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26.8.2008

Erinnerung ohne Zeugen

In den kommenden Jahren wird es keine Überlebenden des Holocaust mehr geben, die über ihre Erlebnisse berichten könnten. Aber sie hinterlassen ihre Zeugnisse in Büchern, auf Tonbändern und Filmen. Was bedeutet der Verlust der Zeitzeugen und wie wird sich die Erinnerungskultur verändern?

Deportation jüdischer Frauen. Lizenz: cc by-nc-sa/3.0/de (Bundesarchiv, B 145 Bild-F016206-0003 / Fotograf: o.Ang.)


Seit nun gut zwanzig Jahren wird davon gesprochen, wie der Übergang der Erinnerung an Nationalsozialismus und Holocaust nach dem Ende der biografischen Zeugenschaft zu gestalten ist. Die Beunruhigung ist unter anderem ein Ausdruck davon, welch immense Bedeutung den Zeitzeugen für die Vermittlung von Zeitgeschichte zukommt. Die Entwicklung, die Augenzeugenberichte der Überlebenden des Holocaust in die Geschichtsschreibung einzubeziehen, setzte 1961 mit dem Eichmann-Prozess in Jerusalem ein. Schon damals hatten die Zeugenaussagen eine weit über den Strafprozess hinausreichende Bedeutung, was nicht unumstritten blieb [1].

Bedeutung der Zeitzeugen



Angesichts der erheblich verbesserten technischen Aufzeichnungs- und Archivierungsmedien mag die Besorgnis über den Verlust der unmittelbaren Zeitzeugen überraschen. Der Massenmord an den europäischen Juden ist jedoch ein Ereignis, das nicht nur Gegenstand der Geschichtswissenschaft ist, sondern diese auch massiv verändert hat. Da die europäischen Juden systematisch verfolgt und ermordet wurden – gegen Ende des Krieges bemühten sich Sonderkommandos der SS sogar noch um die Beseitigung von Spuren des Verbrechens [2] – sind die Berichte der Überlebenden zu besonderen Quellen innerhalb der Erinnerungsgeschichte geworden.

Ähnliches gilt für Zeugnisse von Angehörigen anderer Opfergruppen wie Sinti und Roma, Homosexuelle, politisch Verfolgte, so genannte Asoziale, Zwangsarbeiter, rassisch oder religiös Verfolgte. Führende Historiker wie Saul Friedländer oder Yehuda Bauer haben Zeitzeugenberichte in ihre Darlegungen der NS-Geschichte aufgenommen, um bewusst subjektive Elemente und Informationen, die einem herkömmlich quellenkritischen Geschichtsverständnis nicht ohne weiteres zur Verfügung stehen, verarbeiten zu können.


Erst die Stimmen der Opfer, die häufig nur durch Glück, Mut, Zufall und der Hilfeleistung einiger weniger überlebten, tragen zu einem umfassenden Verständnis dieser Epoche bei [3]. Mit dieser Bezugnahme auf Elemente der Oral History hat sich die Form der historischen Erinnerung selbst gewandelt.

Tradition der Zeugenschaft



Für ein Verständnis des zukünftigen Erinnerns ist die Kenntnis der Zeugenschaftstraditon von besonderer Bedeutung. Bekanntermaßen beziehen sich viele Überlebende des Holocaust in ihren Berichten auf die Pflicht, Zeugnis abzulegen. Diese Zeugnispflicht hat – insbesondere in der jüdischen Kultur – eine lange Geschichte. Welche Stellung können die Nachgeborenen in der intergenerationellen Tradierung einnehmen? Der israelische Philosoph Avishai Margalit hat für die besondere Zeugenschaft der Holocaust-Überlebenden den Begriff des moralischen Zeugen geprägt [4].

Der moralische Zeuge unterscheidet sich vom religiösen Zeugen, also etwa dem jüdisch-christlichen Märtyrer (gr. Martys/Zeuge) oder dem islamischen Shahid, dadurch, dass er nicht durch den Tod für die Existenz seines Gottes zeugt, sondern sein Überleben notwendige Voraussetzung des Zeugnisses ist. Der religiöse Zeuge braucht demnach einen weiteren, sekundären Zeugen, der seine Tat in der Welt bekundet. Eine verhängnisvolle Modernisierung der sekundären Zeugenschaft kann man in den Bekennervideos von Selbstmordattentätern beobachten sowie in der medialen Berichterstattung über solche Anschläge, die das Publikum zu Zeugen der Tat machen.

Der moralische Zeuge des Holocaust ist demgegenüber den Toten, sich selbst und einer zunächst unwissenden, häufig auch ungewissen Öffentlichkeit verpflichtet. Nach Margalit hat er das von einem ethisch Bösen verursachte Leid selbst erfahren und zielt mit seinem Zeugnis auf die Überwindung dieses Bösen in der Welt. Das unterscheidet ihn auch vom juristischen Zeugen, der vor Gericht möglichst unvoreingenommen zu sein hat, wie vom historischen Zeugen, der an der zu überbringenden Botschaft unbeteiligt erscheint [5].

