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29.1.2014

"Mutter Israels"

Zur Geschichte der sephardischen Juden von Saloniki

Es waren sephardische Juden, durch die sich Saloniki zum zentralen Knotenpunkt des Balkan-Handels entwickelte. Über Jahrhunderte ist die Stadt jüdisch geprägt. Mit der deutschen Besatzung endet all das. Ihr Antlitz wird bis zur Unkenntlichkeit verwüstet, am 15. März 1943 fährt der erste Zug zu den Todeslagern der Nazis. 46.000 Juden bringen die Züge bis August 1943 in die Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und Treblinka. Heute leben nur noch 1200 Juden hier.

"Juden unerwünscht": Thessaloniki 1941 (© Bundesarchiv, Bild-183-R99237)


Die Lebenswelt der Sepharden von Saloniki ist eine untergegangene, eine versunkene Welt. Das Ich der Stadt war gesättigt mit jüdischer Erfahrung, bis der Einsatzstab Rosenberg mit der systematischen Zerschlagung der uralten Synagogen, reichen Bibliotheken und ehrwürdigen Nekropolen das jüdische Antlitz Salonikis bis zur Unkenntlichkeit verwüstet hat. Der Literaturnobelpreisträger Elie Wiesel hat bei einem Besuch der jüdischen Gemeinde von Thessaloniki im Januar 2004 gesagt, Erinnerung sei ungerecht: "Sie ist beispielsweise ungerecht, weil sie uns nicht genug über die Rolle, die tragische Rolle der sephardischen Juden im Holocaust lehrt. Wir sprechen so viel von den polnischen Juden, den ungarischen und den russischen Juden, und niemals von den sephardischen Juden. Warum erinnert man sich ihrer nicht mit derselben Präzision, demselben außergewöhnlichen Sinn fürs Detail?"

Versunkene Geschichte



(© Postkartensammlung I. Yazgan)

1492 erging in Spanien das königliche Dekret an die Juden, sich entweder zu taufen oder das Land zu verlassen. Wahrscheinlich von Elija Kapsali, dem Oberrabiner von Konstantinopel dazu bewogen, hat der Osmanenherrscher Sultan Bajezid II. die spanischen und portugiesischen Sepharden eingeladen, sich im östlichen Mittelmeerraum anzusiedeln, Zehntausende von ihnen kommen nach Thessaloniki. Das historische Saloniki hatte einen ausgeprägt polyglotten und multiethnischen Charakter – neben den Griechen, Muslimen und Juden hätten auch Bulgaren, Serben, Albaner, Vlachen, Pomaken und Armenier hier ihre Einträge zu machen. Die Juden aber bilden unter ihnen allen bis ins Zwanzigste Jahrhundert die Bevölkerungsmehrheit – ein Sonderfall in der gesamten Geschichte der jüdischen Diaspora. Wie die Hugenotten in Berlin sind die Sepharden von Saloniki Träger einer jahrhundertealten Erfahrung handwerklicher Produktion, Goldschmiedekunst, Seifen- und Waffenproduktion, vor allem aber der Weberei, Gerberei, Teppichknüpferei und Seidenspinnerei. Das Osmanische Reich deckt seinen Bedarf an Stoffen im 16. Jahrhundert fast ausschließlich aus den Erzeugnissen der jüdischen Weber von Saloniki. Sie statten die türkische Armee und insbesondere das Elitekorps der Janitscharen mit Uniformen aus und sichern sich so über Jahrhunderte ihren Wohlstand.

Dank der Sepharden entwickelt sich Saloniki zum zentralen Knotenpunkt des Balkan-Handels, damit aber zugleich zu einem der wichtigsten Umschlagplätze einer intellectual history zwischen dem "Orient" und "Europa". 1506 nimmt in Saloniki die erste jüdische Druckerei des Ostens ihren Betrieb auf, die Stadt schwingt sich zum Zentrum der Buchdruckerkunst im Vorderen Orient auf. Saloniki erweist sich mit seiner religiösen und weltlichen Dichtung, in Theologie, Philosophie und Rechtswissenschaft in der Mitte des 16. Jahrhunderts als das europäische Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit. Die Stadt erlebt ihr "goldenes Zeitalter" und erhält den Ehrennamen "Madre di Israel", "Mutter Israels".

