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27.8.2012

Die Memel im Lauf der Geschichte

Im Mittelalter war sie die Grenze zwischen dem Deutschordensstaat und den Litauern, später verband sie beide Ufer durch den Handel mit Holz. Nach dem Ersten Weltkrieg kam das vormals ostpreußische Memelland zu Litauen und wurde zum Politikum. Heute liegen drei Staaten an der Memel: Weißrussland, Litauen und das zu Russland gehörende Kaliningrader Gebiet.

Ptolemaios nannte die Memel auch Cronon. In Grodno in Weißrussland erinnert ein Wandgemälde daran. (© Inka Schwand)


Die Mündung der Memel in die Ostsee ist seit der letzten Eiszeit vor 17.000 Jahren besiedelt.

98 nach Christus: An der Memel leben slawische und baltische Stämme.

1198: Gründung des Deutschen Ritterordens in Akkon in Palästina

1201. Der Bremer Bischof Albrecht gründet Riga. Beginn der deutschen Siedlung und Christianisierung im Baltikum.

1226: Der polnische Herzog Konrad von Masowien ruft den Deutschen Ritterorden ins Land. Die Ordensritter sollen helfen, den heidnischen Stamm der Prußen zu besiegen.

1238: In Nowogrudok, einer Burg im Memelbogen, herrscht Fürst Mindaugas.

1252: Gründung der Memelburg am Memeler Tief und damit der Stadt Memel, heute Klaipėda.

1255: Gründung von Königsberg.

1263: Mindaugas, inzwischen litauischer König, wird ermordet. Erbitterte Kämpfe um seine Nachfolge.

1283: Nach dem Sieg über die Prußen beginnt der mehr als hundertjährige Krieg des Deutschen Ordens gegen die Litauer. An der Memel entstehen zahlreiche Burgen.

1289: Gründung der Burg Landshut, ab 1326 Ragnit, heute Neman.

1323: Der litauische Großfürst Gediminas gründet Vilnius, die heutige Hauptstadt Litauens.

1341: Gediminas soll in der Schlacht bei Veliuona gegen die Ordensritter gefallen sein.

1386: Der litauische Großfürst Jogaila heiratet die polnische Königstochter Jadwiga. Beginn des litauisch-polnischen Doppelreichs und der Jagiellonen-Dynastie. Der Großfürst von Litauen ist zugleich König von Polen.

1388: Der litauische Großfürst Vytautas lädt die Juden ein, in Litauen zu siedeln. An der Memel entstehen viele Schtetl.

1389: Vytautas verleiht Grodno die Stadtrechte.

1404: Gründung der Tilsiter Burg.

15. Juli 1410. Litauische und polnische Truppen besiegen den Deutschen Orden bei Tannenberg.

27. September 1422. Frieden vom Melnosee. Die Grenze zwischen dem Ordensstaat, später Ostpreußen, und dem benachbarten Litauen bleibt bis 1918 bestehen.

1464: Mit dem Zweiten Thorner Frieden endet der 13-jährige Krieg. Aus diesem Bürgerkrieg gehen die preußischen Städte gestärkt gegen die Ordensherrschaft hervor.

1525: Herzog Albrecht von Brandenburg macht aus dem Ordensstaat das weltliche Herzogtum Preußen.

1539: Auf Olaus’ Magnus’ "Carta marina" wird erstmals die Memel auf einer Karte erwähnt.

1569: Aus dem polnisch-litauischen Doppelreich wird in der Union von Lublin die polnisch-litauische Adelsrepublik "Rzeczpospolita obojga narodów".

1689-1697: Bau des Großen und Kleinen Friedrichsgrabens parallel zum Kurischen Haff. Königsberg ist nun mit der Memel über ein Kanalsystem verbunden.

1701: Preußens Kurfürst Friedrich III. lässt sich in Königsberg zu Friedrich I., König in Preußen, krönen.

1709-1710: Der Großen Pest fallen 260.000 der insgesamt 600.000 Ostpreußen zum Opfer. Alleine im Memelland kommen 200.000 Menschen um. Nach der Pest beginnt das "Retablissement", die Wieder- und Neubesiedlung.

1752: August der Dritte, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, besucht zum ersten Mal den Urwald von Białowieża zur Jagd.

1764: Der Wilnaer Wojewode Ogiński beginnt mit dem Bau des gleichnamigen Kanals. Er verbindet die Memel über die Schara mit dem Prypjat und damit mit dem Schwarzen Meer.

1772: Erste Teilung Polen-Litauens durch Preußen, Österreich und Russland.

November 1784: Georg Forster besucht auf Einladung des polnischen Königs den Sejm in Grodno.

1793: Zweite Teilung Polen-Litauens.

1794: Der Kościuszko Aufstand gegen die russische Herrschaft wird von General Suworuw niedergeschlagen

1795: Dritte und endgültige Teilung Polen-Litauens: Die Gebiete östlich und nördlich der Memel kommen an Russland. Westlich und südlich des Stroms entsteht die Provinz Neuostpreußen.

