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20.8.2018

Menschen, die 1968 prägte

Der Dissident mit dem Hirtenstab - Eine Begegnung mit dem Prager Weihbischof Václav Malý

Nicht wenige Menschen in Tschechien und der Slovakei hat die politische Erfahrung des Jahres 1968 geprägt - der Aufbruch zu Mündigkeit und Reformen, doch auch deren entmutigende Niederschlagung. Der Reformgeist aber blieb. Joachim Jauer schildert dies am Beispiel des Prager Weihbischofs Václav Malý, der zu einer der Stützen der Prager Reformbewegung "Charta 77" wurde.

21 Jahre nach 1968. Tschechoslowakische Dissidenten treffen sich in einem Wald mit polnischen Solidarnosc-Anhängern. Auf tschechischer Seite dabei u.a. Vaclav Havel (m.) und Vaclav Maly (zweiter von links). (© picture-alliance, CTK)


"Weltanschauungen sind wichtig, aber ebenso wichtig ist, zu bedenken, dass auch der andere eine Wahrheit haben kann", sagt der Prager Weihbischof Václav Malý. Und weiter: "Das haben wir damals gelernt und das ist für mich eine Lehre in meinem heutigen Amt als Bischof". Damals, das waren die bleiernen Jahre der kommunistischen Diktatur in der Tschechoslowakei, die Siebziger und Achtziger nach der gewaltsamen Beendigung des "Prager Frühlings" 1968. In dieser Zeit politischer Ernüchterung hatte Maly 1969 in Litoměřice mit seinem Theologie-Studium begonnen. Am 26. Juni 1976 wurde er zum Priester geweiht, ganze zwei Jahre durfte er es bleiben. Dem Unterzeichner der Prager Bürgerrechtsplattform "Charta 77" wurde "Republik-Subversion" vorgeworfen.

"In der Wahrheit leben" war damals das Leitwort des Schriftstellers Václav Havel, der Oppositionelle aller Weltanschauungen um sich sammelte, Sozialdemokraten, Konservative, Gewerkschafter, Katholiken und sogar kritische Kommunisten. Havel war der Vordenker des Widerstands und der junge Priester Václav Malý wurde seine rechte Hand. Wahrheit ist für Bischof Malý auch heute "ein Programm für das ganze Leben", damals gegen die Vorwärtslüge der Kommunisten, heute gegen die Verdummung durch die Populisten von rechts.

Heute ist Malý Bischof in einem Land, in dem die katholische Kirche nicht mehr verfolgt wird wie zu kommunistischen Zeiten. Doch die übergroße Mehrheit der Tschechen, über 70 Prozent fühlt sich heute keiner Konfession zugehörig, ein Grad der Säkularisierung vergleichbar nur mit den östlichen Bundesländern in Deutschland. Und für die postkommunistische Republik registriert Weihbischof Malý eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. "Viele der Reichen haben sich auf unehrliche Weise bereichert. Sie haben vieles aus dem Staatseigentum gestohlen, natürlich nicht alle, aber solche, die in der Politik tätig sind. Es kam nicht zu einer Buße. Jeder von uns war vor der Wende mitverantwortlich für das Antlitz des kommunistischen Systems. Da gab es selbstverständlich Unterschiede, aber man hat die Mitverantwortung nicht bekannt. Man hat gesagt, das war alles die Sache der Kommunisten, aber wir sind unschuldig."

Priester mit Berufsverbot



Vor dreißig Jahren, im Herbst 1987, begegnete ich Václav Malý zum ersten Mal. Das ZDF hatte zu einem Empfang in Prag eingeladen, um den Dialog mit den tschechoslowakischen Medien zu fördern und damit die Arbeitsmöglichkeiten für uns Korrespondenten zu verbessern. Ich hatte gerade meine Berichterstattung aus Ost- und Mitteleuropa begonnen. Nach Jahren in der DDR hatte ich darum gebeten, dass neben den offiziellen Vertretern von Staat, Partei und Medien auch Aktivisten der Opposition eingeladen würden.

Weihbischof Václav Malý 2018. (© picture-alliance)


So stand am Rande der großen Gruppe von Nadelstreifenträgern mit und ohne Parteiabzeichen völlig allein ein junger Mann in einem bunten Pullover. Als wir uns bekannt machten, erfuhr ich sehr schnell, dass dieser ungewöhnliche Gast unter all den Offiziellen Sprecher der "Charta 77" und katholischer Priester war. Die Charta vereinte Bürgerrechtler und bildete den Kern der Opposition gegen das kommunistische Regime, hervorgegangen aus Querdenkern während des Prager Frühlings 1968.