Neo-Hellenisierung



Von den Händlern des berühmten orientalischen Tabaks bis hin zu den einfachen Hafenarbeitern ist Saloniki über Jahrhunderte jüdisch geprägt. Der Ruhetag im Hafen fällt auf den Sabbath. Das Judenspanische – die alte kastilische Sprache des Miguel Cervantes – beherrscht noch bis zur Ablösung durch das Griechische nach der Befreiung von der osmanischen Herrschaft im Jahr 1912 den Alltag der Stadt. Noch als sich David Ben Gurion in den Jahren 1910/11 für längere Zeit in der Stadt aufhält, zeigt sich der spätere Staatsgründer Israels begeistert: "Ich sah etwas Außergewöhnliches, was ich noch nie sah. Ich sah eine jüdische Stadt, eine jüdische Arbeiterstadt." 1912 durch griechische Truppen erobert und der Neo-Hellenisierung unterworfen, werden die Juden von Saloniki, entgegen ihrem Selbstverständnis einer imperialen Zugehörigkeit unter der Pax Ottomana, zur nationalen Minderheit erklärt. Der griechische Staat verstärkt den Assimilationsdruck auf seine Minderheiten, auch für die Juden von (Thes-)Saloniki folgt nun die Zeit der Einordnung in den griechischen Staat.

Zerstörtes Antlitz



Thessaloniki am 11. Juli 1942: Jüdische Männer werden auf dem Freiheitsplatz verhöhnt. (© Bundesarchiv, Bild-101I-168-0895-07A)

Der Nationalismus hat sich in Thessaloniki als Meister darin erwiesen, die Erbschaft des Vielvölkerstaates vergessen zu machen; der Nationalsozialismus hat versucht, alles zu zerschlagen, was das jüdische Gedächtnis der Stadt stützt und erst ermöglicht. Die Deutschen erreichten Thessaloniki am 9. April 1941. Saloniki ist eine Großstadt, die Hälfte der Einwohner sind Juden: Wo hätten sie sich verstecken sollen?

Thessaloniki am 11. Juli 1942: Jüdische Männer werden auf dem Freiheitsplatz verhöhnt. (© Bundesarchiv, Bild-101I-168-0895-09A)

Am 15. März 1943 fährt der erste Zug zu den Todeslagern von Auschwitz und Birkenau. Bis Mitte August 1943 organisiert ein SS-Sonderkommando 19 Transporte mit etwa 46.000 Juden von Saloniki in die Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und Treblinka. Die Zahl der ermordeten griechischen Juden liegt bei etwa 59.000, kaum 2000 überleben. Heute besteht die jüdische Gemeinde von Thessaloniki aus gerade einmal 1200 Mitgliedern. Auf dem Gelände der Aristoteles-Universität erinnert heute nichts daran, dass der von den Deutschen zerstörte jüdische Friedhof beim Wiederaufbau der Stadt nach dem Krieg buchstäblich als Steinbruch benutzt worden ist. Manchmal nur stolpert man auf dem Campus über ein Stück alten Marmor.

"Bis mein Vater dieses Buch geschrieben hat, habe ich immer versucht, allem auszuweichen, was mit den Konzentrationslagern zu tun hatte. Ich wollte nichts davon wissen. Nach dem Buch meines Vaters konnte ich dann nicht mehr aufhören zu lesen. Ich weiß nur, dass ich fünf oder sechs Jahre meines Lebens, wichtige Jahre, in den Konzentrationslagern verbracht habe – wenn man das so sagen kann. Und seitdem kann ich darüber reden und an die Leute weitergeben, was ich herausgefunden habe. Es ist eine seltsame Sache, wenn mir jemand sagt, ich sei eine Fremde in Thessaloniki, das hier sei nicht die Heimat der Juden. Wir sind hier Zuhause. Meine Familie lebt hier zum Beispiel seit 15 Generationen. Nur wenige andere Thessaloniker können das von sich behaupten."

(Erika Perachia, Leiterin des jüdischen Museums Thessaloniki)
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Autor: Manuel Gogos für bpb.de
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Manuel Gogos

Manuel Gogos

Dr. phil, geb. 1970 in Gummersbach, ist freier Autor und Ausstellungsmacher. Seine "Agentur für geistige Gastarbeit" firmiert in Bonn. www.geistige-gastarbeit.de


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