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1.11.2015

Moskaus Weg zur Wolga

128 Kilometer lang ist der Moskau-Wolga-Kanal, der die Moskwa mit Europas größtem Strom verbindet. Er war neben dem Belomor-Kanal das zweite Prestigeprojekt der Stalin-Ära. In seiner Geschichte verbinden sich Terror und Fortschritt.

Erste Erinnerungen



Medaille zu Ehren des Baus des Moskwa-Wolga-Kanals. (© Andrej Schemaschko)

An meinen ersten Eindruck vom Kanal erinnere ich mich noch genau: Unsere ganze Familie geht durch den dünn mit jungem Grün überzogenen Park zum Flussbahnhof mit seiner hohen Turmspitze. Wir sind festlich gestimmt. Aus den Lautsprechern ertönt Musik, und entlang der Parkalleen gibt es Sprudelwasser mit Sirup zu kaufen. Fahnen flattern, und vorne zeichnet sich schon die große, stählerne Wasseroberfläche ab, mit den weißen Schiffsrümpfen der Wolgadampfer "Bagration", "Michail Lomonossow", "Lermontow". Ich gehe an Luftkissenbootes "Rakete" und schaue zu, wie die von Unterwasserflügeln hochgehobene Nase Schleppen aus silbrigen Spritzern zur Seite schleudert, schaue auf das mir entgegen fliegende Wäldchen, auf die Eisenbahnbrücke über meinem Kopf und auf die sich plötzlich öffnende Weite des großen Wasserreservoirs – die Talsperre von Chimki – getüpfelt mit weißen Yachtsegeln.

Ein Gruß an die Toten



Wer auch immer über den Moskwa-Wolga-Kanal schreibt, muss anerkennen: Von seinen Dimensionen her ist dieses Bauwerk bis heute in jeder Hinsicht einzigartig. Auch wenn es sich nach dem Weißmeer-Kanal "Belomor" um das zweite Großbauprojekt handelte, das ausschließlich aus Straflagern heraus entstand, so war in der Endetappe doch das gesamte Land beteiligt an der Herstellung und Montage der Einzelteile für die Schleusen und Kraftwerke. Noch heute sind am ganzen Kanal die technischen Anlagen aus der Sowjetzeit in Gebrauch. Und so merkwürdig es klingen mag: Die existierenden modernen Betriebe können nichts Derartiges produzieren. Der Kanal versorgte die Hauptstadt mit Wasser und elektrischem Strom, daneben ermöglichte er komplett neue Industriezweige. Für seine aufwändige Gestaltung wurden die besten Architekten und Künstler herangezogen.

In gewissem Sinne wurde der Kanal zum "Triumph" der Stalinschen "Lagerökonomie", und die bei seinem Bau entwickelten Methoden hätte man wohl auch in Zukunft angewandt, um globale Aufgaben des "sozialistischen Aufbaus" zu bewältigen. Doch eine neue Katastrophe – nämlich der Zweite Weltkrieg – beendete die massenhafte Ausbeutung von Sträflingsarbeit; die menschlichen Ressourcen waren erschöpft. Wenn wir also vom Moskwa-Wolga-Kanal als großer Errungenschaft des Volkes sprechen, sollten wir – ebenso wie am Jahrestag des Sieges im Zweiten Weltkrieg – das Gedenken jener Menschen ehren, die unter dem Fundament unserer "lichten Zukunft" begraben liegen.

Anfang der 1930er Jahre, als der Bau des Kanals begann, ging gerade die Kollektivierung der Landwirtschaft unter Stalin zu Ende. Sie hatte Massen von Bauern, die an schwere körperliche Arbeit gewöhnt waren, in die Straflager geliefert. Viele Neuerungen in der Produktion waren Folgen dieses Kanalbaus und erlaubten es der UdSSR später, mit einem Sprung in die Reihe der industrialisierten Länder vorzurücken. Das alles beruhte auf der zuvor nie dagewesenen Arbeitsproduktivität in diesem Lagerkomplex. Dieser Widerspruch durchdringt unsere neuere Geschichte, und daran können wir nichts korrigieren oder ändern. Wir können dessen nur gedenken. Für das Gedenken aber ist Wissen unverzichtbar.

