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6.5.2014

Theresienstadt sucht seine Zukunft

Nach dem Abzug des tschechischen Militärs kämpft Terezín an der Mündung der Eger in die Elbe mit der Frage: Darf ein ehemaliges NS-Konzentrationslager eine ganz normale Stadt sein?

Hier wurde die Asche der Toten aufbewahrt. (© Uwe Rada)


Asche in die Eger



Im November 1944 verwandelte sich die Eger in einen Fluss des Todes. Vor dem Kolumbarium, dem Verlies, in dem die Asche der Toten in Papierurnen aufbewahrt wurde, fuhren Traktoren auf. Sämtliche Häftlinge, auch Frauen und Kinder, mussten Hand anlegen und die Urnen auf die Hänger laden. Dann ging es durch das "Untere Wassertor" hinab zur Eger. Einige hundert Meter marschierte die Kolonne neben den Traktoren. Dann war die Stelle erreicht, an der die Eger schmaler wird und Fahrt aufnimmt.

In der Dämmerung waren noch die Türme von Leitmeritz und die Basaltkegel des Böhmischen Mittelgebirges zu erkennen. Doch die unfreiwilligen Totengräber, die an diesem Novembertag ans Untere Wassertor abkommandiert waren, hatten keinen Blick für die Schönheit der Eger und ihrer Landschaft an der Mündung in die Elbe. Sie hatten den Befehl, die Asche von 22.000 verstorbenen oder ermordeten Bewohnern des Ghettos Theresienstadt und des Gestapo-Gefängnisses in der benachbarten Kleinen Festung in den Fluss zu schütten.

Auch Susanne Stern war damals an der Eger dabei:

"Wie wir später erfuhren, lautete der Befehl dahin, im Schutze der Dunkelheit die Asche in den Fluss zu werfen. Von Zeit zu Zeit öffnete sich eine der Büchsen, und die Asche verstreute sich. Kalt und feucht war es (...), und dazu kam noch der schreckliche Modergeruch. Viele Stunden arbeiteten wir so. Dann kam die Dunkelheit, und wir waren sehr müde. Petroleumlampen wurden angezündet. Jetzt wurde der Ort wirklich furchterregend. Die Asche der Toten in den Händen und die Schatten der Lebenden an den Mauern."

Susanne Stern, geborene Fall, lebte vor dem Einmarsch der Deutschen in die so genannte "Rest-Tschechei" in Mährisch-Ostrau. 1943 wurde sie zusammen mit ihrer Mutter Else nach Theresienstadt deportiert. Als das Ghetto und das KZ befreit wurden, war sie 25 Jahre alt. Sie starb 2003. Ihre Hinterlassenschaft befindet sich heute im Archiv des Beth Theresienstadt in Givat Chaim in Israel.

In ihren Erinnerungen erzählt Susanne Stern nicht nur von den Belohnungen, die es für die Arbeit am Ufer der Eger gab: ein Stück Zucker, der sogleich "Aschezucker" genannt wurde. Sie stellt auch die Frage nach dem Warum an diesem und den folgenden drei Novembertagen: "Ist es möglich, dass die Deutschen glauben, auf diese Weise irgendwelche Spuren verwischen zu können?"

Theresienstadt als Sonderfall



Im Erinnern an die Schoah nimmt Theresienstadt bis heute eine besondere Rolle ein. Schon die unmittelbare Nachbarschaft von Ghetto und Gestapo-Gefängnis war eine Besonderheit in der Vernichtungsarchitektur der Nazis. Aber auch der Standort war laut Wolf Murmelstein, Sohn des letzten Judenrat-Ältesten von Theresienstadt, ein "Sonderfall in der Geschichte der Schoah". Theresienstadt befand sich südlich der Elbe – und gehörte damit zum von Hitlerdeutschland besetzten "Protektorat Böhmen und Mähren". Leitmeritz dagegen, am nördlichen Elbufer gelegen, war nach dem Münchner Abkommen vom 30. September 1938 "heim ins Reich" geholt worden. Weil die Einrichtung von Ghettos im Reich nicht vorgesehen war, so Wolf Murmelstein, fiel die Wahl auf das nur drei Kilometer von der Reichsgrenze entfernte Theresienstadt. "Dort konnte eine alte Garnisonstadt als 'jüdisches Siedlungsgebiet' deklariert werden."

