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9.9.2011

Sechs Pistolen jagen Professor Z

Im Zentrum des turbulenten Geschehens steht eine neu entwickelte Technologie: Agenten unterschiedlicher Nationen bemühen sich um die Formel einer unzerstörbaren Stahllegierung, damit sie nicht in falsche Hände gerät. In Lissabon treffen Spione westlicher Geheimdienste aufeinander und liefern sich wilde Verfolgungsjagden, um am Ende doch gemeinsam für das "Gute" einzutreten.

Szenenfoto aus "Sechs Pistolen jagen Professor Z". (© Germania Film GmbH)


Die westeuropäische Koproduktion Comando de asesinos / Sechs Pistolen jagen Professor Z (1966) ist ein perfektes Beispiel für ein immens erfolgreiches Subgenre des Spionagefilms: den sogenannten "Eurospy", ein westeuropäisches Phänomen der 1960er Jahre. Der "Eurospy" lässt sich als kinematografische "Pulp Fiction" bezeichnen, denn diese Filme wurden mit einem extrem niedrigen Budget realisiert und definierten sich über eine Ansammlung unerlässlicher Genre-Elemente. Dazu zählten beeindruckende Schauplätze, wilde Autoverfolgungsjagden, spektakuläre Schießereien und verführerische, meist blonde Damen, eingebettet in eine spannende Spionage-Handlung mit vielen unerwarteten Wendungen. Der Eurospy-Held musste stets smart und cool sein, war oft auch etwas arrogant. Als Charakter innerhalb eines Unterhaltungsproduktes lag es in seiner Natur, Spiele zu spielen, wobei er die ganze Welt in seinen persönlichen Spielplatz verwandelte.

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Der Film in Daten

Sechs Pistolen jagen Professor Z

Originaltitel: Comando de asesinos
Internationaler Titel: High Season for Spies
Spanien / Portugal / BRD 1966, 89 Min., OmeU

Regie: Julio Coll
Darsteller: Antonio Vilar, Leticia Román, Peter Van Eyck, Klausjürgen Wussow u. a.
Die Mehrzahl der Eurospy-Filme waren Koproduktionen von zwei oder drei westeuropäischen Ländern. In den 1960er Jahren avancierte diese Form der Filmfinanzierung bei Mainstream-Produzenten zu einem beliebten und oft verwendeten Geschäftsmodell. Während sich in Ländern wie Frankreich, Italien und Westdeutschland eine neue Generation von Filmemachern etablierte, suchten die traditionellen Produzenten nach neuen Wegen der Finanzierung. In anderen Ländern wie dem franquistischen Spanien waren massentaugliche Unterhaltungsfilme überdies beinahe die einzige Möglichkeit, überhaupt Filme zu produzieren – und zudem rentable Einnahmequellen. Diese Umstände bereiteten in den 1960er Jahren einen nahezu idealen Nährboden für die Realisierung europäischer Koproduktionen, die folgerichtig am laufenden Band hergestellt wurden. Dabei galt stets die Maxime, dass die Nachfrage das Angebot bestimme. Erfolgreiche Muster wurden so oft reproduziert, bis sie uninteressant und schließlich von neuen abgelöst wurden. Doch das grenzüberschreitende Marketing stellte auch neue Herausforderungen. So musste jeder Produzent Stars aus seinem eigenen Koproduktionsland besetzen, da für national zugeschnittene Werbezwecke dort bekannte Namen und Gesichter benötigt wurden. Wie sich am Beispiel Comando de asesinos verdeutlichen lässt, trieb der internationale Produktionsprozess auch kuriose Blüten: Hauptdarsteller Peter van Eyck sprach bei den Dreharbeiten seine Dialogpassagen in Deutsch ein, António Vilar die seinen in Portugiesisch und Micaela Rodríguez Cuesta (genannt Mikaela) die ihren in Spanisch. Dieser Sprach-Mix stellte allerdings kein großes Problem dar, da die Filme ohnehin nicht im Originalton veröffentlicht, sondern in jedem Land synchronisiert und zudem jeweils zu einer eigenen Version geschnitten wurden. So fehlen etwa in der deutschen Verleihfassung von Comando de asesinos viele Szenen, zahlreiche Dialoge wurden verändert oder herausgeschnitten. Auch die Erzählperspektive wurde modifiziert.

