist der Satz: Jeder Akteur wird nur einmal pro Satz kodiert.
7.
"Berliner" bzw. "Deutsche" wurde nur dann kodiert, wenn auch alle Berliner bzw. Deutschen gemeint waren.
8.
Vgl. Jens Gieseke, "Seit Langem angestaute Unzufriedenheit breitester Bevölkerungskreise"–Das Volk in den Stimmungsberichten des Staatssicherheitsdienstes, in: Klaus-Dietmar Henke (Hg.), Revolution und Vereinigung 1989/90. Als in Deutschland die Realität die Phantasie überholte, München 2009, S. 135–136.
9.
Vgl. Ehrhardt Neubert, Gesicht und Stimme der Revolution: Bärbel Bohley, in: Klaus-Dietmar Henke (Hg.), Revolution und Vereinigung 1989/90. Als in Deutschland die Realität die Phantasie überholte, München 2009, S. 238–248.
10.
Vgl. Ralph Jessen, Massenprotest und zivilgesellschaftliche Selbstorganisation in der Bürgerbewegung von 1989/90, in: Klaus-Dietmar Henke (Hg.), Revolution und Vereinigung 1989/90. Als in Deutschland die Realität die Phantasie überholte, München 2009, S. 164–177, insb. 167.
11.
Die Städte sind unter "DDR" kodiert worden. Am breitesten dargestellt werden die Ereignisse in Leipzig.
12.
Vgl. für ähnliche Auffassungen z.B. Andreas Rödder, Deutschland einig Vaterland. Die Geschichte der Wiedervereinigung, München 2009, S. 85.

Thomas Sirges

Der Autor

Thomas Sirges

Dr., Professor für deutsche Kulturkunde, Institut für Literatur, Kulturkunde und europäische Sprachen, Universität Oslo.


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