Ein neuer Kanal



Arbeiter beim Bau des Moskwa-Wolga-Kanals. (© Andrej Schemaschko)

Die Stadt New York verbrauchte zu Beginn der 1930er Jahre pro Einwohner in 24 Stunden 484 Liter Wasser, in Paris waren es 460, in London 200, Wien brauchte 148, Moskau 128 Liter. Moskau konnte sich so weder als Stadt weiterentwickeln noch als industrielles Zentrum, geschweige denn als das neue und ehrgeizige politische Projekt: als rote Welthauptstadt. Ohne einen guten Schluck frischen Wassers hätte Moskau nicht überlebt. Alle diese Ursachen führten dazu, dass man im Jahre 1931 drei Varianten des Moskwa-Wolga-Kanals technisch ausarbeitete und schon 1932 die Kanalbauverwaltung gründete. Ausgeführt werden sollte der eigentliche Bau mit der Kraft der "Kanalarmisten", schlicht gesagt der Häftlinge des größten Lagers der Stalinzeit: Dmitlag, benannt nach dem stillen Städtchen Dmitrow auf halbem Wege zwischen Moskau und der Wolga.

Am besten geeignet war die von dem jungen Ingenieur Iwan Semjonow vorgeschlagene Kanalvariante. Sie beinhaltete den Bau von elf Schleusen, drei Eisenbahndämmen, sieben Wasserableitungsvorrichtungen, sechs Erdwällen und acht Wasserkraftwerken. Die gesamte Strecke war in 13 Bauabschnitte eingeteilt, an denen die Arbeiten unverzüglich begannen. Anfangs sollte der Kanal schon 1934 übergeben werden, das heißt nach zwei Jahren. Sowohl der Chef des Dmitlag, Semjon Firin, als auch der Chef der Baubehörde Moskwa-Wolgostroj, Lasar Kogan, wie auch der Hauptingenieur des Baus, Sergej Schuk – sie alle hatten die Schule des Belomor-Kanal absolviert und wussten folglich, wie man einen Kanal in zwei Jahren bauen konnte, bloß mit Hilfe von Sprengstoff, Schubkarren, Sägen, mechanischen Pumpen und hölzernen Kränen. Gerade dies aber erwies sich bei dem neuen Kanal als nicht so einfach. Die in dem Projekt vorgesehenen komplizierten und kolossalen hydrotechnischen Anlagen machten es unmöglich, die Aufgabe "von Hand" zu lösen.

Schon der erste Bauabschnitt, die vorgesehene Mündung des Kanals in die Wolga bei dem Dorf Iwankowo, erwies sich als sehr kompliziert. Im wilden Dickicht musste man hier ein erstrangiges strategisches Objekt errichten: den heute als Kraftwerk von Iwankowo bekannten Staudamm an der Wolga. Schließlich schlugen die Ingenieure eine originelle Lösung vor: das Eisenbetonwehr auf dem Trockenen zu bauen und erst danach die Wolga mit Hilfe aufgeschütteter Deiche in ein neues Flussbett umzuleiten. Vom Gelingen dieses Plans hing die ganze Zukunft des Kanals ab. Doch von der Idee für dieses Projekt bis zu ihrer Realisierung vergingen Jahre, in denen man zunächst bloß Voraussetzungen schuf. Der Staudamm blieb eine Zeichnung auf dem Papier, ehe man nicht Wasserwerfer zum Anschwemmen der Deiche einsetzte, eine Stichbahn in den "Iwankowsker Hinterwald" zog und schließlich, im Jahre 1935, dort eine Zementfabrik fertigstellte, die künftig größte der UdSSR.

So verhielt es sich auch an einem anderen komplizierten Kanalabschnitt, an der so genannten "Tiefen Senke", einem sechs Kilometer langen Teil der Moskau-Dmitrowsker Hügelkette, durch die man einen 23 Meter tiefen Einschnitt schaffen und dafür zehn Millionen Kubikmeter Erde bewegen musste. Diese Aufgabe wurde erst lösbar, als die (wiederum im Jahre 1935) erbaute Kowrowsker Baggerfabrik für den Kanal 171 Bagger lieferte. An der tiefen Senke arbeiteten 30 Bagger gleichzeitig, Tag und Nacht fuhren mit Erde beladene Züge aus ihr heraus.