Die ersten Juden, die am 24. November und am 4. Dezember 1941 in Theresienstadt eintrafen, gehörten dem so genannten Aufbaukommando AK1 an. Unter ihnen war auch Jakob Edelstein, der erste Vorsitzende des Judenrats. Edelstein gehörte in Prag zur Jüdischen Kultusgemeinde, die auch im Protektorat zunächst weiter arbeiten konnte. Doch bereits im Oktober 1941 hatte Hitler verkündet: "Alle Juden müssen aus dem Protektorat entfernt werden, und zwar nicht erst ins Generalgouvernement, sondern weiter nach Osten. Mit den Protektoratsjuden sollen gleichzeitig alle Juden aus Berlin und Wien verschwinden."

Da nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion an großangelegte Transporte in den Osten nicht zu denken war, musste eine Zwischenlösung gefunden werden. Vier Tage nach Hitlers Ankündigung lud Reinhard Heydrich, Leiter des Reichssicherheitshauptamtes und stellvertretender Reichsprotektor in Böhmen und Mähren, die wichtigsten Besatzungsbehörden auf die Prager Burg. Dort wurde beschlossen, ein Sammel- und Durchgangslager für die Protektoratsjuden einzurichten. Theresienstadt lag nicht nur nahe an der Grenze, als ehemalige Festung der Österreicher am Zusammenfluss von Eger und Elbe war es auch gut zu bewachen.

Das "Familienlager", das Jakob Edelstein und den Angehörigen des AK1 in Aussicht gestellt wurde, war also kein sicherer Ort, an dem die Juden aus dem Protektorat das Ende der Hitlerherrschaft herbeisehnen konnten. Es war ein Wartesaal des Todes oder, wie es der Marburger Kulturwissenschaftler Karl Braun formulierte, "ein schlau angelegtes, in die praktische Organisierung des Genozids verwobenes Täuschungsmanöver." Allerdings machten die Nazis aus dieser Täuschung kaum ein Hehl, wie ein Wort von Adolf Eichmann zeigt, der beim Reichssicherheitshauptamt verantwortlich für die Judendeportationen war. Nachdem Eichmann auf dem Weg zur Wannseekonferenz im Ghetto Halt gemacht hatte, sagte er, Theresienstadt sei dazu da, "nach außen das Gesicht zu wahren".

Das angebliche Vorzeigelager



Auf der Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 wurde nicht nur die "Endlösung der Judenfrage" beschlossen, sondern auch der damit verbundene detaillierte Fahrplan zur Vernichtung der europäischen Juden. Zu dem gehörte, als erster Schritt, auch die Einrichtung eines Ghettos für prominente Juden aus Deutschland und Österreich. Auch da fiel die Wahl auf Theresienstadt, das im Februar 1942 als Stadtgemeinde aufgelöst wurde. Nicht nur in den Kasernen der Festung wurden die Juden nun untergebracht, sondern auch in den Wohnhäusern, deren bisherige Eigentümer dürftig entschädigt worden waren.