Julio Coll, der Regisseur des Films, war eine einflussreiche Figur im spanischen Unterhaltungsfilm der 1950er und 1960er Jahre und führte bei fast 30 Filmen Regie. In seinen frühen Jahren schrieb er einige Novellen und arbeitete als Musik- und Filmkritiker. Vielleicht lassen sich über jene vorhergehenden Tätigkeiten einige der unerwartet raffinierten Momente im Film erklären.

Comando de asesinos entstand auf dem Höhepunkt der Eurospy-Welle, im Jahre 1966. Natürlich bediente der Regisseur darin alle bekannten Genre-Standards, obgleich mit einer etwas größeren Portion Ironie als viele seiner Vorgänger. Wir treffen auf zwei Agenten, einen Amerikaner und einen Briten, die in Lissabon einer geheimnisvollen Rezeptur für eine äußerst nützliche Erfindung nachjagen, auf die es auch einige finstere Gestalten abgesehen haben. Die Geschichte ist relativ kompliziert, wobei es sich aber gar nicht als so wichtig erweist, jeden einzelnen Zwist aufs Genaueste zu erfassen, bedenkt man, dass zeitweise Verwirrung beim Zuschauer doch seit jeher einen essentiellen Bestandteil des Spionagefilms ausmachte.

Wenn auch Julio Coll in Comando de asesinos wiederholt, was zahllose Kollegen bereits vor ihm gemacht haben, so überflügelt er diese doch aufgrund einiger interessanter Details. Ein gutes Beispiel hierfür liefert die bereits erwähnte Erzählperspektive. In der spanischen Originalfassung wird die Geschichte aus Sicht der britischen Spionin Ethel Green erzählt. Sie spricht nicht nur einige Off-Kommentare, sondern die Kamera von Mario Pacheco wechselt bisweilen auch zu einem subjektiven Point-of-View. Durch diese Verschiebung zu einer Erzählerin in einem sonst vor allem von pistolenverliebten Helden dominierten Genre bekommt der Film eine frische und absolut neue Note. Des Weiteren findet Julio Coll einige bemerkenswerte Illustrationen für die Spionage. So ist beispielsweise der Maskenball, auf dem sich die Agenten treffen, eine prägnante Allegorie auf den Beruf der Spione. Zum Abschluss noch eine Bemerkung zu einem der Protagonisten: Peter van Eyck ist der einzige Darsteller, der in drei Filmen der Reihe "The Celluloid Curtain" mitwirkt: in Die 1.000 Augen des Dr. Mabuse, The Spy Who Came in from the Cold und Comando de asesinos. Mag dies auch ein reiner Zufall sein, überraschen andererseits biografische Berührungspunkte: van Eyck, ein gebürtiger Deutscher, wurde während des 2. Weltkriegs US-amerikanischer Staatsbürger und kehrte 1945 als US-Filmkommissar nach Deutschland zurück – als eine Art Agent zwischen zwei Welten, der er bis zu seinem Tode im Jahre 1969 blieb.

Comando de asesinos lässt sich heute vor allem unter filmhistorischen Gesichtspunkten genießen, als Parade-Beispiel für ein kinematografisches Phänomen, das in einem relativ kurzen Zeitfenster in den 1960er Jahren unglaublich erfolgreich war, zu einem Zeitpunkt also, als Misstrauen und Paranoia des Kalten Krieges sogar die filmische Populärkultur infiltrierten.
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Oliver Baumgarten

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