Einander vorgestellt hat uns ein Prager Mitarbeiter deutscher Journalisten. Er hat zugleich viele Jahre über uns beide der tschechischen Staatssicherheit berichtet. Denn der oppositionelle Geheim-Priester und ich hielten weiterhin Kontakt. Dabei hat der Agent als Dolmetscher geholfen. Eine Analyse seiner Tätigkeit nennt den Mann ":tüchtig, aktiv, diszipliniert, initiativ, erfahren, bei Verhandlungen mit Menschen kreativ, kann sich Vertrauenswürdigkeit schaffen". Der Mann, der sich als Anhänger Havels und Freund Malýs ausgegeben hatte, wurde erst geraume Zeit nach der Wende enttarnt.

Sehr schnell erfuhr ich damals, dass Václav Malý sein Priesteramt nicht ausüben durfte, also weder öffentlich Eucharistie feiern, predigen oder Gemeindearbeit leisten konnte. Weihbischof Malý begründet das heute so: "Anfang 1977 entstand die Charta und ich habe diese Erklärung unterzeichnet. Das war für mich eine Lebensentscheidung. Ich hatte Menschen in der Kirche ermutigt, tapfer zu sein und in der Wahrheit zu leben. Aber zu der gesellschaftlichen Lage habe ich geschwiegen. Diesen Widerspruch habe ich gespürt und das war für mich eine Befreiung. Das habe ich dann auch in der Kirche öffentlich gesagt. Ich kritisierte das System und ich ermutigte die Gläubigen, nicht leise zu schimpfen und laut zu schweigen". Schon während des Theologiestudiums hatte Malý die dubiose Organisation "Pacem in terris" scharf kritisiert, der Priester angehörten, die mit dem Regime in der CSSR kollaborierten. Ihm wurde deshalb zunächst von der Kirchenleitung die Priesterweihe verweigert. Im Juni 1976 wurde er dann doch regulär im Prager Veitsdom geweiht. Später wurde er auch Gründungsmitglied des "Komitees zur Verteidigung der ungerecht Verfolgten". Die Folge war, dass der Staat ihm die Lizenz entzog, in der Öffentlichkeit als Priester zu arbeiten.

Wieder kritisierte auch die Kirche Malýs Engagement, weil sie weitere Konfrontation mit dem kommunistischen Regime vermeiden wollte. Es gab lange Zeit Probleme auch mit dem damaligen Kardinal Tomasek, weil der junge Priester sich nach dessen Ansicht zu stark in der Opposition engagiert hat. "Das war für mich schmerzlich", erinnert sich der Weihbischof. "Ich wurde dafür verachtet, dass ich mich nur für Politik interessiere, aber ich war immer Priester und ich wollte das Priestertum nicht verlassen. Das war sehr schwierig, das dem Kardinal und anderen zu erklären. Also ich war für sie ein verlorener Sohn. Und ich hatte mehr Verständnis in den Reihen der "Chartisten 77", die nicht gläubig waren". Erst zwei Jahre vor der Wende hat der greise Kardinal den "verlorenen Sohn" in die Arme geschlossen. So ging Malý einen sehr einsamen Weg als geheimer Priester. "Selbstverständlich war das Berufsverbot sehr schwer für mich", sagt Malý, "Ich habe begonnen, manuell zu arbeiten". Ein freundlicher Ausdruck dafür, dass der Staat ihm Strafarbeit auferlegte. Doch zunächst kam Václav Malý ins Gefängnis. Er blieb sieben Monate in Haft.

"Die Monate im Gefängnis, die waren unangenehm aber geistlich eine sehr wichtige Zeit", erinnert sich Malý. "Man hat mich in eine Zelle mit Mördern gesteckt. schlimme Leute. Einer hat die Mutter von zwei Kindern umgebracht, der zweite hat seine Mutter, der dritte hat einen Taxichauffeur ermordet. Und ich musste mit ihnen zusammenleben. Die Zelle mit der Toilette war zwei Meter mal vier Meter, also sehr klein. Ich musste mich dort vor den anderen nackt ausziehen. Und ich habe erfahren, wie wichtig es ist, mit Menschen zu kommunizieren, die nicht so sympathisch sind. Ich habe gelernt zu beten".

Arbeiter-Priester



In den Jahren danach arbeitete Malý als Heizer in verschiedenen Prager Hotels. Öffentlich lebte er das normale Leben eines Arbeiters, geheim hat er als Priester gewirkt. Er hat in Wohnungen Eucharistie gefeiert, Bibelstunden gegeben, Taufen und Hochzeiten vorbereitet. Das war ein Netzwerk von Katholiken in und um Prag, zur Sicherheit nur kleine Gruppen, fünf, sechs oder zehn Menschen. Später wurde der "Arbeiter-Priester" als Toiletten-Reiniger für die U-Bahnbauer eingesetzt. "Das waren Leute, die nichts von der Kirche gekannt haben. Ich wurde immer wieder gefragt: Du bist Priester, was ist das? Sie haben viel getrunken, sie haben gestohlen. Meine Arbeit und die Gespräche mit den Arbeitern, das war eine gute Schule".

