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26.8.2008

Holocaust-Erziehung

In den 1970er Jahren setzte eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema Holocaust ein. Heute wächst bei Schülern, aber auch bei Lehrern das Gefühl, dass die Präsenz des Themas in den Medien ausreichend Informationen bietet. Ist das wirklich so? Wie sollen Schulen reagieren und welche pädagogischen Konzepte sind zeitgemäß?

Besucher betrachten Dokumente in der neuen Dauerausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau Dora in Nordhausen, Thüringen, am Freitag, 8. Sept. 2006. Mehr als 60.000 Haeftlinge hatten hier gegen Ende des 2. Weltkrieges eine unterirdische Rüstungsfabrik für den Bau von Raketen errichtet. (© AP)


"Holocaust-Education"



Die Ausstrahlung der vierteiligen amerikanischen Fernsehserie "Holocaust" Ende der 1970er Jahre hat trotz ihrer fiktiven Geschichte, die manche als Seifenoper bezeichneten, nicht nur in Deutschland zur Einführung des Begriffs "Holocaust" für die nationalsozialistische Vernichtung der Juden geführt, sondern auch eine breite öffentliche Auseinandersetzung mit dem Mord an den europäischen Juden angestoßen.

In den 1980er Jahren wurde in vielen Ländern darüber diskutiert, wie das Thema Holocaust nachhaltiger in die Erziehungsarbeit eingebunden werden könnte. International hat sich für die pädagogische Auseinandersetzung mit dem Holocaust in Forschung und Praxis der Begriff "Holocaust-Education" durchgesetzt, der in zweierlei Hinsicht problematisch ist. Zum einen beschreibt der Terminus Holocaust in seiner Bedeutung "Brandopfer" nicht annähernd die industriell betriebene Vernichtung der Juden während des Nationalsozialismus.

In einigen Ländern findet daher mehr und mehr der Begriff Shoah Verwendung, der aus dem Hebräischen stammt und "Unheil", "große Katastrophe" bedeutet. Zum anderen wird unter "Holocaust-Erziehung" nicht so sehr eine Vermittlung kognitiven Wissens über den Holocaust verstanden, sondern vielmehr eine Moral- und Werteerziehung, die gegen Rassismus, Rechtsextremismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und vieles mehr immunisieren soll und das eigentliche Geschehen immer weiter in den Hintergrund treten lässt. Die Vermittlung historischen Wissens steht dabei nicht im Mittelpunkt.


Der Holocaust lässt sich auch nicht zum bloßen historischen Ereignis reduzieren. Neben der Vermittlung kognitiven Wissens muss die Auseinandersetzung mit Erinnerungsabwehr und Schuldprojektionen auf die Opfer des Holocaust, die zu einem sekundären Antisemitismus, also einem Antisemitismus wegen Auschwitz führen können, ein zentrales Anliegen der schulischen Bildung sein. Politische Skandale, Erinnerungskultur und -narrative in den letzten Jahren haben gezeigt, dass der Holocaust Teil der politischen Kultur der Bundesrepublik ist und als solcher durchaus immer wieder Auswirkungen auf die Tagespolitik hat und aktuelle Debatten bestimmt. Zudem gilt es den Holocaust ebenso unter dem Aspekt zu betrachten, wie stark das Trauma der Verfolgung bis heute bei den Kindern, Enkelkindern und Urenkeln der Opfer nachwirkt. Deshalb müssen sich die nachwachsenden Generationen mit der Thematik in ihren aktuellen Bezügen auseinandersetzen und die jüdische Erfahrung von Ausgrenzung und Verfolgung als Teil der historischen Bildung erfahren. Allerdings heißt dies auch, die Inhalte der "Holocaust-Erziehung" den veränderten Lebenssituationen jeder neuen Generation anzupassen.

Pädagogische Konzepte



Pädagogische Konzepte, die vor Jahren noch wirkungsvoll waren, müssen dies nicht bis heute sein. Eine wichtige und kaum zu ersetzende Methode, bei Kindern die notwendige Empathie und damit den Schlüssel für Verständnis zu erzeugen, sind die Gespräche mit Zeitzeugen. Allerdings werden solche Konzepte aus altersbedingten Gründen bald der Vergangenheit angehören. Videoaufzeichnungen von Interviews, wie sie etwa das Visual History Archive der Shoah Foundation anbietet,[1] können den Verlust nur bedingt ausgleichen, bieten aber wohl in der Zukunft, neben Tagebuchaufzeichnungen und Erinnerungsliteratur, die einzige Möglichkeit, persönliche Erlebnisse und Erfahrungen der Verfolgung zu vermitteln.

