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9.9.2011

Begegnung mit einem Spion

Zu Beginn das Meer, ein U-Boot, verdächtiges Treiben im Halbdunkel - ein mysteriöser Mann fliegt mit einem Ballon in Polen ein. Nach seiner Landung tötet er eiskalt den ersten Zeugen seiner Ankunft. Doch längst wurde sein Eindringen von den polnischen Sicherheitsorganen bemerkt: Die Jagd beginnt. Der Spion geht seinen Weg, doch seine Verfolger kommen immer näher.

Szenenfoto aus "Begegnung mit einem Spion". (© Filmoteka Narodow)


Spotkanie ze szpiegiem / Begegnung mit einem Spion erzählt eine geradlinige Spionagegeschichte aus dem Kalten Krieg, von einem Kampf zwischen Schwarz und Weiß, Gestern und Heute, Gut und Böse. Es ist von vornherein selbstverständlich, dass das Gute siegen wird, der Weg bis zu diesem Ziel kann bei einem solchen Unterfangen allerdings, was die filmische Qualität betrifft, mehr oder weniger gelungen ausfallen. Um dieses Argument vorwegzunehmen: Im Gegensatz zur politischen und moralischen Eindeutigkeit der Konstellation lässt sich die Güteklasse des Films nicht ebenso klar diagnostizieren. Er ist an vielen Stellen plump, dann wieder sehr elegant, gerät mitunter ausgesprochen trashig, weiß aber auch gelungene Spannungsmomente zu setzen. Generell handelt es sich sicher nicht um einen im herkömmlichen Sinne "guten Film". Mit dem Privileg des historischen Abstandes ergeben sich für uns allerdings aufschlussreiche Kontexte und damit auch Erkenntnisgewinne, die dem damaligen Zuschauer vielleicht verwehrt waren. Genau diese Perspektive ist es, die Filmgeschichte spannend machen kann.

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Der Film in Daten

Begegnung mit einem Spion

Originaltitel: Spotkanie ze szpiegiem
Internationaler Titel: Rendezvous with a Spy
Polen 1964, 105 Min., OmeU

Regie: Jan Batory
Darsteller: Ignacy Machowski, Beata Tyszkiewicz, Stanisław Mikulski u. a.
An der polnischen Ostseeküste taucht ein U-Boot aus dem Meer auf, ihm entsteigt ein Mann, der sich wenig später mit einem Ballon ins Landesinnere treiben lässt. In einem dichten Waldstück angekommen, vergräbt er seine Ausrüstung. Dabei wird er von einem offenbar harmlosen Waldläufer mit geistiger Behinderung beobachtet, der als unliebsamer Zeuge umgehend aus dem Weg geräumt wird. Obwohl die Sicherheitskräfte bereits die Anlandung des U-Bootes registriert und Suchkommandos auf den Weg geschickt haben, gelingt es dem Spion, bis in die polnische Hauptstadt Warschau vorzudringen. Hier gibt es ein Netz von Mittelsmännern und -frauen, Verrätern am Sozialismus in Lauerstellung, die nur auf sein Eintreffen gewartet haben. Nach heutigen Maßstäben würde man diese Kollaborateure als "Schläfer" bezeichnen. Verschlüsselte Funksprüche werden ausgegeben, blinde Briefkästen installiert, geheime Treffpunkte vereinbart, Militäranlagen ausgeforscht. Wenn auch mitunter nicht richtig klar wird, welche Objekte zu welchem Zweck zum Ziel der Beobachtung werden, steht dennoch fest, dass sich die Agententätigkeit gegen das im Aufbau befindliche sozialistische Polen, gegen die proklamierten Werte von Frieden und Menschlichkeit richtet. Dass der Spion ohne mit der Wimper zu zucken über Leichen geht, ist zudem seit den ersten Filmmetern bekannt. Nach einigem Durcheinander kulminiert das Geschehen in einer langen Verfolgungsjagd, bei der weitere Opfer anfallen, der Bösewicht aber zuletzt überführt und verhaftet werden kann, um ihn seiner gerechten Bestrafung zuzuführen.