Der Revolutionär mit dem Vater Unser



Herbst 1989: Wie bei einem Dominoeffekt kam das Ende von Moskaus Satelliten. In Berlin erzwangen Zehntausende am 9. November die Öffnung der Mauer. Am Tag nach dem Mauerfall wurde in Bulgarien der kommunistische Diktator Shiwkow gestürzt. In Polen hatte die Solidarnosc bereits freie Wahlen durchgesetzt und eine erste demokratische Regierung erkämpft. Ungarn war auf dem Weg zur Demokratie. Nur eine Woche nach der Öffnung von Mauer und Grenze zur Bundesrepublik begann im tschechischen Prag und im slowakischen Bratislava die "Samtene Revolution". Niemand aus der Charta-Opposition hatte Malý jemals predigen gehört, doch nun sollte der " Priester, der "reden kann" Moderator der Demonstrationen auf dem Wenzelsplatz werden. Er rief die Menschen zu Gewaltlosigkeit auf und kündigte Reden der prominenten Führer der Opposition an, den Schriftsteller Václav Havel und den Ex-Kommunisten Alexander Dubcek. Den Höhepunkt der "Samtenen Revolution" setzte aber Malý selbst. Zwei Polizisten in Uniform traten vor einer Million Menschen auf und baten um Verzeihung für die vielen Prügel gegen Demonstranten. Václav Malý forderte die Menge auf, den Polizisten zu vergeben, denn jeder sei in der Diktatur schuldig geworden, durch Schweigen, Wegschauen oder durch Mittun.

21 Jahre nach 1968. Die "samtene Revolution" nimmt in der CSSR ihren Lauf. Vor einer Menge von 500.000 Menschen spricht in Prag am 26. November 1989 der Schriftsteller und spätere tschechische Präsident Vaclav Havel. Hinter ihm Vaclav Maly als Sprecher der Charta 77, der Reformpolitiker Alexander Dubcek und der letzte kommunistische Ministerpräsident der Tschechoslowakei, Ladislav Adamec (r.) (© picture-alliance, CTK)




"Die Menge ist versammelt und ruft Freiheit, etwas Neues kommt," erinnert sich Weihbischof Malý, "Also versuchte ich den Menschen zu zeigen: Das ist ein Geschenk von Gott, der vergibt. Das ist nicht nur Folge der veränderten politischen Lage in der Welt, damals Gorbatschow, der Papst Wojtyla, die polnische Solidarnosc, die haben Verdienste auch für unsere Freiheit. Deshalb ich in dem Moment den Mut gehabt, das Vater Unser zu beten". Und ergänzt: "Man hat mich dafür kritisiert, manche waren schockiert, aber ich würde das wieder machen, also ich bereue das nicht." Nach der Revolution schlug Václav Malý das Angebot des neuen Staatspräsidenten Havel aus, ein Ministeramt in der demokratischen Regierung zu übernehmen. Malý wurde endlich Pfarrer einer Prager Großstadt-Gemeinde, doch schon wenige Jahre später, Anfang 1997, wurde er zum Bischof geweiht. Ernannt hatte ihn Papst Johannes Paul II, der den Kommunismus wie Malý "auf der eigenen Haut erlebt" hatte, so der Prager Kardinal Miloslav Vlk, Malýs damaliger Chef.

Heute bekennt sich in der Tschechischen Republik nur eine Minderheit der Bevölkerung, jeder fünfte Tscheche, zu einer Religionsgemeinschaft, auch ein Ergebnis von vierzig Jahren atheistischer Propaganda durch die Kommunistische Partei. Heute bezeichnen sich 78 Prozent der Bevölkerung als konfessionslos oder machen keine Angaben zu einer Religion. Das trifft auch die katholische Kirche. Nur jeder zehnte Tscheche nennt sich bei Umfragen römisch-katholisch. Auch mit dieser geringen Zahl bleibt die katholische Kirche noch größte Religionsgemeinschaft Tschechiens. Im böhmischen Landesteil rings um Prag ist die Entchristlichung am weitesten vorangeschritten, viele Kirchen stehen dort leer. Im südlichen Mähren sind dagegen – laut KNA - noch Reste einer katholischen Volkskirche erkennbar. Zwei oder drei, manchmal fünf.

