zurück 
30.10.2019

Die Neustadt-Trilogie von Thomas Heise

Thomas Heise hat in Halle an der Saale über einen Zeitraum von gut 15 Jahren drei Dokumentarfilme gedreht: Stau – Jetzt geht's los von 1992, acht Jahre später Neustadt (Stau – Stand der Dinge) und schließlich Kinder. Wie die Zeit vergeht. (2007). Von heute aus betrachtet erscheint diese Trilogie als Panorama ostdeutscher Zustände der Nachwende-Zeit – als eine kluge, reiche Chronik über die Ursachen von Fehlentwicklungen, die heute die Politik beschäftigen: die Morde des rechtsterroristischen NSU und das Versagen der Behörden, das Aufkommen der Partei Alternative für Deutschland (AfD) und der Pegida-Bewegung sowie – damit einhergehend – der kontroverse und zunehmend verschärfte Diskurs zum Thema Migration und Integration. Heises Trilogie zeigt, was diesen Entwicklungen vorausgeht. Und man könnte sogar sagen: Die Filme haben zur Zeit ihrer Entstehung einige Konflikte der Gegenwart bereits antizipiert.

i

Filme von Thomas Heise in der bpb-Mediathek:


Rechtsextreme Ausschreitungen nach der Wende

Doch als Stau 1992 herauskam, wurde der Film missverstanden als einer, der Neonazis eine Bühne zur Selbstdarstellung bietet und menschenverachtende Ideologie unkommentiert lässt. Bei der Premiere in Halle kam es zu Krawallen, weil Autonome das Kino angriffen. In Berlin sollte Stau im Berliner Ensemble gezeigt werden; nachdem ein von Autonomen verbreitetes Flugblatt gegen den Film mobilisiert hatte, wurde die Veranstaltung abgesagt. Bei der Ersatz-Vorführung im Kino Babylon kam es wiederum zu Störungen und Auseinandersetzungen. Die antifaschistische Empörung hatte durchaus Gründe: Nach der Deutschen Einheit war es Anfang der 1990er-Jahre mehrfach zu rassistischen Ausschreitungen gekommen, etwa in Hoyerswerda (1991) und Rostock-Lichtenhagen (1992), wo hunderte Rechtsextreme unter dem Beifall der Nachbarschaft gewaltsam gegen Wohnungen von Asylbewerberinnen und Asylbewerbern vorgingen. Bei den rassistischen Brandanschlägen in Mölln (1992) und Solingen (1993) wurden Frauen und Mädchen mit türkischer Migrationsgeschichte getötet. Die Darstellung in den Massenmedien war größtenteils problematisch. Statt rechtsextreme Strukturen und Verbindungen zu recherchieren und aufzuzeigen, begnügte sich die Investigation von Fernsehsendungen meist damit, Rechtsextremen Raum zu geben: Bilder von jungen Männern zu zeigen, die sich sichtbar wohl fühlten vor den Kameras, in die hinein sie Angst verbreiten konnten.

Verfallende Städte statt "blühender Landschaften"

Stau funktioniert als Gegenerzählung zu diesen Bildern. Weil Heise sich klar darüber ist, was er zeigen will und was nicht, mit wem er spricht und vor allem: wie. Dabei ist Stau in gewisser Weise ein Zufallsprodukt: Die Produktionsförderung dafür kam von der Ausländerbeauftragten von Sachsen-Anhalt und war gebunden an die Forderung, einen Film über rechtsextreme Jugendliche zu machen. Also fuhr Heise nach Halle, setzte sich in den Jugendclub "Roxy" und wartete, bis ihn jemand ansprach. Diese Herangehensweise ist einerseits typisch für den Filmemacher, der in seinen Filmen meist Begegnungen mit Menschen und Lebenswelten sucht, die er nicht kennt. Und sie ist andererseits das Gegenteil effekthascherischer Fernsehreportagen: Heise hat einmal erzählt, wie er bei der Ankunft im "Roxy" einen bekannten TV-Journalisten abreisen sah, in Mantel und mit teurem Wagen, der sich mal eben ein paar Bilder und O-Töne für einen Beitrag abgeholt hatte.