Der Film weist eine einfache Struktur auf. Von Beginn an wird er als permanente Parallelmontage entworfen: hier die Feinde, dort die Verteidiger des Staates. Bevor der Spion namens Bernard überhaupt an der Ostsee landet, werden bereits Grenzsoldaten gezeigt, die achtsam am Strand auf Patrouille sind. Obgleich ein scheinbar kleines Handlungsdetail, ist dies dennoch von hoher Wichtigkeit, da es signalisiert, dass die "staatlichen Organe" ungeachtet konkreter Bedrohung ständig auf der Wacht sind. Sie reagieren nicht einfach nur auf Diversionsakte, sie sind stets darauf vorbereitet – das Primat des Agierens liegt somit immer bei ihnen. Bernard geht zwar clever, professionell und vor allem eiskalt vor und arbeitet sich deshalb relativ schnell nach Warschau, ins Herz des sozialistischen Polen, vor, er ist aber von Beginn an "auf dem Schirm"der Spionageabwehr. In technisch hochgerüsteten Zentralen läuft das Räderwerk mit Peilsendern, Radaranlagen und effektiv weitergegebenen Befehlen auf Hochtouren, um ihm möglichst schnell das schmutzige Handwerk zu legen. Dass er nicht schon viel eher zur Strecke gebracht wird, wird auch mit der Gutmütigkeit der Zivilgesellschaft erklärt, die seiner Brutalität einfach nicht gewachsen ist. Dramaturgisch betrachtet sind die seine zügige Ergreifung verhindernden Ereignisse als retardierende Momente enorm wichtig, da sonst der Konflikt viel zu schnell gelöst und es dem Film an Handlung gemangelt hätte. So wird relativ viel Erzählzeit auf Nebenfiguren sowohl auf Verschwörer- wie auf Ermittlerseite und deren Konstellationen untereinander verwendet. Erst im letzten Drittel überschneiden sich die Handlungslinien des weiterhin aggressiv vorgehenden Agenten und seiner staatlichen Jäger direkt. Diese Konfrontation mündet in eine ausführlich ausgespielte Verfolgungsjagd mit finalem Showdown, in dessen Rahmen Bernard dingfest gemacht wird.

Spotkanie ze szpiegiem entstand in Zusammenarbeit mit dem Polnischen Innenministerium, dem Ministerium für Verteidigung und der Staatlichen Militärakademie. Der Film ist somit nicht irgendein Abenteuerfilm mit Spionagehintergrund, sondern stellt ein militärpolitisches Selbstdarstellungspamphlet aus erster Hand dar. Polen, dies sollte nicht vergessen werden, war nach 1945 ein weitgehend synthetisches und somit zerbrechliches Staatsgebilde. Infolge der Verhandlungen von Teheran, Jalta und Potsdam war sein Territorium um mehrere hundert Kilometer nach Westen verschoben worden und mit ihm Millionen von Menschen, die meist in den zuvor noch deutschen Gebieten wie Pommern oder Schlesien zwangsangesiedelt wurden. Nach Entmachtung der bürgerlichen Exilregierung und Konsolidierung einer kremltreuen Marionettenregierung unter Bolesław Bierut hatten sich versprengte Kämpfer der antikommunistischen "Armia Krajowa" ("Heimatarmee") noch bis Mitte der 1950er-Jahre gehalten; eine sehr frische bürgerkriegsähnliche Erfahrung also, die von Andrzej Wajda in Popiół i diament / Asche und Diamant (PL 1958) verblüffend ambivalent thematisiert worden war. Andererseits befand sich die polnische Gesellschaft seit Stalins Tod im März 1953 in einem innen- und kulturpolitischen Aufbruch. Als der stalinistische KP-Chef Bolesław Bierut 1956 in Moskau als Teilnehmer des XX. Parteitags der KPdSU Zeuge von Chruschtschows berühmter Geheimrede wurde, ereilte ihn ein Herzschlag, an dessen Folgen er verstarb. Sein Nachfolger in Warschau wurde der 1948 entmachtete und verhaftete Władysław Gomułka, der umgehend eine umfassende Liberalisierung in Gang setzte. Diese Entwicklung schlug sich nicht zuletzt in den polnischen Filmen nieder. In genau jener Zeit machte die "Neue polnische Welle" weltweit von sich reden, unter anderen mit Filmen von Andrzej Wajda, seinem Schüler Roman Polański, Jerzy Skolimowski, Andrzej Munk, Wojciech Has und vielen anderen. In ästhetischer wie auch inhaltlicher Hinsicht stellt Spotkanie ze szpiegiem deshalb in seinem Beharren auf parteipolitischer Eineindeutigkeit einen klaren Anachronismus dar.