Für eine ethische Betrachtung der Zeugenschaft des Holocaust folgt daraus, dass die Nachgeborenen nicht an die Stelle der moralischen Zeugen treten können, da sie das Leid nicht selbst erfahren haben. Vielmehr kommt es auf eine bewusste Wahrnehmung der generationellen Differenz an, die die Nachgeborenen als sekundäre Zeugen zu Grenzgängern einer Erfahrung macht, der sie sich qua Einfühlungsvermögen und Vorstellungskraft nur annähern können. Der Mitbegründer des Fortunoff Video Archive For Holocaust Testimonies, Geoffrey Hartman, hat dafür den Begriff des intellektuellen Zeugen geprägt [6]. Eine entsprechende Gefahr bei Missachtung der generationellen Differenz liegt in einer Überidentifikation mit den Überlebenden, die leicht ebenso in Ablehnung gegenüber der gesamten Thematik umschlagen kann.


Weiterführende Literatur



[1] Wieviorka, Annette (2000): Die Entstehung des Zeugen, in: Smith, Gary (Hrsg.), Hannah Arendt Revisited: "Eichmann in Jerusalem" und die Folgen, Frankfurt a. M., S. 136–159.

[2] Hoffmann, Jens (2008): »Das kann man nicht erzählen« "Aktion 1005" – Wie die Nazis die Spuren ihrer Massenmorde in Osteuropa beseitigten, Konkret Literatur Verlag, Hamburg.

[3] Friedländer, Saul (2006): Das Dritte Reich und die Juden. Verfolgung und Vernichtung 1933-1945, bpb, Schriftenreihe Bd. 565, Bonn.; Bauer, Yehuda (2001): Die dunkle Seite der Geschichte. Die Shoah in historischer Sicht. Interpretationen und Reinterpretationen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.

[4] Margalit, Avishai (2002): Ethik der Erinnerung. Max Horkheimer Vorlesungen, Fischer Verlag, Frankfurt am Main.

[5] Assmann, Aleida (2007): "Vier Grundtypen der Zeugenschaft", in: Fritz Bauer Institut (Hrsg.), Zeugenschaft des Holocaust. Zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung, Red.: Elm, Michael / Kößler, Gottfried, Campus Verlag, Frankfurt a. M./New York, S. 33-51.

[6] Hartman, Geoffrey (1999): Der längste Schatten. Erinnern und Vergessen nach dem Holocaust, Aufbau-Verlag, Berlin.

Die Übernahme von generationeller Verantwortung ist gerade im Kontext der deutschen Tätergesellschaft mit einer enormen moralischen Hypothek verbunden, die eines differenzierten historischen Zugangs bedarf. Aus entwicklungspsychologischer und pädagogischer Perspektive ist für ein zukünftiges Erinnern die Gegenwart des generationellen Zugangs zu betonen, eigene Leid- oder Ausschlusserfahrungen zu thematisieren, um im Vergleich die in der Regel enorme historische Differenz auszuloten. Ein sachbezogener, auf die Vermittlung von historischem Wissen angelegter Unterricht, der die erinnnerungskulturelle Stellung der Zeitzeugen berücksichtigt, kann besonders im schulischen Kontext den thematischen Zugang vereinfachen [7].

Audiovisuelle Zeugnisse der Überlebenden



Damit werden die audiovisuellen oder schriftlichen Zeugnisse der Überlebenden zu historischen Quellen, die es in ihrer emotionalen und affektiven Dimension zu verstehen, aber auch als mediale Kunstprodukte zu re- und dekonstruieren gilt. Entsprechende geschichtsdidaktische Konzepte zur Förderung historischer Kompetenz und zur Analyse von Zeitzeugendarstellungen im Dokumentar- und Spielfilm haben etwa Bodo von Borries und Waltraud Schreiber entwickelt [8]. Generell ist es wichtig, dass die Zeugnisse nicht nur defizitär – in Abgrenzung zur unwiederbringlichen Situation der direkten Begegnung – verstanden werden.

Die medialen Artefakte transformieren durch ihre spezifische Form zwar den Gehalt des Ausgesagten, bringen dabei aber eigenständige Qualitäten hervor [9]. Dazu zählt nicht nur die prinzipielle Wiederholbarkeit der medialen Situation, sondern ebenso technische wie ästhetische Besonderheiten wie Großaufnahmen, Schnitt und Montage die den Rezipienten eigenständige Zugangsformen eröffnen. In der Regel sind videografierte Zeitzeugeninterviews so gestaltet, dass der Zeitzeuge knapp an der Kamera vorbei, auf den Interviewer blickt. Für die späteren Betrachter wird durch den fehlenden direkten Blickkontakt eine ästhetische Distanz erzeugt, die je nach Zuschauerneigung eine vorsichtige Annäherung oder auch voyeuristische Haltungen fördert.