Für die Lösung aller Aufgaben am Kanal gab es die ganze Zeit über eine gleichbleibende, zusätzliche Voraussetzung – wieder und wieder neue Massen frischer Arbeitskräfte. Im Oktober 1934 trafen im Dmitlag die ersten Gefangenenstaffeln aus anderen Lagern ein. In den Jahren 1934 bis 1936 wuchs die Anzahl der Häftlinge, die sich gleichzeitig im Dmitlag befanden, von 88.500 auf 192.000 an. Um eine derartige Menschenmasse effektiv zu verwalten, bedurfte es mehr als nackter Gewalt. Die Namen der damals am Reißbrett geplanten Siedlungen – Tempy (russisch: Tempo), Sorewnowanie (Wettbewerb) – liefern uns die Schlüssel für die psychologische Mobilisierung für den Kanalbau.

Die Umschmiedung



Die Worte "Umschmiedung" wie auch das stolze "Kanalarmist" (statt der erniedrigenden Abkürzung S/K für Häftling) hatte man schon am Belomor-Kanal erfunden. Umschmiedung konnte sich nur im Kollektiv vollziehen, und zwar in einem avantgardistischen. Nur wenn man die Norm um 120 Prozent übererfüllte, konnte man "seine Vergangenheit auf dem Kanalgrund ertränken" und sich gleichzeitig eine mehr oder weniger erträgliche Lebensmittelration und vorzeitige Freilassung verdienen.

Am 25. August 1933 fand in dem extra in die Hauptstadt des Kanalbaus, nach Dmitrow, verlegten Klub "Belomorkanal" die berühmte "Blitzkonferenz der Stoßarbeiter" statt. Die Teilnehmer waren Tschekisten (so genannt nach der Tscheka, einer Vorläuferorganisation des Staatssicherheitsministeriums NKWD), dazu Vertreter von berühmten Kollektiven aus dem Baukomplex "Belomorstroj" und Sowjetschriftsteller, die unermüdlich verfolgt hatten, wie sich dort Menschen, die als "Auswurf" angesehen wurden, in von ihrem Werk beflügelte Arbeitswütige verwandelten. Das Wort ergriff der Lagerchef Semjon Firin. "Was ist im Belomorstroj passiert? Zehntausende von Häftlingen wurden einer Handvoll Tschekisten übergeben. Wir waren 37 Menschen. Und diese Häftlinge sollten wir umerziehen." Der im Saale anwesende Maxim Gorki konnte sich eine Träne nicht verkneifen: "Ihr begreift ja selbst nicht mal, was ihr vollbracht habt, ihr Teufelskerle!" Die Tschekisten lächelten. Der Saal antwortete mit einer Ovation.

Bei der allgemein verbreiteten Vorstellung von den Stalinschen Lagern als Todesfabriken nimmt sich das Leben im Dmitlag bei näherem Hinsehen merkwürdig aus. So waren bei seiner Errichtung auch ein eigenes Orchester vorgesehen, eine Fußballmannschaft, ein Agit-Prop-Theater und Künstlerateliers, eigene Presseorgane und in dem Abschnitt am nördlichen Rand der Stadt Dmitrov Musterbaracken. Im Lager arbeiteten Künstler, komponierten Lagerkomponisten. Spezialisten von der Kulturpädagogischen Abteilung überwachten ständig das Schaffen der Laienkünstler. Die Avantgardisten dieser Sphäre bekamen als Lohn sogar Bons, die sie gegen Waren aus den Lagerkiosken eintauschen konnten.

Semjon Firin, der Chef des Dmitlag, war kein gewöhnlicher Tschekist. Ihm fehlte die Engstirnigkeit und hinterhältige Bosheit anderer NKWDler. Das Leben hatte ihn bereits ins Ausland geführt. Er war in Deutschland und Frankreich gewesen, verstand mehrere europäische Sprachen. Er war belesen. Im Dmitlag fungierte er als Mäzen der Künste. Die Kommunikation mit den Lagerkünstlern, Dichtern und Musikern wurde ihm zum ständigen Bedürfnis. Auch für die gewöhnlichen Häftlinge versuchte er menschlichere Bedingungen zu schaffen. Oft sagte er: "Wir sollten hier Bedingungen schaffen, angesichts derer die Häftlinge begreifen: In der Freiheit ist es schlimmer als im Lager."