Halle-Neustadt, 1992. In seinem kontrovers diskutierten Dokumentarfilm begleitet Thomas Heise fünf rechtsextreme Jugendliche mit der Kamera, führt lange Interviews mit ihnen und forscht nach den Ursachen ihrer politischen Orientierung. (© Bundeszentrale für politische Bildung, ÖFilm Dörr & Schlösser GmbH)

Für Heises Stil ist dagegen das Warten wesentlich – die Zeit, die es braucht, um hinter die Selbstentwürfe von Personen zu kommen, die sie im ersten Moment für die Kamera inszenieren. Diese Ausdauer übersetzt sich in langsame Schwenks wie etwa zu Beginn, wenn ein Hallenser Panorama mit verfallenen Häusern und brennendem Auto vermessen wird. Seine Arbeit wird deshalb mit der des US-amerikanischen Dokumentaristen Frederick Wiseman verglichen, der für seine umfassenden und kommentarlosen Beobachtungen von Institutionen bekannt geworden ist. Wisemans Filme hat Heise erst nach 1990 kennengelernt; seine Erzählweise verdankt sich derweil auch technologischen Mängeln: der Schwere und Lichtempfindlichkeit von (Video-)Kameras, mit denen er zu Beginn seiner Karriere arbeitete und die nur unter vorsichtigen Bewegungen eine stabile Aufnahme garantierten.

Zuhören, bis Wahrhaftigkeit zutage kommt

Im "Roxy" lernte Heise sechs junge Männer kennen, die in Stau zu seinen Protagonisten werden. Der Film besteht zum Großteil aus Interviews, seine Bilder sind deswegen aber nicht weniger beredt. Heise filmt die Jugendlichen zwar oft als Talking Heads, zeigt sie aber auch bei Tätigkeiten, wie den einstigen Bäckerlehrling Konrad, der verzweifelt versucht, einen ordentlichen Marmorkuchen zu backen. Wenn Ronny, einer der Jugendlichen, am Ende des Films mit einer Pistole auf eine Uhr schießt, etabliert Heise ein zentrales Bild-Motiv: die Leere der Zeit; die Zeit, aus der eine Gesellschaft herausgefallen ist und die nun "totgeschlagen" werden muss. Dem Vater von Ronny stellt Heise eine merkwürdig anmutende Frage: "Was ist ein Tag?" Heinz Gleffe beginnt daraufhin, seine Routinen aufzuzählen, und kommt zu dem Schluss: "Ein langweiliges Dahinvegetieren … jeden Tag dasselbe Schema." Dabei hat Vater Gleffe Arbeit, anders als Roland, einer der porträtierten Jugendlichen, der auf einer Parkbank sitzend das Elend der Arbeitslosigkeit beschreibt: "Zu Hause sitzen, Fernsehen gucken, rumgammeln. Den ersten Monat war das vielleicht irgendwie nicht schön, aber entspannend, über längere Zeit aber bist du dankbar für alles, was du machen kannst, wo du anpacken kannst. Diese Monate in der Arbeitslosigkeit – ich wünsche es keinem." Gerade solch eine – in ihrer tiefen Verzweiflung und Wahrhaftigkeit seinem Sprecher vermutlich unbewusste – Auskunft ist ein Resultat, das Heises nüchterne Ausdauer immer wieder erzielt: dass sich das Gegenüber schließlich öffnet.

Erkennbare Position des Filmemachers

Rolands Erzählung ist eine, die hinter den Statistiken zur Arbeits- und Erwerbslosigkeit verschwindet. Heise leitet daraus keine monokausale Anklage ab, was mit seinem zurückhaltenden, distanzierten Stil zu tun hat. Der tritt deutlich in einer der schmerzhaftesten Szenen von Stau hervor: Die Neonazis fahren Parolen grölend zur KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Die Kamera des Films aber bleibt draußen, sie zeigt die Jugendlichen, wie sie hineingehen und wieder herauskommen, folgt ihnen dabei noch auf der Tonspur aus großer Distanz. Man darf diesen Stil nicht mit Ignoranz verwechseln – dass sich Heise hier etwa zurückzöge auf eine scheinbare Neutralität. Später konfrontiert der Filmemacher Ronny mit diesem Besuch – hart, insistierend, dabei aber nie belehrend. Er kann es tun, weil er Vertrauen aufgebaut hat, die Jugendlichen ihn als jemanden wahrnehmen, der nicht von oben herab zu ihnen spricht. Ronny erklärt die Fahrt dann ambivalent als "Spaß", den es ihm gemacht habe, und um das Schreckliche zu beschönigen – spricht aber auch von Scham.