Der erste Transport aus dem "Altreich" traf am 2. Juni 1942 ein, es waren 50 Juden aus Berlin. Von da an riss der Zustrom von zumeist älteren Juden aus ganz Deutschland und Wien nicht mehr ab. Betrug das Durchschnittsalter des 1.000 Personen starken AK1 noch 31 Jahre, waren die Neuankömmlinge aus Berlin im Schnitt 69 Jahre alt, die aus Wien sogar 73. Unter ihnen waren auch verdiente Soldaten des Ersten Weltkriegs, Politiker und Prominente. Weil diese, so sagt es Murmelstein, "nicht so einfach im Osten verschwinden durften", deklarierten die Nazis Theresienstadt kurzerhand zum "Prominentenghetto".
In einem der so genannten "Prominentenhäuser" wurde auch Leo Baeck untergebracht. Der "bekannteste Vertreter des liberalen deutschen Judentums", wie ihn Arno Lustiger posthum nannte, traf mit dem Transport 1/87 am 8. Januar 1943 in Theresienstadt ein und erhielt die Häftlingsnummer 187.984. Der Rabbiner, der 1933 von den Nazis gezwungen wurde, die "Reichsvertretung der deutschen Juden" zu übernehmen, musste seine Deportation sogar noch selbst bezahlen. Für 15.200 Reichsmark musste er einen "Heimeinkaufvertrag" unterzeichnen, um in Theresienstadt untergebracht zu werden. Allerdings gelang es ihm, das Dokument zu verstecken – als Zeugnis der "Täuschungsmanöver", für die Theresienstadt später traurige Berühmtheit erlangen sollte.

Für weniger prominente Juden aus dem Reich wurde Theresienstadt zum "Altersghetto". Mit dem Versprechen, ihr Vermögen gegen einen Platz in "Theresienbad" zu tauschen, wurden auch sie mit "Heimeinkaufverträgen" an die Elbe-Eger-Mündung gelockt. So wurden in der Propaganda der Nazis aus dem Sammellager und der Durchgangsstation für die Protektoratsjuden nun das "Vorzeigelager" oder "Kulturlager" Theresienstadt.

Doch es war nur ein zynisches Postkarten-Versprechen. In Theresienstadt angekommen, stellten die Juden aus dem "Altreich" bald fest, dass ihnen nicht nur das Vermögen genommen wurde, sondern auch die Würde. Zwar blieben die "Reichsjuden" zunächst von den Deportationen verschont. Statt "Theresienbad" erwarteten sie aber Dachböden und Kasematten, die hoffnungslos überfüllt waren. Alleine im Juli 1942 waren 25.111 Neuankömmlinge in Theresienstadt angekommen, wo vor dem Krieg 7.000 Soldaten und Zivilisten gelebt hatten. Im September 1942 zählte das Ghetto mit 58.491 Bewohnern den Höchststand. 100 Häftlinge, auch das gehört zur traurigen Statistik, starben nun täglich, darunter vor allem Alte und Kranke. Viele von ihnen landeten in einer der papiernen Urnen, die im November 1944 von Susanne Stern und ihren Mithäftlingen schließlich in die Eger geworfen wurden.

Die Als-ob-Stadt

Die Festung Theresienstadt war eine Planstadt. (© Uwe Rada)


Es gibt ein Gedicht von Leo Straus, das die ganze Camouflage von Tarnung und Täuschungsmanöver mit bitterer Ironie beschrieben hat. Es trägt den Titel Die Stadt als ob:

Ich kenn ein kleines Städtchen
Ein Städtchen ganz tiptop,
Ich nenn es nicht beim Namen,
Ich nenns die Stadt Als-ob.

Nicht alle Leute dürfen
In diese Stadt hinein,
Es müssen Auserwählte
Der Als-ob-Rasse sein.

Die leben dort ihr Leben,
Als obs ein Leben wär,
Und freun sich mit Gerüchten,
Als obs die Wahrheit wär. (...)

Es gibt auch ein Kaffeehaus
Gleich dem Café de l’Europe,
Und bei Musikbegleitung,
Fühlt man sich dort als ob. (...)

Man trägt das schwere Schicksal,
Als ob es nicht so schwer,
Und spricht von schönrer Zukunft,
Als obs schon morgen wär.


Leo Straus, Wiener Kabarettist und Dramaturg, wurde mit seiner Frau Myra Gruhenberg im Oktober 1944 47-Jährig nach Auschwitz deportiert, beide wurden dort ermordet. Theresienstadt, die Als-ob-Stadt, das Vorzeigelager: Das ist die Vorstellung, gegen die die nationale Gedenkstätte in Terezín bis heute ankämpfen muss.