Quelle: ALLBUS 2006 / Berechnungen von Prof. Albert Scherr und Barbara Schäuble 2006.

Der Holocaust kann als Schablone für viele aktuelle Probleme von Asyl, Flucht, Genozid, Verhältnis von Mehrheit und Minderheit, Fremdheitsgefühle im eigenen Land dienen. Solche Vergleiche sind aber nur dann sinnvoll, wenn sie mit ihrem jeweiligen historischen Kontext vermittelt werden und nicht zu einer Gleichsetzung führen, die die Gefahr einer Verharmlosung des Holocaust birgt. Aktuelle Bezüge können sinnvoll sein, bergen aber immer auch die Gefahr einer Überfrachtung der "Holocaust-Erziehung" mit gesellschaftspolitischen Ansätzen. Dies gilt ebenso für die Vorstellung, "Holocaust-Erziehung" sei ein Präventivmittel gegen Antisemitismus, Rechtsextremismus, Intoleranz und Ausländerfeindlichkeit oder würde gar gegen solche gesellschaftlichen Auswüchse immunisieren.

"Holocaust-Erziehung" kann Jugendliche für die Gefahren des Antisemitismus sensibilisieren, aber nie dagegen "immunisieren". Empathie ist eine notwendige Voraussetzung, moralisierende Töne hingegen sind kontraproduktiv und können Distanz und Abwehrhaltung erzeugen. Ausländerfeindlichen Äußerungen in einer Klasse mit dem Hinweis auf Auschwitz zu begegnen, ist in höchstem Maße kontraproduktiv, denn es wird weder helfen solche Ressentiments zu unterbinden, noch wird es den Opfern der NS-Zeit oder der heutigen Situation der Migranten gerecht.

Internationale Wege



Das Thema Holocaust hat inzwischen seinen nationalen Rahmen verlassen und wird in den letzten Jahren verstärkt auf internationaler Ebene diskutiert, nicht zuletzt deshalb, weil im internationalen Austausch neue Wege und Methoden erarbeitet werden können, die heutigen Anforderungen an das Thema gerecht werden. Damit wird die Zeit des Nationalsozialismus und der Genozid an den europäischen Juden in einen europäischen und internationalen historischen Kontext gestellt, der die Aufarbeitung der nationalen Vergangenheit befruchten kann. Die Gründung der "Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance and Research" (ITF) im Jahr 1998, der inzwischen 25 Länder angehören, war Ausdruck und Ergebnis dessen, was heute als Globalisierung der "Holocaust-Erziehung" zu bezeichnen ist.


Thema Holocaust im Unterricht



Quelle: ALLBUS 2006 / Berechnungen von Prof. Albert Scherr und Barbara Schäuble 2006.

Heute stehen wir in vielen europäischen Ländern vor neuen Herausforderungen im Bezug auf das Thema Holocaust im Unterricht. Migration und politische Veränderungen erfordern neue Ansätze und eine Abkehr von tradierten Mustern. Obwohl oder gerade weil in den letzten Jahren in vielen europäischen Ländern das öffentliche Interesse am Thema Holocaust/Shoah zugenommen hat, zeigt sich in Teilen der Bevölkerung eine zunehmend abwehrende Haltung gegenüber einer vermeintlichen Überinformation. In vielen europäischen Ländern steht der Einführung von Holocaust-Gedenktagen, der Eröffnung von Holocaust-Museen und der stärkeren Präsenz der Gedenkstätten in der pädagogischen Arbeit ein zunehmender Widerstand bei Schülern, aber ebenso bei manchen Lehrern gegenüber. In Deutschland etwa ist der Rückgang der Teilnahme an Lehrerseminaren zum Thema ein Ausdruck dieser Entwicklung.[2]

Bei Schülern, aber auch bei Lehrern, wächst das Gefühl, dass die Präsenz des Themas in den Medien ausreichend Informationen bietet und deshalb im Unterricht nur noch einer reduzierten Behandlung bedürfe. Da Doku-Dramen, TV-Diskussionen, Spielfilme und Zeitungsartikel in der Regel nur Ausschnitte des komplexen Themas bieten und oft historische Fakten nicht adäquat oder einseitig präsentieren, ersetzt die Flut von Informationen keineswegs die Vermittlung von Fakten in Schule und Universität.

