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3.3.2010

Exkurs: No woman, no cry

Die trotz aller Liberalisierung post ´68 immer noch auf tradierten Rollenerwartungen beruhende Erziehung dürfte das größte Hindernis für die aktive Teilnahme von Mädchen und jungen Frauen an Jugendkulturen sein.

Die Spielerinnen der Basketballmannschaft Princess Anne feiern Ihren Sieg. Sie gehören zu den wenigen jungen Frauen, die sich im Sport durchsetzen. (© AP)


Dieses Buch handelt von - so wenigstens der Titel - "Jugendkulturen in Deutschland". Korrekter wäre der Titel "Jungenkulturen". Denn während sich bis heute zumindest in Europa keine einzige eigenständige Mädchenkultur gebildet hat (sieht man einmal von der Boygroup-Fankultur ab, aber selbst da stehen wieder die Herren der Schöpfung im Zentrum aller Aufmerksamkeit), existieren zahlreiche "Jugendkulturen", die in Wahrheit reine Männerszenen sind, zum Beispiel die Hooliganszene. In den meisten anderen Szenen liegt der quantitative Anteil der Frauen zwischen 20 und 30 Prozent, und auch bei der Ausgestaltung der Szeneaktivitäten stellen sie eher "schmückendes Beiwerk" dar.

Das liegt nicht immer an den Jungs in den Szenen selbst. So gibt es zum Beispiel keine szene-eigenen Gründe dafür, dass die Rollenspieler- und Computerszenen männlich dominiert sind. Sexismus gehört dort nicht zum Tagewerk und Frauen sind in der Regel ausdrücklich erwünscht. Hier schlägt offensichtlich die generell geschlechtsspezifisch unterschiedliche Nutzung des Mediums Computer durch.

Die trotz aller Liberalisierung post ´68 immer noch auf tradierten Rollenerwartungen beruhende Erziehung dürfte das größte Hindernis für die aktive Teilnahme von Mädchen und jungen Frauen an Jugendkulturen sein. Der Anpassungsdruck auf Mädchen ist deutlich höher als bei Jungen. Gehört es bei diesen häufig zur normalen Rollenerwartung, dass sie ab der Pubertät öfter "über die Stränge schlagen", sich extremer kleiden, Alkohol konsumieren, erste sexuelle Erfahrungen sammeln und ihre Freizeit vermehrt auf der Straße, im Jugendklub oder anderweitig außerhalb der Kontrollzonen der Eltern verbringen, so wird bei Mädchen ein subkulturelles Outfit oder der Ausbruch aus dem Schoß der Familie zumeist schnell sanktioniert. Also verbringen Mädchen immer noch ihre Freizeit vermehrt mit der besten Freundin zwischen den eigenen vier Wänden, während der ältere oder auch jüngere Bruder sich einer Straßenkultur anschließt.

So gesehen kann der Anschluss an eine Jugendkultur für Mädchen und junge Frauen durchaus einen Akt der Emanzipation darstellen. Zumindest diejenigen, die eine aktive Rolle in einer Szene einnehmen, zum Beispiel, indem sie selbst ein Fanzine herausgeben, wichtige Events organisieren oder durch musikalische, technische oder sportliche Leistungen brillieren, haben sich den Respekt ihrer Jugendkultur selbst erarbeiten müssen, oft nicht nur gegen zahlreiche Behinderungsversuche der Eltern, sondern auch gegen die Arroganz der männlichen Szeneangehörigen, und auf diesem Weg eine Menge Selbstbewusstsein gewonnen. Dabei kam ihnen in manchen Jugendkulturen wie z.B. dem Punk ein sehr emanzipiertes Rollenverständnis entgegen, in anderen, weniger fortschrittlichen Szenen kann auch die zeitweise Übernahme von männlichen Rollenvorgaben für das eigene Verhalten durchaus eine Loslösung von tradierten Weiblichkeitsnormen beschleunigen.

Das bedeutet jedoch, dass die Anforderungen an Mädchen und junge Frauen in Jugendkulturen insgesamt wesentlich höher liegen als die an männliche Szeneangehörige, und so gilt eben für die Mehrzahl der Szenen auch heute noch: Jugendkulturen sind in Wahrheit Jungenkulturen.Literatur

Bierther, Patric /Stuckert,Thomas: "Wir träumen nicht von der Heilen Welt der 50er." Rockabillies und Psychobillies. In: Klaus Farin / Hendrik Neugebauer (Hg.): Artifical Tribes. Jugendliche Stammeskulturen in Deutschland. Berlin 2001, S. 30-61.

Brake, Mike: Soziologie der jugendlichen Subkulturen. Eine Einführung. Frankfurt am Main/New York 1981.

El-Nawab, Susanne: Skinheads, Gothics, Rockabillies: Gewalt, Tod und Rock´n´Roll. Eine ethnographische Kulturanalyse zur Ästhetik von jugendlichen Subkulturen unter sozialpsychologisch-soziologischen Aspekten. Dissertation, Hannover 2003.

Journal der Jugendkulturen 8/April 2003

Klein, Gabriele/Friedrich, Malte: Is this real? Die Kultur des HipHop. Frankfurt am Main 2003.

SPoKK (Hrsg.): Kursbuch JugendKultur. Stile, Szenen und Identitäten vor der Jahrtausendwende. München 1997.

Wöllfert, Miriam: Boarding. Das Doing Gender der modernen Mädchen. In: Journal der Jugendkulturen 8, April 2003, S. 40 – 46.

Klaus Farin

Zur Person

Klaus Farin

ist Fachautor, Dozent und Leiter des Archiv der Jugendkulturen sowie des gleichnamigen Verlages.


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