Jan Batory (1921-1981) war vor allem als routinierter Regisseur von Abenteuer- und Kinderfilmen ohne allzu große künstlerische oder gar politische Ambitionen hervorgetreten. Wohlmeinend könnte man ihn als professionellen Dienstleister bezeichnen, kritisch betrachtet als Opportunisten, der das, was ihm aufgetragen wurde, so gut machte, wie es eben ging. So drehte er 1955 mit Podhale w ogniu / Berge brennen einen Abenteuerfilm über Bauernaufstände im 17. Jahrhundert. Karino / Das Fohlen Karino (PL 1976) war ein Jugendfilm über Mädchen und Pferde, Zapach psiej sierści / Lösegeld (1981) schließlich ein am Schwarzen Meer spielender Drogen-Kriminalfilm. Sein "nachhaltigster" Film vor Spotkanie ze szpiegiem blieb 1962 der surreal angehauchte Märchenfilm O dwóch takich, co ukradli księżyc / Die zwei Monddiebe, in dem die späteren Politik-Zwillinge Lech und Jarosław Kaszyński die Hauptrollen spielten.

Im Darstellerensemble wurde auf populäre Mimen zurückgegriffen und damit eine potentielle Fangemeinde angesprochen. Der den negativen Titelhelden spielende Ignacy Machowski (1920-2001) war ein sehr bekannter Theater- und Fernsehschauspieler, der aber auch in über 50 Kinofilmen zu sehen war, unter anderen in Wajdas Popiół i diament (1958). DEFA-Kenner dürften in ihm einen der Expeditionsteilnehmer aus Kurt Maetzigs Science Fiction Der schweigende Stern (DDR 1960) wiedererkennen.

Seine Kontaktfrau in Warschau wird von der schönen Beata Tyszkiewicz (*1938) gespielt, die in zahllosen polnischen Kino- und TV-Filmen zu sehen war, so in Werken von Andrzej Wajda (Wszystko na sprzedaż / Alles zu verkaufen, PL 1968), Wojciech Has (Rękopis znaleziony w Saragossie / Die Handschrift von Saragossa, PL 1964) oder Juliusz Machulski (Seksmisja / Sexmission, PL 1984). Sie spielte auch mehrfach für Siegfried Kühn bei der DEFA (Wahlverwandtschaften, DDR 1974). Der wirkliche Superstar des Films ist jedoch Stanisław Mikulski (*1929) alias Hauptmann Hans Kloss aus der Fernsehserie Stawka większa niż życie / Sekunden entscheiden, die auch dem DDR-Publikum bestens bekannt wurde. Inszenatorisch merkwürdig ist die Tatsache, dass der von Mikulski verkörperte Sicherheitsbeamte Baczny beim finalen Verfolgungsrennen mit dem Bösewicht getötet wird. Bis dahin war er als ein Gegenspieler zu Bernard aufgebaut worden, so dass sein Tod vor der Dingfestmachung seines Gegners allen Genreregeln widerspricht und auch dramaturgisch nur wenig Sinn macht. Man sieht das verunglückende Auto den Abhang hinabstürzen und auf der Talsohle aufschlagen. Flammen schlagen aus dem Wrack, doch entgegen allen Medienerfahrungen klettert Banczy nicht aus den Trümmern, um die Verfolgung fortzusetzen. Er ist offensichtlich tot. Die Verhaftung muss später ein anderer, bis dahin unbekannter Beamter vornehmen.

Nein, Spotkanie ze szpiegiem von Jan Batory ist kein vergessenes Meisterwerk, kein "missing link" der Filmgeschichte, das womöglich unter dem Vorwand einer konventionellen Spionagegeschichte subversives Material in den realsozialistischen Mainstream polnischer Bauart eingeschmuggelt hätte. Aber, wie in vielen anderen Filmen der Reihe auch, gibt es spannende Sub- und Kontexte, die unfreiwillig in ein eher durchschnittliches filmisches Auftragswerk eingeflossen sind und möglicherweise erst heute als solche lesbar werden. Die bewusste Inszenierungsentscheidung, den Film mit relativ vielen Außenaufnahmen zu gestalten, macht zudem zahlreiche interessante Schauplätze als Realkulisse sichtbar wie das zerstörte, gerade im Wiederaufbau befindliche Warschau mit dem berüchtigten neu errichteten Kulturpalast inmitten von Ruinen oder den ländlichen Raum mit archaisch anmutenden Dörfern. (Es gibt auch interessante Aufnahmen von Warteschlangen vor Lebensmittelgeschäften oder aus überfüllten Garküchen.)

Es wird höchste Zeit, bei der Rezeption der realsozialistischen Kinematografie nicht nur die anerkannten Kunstwerke zu berücksichtigen, sondern auch die durchschnittlichen und sogar schlechten Filmbeispiele, denn diese stellen den weitaus größeren Anteil dar. In ihnen spiegelt sich auf mehrfacher Ebene bislang vernachlässigte gesellschaftliche Realität, deren Einbeziehung in die Analyse das Bild der Historie und damit ihr Verständnis vervollständigen können. Dazu leistet die Filmreihe "The Celluloid Curtain" einen wichtigen Beitrag.
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Claus Löser

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