Bischof Malý sagt: "Wir sind weniger geworden. Wir sind vor allem eine städtische Kirche, keine Volkskirche mehr und keine Nationalkirche. Die kirchlichen Zentren liegen in den Städten, nicht auf dem Lande. Aber es gibt eine neue Generation von Konvertiten. In jeder größeren Pfarrgemeinde werden jedes Jahr zu Ostern einige Konvertiten getauft, zwei oder drei, manchmal fünf". Das ist seine Hoffnung für die Zukunft. "Dabei müssen wir vor allem eine dienende Kirche sein, also eine Kirche für alle, die etwas Geistliches suchen. Doch viele, die auf der Suche sind, identifizieren sich nicht mit der christlichen Lehre. Aber auch um diese Menschen muss sich die Kirche kümmern. Wir müssen sie ertragen".

Eine Generation von Sklaven



Daniel Herman, Ex-Priester und ehemals Sprecher der tschechischen Bischofskonferenz ist zurzeit christlich-demokratischer Kulturminister in Prag. Er erklärte in einem ARD-Interview die Seelenlage der Tschechen heute mit einem biblischen Vergleich: Aus Ägypten sei nach dem Exodus der Juden vor 3000 Jahren eine Generation von Sklaven hervorgegangen. Nach der Reise durch die Wüste sei es nach 40 Jahren zu einem Generationswechsel gekommen und in das Land Kanaan sei dann eine neue Generation frei denkender Leute eingezogen. Also: Eine Rekonstruktion der Ökonomie oder der Fassaden sei nicht so kompliziert. Aber eine Rekonstruktion der Herzen, der Mentalität, das ist nach Ansicht von Minister Herman ein Prozess, der länger als nur eine Generation dauert.

Demokratie, die stolpert



Buchcover "Urbi et Gorbi" von Joachim Jauer

"Es herrschte eine Naivität nach der Samtenen Revolution, nach der Wende", sagt Bischof Malý. " Alles wird gut gehen, wir werden sehr bald reich sein und die Demokratie ist etwas Selbstverständliches". Doch Demokratie bedeute Lernen, sie sei keine fertige Sache. Nach Malýs Meinung stolpert die Demokratie in Tschechien bis heute. Die Zahl der Euroskeptiker ist unter Politikern und Bürgern Tschechiens groß.

Malý aber besteht darauf, dass die Europäische Union ein Projekt für die Sicherheit und die Demokratie auch seines Landes ist. Mit seiner Forderung nach "einem offenen Herzen für Migranten", steht er gegen die verbreitete öffentliche Meinung. "Wenn unsere Politiker sagen, wir verteidigen unseren Staat und deshalb wollen wir praktisch keinen Flüchtling", dann nennt das der Bischof "eine Schande".

Regelmäßig besucht Malý, der an der Spitze der tschechischen Kommission von "Justitia et Pax" - Gerechtigkeit und Frieden - steht, Länder, in denen die Menschenrechte nicht respektiert werden, zuletzt Süd-Sudan und Sudan, Uganda und Indien. "Damals habe ich aus dem Westen selbst viel Hilfe und Solidarität erhalten. Heute gebe ich das zurück. Ich fühle mich verpflichtet, diese schikanierten und leidenden Menschen zu besuchen und sie zu ermutigen: Bitte, haltet aus! Ich bin kein Retter, nur ein ganz normaler tschechischer Bürger, der unterdrückt wurde und der weiß, was Kampf für Menschenrechte bedeutet. Ich besuche nicht nur Kirchen, sondern auch die Familien der politischen Gefangenen."

Der Dissident mit dem Hirtenstab wählte den Wahlspruch "POKOR A PRAVDA", "Demut und Wahrheit". Er ist auch heute mit vielen seiner Überzeugungen ein einsamer Mahner. Aber das hat er ja früh gelernt.

Zu weiteren Texten & Dokumenten aus dem bpb-Dossier Prag 1968

Joachim Jauer

Joachim Jauer

Joachim Jauer war ZDF-Korrespondent in der DDR. Er war Jahre lang verantwortlich für das deutsch-deutsche Fernseh-Magazin im ZDF, "Kennzeichen D". 1989 berichtete er als Sonderkorrespondent aus Osteuropa über den Fall des Eisernen Vorhangs, die DDR-Fluchtbewegung und wurde Chronist der Revolutionen in den Staaten des untergehenden Warschauer Pakts. Er ist Autor der Bücher "Kennzeichen D - Friedliche Umwege zur deutschen Einheit" (Stuttgart 2015), "Urbi et Gorbi" (Freiburg 2009) und "Die halbe Revolution" (Freiburg 2019).


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