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1.11.2015

Russlands mythischer Fluss

Heute heißt es, die Wolga sei ein russischer Mythos. Das wurde sie aber erst spät in ihrer Geschichte. Zuvor lebten an ihren Ufern zahlreiche Völker, wie man an den Namen der Städte am Fluss ablesen kann. Als die Wolgaregion im 16. Jahrhundert russisch wurde, wurde der Strom zur Grenze zwischen Unterdrückung und Freiheit. Mit der Schreckensherrschaft Stalins begannen dann die Deportationen aus der Wolgaregion nach Sibirien oder Kasachstan.

Das Ipatievsky-Kloster in Kostroma am Goldenen Ring (© Alexander Goy)


"Sind wir in Russland?", fragte ich Ellis.
"Das ist die Wolga", antwortete sie.
Und plötzlich flogen wir schräg über die Wolga, dicht am Wasser, niedrig und in Schüben, wie die Schwalben vor dem Sturm. Unten klatschten schwere Wellen, der schneidende Wind schlug mit seinem kräftigen, kalten Flügel auf uns ein.
(Iwan Sergejewitsch Turgenew, Gespenster)


Twer, Jaroslawl, Nischnij Nowgorod, Tscheboksary, Kasan, Samara, Saratow, Wolgograd, Astrachan: An den Ufern der mehr als 3.500 Kilometer langen Wolga liegt die Hälfte aller großen russischen Städte. Sie entwickelten sich in dem Maße, in dem die eurasischen Weiten erschlossen wurden und sich der russische Staat herausbildete. Heute aber sind viele von ihnen Großstädte zweiten Ranges, befinden sich irgendwo im statistischen Mittel. Auch die Häusertypen und Straßennamen wiederholen sich, die grauen Fabrikrohre, die endlosen Zäune.

Mit dem Fluss sind diese Orte schon nicht mehr so eng verbunden wie in den Zeiten ihrer Entstehung. Politische Stürme und grausame Ideologien haben sie zerzaust und durcheinander gewirbelt. An den Städten an der Wolga erhalten und verwischen sich die Spuren postkommunistischer Orientierungslosigkeit und sowjetischer Ambitionen mit Schöpfungen aus früheren Epochen. In diesen Städten und in den kaum noch bewohnten Dörfchen kann man, zwischen rostenden Lastkähnen am Ufer, noch die magische Kraft des Flusses Wolga spüren. Wenn man an seinem Ufer steht und gut genug hinhört, ertönen die von diesem Fluss hervorgebrachten Geschichten aus dem sich kräuselnden Wasser.

Der Fluss der vielen Völker



Das Wasser der Wolga fließt von Nordwesten nach Südosten und schneidet dabei eine gigantische Festlandmasse entzwei. Die Wolgaquelle entspringt in einem kleinen Dorf im Verwaltungsbezirk Twer. Die letzte Stadt, die die Wolga erblickt, ist Astrachan. In alten Zeiten diente die Wolga als Grenze und Wasserstraße. In Richtung Osten reisten die Händler mit Pelzwerk und Honig den Fluss entlang, gen Westen mit Seide und Gold. Das Wolgabecken, vor allem aber die Wassermagistrale selbst, schuf die ersten Handelswege in diesem Teil Europas.

Seit der Bronzezeit eröffneten sie vielen Zugang zu den eurasischen Weiten: den Königreichen von Sumer und Akkad, den griechischen Poleis, iranischen Stämmen und den Bewohnern Anatoliens. Die alten Griechen drangen während der Perserkriege bis an die Ufer der Wolga vor, die Perser wiederum während der Feldzüge des Königs Darius gegen die Skythen an Wolga und Don. Die Wikinger eroberten den Wolgaraum zu Beginn unserer Zeitrechnung.

Die Gewässer der Wolga brachten völlig verschiedene Zivilisationen zusammen. An ihren Ufern lebten slawische, türkische und finno-ugrische Stämme. Und nach der Anordnung (Ukas) der Zarin Katharina II. aus dem Jahre 1763 begannen sich im unteren Wolgagebiet westeuropäische, vorwiegend deutschsprachige Emigranten anzusiedeln, die man in Russland "Wolgadeutsche" nannte.

Damals wie heute lebten an der Wolga Tschuwaschen, Tataren, Mari, Udmurten, Mordwinen und andere Völker. Von alledem erzählen die verschiedenen Namen des Flusses und die Namen der Wolgastädte. So soll sich der Name Astrachan aus den türkischen Wörtern as, "niedrig", und tarkan, "sich befindend", zusammensetzen. Kasan heißt aus dem Alttürkischen übersetzt "großer Kessel". Hinter dem Wort Twer (stille Festung) vermutet man finno-ugrische Wurzeln. Auch der Name Saratow stammt von türkischen Wörtern ab: Sara und Tau – "gelber Berg".

Die ersten Wolga-Mythen waren keine russischen. Die Wolga taucht in Legenden über das rätselhafte Chasarenreich auf, in dem religiöse Vielfalt herrschte, das Judentum aber die Hauptreligion bildete. Das chasarische Khanat reichte als gewaltiges Imperium vom Kaukasus bis zur oberen Wolga. Eben zur Chasarenzeit bildete sich an der Wolga Großbulgarien heraus (teils auf dem Gebiet des heutigen Tatarstan), wo man den Islam annahm. Ein wenig später entstand die slawische Wolga-Mythologie, der die russische Kultur so viel verdankt.

Russlands Verbindung zum Meer



Wahrhaft russisch wurde die Wolga – wenigstens ihr größter Teil – erst viele Jahre später, als Iwan IV., besser bekannt als "Iwan der Schreckliche", 1552 das tatarische Kasan erobert hatte. In jener Zeit musste die Wolga als Ersatz für das Meer dienen, weil das Zarenreich noch bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts über keinen eisfreien und sicheren Seehafen verfügte. Als Straße zur Welt und Quelle des Reichtums wurde sie in der russischen Kultur zur mystischen "Beschützerin Wolga". Was an dieser russischen Tradition Wunder nimmt: Obgleich man den Fluss als stark und klug darstellt, sind die Sagen und folkloristischen Überlieferungen über die Wolga fast immer traurig. In ihnen weinen sich die Menschen am Fluss aus und suchen bei ihm Erlösung. "Wolga, mein liebes, tiefes Flüsschen, zu Dir komme ich mit meinem Kummer." In anderen Ländern treten Flüsse in Märchen oft streng und grausam auf. Die Wolga niemals. Immer hört sie weise und geduldig zu.

Iwan der Schreckliche begründete den russischen Zentralstaat als feudalistische Monarchie. Aber während für Westeuropa der Schritt aus der feudalen Zersplitterung direkt in den Kapitalismus führte, vereinigte Russland die verschiedenen Territorien auf Grundlage einer immer noch feudalistischen Wirtschaft und Gesellschaft. Zum Beispiel entlohnte der Zar die von ihm dringend benötigten Soldaten nicht etwa mit Geld, sondern mit Grund und Boden und den darauf lebenden Bauern. Die Abhängigkeit der Bauern von ihren Herren erhielt schließlich 1649 die juristische Form der Leibeigenschaft und lebte als solche fort – offiziell bis zum Jahre 1861, in Wirklichkeit bis ins 20. Jahrhundert. Unter diesen Voraussetzungen erlitt der größte Teil der russischen Bevölkerung mehrere Jahrhunderte lang ein sehr schweres, ja fast ein Sklavendasein.

Seit dem 17. Jahrhundert wurde die Wolga immer stärker wirtschaftlich genutzt. Vor allem von den Kirchengemeinden, die dank des Fischfangs schnell zu Reichtum gelangten. Vom Osten her importierten zudem ganze Schiffskarawanen aus Übersee Waren über die Wolga. Russlandweit berühmt war deshalb die alljährliche Makarij-Handelsmesse am Kloster des gleichnamigen Heiligen, zu der bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts Kaufleute aus dem ganzen Lande angereist kamen. Und am Saratower Kloster entwickelte sich der größte Fischmarkt im ganzen damaligen Russland. Viele der ältesten dortigen Klöster zieren noch heute die Ufer der Wolga.

Und trotzdem blieben die Steppen- und Waldgebiete am Fluss unerschlossen. Man nannte sie die "wilden Weiten" – Räume, die Freiheit verhießen. Dorthin flohen leibeigene Bauern aus ihrem Sklavenleben. Sie gründeten eigene Dörfer und nährten sich dort von den Gaben der Wolga. Andere wiederum, die zwar nicht an die Scholle gebunden, aber zu Tributzahlungen verpflichtet waren, verdingten sich an der Wolga als Saisonarbeiter. Manche schufteten in den Salinen. Manche wurden Treidler und zogen die Flussschiffe gegen die Strömung. Die Wolga war Zeugin ihrer Mühen und Qualen.

Die Wolga der Kosaken



Jenseits ihres Ufers begann der große, noch völlig unbezwungene Raum des Ural. Er bot dem armen, unfreien Menschen die Möglichkeit, dem Unglück zu entkommen. Dafür steht die Wolga in den Volksliedern als Symbol. So wie in diesem:

"Oh du, Steppe weite, weite schrankenlose!
Ach Wolga-Mütterchen, du zwanglose!"


Die Wolga war die Grenze von der Unfreiheit zur Freiheit. Viele entlaufene Leibeigene wurden zu Räubern oder schlossen sich den unabhängigen Kosaken an. Gerade im Wolgagebiet lebten sie am einträglichsten.

"An der Wolga leben, das ist uns beschieden – als Räuber gelten wir hinieden!
Ziehn wir zum Fluss Jaik – ist dort die Furt nur Gefahr!
Doch bei Kasan – steht der schreckliche Zar."


Gegen Ende des 17. Jahrhunderts gab es nirgendwo im Zarenreich so viele vogelfreie Leute wie an der Wolga. Und hier war es auch, wo im Frühling des Jahres 1670 der erste russische Volksaufstand losbrach, unter Führung des zwischen Wolga und Don geborenen Kosaken Stepan "Stenka" Rasin. Hundert Jahre später nahm Jemeljan Pugatschow die Tradition des Aufstandes wieder auf, als Hauptfigur der Bauernkriege zwischen 1773 und 1775. Beide riefen alle nach Freiheit Strebenden auf, sich ihnen anzuschließen. Als Helden, denen der Fluss ihre Kraft verliehen hatte, gingen die beiden in die Wolga-Folklore ein.

"Nicht mehr Diebe noch kleine Gauner sind wir,
wurden Stenka Rasins Kampfgenossen,
Des Atamans Gehilfen,
Als wir dem Gouverneur seinen launischen Kopf abtrennten
und in Mütterchen Wolga versenkten."


In gewisser Hinsicht ging die endgültige Befreiung von der Leibeigenschaft dann wirklich von der Wolga aus. Denn im Wolgabecken bildete sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts der russische Kapitalismus heraus, Kaufleute und Fabrikanten gründeten neue Produktionsstätten und bauten sich Häuser. Die Städte an der Wolga gehörten nun zu den reichsten in Russland.

Die sowjetische Wolga



Auch während der Sowjetzeit blieb die Wolga ein Fluss der Mythen. Und auch diese Zeit besaß einen von der Wolga stammenden, fast mythologischen Helden – den in Simbirsk geborenen Wladimir Lenin. Die 1924 nach Lenins eigentlichem Familiennamen in Uljanowsk umbenannte Stadt Simbirsk sowie das 30 Kilometer von Kasan entfernte kleine Dorf Lenino-Kokuschkino wurden fast zu Kultstätten und zu Zielen von Schülerreisen aus dem ganzen Lande. Dort erhielt sich noch ein Teil des Gutes von Lenins Großvater.

Dem vom nachrevolutionären Bürgerkrieg zerstörten Sowjetrussland lieferte die Wolga Wasser und Strom. Bereits Ende der 1920er Jahre entstand der Plan zu ihrer Regulierung, dem man den Namen "Große Wolga" gab. 1932 begann man damit, den Fluss Moskwa durch einen Kanal mit der Wolga zu verbinden. 1932 gingen dann die ersten Wasserkraftwerke an der Wolga in Bau. In dieser Zeit begann auch die andere, die schreckliche Seite der Sowjetgeschichte an der Wolga – die Entkulakisierung und Deportation von Menschen aus dem Wolgagebiet. Wer wohlhabender war als andere oder einfach nur unbequem, wurde als Kulak, als Großbauer, denunziert und nach Sibirien verschleppt.

In der reichsten Region am Fluss, an der mittleren Wolga, begann die massenhafte Entkulakisierung bereits im Jahre 1930, zusammen mit dem Erlass über die Arbeits- und Besserungslager und mit der Gründung der Hauptverwaltung der Lager der UdSSR (Glavnoe Uprawlenie Lagerej = GULAG). In jenem Jahr sollten allein in Tatarstan 150.000 Familien deportiert werden, aber natürlich wurde der Plan übererfüllt. Zuerst wurden den Menschen ihre Ernte und ihr Hab und Gut genommen, dann wurden sie in noch nicht urbar gemachte Gebiete zwangsumgesiedelt. All dies war Teil des sowjetischen Plans zur schnellen Industrialisierung des Landes.

Vor die härtesten Prüfungen wurden die Wolgadeutschen gestellt. Zuerst wurden sie, ebenso wie die tatarischen Dörfer, zum Ziel der Entkulakisierung, und man konfiszierte ihre Lebensmittel. Dies führte zur gigantischen Hungersnot von 1933. Dann begann der "Große Terror", dem mehrmals nacheinander die gesamte Führung der Wolgadeutschen Republik zum Opfer fiel. Im September 1941 schließlich wurden alle dort übrig gebliebenen Deutschen innerhalb einer Woche in Waggons nach Mittelasien verladen.

Der überflutete Glockenturm von Kaljasin (© Alexander Goy )


Meine Großmutter Fatima – ein Opfer der ersten Zwangsumsiedlungen



Es war im Frühherbst 1931. Die Wolgaufer waren in jener Jahreszeit fast überall gelb und trocken. Einen gewöhnlichen Flussdampfer vor dem Dorfe Monastyrskaja bestiegen langsam immer mehr Menschen mit Bündeln. In der Luft hingen Stöhnen und leises Weinen. Nur wenige Leute blieben am Ufer stehen. Manche waren kühn genug, ihre guten Nachbarn zu verabschieden, die übrigen taten ihren Dienst.

Von denen auf dem Schiff hatte es niemand freiwillig bestiegen. Sie wussten nicht einmal, wohin sie sich jetzt aufmachten: ob der Dampfer wolgaabwärts fahren würde, aufwärts oder später in die Kama einbiegen sollte – nach Sibirien. "Schade um die Kleine, die schreibt so schöne Verse", hörte die zwölfjährige Fatima aus dem Gespräch zweier am Ufer Zurückbleibender. Sie begriff, dass von ihr die Rede war.

Auf ihr Unglück begann sich Fatimas Familie sofort vorzubereiten, nachdem Leute mit folgendem Befehl zu ihnen gekommen waren: "Nach der Getreideernte den Ertrag abliefern, das Vieh, die Haushaltsgeräte und Kleidung, Pelzmäntel und warme Umschlagtücher zugunsten der Dorfarmen versteigern lassen!"

Als nichts mehr im Hause war und nachdem schon lange aus lauter Angst niemand mehr in den kleinen Laden der Familie einkaufen kam, wurde Fatimas Vater verhaftet. An eben jenem Herbstmorgen hatte vor ihrem Haus ein Karren gehalten. Darauf saß ein Mann mit einem Gewehr, den alle im Bezirk als den Hasenjäger kannten. Er zwang Fatimas Vater und andere, willkürlich gewählte Leute auf den Wagen hinauf.

Dann der Dampfer. Auf ihm schipperte Fatima zum letzten Male in ihrem Leben auf der Wolga entlang. Das Schiff war mit Menschen überfüllt, sie alle wurden als Volksfeinde zu den Großbaustellen im Ural und in Sibirien geschwemmt.

Fatima überlebte die Erdhütten, die Knuten der Begleitmannschaften bei dieser speziellen Umsiedlungsaktion, den Hunger in den Kriegsjahren und wurde schließlich meine Großmutter mit ihren stets traurigen, grauen Augen.

Wenn ich an die Wolga denke, an deren Ufern viele Religionen und Völker friedlich zusammenlebten, wo Menschen die Freiheit fanden, wenn ich die Wolga vor Augen habe, die zu den ehrgeizigsten Projekten inspirierte, muss ich doch vor allem an diese Geschichte meiner Großmutter denken. Auch für sie wurde die Wolga zur Grenze, zur Grenze von der Freiheit zur Unfreiheit. Ihre Erinnerungen an das Leben am Fluss hielt sie in einfachen Gedichten fest. Sie halfen ihr, selbst lange am Leben zu bleiben und vielleicht einen neuen Mythos von den starken Menschen an den Ufern des großen Flusses zu begründen.

Aus dem Russischen von Barbara Kerneck

Nuria Fatykhova

Nuria Fatykhova

Nuria Fatykhova, geboren 1983 in Usbekistan, ist freie Journalistin, Bloggerin und Fotografin und lebt in Moskau. Sie stammt aus einer tatarischen Familie an der Wolga.


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