Für alle Presseorgane des Lagers zeichnete Firin als verantwortlicher Chefredakteur. Die Lagerzeitung Die Umschmiedung verfügte über 6.000 Korrespondenten entlang der gesamten Kanaltrasse. Permanent erschienen Zeitungen wie der Kanal Sarbdary für turksprachige Insassen, die Zeitung zum Lesenlernen Nieder mit dem Analphabetentum sowie die Frauenzeitung Die Kanalarmistin. Zwei Jahre lang kamen am Kanal die Literaturzeitschrift Zum Sturm auf die Trasse (insgesamt 28 Nummern) und die Buchreihe Bibliothek der Umschmiedung heraus. Dies alles druckte die eigene Druckerei des Dmitlag. Als der Kanal fertig war und das folgende "versteinerte" GULAG-System derartige Romantik nicht mehr benötigte, wurde Semjon Firin erschossen. Jede Handlung am Kanal konnte vom Staatsapparat zu deinen Gunsten oder Ungunsten ausgelegt werden. Wahrscheinlich ist nur Alexander Solschenizyn mit seiner Darstellung im Archipel Gulag dem Phänomen der "Umschmiedung" und der Massenbewegung der Stoßarbeiter gerecht geworden.

Es gab Wettbewerbe für die Kanalarmisten um das rote Wanderbanner des Zentralstabes. Des Bezirksstabes. Des Abteilungsstabes. Einen Wettbewerb zwischen den Außenstellen, einen um die Ausrüstungen, einen zwischen den Brigaden. "Jetzt wird das Rote Banner übergeben und man vernimmt ein Blasorchester!", hieß es in einem Zeitungsbericht: "Es spielt den Siegern tagelang auf – während der Arbeit und während des leckeren Essens." Das leckere Essen ist auf den Aufnahmen nicht zu erkennen, dafür aber ein Scheinwerfer. Für die Nachtarbeit. Der Wolga-Kanal wurde rund um die Uhr gebaut. In jeder Gefangenenbrigade berieten sich drei Wettbewerbsbeauftragte. Danach gab es eine Bilanz – und Resolutionen. Resolutionen – und wieder eine Bilanz. Die Bilanz der Stürmung des Verbindungsdammes für den ersten Fünftagesplan. Für den zweiten Fünftagesplan. Die Zeitung des gesamten Lagers Die Umschmiedung druckt einen Aufruf: "Arbeiten ohne Ruhetage!" Allgemeines Entzücken! Allgemeine Zustimmung! Nicht krank werden und sich von nichts befreien lassen!

Rote Bretter. Schwarze Bretter. Ehrenbüchlein. In jeder Baracke hängen Ehrenurkunden, Umschmiede-Fenster (Plakate mit Fotos oder politischen Karikaturen), Grafiken, Diagramme. Erneuter Aufruf: "Jeder Häftling muss die Produktionspläne kennen! Und jeder Häftling muss sich im politischen Leben des gesamten Landes auskennen." Ununterbrochenes Arbeiten, ununterbrochen wachsende Hysterie, keine freie Minute, keine Klage. Oh Wunder! Oh Umgestaltung!

Die wichtigste Erfindung im Baukomplex Moskwa-Wolgostroj waren Brigaden-Kontrakte, eine Art kollektiver Haftung, bei der die Brigade wegen des vermeintlichen Fehlverhaltens eines Häftlings ihrer Nahrungsprämie verlustig gehen konnte, manchmal den ganzen Hirsebrei und hundert Gramm Brot verlor. Unter solchen Bedingungen bedeutete das Kollektiv alles. Nicht einmal sterben durfte hier ein Mensch aus eigener Entscheidung. Und dennoch erhöhte es das Prestige, zu einem Arbeitskollektiv zu gehören: Die Hälfte der Häftlinge im Dmitlag wurden in solche Kollektive gar nicht erst aufgenommen. Den Arbeitskollektiven grundsätzlich nicht angehören durften Geistliche, Sektierer, überhaupt Gläubige – und die "Politischen".

Haupthelden der Umschmiedung wurden gewöhnlich die den Tschekisten sozial nahe stehenden "Ganoven". Manche dieser Kriminellen kannte das ganze Land aus den Zeitungen: Einer von ihnen war Anuschewan Lasarjew, der es schaffte, eine 450 Mann starke Brigade zu leiten. In seiner "Beichte" schrieb er: "Ich weiß nicht, wie alt ich bin, kenne nicht einmal meinen richtigen Familiennamen. Aus meiner Kindheit ist mir nur der Vorname geblieben, Anuschewan oder Anusch. Ich habe mir zweiunddreißig Gerichtsurteile eingehandelt, alle wohlverdient. Ich will all das Alte vergessen. Warum den Schmutz und die Gemeinheiten vom Grunde der Vergangenheit aufrühren, ich habe das alles hinter mir gelassen."

Leninstatue und Angler am Moskwa-Wolga-Kanal bei Dubna am Iwankowoer Stausee. (© Andrej Schemaschko)

Die Rechenschaftsberichte der Stoßarbeiter vom Kanalbau klingen bisweilen rührend unwahrscheinlich: "Der Kanalarmist Serych in Karamyschew hat den Umschlag um 400-500 Prozent gesteigert, indem er die Schubkarre umrüstete (offenbar hatte er die Wände erhöht). Der Aktivist Tarassow aus dem Südbezirk geht dazu über, an drei Elektroschweißer-Werkbänken gleichzeitig zu arbeiten."

"Den Umfang der geleisteten Arbeit 'aufzublasen', das gehörte zu jeder Bilanz unbedingt dazu, anders hätten die Häftlinge nicht überleben können", schrieb der Augenzeuge des Bauprojektes, der Chauffeur Nikolaj Fjodorow: "Dieses System erstreckte sich auf die gesamte staatliche Rechnungsführung, in der Presse aber wurden nur die 'Supersiege' aufgeblasen. In Wirklichkeit misslang es permanent, die für den Bau gesetzten Fristen einzuhalten, dabei wurden häufiger und unnachsichtiger Gesamtkollektive mobilisiert und hastige Nachbesserungsarbeiten angesetzt. Gleichzeitig erlitten immer mehr Häftlinge Unfälle oder kamen bei Erdrutschen an den hohen, steilen Hängen um, beim Einbruch von Verschalungen und beim Betonieren."

Das Dmitlag wurde zum größten "Lagerunternehmen" in der Geschichte der UdSSR, nach den Einschätzungen verschiedener Experten durchliefen es zwischen 800.000 und 1,5 Millionen Menschen. Wie viele von ihnen darin umkamen, wissen wir nicht. Im Wesentlichen waren das der Entkulakisierung zum Opfer gefallene Bauernburschen, ausgezeichnete Leute, die, wie sich später während des Zweiten Weltkriegs herausstellen sollte, niemand ersetzen konnte. Die noch heute verbreitetste Schätzung spricht von 22.885 Todesopfern. Erstmals genannt wurde diese Zahl offenbar schon in den 1930er Jahren. Nach dem Motto: Wie viele sind beim Bau des Panama-Kanals umgekommen? 25.000? Na, dann sind es bei uns wohl etwa genauso viele gewesen. Das Archiv des Dmitlag wurde im Jahre 1941 in Begleitung zweier Personen auf der Wolga nach Uljanowsk geschafft und dort gleich am Anleger von bereits wartenden NKWD-Mitarbeitern verbrannt. Die wichtigsten Dokumente wurden vernichtet. Die übrigen sind bis heute nicht zugänglich.

Puschkins hundertster Todestag



Gegen Ende des Kanalbaus, im Februar 1937, jährte sich der Todestag des Dichters Alexander Puschkin zum hundertsten Male. Einem Befehl zufolge sollten in allen Unterlagern am Kanal Puschkin-Wettbewerbe stattfinden, um den Dichter als aktiven Kämpfer gegen die zaristische Herrschaft darzustellen. Jede kulturpädagogische Abteilung musste dazu eine Maßnahmenliste vorlegen. Die Künstler malten Puschkin-Porträts, die Agitatoren lasen den Häftlingen Puschkins Biografie vor, und um die Angehörigen auch jeder nationalen Minderheit zu erreichen, übersetzte man Puschkin sogar ins Tatarische. Es gab Gedichtlesungen, Theateraufführungen. Doch die Auseinandersetzung mit Puschkins Poesie führte nicht ganz zu dem Resultat, das sich die GULAG-Leitung erhofft hatte: die Verse drangen in den Alltag des Dmitlag wie frischer Wind aus einem freien, ungenormten Leben. In den Häftlingen erweckten sie Hoffnung.

Die Inbetriebnahme



Seit dem Frühjahr des Jahres 1937 bereitete sich die Kanalverwaltung auf seine Eröffnung vor. Zu diesem Termin baute man eine Motorschiff-Flotille. Das Flagschiff hieß natürlich "Jossif Stalin", danach kamen "Wjatscheslaw Molotow", "Klim Woroschilow", "Michajl Kalinin".

Am 23. März 1937 gab Sergej Schuk in Anwesenheit aller Hauptverwaltungsleiter des Moskwa-Wolgostroj den Befehl, die Trennwände am Staudamm von Iwankowo herunterzufahren und ihn damit zu schließen. Von diesem Moment an begann sich die Talsperre dort mit Wasser zu füllen. Neben Dörfern, Wäldern und Auen ging auch die alte Stadt Kortschewa im Wasser unter. Einige ihrer Bewohner wollten die Gräber ihrer Vorfahren nicht im Stich lassen und erwarteten ihre Todesstunde in ihren Häusern.

Am 17. April war der Kanal ganz mit Wasser gefüllt. Am 22. April besuchten Stalin, Molotow, Woroschilow und der neue Chef des NKWD, Nikolaj Jeschow, den Knotenpunkt bei Ikschinsk. Sie machten sich mit der Pumpstation und der Arbeit der Schleusen vertraut. Am 28. April verhaftete man den Chef des Dmitlag, Semjon Firin, und den Personalchef, Sergej Puschizki. Kurz nach ihnen wurden weitere 219 Menschen verhaftet, von denen man viele noch vor Ende des Jahres 1937 erschoss. Am 20. Mai des Jahres 1937 kam Befehl Nr. 00266 des NKWD der UdSSR heraus, ihm zufolge mussten alle Arbeiten am Kanal zum 20. Juni abgeschlossen und das Lager so gut wie abgewickelt sein.

Die große Baustelle war verschwunden. Es blieb der Kanal. Das Denkmal für eine unbeschreibliche Heldentat des Volkes. Den Staat kam er sehr billig zu stehen – alles in allem bloß 1,5 Milliarden Rubel – kein Preis für eine Strecke von 128 Kilometern und einige Dutzend einzigartiger hydrotechnologischer Anlagen. Der Großteil des Kanalbaus war nicht mit Geld bezahlt worden, sondern mit Menschenleben. Aber der Kanal war nicht nur die Heldentat hunderttausender gefangener Kanalarmisten gewesen, das ganze Land hatte für ihn gearbeitet. Ein Land, das zu Beginn des Kanalbaus in industrieller Hinsicht noch sehr rückständig war und aller Logik nach nicht imstande, ein derart kompliziertes Ensemble hydrotechnischer Anlagen zu erschaffen. Und dennoch wurde genau das vollbracht.

Entlang des Moskwa-Wolga-Kanals entstehen wie hier in Moskau neue Wohntürme für wohlhabende Russen. (© Andrej Schemaschko)


Meilenstein der Industriegeschichte



Es war eine Sache gewesen, den Kanal auszuheben, eine ganz andere aber, ihn auszurüsten. Umso mehr, als dafür riesige, nie gesehene Anlagen nötig waren, die man nicht einmal in allen hochindustrialisierten Ländern hätte produzieren können.

Nehmen wir die Turbinen für das Wasserkraftwerk bei Iwankowo. Mit den ersten Planungen auf dem Gebiet des Wasserturbinenbaus hatte man in der UdSSR im Jahre 1923 begonnen, nach dem Plan für die Elektrifizierung Russlands. Nun ist aber eine Turbine in der Realität keine Zeichnung. Sie bedeutet ein ganzes Elektrowerk. Sie bedeutet Ausmaße und Tonnagen. Sie ist eine Vorrichtung von höllischer Gewalt. Am Wasserkraftwerk von Iwankowo quälte man sich mit der ersten Turbine monatelang ab. Dafür wurden diejenigen in den folgenden Einrichtungen binnen weniger Wochen montiert.