Gefühl der Übersättigung



Die Vorstellung, die mediale Aufmerksamkeit für das Thema würde gleichzeitig auch bedeuten, dass profunde Kenntnisse über den Holocaust transportiert würden, beeinflusst die "Holocaust-Erziehung" auch insofern, als durch die Informationsflut häufig ein Übersättigungsgefühl eintritt. Dies kann dazu führen, dass Schüler dem Thema im Unterricht keine entsprechende Aufmerksamkeit mehr entgegenbringen. Eine Rolle mag wohl ferner spielen, dass der Holocaust häufig im Schulalltag etwa in Deutsch, Ethik oder Religion viel früher als im Geschichtsunterricht bereits gestreift wird und wenn das Thema nach dem Chronologieprinzip des Geschichtsunterrichts dann erst viel später intensiver behandelt wird, sich der Eindruck einer ständigen Wiederholung bei den Schülern verfestigt.

Quelle: ALLBUS 2006 / Berechnungen von Prof. Albert Scherr und Barbara Schäuble 2006.

Umfragen der Anti-Defamation League in den Jahren 2005 und 2007 ergaben, dass 48% bzw. 45% der Befragten in Deutschland eher der Meinung sind, Juden würden "immer noch zu viel über den Holocaust reden".[3] Hier zeigt sich, dass die mediale Präsenz des Themas nicht nur ein Übersättigungsgefühl ausgelöst hat, sondern auch den falschen Eindruck verstärkt, Juden würden ständig über ihr Schicksal reden. Die hohe Zustimmung ist daher auch Ausdruck einer Abwehr gegen die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und einer Schuldzuschreibung an die Juden, die dafür verantwortlich gemacht werden, dass der immer wieder geforderte Schlussstrich unter die Vergangenheit nicht erfolgen kann.


Neue Formen der Auseinandersetzung



In der heutigen medialen Welt gehört es zu den elementarsten Bildungsaufgaben, Kindern und Jugendlichen eine kritische Medienkompetenz zu vermitteln. Dies gilt insbesondere für den Umgang mit dem Internet. Die Erkenntnis der Brisanz dieses Mediums scheint bis heute noch zu wenig verbreitet. Lehrer empfehlen ihren Schülern das Internet als potentielles Nachschlagewerk oder als Informationsquelle, ohne sie im kritischen Umgang damit zu unterweisen. Gerade im Bezug auf die NS-Geschichte und den Holocaust ist die Gefahr groß, dass die Jugendlichen Seiten finden, die die Holocaust-Leugnung oder zumindest die Verharmlosung des Genozids an den Juden als vermeintliche Wissengrundlage eröffnen. Deshalb müssen neue Formen der Auseinandersetzung entwickelt werden, die der Flut von Legenden, Lügen und Verharmlosungen, die über das World Wide Web Verbreitung findet, Wissen entgegensetzt.

Der Holocaust und der Nationalsozialismus sind fester Bestandteil der Curricula in den 16 Bundesländern, neben Schulbüchern, die die Thematik ausführlich behandeln, steht eine breite Palette von Materialien ebenso zur Verfügung wie eine große Auswahl an Jugendlektüre, die sich für den Einsatz in den verschiedensten Fächern eignen. Diese Fülle an Material garantiert allerdings noch nicht, dass das Thema auch nachhaltig behandelt wird.

Häufig sind schulische Zwänge ausschlaggebend dafür, dass die Zeit für eine intensive Beschäftigung fehlt oder Lehrer andere Schwerpunkte im Unterricht setzen, die ihnen wichtiger erscheinen. Die Fülle der Themen, die die Schule vermitteln soll, erweitert sich ständig, deshalb steht zu befürchten, dass "Holocaust-Erziehung" immer mehr in den Hintergrund gedrängt wird. Dies wäre allerdings eine fatale Entwicklung insbesondere im Hinblick darauf, dass einerseits Schlussstrichforderungen immer mehr um sich zu greifen scheinen und andererseits, vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts, Vergleiche zwischen der Politik Israels gegenüber den Palästinensern mit der NS-Judenverfolgung eine offensichtliche Unkenntnis über den Holocaust offenbaren, die antisemitische Vorurteile befördert.


[1] Das Visual History Archive an der Freien Universität Berlin www.vha.fu-berlin.de [2] www.fasena.de
[3] Attitudes Toward Jews in Twelve European Countries May 2005, www.adl.org; Attitudes Toward Jews and the Middle East in Five European Countries May 2007, www.adl.org

Dr. Juliane Wetzel

Zur Person

Dr. Juliane Wetzel

Geb. 1957 in München, ist seit 1996 wiss. Angestellte am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. Sie ist geschäftsführende Redakteurin des Jahrbuchs für Antisemitismusforschung.


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