24. Dezember 1798: In Zawossie bei Nawahrudak wird Polens Nationaldichter Adam Mickiewicz geboren.

Sprachkarte von Ost- und Westpreußen von 1880. Im Memelland wurde Deutsch und Litauisch gesprochen. (© Wikimedia)

Juni 1802: Erste Begegnung von Preußens König Friedrich Wilhelm III. und der Königin Luise mit dem russischen Zaren Alexander I. in Memel.

Oktober 1806: Napoleon besetzt Berlin. Das preußische Königshaus flieht nach Königsberg in Ostpreußen.

Januar 1807-Januar 1808: Das preußische Königshaus residiert in Memel.

25. und 26. Juni 1807: Friedensverhandlungen auf der Memel in Tilsit zwischen Napoleon und Zar Alexander I.

6. Juli 1807: Bittgang der preußischen Königin Luise zu Napoleon.

7. Juli 1807: Tilsiter Friedensschluss zwischen Frankreich und Russland. Gründung des Herzogtums Warschau.

9. Juli 1807: Frieden von Tilsit zwischen Frankreich und Preußen. Preußen verliert die Hälfte seines Gebietes.

9. Oktober 1807: Freiherr vom Stein verkündet von Memel aus im Oktoberedikt die Bauernbefreiung. Beginn der preußischen "Reformen von oben".

24. Juni 1812: Napoleons Grande Armée überschreitet in Panemunė bei Kaunas die Memel und zieht gegen Russland.

13. Dezember 1812: Rückkehr der napoleonischen Truppen über die Memel. Nur noch 30.000 Soldaten sind am Leben.

Juni 1815: Auf dem Wiener Kongress wird die Memel als Grenze zwischen dem Russischen Reich und dem Königreich Polen festgelegt. Südlich und westlich des Stroms gilt der julianische Kalender, östlich und nördlich der gregorianische.

29. November 1830: Beginn des polnisch-litauischen Novemberaufstands gegen die Zarenherrschaft. Nach der Kapitulation Warschaus am 8. September 1831 wird die Universität Wilna geschlossen.

Juni 1834: In Paris erscheint das Versepos Pan Tadeusz von Adam Mickiewicz. Das polnische Nationalepos des im heutigen Belarus geborenen Dichters beginnt mit den Worten "Litauen, mein Vaterland".

1857: Fertigstellung der Ostbahn zwischen Berlin und Königsberg. Drei Jahre später wird die Strecke über Insterburg und Eydtkuhnen nach Sankt Petersburg verlängert.

1861: Inbetriebnahme der Eisenbahn von Kaunas nach Preußen. Zwei Jahre später verbindet die Bahn die größte Memelstadt mit Wilna.

22. Januar 1863: Beginn des Januaraufstandes gegen die russische Fremdherrschaft, der im April 1864 niedergeschlagen wird.

1865: Druckverbot für litauische Bücher im Zarenreich und Beginn des mehr als 40 Jahre währenden Bücherschmuggels von Preußisch Litauen nach Großlitauen.

1871: Gründung des Deutschen Reiches mit Ostpreußen als der nordöstlichsten Provinz.

1888: In Polen erscheint der berühmte Roman Nad Niemnem (An der Memel) von Eliza Orzeszkowa. Die Schriftstellerin wird 1904 und 1909 für den Literaturnobelpreis nominiert. Sie starb 1910 in Grodno.

Juli 1907: Einweihung der Königin-Luise-Brücke über die Memel in Tilsit anlässlich des 100sten Jahrestages des Tilsiter Friedens.

1904: Aufhebung des Druckverbots für litauische Bücher in Russland.

1914: Beginn des Ersten Weltkriegs. Ostpreußen wird von russischen Truppen besetzt. Im September 1914 siegen die Deutschen und Hindenburg in der Schlacht von Tannenberg.

1915-1918: Deutsche Besatzungsherrschaft an der Memel unter Ludendorff. Die Region bekommt den Namen "Ober Ost".

1918: Frieden von Versailles. Polen und Litauen werden eigene Nationalstaaten. Das Memelgebiet wird dem Völkerbund unterstellt. Weißrussland wird als Belarussische Sozialistische Sowjetrepublik Teil der Sowjetunion.

1920: Polnisch-sowjetischer Krieg. Polen besetzt das Wilnaer Gebiet und sperrt die Memel für den Schiffsverkehr. Kaunas wird provisorische Hauptstadt Litauens.

1922: Polen gliedert das besetzte so genannte "Mittellitauen" mit Wilna als Zentrum in das polnische Staatsgebiet ein.

1923: Litauen besetzt das Memelgebiet. Die Memel wird die Grenze zwischen Litauen und dem Deutschen Reich.

1924: In der Memelkonvention werden den Deutschen im Memelgebiet Autonomierechte zugestanden.