Zeitzeugen in Filmen und Dokumentationen



Die zunehmende Verwendung von Zeitzeugenaufnahmen in dokumentarischen und fiktionalen Filmen macht es notwendig, ein historisches, kulturwissenschaftliches und medienpädagogisches Verständnis dieser Artefakte zu erwerben. So werden die entsprechenden Szenen mit Zeitzeugen meist zur Authentifizierung der jeweiligen filmischen Erzählung verwendet, das heißt, sie dienen dem Eindruck, eine Atmosphäre des Dabeigewesenseins und der Unmittelbarkeit zu erzeugen. Als Beispiel aus dem Bereich des fiktionalen Films kann hierfür "Der Untergang" von Oliver Hirschbiegel angeführt werden, in dem die Filmhandlung durch eine Videosequenz mit Hitlers ehemaliger Sekretärin Traudl Junge gerahmt wird [10]. Generell kann davon ausgegangen werden, dass im Bereich der so genannten Event-Movies der Bezug auf Zeitzeugen einem Trend zur Personalisierung und Emotionalisierung von geschichtlichen Darstellungen unterliegt [11].

Jüngere Untersuchungen zur Verwendung von Zeitzeugendarstellungen in deutschen TV-Dokumentationen, etwa den ZDF-Produktionen unter der Leitung von Guido Knopp, belegen eine Ausweitung von Opfernarrativen auf tendenziell alle Zeitgenossen des Zweiten Weltkriegs [12]. Ehemalige Angehörige der Wehrmacht nehmen die gleiche Sprecherposition wie Angehörige der verschiedenen Opfergruppen ein. Aus den an der deutschen Kriegsführung beteiligten Akteuren sind Kommentatoren und Geschichtsexperten geworden. Es zeichnet sich im deutschen, aber auch insgesamt im europäischen Gedächtnis eine Entwicklung ab, bei die nationalen Geschichtserzählungen in eine umfassendere, die Opfergeschichte einschließende Perspektive gebracht wird. Im retrospektiv aufgeklärten Blick verwischen sich leicht die Grenzen zwischen Opfern und Tätern und geht die gewiss begrüßenswerte Perspektiverweiterung mit einer historischen Unschärfe einher.

In einer zukünftigen Erinnerung erscheint es sinnvoll, den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust durch die widerstreitenden, ethnisch und national diversifizierten Gedächtnisse hindurch zu erinnern. Diese haben mit den zahlreichen, auch regional in Archiven niedergelegten Zeugenschaftsberichten ein menschliches Gesicht bekommen. Deren Nutzung und Aktivierung ist unvermeidlich vom generationellen Interesse der Nachgeborenen und einer interessierten Pädagogik abhängig. Vielleicht kann die den Zeugenschaftsberichten inhärente Verpflichtung, gesehenes Unrecht gegenüber der Öffentlichkeit zu berichten, einen Anstoß liefern, diese Tradition zu beleben. Damit wäre der geschichtlichen Erinnerung wie den gegenwärtigen Verhältnissen gleichermaßen gedient.


Weiterführende Literatur



[7] Kößler, Gottfried (2004): "Menschenrechtsbildung und historisches Lernen. Erfahrungen mit dem Projekt »Konfrontationen«", in: Meseth, Wolfgang/Proske, Matthias/Radtke, Frank-Olaf (Hrsg.), Schule und Nationalsozialismus. Anspruch und Grenzen des Geschichtsunterrichts, Campus Verlag, Frankfurt a. M./New York, S. 237–251.

[8] Schreiber, Waltraud/Wenzel, Anna (Hrsg.) (2006): Geschichte im Film. Beiträge zur Förderung historischer Kompetenz, Themenhefte Geschichte 7, ars una, Neuried.

[9] Schneider, Christoph (2007), ">Das ist schwer zu beantworten und entschuldigen Sie, wenn mir jetzt die Tränen kommen< Medialität und Zeugenschaft", in: Fritz Bauer Institut (Hrsg.), Zeugenschaft des Holocaust. Zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung, Red.: Elm, Michael/Kößler, Gottfried, Frankfurt a. M./New York, S. 260-279.

[10] Frölich, Margrit / Schneider, Christian/Visarius, Karsten (Hrsg.) (2007): Das Böse im Blick. Die Gegenwart des Nationalsozialismus im Film, edition text + kritik, München.; Wildt, Michael (2008): "DER UNTERGANG: Ein Film inszeniert sich als Quelle", vgl.: www.zeithistorische-forschungen.de, eingesehen 25.08.2008.

[11] Fischer, Thomas/Wirtz, Rainer (Hg.) (2008): Alles authentisch? Popularisierung der Geschichte im Fernsehen, UVK, Konstanz.

[12] Keilbach, Judith (2008): Geschichtsbilder und Zeitzeugen. Zur Darstellung des Nationalsozialismus im bundesdeutschen Fernsehen, Lit Verlag, Münster.; Elm, Michael (2008): Zeugenschaft im Film. Eine erinnerungskulturelle Analyse filmischer Erzählungen des Holocaust, Metropol Verlag, Berlin.

Michael Elm

Zur Person

Michael Elm

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt. Zuvor arbeitete er am Fritz Bauer Institut im Arbeitsbereich Erinnerungskultur und Rezeptionsforschung. Das Thema seiner Dissertation lautete: "Zeugenschaft im Film. Eine erinnerungskulturelle Analyse filmischer Erzählungen des Holocaust."


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