Ihren Höhepunkt erreichten Tarnung und Täuschung während des Besuchs einer Delegation des Komitees vom Internationalen Roten Kreuz im Juni 1944. Schon in den Wochen und Monaten zuvor hatte die Lagerleitung die so genannte "Verschönerungsaktion" angeordnet. Auf dem bis dahin für die Häftlinge gesperrten Hauptplatz der Festung wurden Rasen gesät, Rabatte angelegt, Parkbänke aufgestellt. Auch ein Café und ein Musikpavillon entstanden, das Als-ob-"Café de l'Europe" im Gedicht von Leo Strauss. Ganze Kolonnen von Häftlingen machten sich an die Renovierung der Fassaden.

Um den Eindruck der Überbelegung zu vermeiden, wurden kurz vor dem Eintreffen der Delegation 15.000 Häftlinge ins so genannte Familienlager nach Auschwitz transportiert. Zufrieden notierte der Schweizer Leiter der Delegation, Maurice Rossel, nach seinem Besuch am 23. Juni 1944: "Wir werden sagen, dass unser Erstaunen außerordentlich war, im Ghetto eine Stadt zu finden, die fast ein normales Leben lebt; wir haben es schlimmer erwartet." Zuvor hatten die Vertreter der Delegation noch einer Aufführung der Kinderoper Brundibár von Hans Krása beigewohnt.

Kurz nach dem Besuch Rossels und seiner Delegation begannen die Dreharbeiten für den Film Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet. In dem Streifen, bis heute unter seinem zynischen Titel Der Führer schenkt den Juden eine Stadt bekannt, ist unter anderem ein Fußballspiel auf dem großen Hof der Dresdner Kaserne zu sehen. Eine "Albtraumfabrik" nennen Uta Fischer und Roland Wildberg die Filmkulisse in ihrem Buch Theresienstadt. Eine Zeitreise. Nach dem Ende des Filmaufnahmen wurden der Regisseur und die Schauspieler zusammen mit 18.000 Häftlingen nach Auschwitz deportiert. In Theresienstadt selbst blieben nur noch 11.000 Insassen. Von den mehr als 140.000 Gefangenen in Theresienstadt wurden 33.456 ermordet und 88.202 in Vernichtungslager, vor allem nach Auschwitz, deportiert. 16.832 überlebten die Befreiung am 9. Mai 1945. Seitdem ist der Name Theresienstadt untrennbar mit Ghetto und KZ, mit Tarnung und Täuschung verbunden.

Soldaten und Zivilisten



Vor der mächtigen Pfarrkirche in Terezín bin ich mit Václav Verner verabredet. Der 75-Jährige lebt seit 1966 in der Stadt, er kam als Soldat und blieb als Zivilist. Seitdem kümmert er sich um die Geschichte der Stadt. Im "Atypik", einer gemütlichen Kneipe auf der gegenüber liegenden Seite des Hauptplatzes, bestellt Václav Verner Mineralwasser. Zu sich nach Hause habe er mich nicht einladen können, bedauert er. "Die ganze Küche ist belegt. Meine Frau kocht Kohl." Aber auch das "Atypik" ist eine Art Wohnzimmer. Einheimische treffen sich dort ebenso wie Mitarbeiter der Gedenkstätte oder Touristen. Wer im "Atypik" auf einer der rustikalen Holzbänke sitzt oder draußen auf der Terrasse an den Kaffeehaustischen, könnte meinen, in Terezín mit seinem 1.800 Einwohnern gebe es ein ganz normales Kleinstadtleben. Doch was ist schon normal in einer Stadt, die nach Meinung der Überlebenden Ruth Klüger in einem Atemzug mit Auschwitz genannt werden muss. Theresienstadt sei ohne Auschwitz nicht zu verstehen, schrieb Klüger in ihrer Autobiographie weiter leben. Auschwitz sei der "Schlachthof" gewesen und Theresienstadt der "Stall".

Auch in den Straßen ist die Vergangenheit präsent. Gegenüber des "Atypik" prangt an einem Gartenzaun der Judenstern, das Hinweisschild fürs Ghettomuseum, das im ehemaligen jüdischen Knabenheim untergebracht ist. An anderen Häusern hängen Gedenktafeln in tschechischer, englischer und deutscher Sprache. Nur im Parkhotel in der Machová-Straße fehlt, wohl aus Rücksichtnahme auf die Hotelgäste, der Hinweis auf die Vergangenheit des Gebäudes. Hier residierte die SS einst in ihrem "Kameradschaftsheim" und beging ihre berüchtigten Saufgelage. Auch der erste Lagerkommandant Siegfried Seidl lebte hier mit Frau und zwei Kindern in einer geräumigen Dreizimmerwohnung. Seidl besaß darüber hinaus einen Schäferhund, ein Reitpferd und einen Sportwagen. "Bad Theresienstadt" war das Ghetto nur für die SS.

"Dass die Geschichte so sichtbar ist, war nicht immer so", erinnert sich Václav Verner. "Als ich hierhergekommen bin, war Terezín eine ganz normale Stadt." Von einem Stigma konnte damals keine Rede sein, meint Verner. "Niemand dachte an die NS-Zeit. Eher war die Reaktion der Besucher: Mann, die ganze Stadt gleicht ja einer Kaserne."

Terezín ohne Theresienstadt? Ließ sich das tatsächlich so denken? Ja, meint Verner und weist darauf hin, dass die kleine Festung von der großen getrennt wahrgenommen wurde. "Die große Festung war die Stadt", erklärt er. "Die kleine, auf der anderen Seite der Eger, war die Gedenkstätte, wo die Rekruten immer am 8. Mai hin mussten. Da standen an den Gräbern immer Soldaten und Pioniere jeweils nebeneinander. Manchmal kippten die Pioniere um, und die Soldaten mussten sie wegschaffen."

Eine ganz normale Stadt. Aus dem Mund von Václav Verner klingt es beinahe etwas wehmütig. Zwar war auch das Terezín, in das er 1966 gekommen war, alles andere als Normalität. Das zeigte schon die barocke Anlage und drumherum die Bastionen, Gräben und Ravelins. Und auch die Soldaten gehörten in Litoměřice oder Roudnice nad Labem nicht zum Stadtbild. Doch Verners Terezín war mehr Gegenwart als Geschichte, der böse Fluch von Theresienstadt war in die Kleine Festung verbannt. 3.000 Einwohner hatte Terezín, als Verner in die Stadt kam. Dazu kamen noch einmal 2.000 Soldaten in den Kasernen. "Die Soldaten lebten gerne in der Stadt, und die Stadt lebte von den Soldaten", sagt Verner.

Für den 75-Jährigen war der Abzug der tschechischen Armee 1996 eine Katastrophe. "Nun gibt es keine Arbeit mehr, die Jungen gehen weg. Terezín ist eine Stadt der Rentner." Und der Touristen. Aber das führt nur zu neuen Konflikten "Man sagt sich hier unter den Bewohnern immer: Die Politik tut mehr für die Toten als für die Lebenden." Bis heute liegt er also über Theresienstadt/Terezín: Der Fluch der Als-ob-Stadt.

Befreiung und Besiedlung



Als ob: Das galt auch noch, als sich die Hitlerherrschaft dem Ende zu neigte. Die SS ließ sich jedenfalls Zeit mit dem Abzug aus Theresienstadt. Nachdem Susanne Stern und die anderen Ghettobewohner die Asche der 22.000 Toten im November 1944 in die Eger geworfen hatten, ließ die nächste Vertuschungsaktion bis zum Februar 1945 auf sich warten. Verbrannt wurden nun die Akten im Archiv des Reichssicherheitshauptamtes sowie das Archiv der Kommandantur und der "jüdischen Selbstverwaltung" in der sogenannten "Magdeburger Kaserne", die der Sitz des Ältestenrates und der "Selbstverwaltung" war. Die Chronik des Ghettos von Hans Günther Adler aber blieb erhalten. Sie wurde, ebenso wie einige Akten der Selbstverwaltung, in Zwischenmauern oder im Turm der Pfarrkirche versteckt.

Die Pfarrkirche von Terezín/Theresienstadt. (© Uwe Rada)



Doch dann war es soweit. Weil das Internationale Rote Kreuz Theresienstadt weiter unter Beobachtung hatte, konnten im April 1945 die schwedischen Juden heimreisen. Sie wurden in Bussen des Schwedischen Roten Kreuzes transportiert. Am 2. Mai traf eine Delegation des Dänischen Roten Kreuzes in Theresienstadt ein. Dessen Vertreter Paul Dunant stellte das Lager formell unter den Schutz des IRK. Noch aber war das Protektorat von deutschen Truppen besetzt. Erst am 5. Mai, drei Tage vor der Kapitulation, verließ die SS Theresienstadt. Als am 8. Mai die Rote Armee eintraf, wurden die Soldaten als Befreier gefeiert. Befreit waren Ghetto und Gefängnis aber noch nicht. Eine Typhusepidemie forderte unter den Überlebenden noch einmal fast 1.600 Tote. Theresienstadt wurde unter Quarantäne gestellt. Leo Baeck, der Insasse in den "Prominentenhäusern, hat schwer misshandelt überlebt und blieb, um zu helfen.

Die Elbe erweckt zu neuem Leben



Auch Uta Fischer ist ins "Atypik" gekommen. Die Stadtplanerin hat nicht nur der Geschichte von Theresienstadt ein Buch gewidmet. Sie engagiert sich für die Zukunft der Stadt am Zusammenfluss von Eger und Elbe. "Wichtig ist vor allem eine neue Nutzung für die Festungsanlagen", sagt sie. "In Deutschland gab es nach der Wende millionenschwere Konversionsprogramme. In Tschechien ist eine Stadt wie Terezín mit einer solchen Mammutaufgabe auf sich allein gestellt."

Doch es tut sich etwas. Der Kavalier II am nördlichen Stadttor, hier befand sich einst die Festungsbäckerei, wird gerade frisch renoviert. Hier soll 2014 ein Artilleriemuseum einziehen. Auf der anderen Seite der Stadt, in der ehemaligen Artilleriekaserne, soll das „Europäische Studien- und Begegnungszentrum Leo Baeck“ Platz finden. Ein Stiftungsfonds für das Zentrum mit tschechischen und deutschen Institutionen war bereits 2008 gegründet worden. 2014 soll die Kaserne renoviert sein und Schulklassen, aber auch Seminargruppen und Schulungen für Polizeibeamte, Verwaltungsangestellte und Justizmitarbeitern in ganz Europa offenstehen. Bei der Gründung der Stiftung war auch Terezíns Bürgermeisterin Růžena Čechová dabei. Sie sagte: "Die Revitalisierung der Stadt nach dem Abzug der Garnsison ist eine gewaltige Aufgabe, die uns gelingen muss, wenn die Stadt überleben soll."

Es war die Elbeflut vom Sommer 2002, die den Startschuss gab für diese Revitalisierung. Zunächst aber standen die Festung und ihre Bewohner vor einer Katastrophe. In der Nacht zum 12. August hatte es zu regnen begonnen, der Starkregen sollte dreißig Stunden dauern. Nicht nur die Elbe trug Hochwasser, sondern auch die Eger, so dass Terezín am 14. August evakuiert werden musste. In der Stadtverwaltung machte sich Radek Vraný, ein Ingenieur, daran, die Festung zu retten. Er wollte die Fluten in die Festungsgräben lenken und die Tore der Stadt mit Sandsäcken verbarrikadieren. Vorbild war ihm das "Hundertjährige Hochwasser" an der Elbe vom 1845. Damals war Theresienstadt als einziger Ort in der Eger-Elbe-Schleife von den Fluten verschont worden.

Vranýs Kampf gegen die Fluten konnten das Schlimmste verhindern. Zwar standen die Straßen in Terezín unter Wasser, doch das Archiv der Kleinen Festung und die Bibliothek konnten gerettet werden. "Als die Flut schließlich abgezogen war, blickte die Stadtverwaltung nach vorne", sagt Uta Fischer. "Man beschloss nicht nur, die Schäden wieder zu beseitigen, sondern auch die Festungsanlagen wieder in den alten Zustand zurückzuversetzen." Statt Schrebergärten zwischen den Bastionen und weidenden Kühen in den Gräben wurde nun der barocke Zustand der einst größten Festung Europas wiederhergestellt – und ein Antrag bei der Unesco gestellt, Terezín in die Welterbeliste aufzunehmen.

Inzwischen steht Terezín auf der offiziellen Vorschlagliste der Unesco. "Doch unabhängig von diesem Status", meint Uta Fischer, "gilt die Festung schon heute als herausragendes Beispiel für die Festungsbaukunst des ausgehenden 18. Jahrhunderts."

Die Botschaft von Terezín



Der Weg durchs Untere Wassertor, den Susanne Stern aus Mährisch Ostrau im November 1944 gegangen war, ist bis heute ein beklemmender Weg. Vom Parkhotel, dem ehemaligen SS-Kameradschaftsheim, geht es über die Dresdener Kaserne, dem Drehort des NS-Propagandafilms, hinab zum Festungstor. Das Untere Wassertor ist neben dem Oberen Wassertor die einzige Möglichkeit, das ehemalige Ghetto in Richtung der Kleinen Festung zu verlassen. Wer von 1941 bis 1945 diesen Weg ins Gestapo-Gefängnis gehen musste, trug meist den Vermerk RU in den Papieren: "Rückkehr unerwünscht."

Denkmal an dem Ort, an dem die Asche in die Eger geworden wurde. (© Uwe Rada)



Unterhalb des Wassertors führt der Weg auf einem Damm nach Norden, nach zweihundert Metern ist das Ufer der Neuen Eger erreicht. An der Stelle, an der Susanne Stern und ihre unfreiwilligen Mithelfer die Papierurnen aus dem Kolumbarium in den Fluss waren, steht heute ein Denkmal. Es ist eine Stele mit einer betenden Frau. Es hat das ursprüngliche Denkmal, einen aus Birkenstämmen geformten Davidstern, ersetzt.

Im Juni 2009 fand in Prag und Terezín eine Konferenz von europäischer Bedeutung statt: die "Prager Konferenz über Holocaust-Vermögenswerte". Gerade in Ländern wie Tschechien, wo Juden nach dem Zweiten Weltkrieg weiter verfolgt wurden oder vergeblich auf eine Entschädigung warteten, sollte die Wiedergutmachtung auf die Tagesordnung gestellt werden. So sieht es eine "Theresienstädter Erklärung" vor, die von den Vertretern von 46 Staaten, darunter Tschechien, Polen, der Ukraine, Ungarn, Rumänien und den baltischen Staaten unterzeichnet wurde. Theresienstadt, das sollte nicht nur länger Tarnung, Täuschung und Als ob-Stadt sein, sondern auch Wiedergutmachung.

Uwe Rada

Uwe Rada

Uwe Rada

Uwe Rada ist Journalist und Publizist. Er koordiniert das Onlinedossier "Geschichte im Fluss" der Bundeszentrale für politische Bildung. 2013 erschien bei Siedler sein Buch Die Elbe. Europas Geschichte im Fluss, aus dem wir dieses Kapitel, stark gekürzt, entnehmen.


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