1926: Antonas Smetona putscht sich in Litauen an die Regierung. Ende der parlamentarischen Demokratie. Im gleichen Jahr putscht in Polen Marschall Józef Piłsudski.

1929: Thomas Mann verbringt seinen Urlaub in Rauschen und besucht die Kurische Nehrung. Zwei Jahre später bezieht er in Nidden, das damals zu Litauen gehörte, sein Sommerhaus.

1938: Die Nazis benennen mehr als die Hälfte aller ostpreußischen Ortsnamen um, weil sie nicht deutsch genug klingen.

23. März 1939: Besetzung des Memelgebiets durch die Nationalsozialisten. Hitler wird in Memel freudig begrüßt. Zahlreiche Juden flüchten ins nicht besetzte Litauen.

1.September 1939. Hitler überfällt Polen. Beginn des Zweiten Weltkriegs.

17.September 1939. Stalin marschiert in Ostpolen und im Wilnaer Gebiet ein.

15.Juni 1940. Stalin marschiert in Litauen ein und verleibt das Land der Sowjetunion ein.

22. Juni 1941. Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion. Deutsche Truppen marschieren in Litauen und Weißrussland ein. Zehntausende Juden werden schon in den ersten Tagen getötet. Viele von ihnen auch durch litauische Kollaborateure.

Luftaufnahme des Kurischen Haffs. Auf der Ostseeseite münden Ruß und Gilge, die Mündungsströme der Memel, ins Haff. (© Wikimedia)

28. August 1941: SS-Standartenführer Karl Jäger verkündet in seinem Report: "In Litauen gibt es keine Juden mehr".

2. August 1945: Auf der Potsdamer Konferenz wird beschlossen, dass das nördliche Ostpreußen bis zur Memel zur Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) kommt. Das ehemalige Memelland wird Teil der Litauischen Sowjetrepublik (LSSR). Grodno und der Oberlauf der Memel kommt zur Weißrussischen Sowjetrepublik (BSSR). Der gesamte Memellauf ist nun sowjetisch.

1945-1953: Litauische Partisanen, die so genannten "Waldbrüder" kämpfen gegen die erneute Sowjetisierung des Landes.

4. Juli 1946: Königsberg wird in Kaliningrad umbenannt.

1947: Im Pariser Exil wird die polnische Kulturzeitschrift Kultura gegründet. Das Konzept von Mitteleuropa avanciert zur Alternative zwischen dem Westen und dem Ostblock.

1947: Im Kaliningrader Gebiet bekommen Orte und Flüsse sowjetische Namen. Tilsit war bereits 1946 Sowjetsk geworden.

1958: Der 19-Jährige Czesław Wydrzycki verlässt sein Dorf Stare Wasilischki. In Polen wird er als Czesław Niemen eine Rocklegende.

1961: Erscheinen des Gedichtbändchens Sarmatische Zeit von Johannes Bobrowski. In ihm befindet sich auch das Gedicht Die Memel. Bobrowski stirbt 1965 kurz nach Vollendung seines Romans Litauische Claviere.

14. Mai 1972: In Kaunas verbrennt sich der Schüler Romas Kalanta aus Protest gegen die Sowjetmacht. Tagelange Straßenschlachten zwischen rebellischen Jugendlichen und der Miliz folgen.

1988: Gründung des oppositionellen Bündnisses Sajūdis in Litauen.

23. August 1989: Zum 50sten Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes bilden 2,5 Millionen Menschen eine Kette zwischen Tallinn, Riga und Wilna.

11. März 1990: Litauen erklärt seine Unabhängigkeit.

8. Dezember 1991: Im weißrussischen Wiskuli wird die Auflösung der Sowjetunion beschlossen.

1. Mai 2004: Litauen und Polen treten der Europäischen Union bei. Die Grenze zum Kaliningrader Gebiet und zu Weißrussland wird EU-Außengrenze.

Juli 2005: Feierlichkeiten anlässlich des 750sten Jahrestags der Gründung von Königsberg in Kaliningrad.

Juli 2007: Feierlichkeiten anlässlich des 200sten Jahrestags des Tilsiter Friedens in Sowjetsk. Die Königin-Luise-Brücke über die Memel bekommt ihren Namen zurück.

2007: Fertigstellung der Sanierung des Augustowski-Kanals in Weißrussland und Polen. Warschau beauftragt die Aufnahme in die Welterbeliste der UNESCO.

Februar 2010: Weißrussland und Polen unterzeichnen das Abkommen über einen kleinen Grenzverkehr. Nach der Ratifizierung dürfen Bürger aus dem 30 Kilometer breiten Grenzstreifen visafrei ins Nachbarland reisen.

Dezember 2010: Weißrusslands Staatschef Alexander Lukaschenko geht mit Gewalt gegen Demonstranten vor, die gegen den Ausgang der Präsidentschaftswahl protestierten.
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