Szene aus "Stau"

Das ist das Gegenteil von "etwas unkommentiert lassen", wie der Vorwurf auf dem Autonomen-Flugblatt lautete: Heise will etwas verstehen, und mehr noch ermöglichen seine Fragen und Einwürfe den Jugendlichen, in denen sich unreflektierter Frust mit angelernten Phrasen über "nationale Stärke" verbindet, sich selbst verständlich zu werden. Es ist nicht so, dass Heise mit seinem Film die Neonazis bekehren, von ihrem Irrweg abbringen könnte. Aber es gelingt ihm, seinen Gegenstand so genau zu sezieren, dass der Film etwas über die Sozialpsychologie des Rechtsextremismus verständlich macht. Etwas, das weit über die konkreten (und immer konkret erzählten) Geschichten der Hallenser Jugendlichen hinausgeht. Einmal sagt Ronny aus Hilflosigkeit – er kann seine rechtsextremen Ideen nicht erklären, ohne deren Falschheit eingestehen zu müssen – einen Satz von fast philosophischer Schönheit: "Wenn man für alles Worte hätte, dann wären wir doch perfekt, oder?"

Eine Satellitenstadt im vereinigten Deutschland

Heise will nicht "mit Rechten reden" – so ein Buchtitel von Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn von 2017 – wie gegenwärtig zahlreiche deutsche Medien, die Wortführer/-innen der "Neuen Rechten" mit der Hoffnung einladen, sie im Interview entlarven zu können. Stau und die Folgefilme schauen hingegen dorthin, wo die Ideologien der Rechtsextremen auf fruchtbaren Boden fallen – sie zeigen vaterlose Kinder ohne Zukunft und Mütter, die mit dem Ende der DDR ihren Lebenssinn verloren haben. Einen unausgesprochenen Generationenkonflikt, der in einem brisanten Moment aufblitzt, wenn Vater Gleffe sagen muss, dass er weniger verdient als sein Sohn. Die Zurücksetzung als "Ossis", gegen die sich die Jugendlichen durch Stärke zu wappnen versuchen. Die Ghettoisierung des einst stolzen Neubauviertels Halle-Neustadt, in dem nur noch die wohnen, die sich das Wegziehen nicht leisten können und in dem sich folglich die Probleme ballen, für die Neonazis den Einwanderinnen und Einwanderern die Schuld geben: Drogen, Kriminalität, Vereinsamung. In Neustadt und Kinder. Wie die Zeit vergeht. widmet sich Heise vor allem der Familie Gleffe – die überzeugten Neonazis aus Stau veranstalten mittlerweile "Kameradschaftsabende", bei denen die Kamera nur dabei sein kann, wenn über unproblematische Themen geredet wird. Das erfahren die Zuschauenden durch die Tonspur: Die Kamera steht in weiter Ferne, aber das Gespräch der Männer darüber, was sie sagen können und was nicht, ist zu hören. Ein subversiver Akt, der sich auch in anderen Filmen von Heise findet und etwas mit seiner Sozialisation in der DDR zu tun hat, wo es schwierig war, der Wirklichkeit die Bilder "abzuluchsen", die der Staat von sich nicht zeigen wollte.

Dokumentarisches Material, das die Gegenwart verständlich macht

Die späteren Neustadt-Filme beobachten das Gesellschaftliche folglich im Familiären – etwa bei der einzigen Tochter der Gleffes, Jeanette, die ihren älteren (ebenfalls neonazistisch sozialisierten) Sohn schon aufgegeben hat, den jüngeren aber noch "hinkriegen" will. Im Privaten will die Mutter versuchen, woran die Gesellschaft bei den Jugendlichen aus Stau gescheitert ist. Protagonistinnen wie Jeannette, die in Heises Filmen Auskunft geben, sind im Reden nicht geübt und würden in anderen Zusammenhängen vielleicht lächerlich gemacht oder gar nicht beachtet. Aber hier reden sie über Entwicklungen, deren Folgen heute noch spürbar sind. So scheinen sich Heises Filme vor dem Hintergrund der Zeit, in der sie gesehen werden, neu zu aktualisieren. Dokumentarisches Material im besten Sinne: Die Filme bewahren Vergangenheit, damit wir unsere Gegenwart besser verstehen können.

Dieser Artikel erschien erstmals am 2.8.2018 auf kinofenster.de, dem Onlineportal für Filmbildung der Bundeszentrale für politische Bildung.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

Matthias Dell

Matthias Dell

Kulturjournalist und Filmredakteur der Wochenzeitung "Der Freitag"


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln