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9.9.2011

Die gestohlene Bombe

Auf einer Wiese pflückt ein junger Mann im Anzug Blumen. Plötzlich taucht ein Kriegsbataillonauf, inklusive Hubschrauber. Unser Held - ohne Namen, ohne Vergangenheit, ohne Mission - ist eindeutig der falsche Mann am falschen Ort. Unvermittelt kommt er in den Besitz eines Koffers, in dem sich allem Anschein nach eine Atombombe befindet - und schon sind sämtliche Bösewichte dieser Erde hinter ihm her.

Szenenfoto aus "Die gestohlene Bombe". (© Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen)


S-a furat o bombă / Die gestohlene Bombe beginnt in einer wüstenähnlichen Landschaft, die wie ein mysteriöses Niemandsland erscheint. Der Protagonist taucht hier zum ersten Mal auf. Er pflückt eine Blume, wird dabei aber von einem Militärflugzeug überrascht und von Spezialeinheiten in silbernen Anzügen vorübergehend in Gewahrsam genommen, da ein Atombombentest bevorsteht. Zurück in der Stadt, begibt sich der junge Mann auf Arbeitssuche und gerät dabei, wie es der Zufall dieser Komödie will, unwissentlich in den Besitz einer Atombombe. Ohne es zu ahnen, trägt er sie in einer Aktentasche durch die Stadt, die Gangsterbande, die die Bombe in ihren Besitz bringen wollte, und uniformierte Truppen der bestohlenen Firma XOX dicht auf den Fersen. Während die beiden konkurrierenden Gruppen im Wettlauf gegeneinander versuchen, die Bombe zurückzuerobern und sich schließlich einen finalen Kampf liefern, verliebt sich der junge Mann in eine Schaffnerin. Er erobert ihr Herz, und am Ende verwandeln die beiden kraft ihrer Liebe die zerstörerische Bombe in kleine, Energie spendende Stücke, die sie an die Einwohner der Stadt verteilen. In der letzten Szene kehren sie an den Ausgangspunkt des Films zurück: Aus einem verstreuten Funken der Bombe erwächst ein Blumenfeld in der Wüste.

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Der Film in Daten

Die gestohlene Bombe

Originaltitel: S-a furat o bombă
Internationaler Titel: A Bomb Was Stolen
Rumänien 1961, 72 Min., OF (ohne Dialoge)

Regie: Ion Popescu-Gopo
Darsteller: Iurie Darie, Emil Botta, Haralambie Boroș u. a.
S-a furat o bombă thematisiert in Anspielung an das atomare Wettrüsten während des Kalten Krieges den Konkurrenzkampf um den Besitz der Atombombe und die Angst vor ihrer Zerstörungsmacht. Zwei unterschiedliche Gruppierungen, die Reichtum und Macht symbolisieren, ringen um die alleinige Verfügungsgewalt über die Bombe. Im Wettlauf gegeneinander versuchen sie, die Bombe aus den Händen des unwissenden jungen Mannes zurückzuerobern. Die Mitglieder der Gangsterbande haben dabei jedoch so große Angst, dass sie im entscheidenden Moment der Mut verlässt und sie die Chance verpassen, sie an sich zu nehmen. Dem Tüftler zittern die Lippen, dem hartgesottenen Cowboy läuft der Schweiß über die Stirn und der größte und dickste Mann der Gruppe muss aus Furcht lauthals niesen. Trotz des überwiegenden Humors enthält der Film die ernsthafte Botschaft, dass die eigentliche Gefahr weniger in der Explosionskraft der Bombe liegt, als vielmehr im gegenseitigen Konkurrenzkampf der Reichen und Mächtigen. Eine Lösung für dieses Problem hält der Film am Ende bereit. Weder die Gangsterbande, noch die Firma XOX erhält die Bombe für ihre kriegerischen Absichten zurück. Statt dessen wird das Energiepotential der Atombombe umfunktioniert und allen Menschen, egal welcher Herkunft und Hautfarbe, zu friedlichen Zwecken zugänglich gemacht.

Der namenlose Held des Films, der in der ersten Szene eine Blume pflückt, ist das realfilmische Alter Ego einer Comicfigur Ion Popescu-Gopos, die bereits in seinen Zeichentrickfilmen auftaucht und auch dort meist eine Blume bei sich trägt. In S-a furat o bombă ist der junge Mann im zerknitterten Anzug die harmloseste Figur des Films und zugleich die gefährlichste. Seine Friedfertigkeit wird zu Beginn des Films durch die Geste des Blumenpflückens verdeutlicht. Obwohl er keinerlei böse Absichten hegt und eigentlich nur auf der Suche nach Arbeit ist, avanciert er jedoch schon bald zur Bedrohung für die ganze Stadt. Die kleinste Erschütterung könnte die Bombe in seiner Aktentasche zum Explodieren bringen und so läuft der junge Mann, ohne es zu ahnen, als tickende Zeitbombe umher.

S-a furat o bombă ist eine der wenigen künstlerisch-komödiantischen Auseinandersetzungen mit dem Thema des atomaren Wettrüstens. Als dialogfreie Komödie in der Machart eines Stummfilms arbeitet der Film mit Slapstickelementen und parodiert Stilmittel des Agentenfilms und des US-amerikanischen Genrekinos. Der surreale Charakter der Story wird bereits in der ersten Szene des Films deutlich. Die undefinierbare Landschaft, die harmlose Geste des Blumenpflückens und die futuristisch anmutenden Anzüge der Militäreinheiten kreieren eine unwirkliche Atmosphäre, die sich durch den ganzen Film hindurchzieht. Der Humor des Films ergibt sich vor allem aus der Unwissenheit des Protagonisten über den Inhalt der Aktentasche und aus den Widersprüchen seiner Rolle.

Von den herkömmlichen Agentenfilmen seiner Zeit unterscheidet sich S-a furat o bombă vor allem dadurch, dass er Figuren und Stilmittel des Genres zwar adaptiert, sie jedoch bricht und damit Bedeutungsverschiebungen und Humor erzeugt. Wie in jedem Agentenfilm ist beispielsweise auch hier der Protagonist in gefährlicher Mission unterwegs, nur weiß er selbst nichts davon. Die raffiniertesten Einbruchswerkzeuge werden zwar sorgfältig ausgebreitet, sind am Ende jedoch unbrauchbar. Und die beiden konkurrierenden Gruppen im Film stehen nicht symbolisch für das Gute und das Böse, das Eigene und das Fremde im Kontext der Systemkonkurrenz des Kalten Krieges, sondern hegen gleichermaßen verwerfliche Absichten.

Ganz in der Tradition des Stummfilms verwendet S-a furat o bombă eine bildsprachliche Symbolik, um Kommunikation und Emotionen ohne Dialoge auszudrücken. Das Gespräch zwischen den beiden Anführern, dem Chef der Gangsterbande und dem Chef der Firma XOX, findet mit Hilfe eines zwischengeschalteten Mediums, einer mit einem Gehirn ausgestatteten Schreibmaschine, statt. Vom Verliebtsein des Protagonisten erfährt der Zuschauer nicht nur durch den verklärten Blick des jungen Mannes, sondern auch durch die Engelsflügel, die der Schaffnerin in seiner Phantasie aus dem Rücken erwachsen. Von der Machart erinnert S-a furat o bombă an die Slapstickfilme des französischen Filmemachers und Schauspielers Jacques Tati. Dialogfreie Situationskomik unterlegt mit jazziger Musik zeichnet vor allem Tatis Film Les vacances de M. Hulot / Die Ferien des M. Hulot (F 1953) aus. Da die Verbindungen zwischen rumänischen und französischen Filmschaffenden aufgrund der Sprachverwandschaft von Beginn an eng waren und einige französische Regisseure in den 1950er- und 1960er-Jahren im rumänischen Buftea-Studio Filme drehten, ist es wahrscheinlich, dass Popescu-Gopo sich von den Filmen Tatis inspirieren ließ.

Darüber hinaus enthält S-a furat o bombă mehrere Filmzitate. Eine deutliche Referenz an den Meister des Slapstickhumors, Charlie Chaplin, ist die Traumsequenz. Der Traum des jungen Mannes von den eigenen vier Wänden und einem gemeinsamen Essen mit seiner Angebeteten ist nahezu identisch mit der Traumsequenz aus Chaplins Modern Times / Moderne Zeiten (USA 1935) – ebenfalls ein Tonfilm, der wie ein Stummfilm inszeniert ist. Die Szene zu Beginn des Films, in der der junge Mann in der Wüste von einem Militärhubschrauber überrascht wird, erinnert stark an die bekannte Szene aus Alfred Hitchcocks Thriller North by Northwest / Der unsichtbare Dritte (USA 1959), in der der Protagonist auf einem freien Feld vor einem Flugzeug flüchtet, das ihn verfolgt. Hitchcocks Film entstand zwei Jahre vor dem seines rumänischen Regie-Kollegen Ion Popescu-Gopo.

S-a furat o bombă wurde in einer Hochphase des Kalten Krieges produziert, als das Wettrüsten zwischen den beiden Supermächten USA und UdSSR in vollem Gange war. Das Arsenal an Atomwaffen wuchs auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs beständig an, ihr Einsatz war zu diesem Zeitpunkt für den Kriegsfall definitiv vorgesehen. 1961, als der Film produziert wurde, war es vier Jahre her, dass das westliche Militärbündnis NATO seine Abschreckungsstrategie der "Massiven Vergeltung" verkündet hatte. Auf einen Erstschlag der UdSSR, ob konventionell oder atomar, sollte im Gegenzug mit allen Mitteln, darunter auch Atomwaffen, reagiert werden. In den 1950er- und 1960er-Jahren lieferten sich die beiden Supermächte ein Wettrüsten im Bereich strategische Waffen, die mit atomaren Sprengköpfen bestückt wurden. Als die UdSSR 1957 den Satelliten "Sputnik" ins Weltall schossen, schien ein atomarer Angriff auf die USA mit Interkontinentalraketen für die UdSSR durchführbar geworden zu sein. Das Ereignis ist als "Sputnik-Schock" in die Geschichtsbücher eingegangen. Das Wettrüsten erweiterte sich in der Folge zum Wettlauf der beiden Supermächte im Bereich der Raumfahrt. Die silbernen Anzüge der Spezialeinheiten im Film S-a furat o bombă können als Anspielung auf diesen "Wettlauf zum Mond" gedeutet werden.

1961 war auch das Jahr, in dem die USA damit begannen, ihre mit atomaren Sprengköpfen ausgestatteten B-52 Bomber im 24-Stunden-Einsatz über Europa, dem Mittelmeer und dem Pazifik fliegen zu lassen. Im Kriegsfall sollten sie möglichst schnell Atombomben auf vorbestimmte Ziele in der Sowjetunion abwerfen. Ein Jahr nach der Produktion von S-a furat o bombă stand die Welt während der Kuba-Krise (16.-28. Oktober 1962) tatsächlich am Rande eines Atomkrieges. Die Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen mit atomaren Sprengköpfen auf Kuba stellte eine hochgradige Provokation gegen die Amerikaner dar, auf die diese mit einer Seeblockade der sowjetischen Militärboote reagierten. Nach tagelangen gegenseitigen Drohgebärden und Verhandlungen lenkte der der sowjetische Partei- und Regierungschef Nikita S. Chruschtschow schließlich ein und zog die Raketen zurück.

S-a furat o bombă endet mit der Utopie, die Atomenergie friedlich zu nutzen und sie zum segensreichen Allgemeingut zu machen. Der Film zählt zu den bekanntesten Werken des rumänischen Regisseurs Ion Popescu-Gopo (1923-1989). Nachdem ihm bereits sein Vater Zeichenunterricht gegeben hatte, studierte Popescu-Gopo an der Bukarester Akademie für Bildende Künste. Ab 1939 arbeitete er als Cartoonist und Buchillustrator und ab 1950 für das Bukarester Filmstudio in der Abteilung für Animationsfilm. Hier entstanden in Zusammenarbeit mit seinem Vater seine ersten Zeichentrickfilme, wie etwa Das ungehorsame Entchen (1950) und Die Biene und die Taube (1951). In seinen Zeichentrickarbeiten wird Popescu-Gopos Bewunderung für Walt Disney spürbar. 1956 kreierte er den ersten von mehreren Filmen mit der Figur des kleinen Mannes, die Kurze Weltgeschichte. Der zehnminütige Film gewann 1957 die Goldene Palme für den besten Kurzfilm bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes. Neben vielen weiteren Zeichentrickfilmen drehte Popescu-Gopo insgesamt drei abendfüllende Realspielfilme, von denen S-a furat o bombă 1961 der erste war. Mit diesem kuriosen Sonderfall des Genres gelang ihm ein couragiertes künstlerisches Plädoyer wider den Wahnsinn des atomaren Wettrüstens, das bis heute nichts von seiner Eindrücklichkeit verloren hat.
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Anja Göbel

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