Nehmen wir eine Wasserpumpe, eigentlich ein kleines Ding. Traditionell waren sie wirklich klein; denn sie dienten meist der Bewässerung von Feldern. Die Sowjetindustrie stellte damals keine Pumpen von mehr als 500 Pferdestärken her. Aber jetzt brauchte man welche von 4.000-5.000 PS. Das bedeutete, dass sie 24 Tonnen Wasser pro Sekunde pumpen können mussten. Es dauerte zwei Jahre, bis man eine Pumpe von der benötigten Kraft geschaffen hatte. So etwas gab es nirgendwo auf der Welt. Die Aggregate wogen zusammen 90 Tonnen, der Durchmesser des Schaufelrades betrug 2,5 Meter, in das Zuleitungsrohr konnte ein Lastwagen hineinfahren.

Der Presse jener Jahre ist immer wieder Verwunderung über diese Superlative anzumerken: Länge und Breite der Schleusen, die automatischen Steueranlagen – all dies wirkte wie ein wahres Wunder im Zeitalter der "Schubkarrenökonomie". Der Kanal verlangte neuartige, schwerere Lastwagen, hier tauchten die ersten Kipplaster auf, die ersten Portalkräne mit einer Kapazität von 150 Tonnen, entlang des Kanals wurden Dutzende von Fabriken gebaut.

Natürlich stammten die Entwürfe für das größte Bauvorhaben der UdSSR auch von den führenden Architekten jener Zeit. "Nirgendwo in der kapitalistischen Welt haben sich Kanalbauer um die Architektur ihrer Anlagen gekümmert", schrieb Iossif Fridljand, Chefarchitekt des Moskwa-Wolgostroj, "bei uns hingegen, sieht das ganz anders aus. Wir wollen das Leben der Werktätigen mit Schönheit sättigen, damit jeder von uns inmitten der vortrefflichsten Kunstwerke aufwächst, arbeitet und sich erholt." Fridljand hielt die Moskauer Metro für das beste Beispiel einer sich organisch mit dem Leben vereinigenden Kunst.

Um das Leben zu beschreiben, braucht man immer mehr als eine Farbe. Und sogar in der schrecklichen Geschichte des Moskwa-Wolga-Kanals gab es Platz für ehrlichen Enthusiasmus, vielleicht aus einem eigentümlichen, von den Maßstäben des großen Bauvorhabens erzeugten Rausch heraus. Es war eine dramatische Zeit: Im Jahre 1917 hatte Russlands Geschichte mit der Oktoberrevolution ihr natürliches Flussbett verlassen, und im Jahre 1937 war sie noch nicht wieder dorthin zurückgekehrt. Unser Geschichtsbild allerdings entsteht nicht daraus, wie wir einmal gewesen sind. Sondern daraus, wie wir heute sind.

Warum schreibe ich das?

Ich muss daran denken, wie ich einmal in Dmitrow ans Kanalufer gefahren bin, um das Gedenkkreuz zu fotografieren, das man dort an der Uferterrasse für jene aufstellte, deren Namen wir nie mehr erfahren werden. Dafür gesammelt hatte ein Professor der Moskauer Staatlichen Universität, Michail Golizyn.

Plötzlich hielt mich etwas mit Gewalt zurück: Blechdosen, Flaschen, Präservative am Ufer – und dieses Kreuz. Ich weiß nicht, was mit unserem Bewusstsein los ist: es stumpft ganz offensichtlich ab, wenn sich Leute auf den Gebeinen der namenlosen Erbauer des Kanals betrinken und hier Liebe machen. Darin liegt eine gefährliche Unzurechnungsfähigkeit. Das ist schlimmer als Blindheit. Schlimmer als das Zubetonieren des von dem Künstlers Ljew Bruni an der Schleuse Nr. 6 geschaffenen Panneaus, welches man im Jahre 1937 für "schädlich" hielt. Darauf waren vor dem Hintergrund der hochwachsenden Anlagen Leute mit Schubkarren abgebildet, sie stellten die Erbauer dar. Das Volk.

Manchmal werde ich gefragt: Was willst du eigentlich noch? Ich antworte: Dass wir jedes Mal, wenn wir an dieses Ufer kommen, in Gedanken still für sie beten.



Aus dem Russischen von Barbara Kerneck

Wassili Golowanow

Wassili Golowanow

Wassili Golowanow, geboren 1960 in Moskau, ist Journalist, Schriftsteller und Fotograf. Er arbeitet für verschiedene Literaturzeitschriften und veröffentlichte zahlreiche Bände mit preisgekrönten geopoetischen Essays und Reportagen. Auf Deutsch erschien bei Matthes & Seitz Die Insel oder Rechtfertigung des sinnlosen Reisens.


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