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9.9.2011

Der Spion, der aus der Kälte kam

Alec Leamas leitet seit Jahren alle Einsätze britischer Agenten in Westberlin und der DDR. Eines Tages gelingt seinem Gegenpart in Ost-Deutschland ein Coup: die Zerschlagung des kompletten britischen Agentennetzwerks in der DDR. Beim Secret Service entschließt man sich, den sozialen Abstieg von Leamas zu inszenieren, um ihn für den Osten als Köder interessant zu machen. Ein immer undurchschaubareres Spiel aus Schein und Sein beginnt.

Szenenfoto aus "Der Spion, der aus der Kälte kam". (© Paramount)


The Spy Who Came in from the Cold / Der Spion, der aus der Kälte kam ist ein Klassiker, in der Literatur- ebenso wie in der Filmgeschichte. Der Roman wurde 1963, zwei Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer, von John Le Carré geschrieben. Mitte der 1950er-Jahre hatte Le Carré eine Zeit lang als Agent des britischen Secret Service gearbeitet – ein Umstand, der den Eindruck von Authentizität noch unterstreicht, den das prägnant geschriebene Buch über die gnadenlose Spionageszene im geteilten Berlin ohnehin ausstrahlt.

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Der Film in Daten

Der Spion, der aus der Kälte kam

Originaltitel: The Spy Who Came in from the Cold
Großbritannien 1965, 112 Min., OF

Regie: Martin Ritt
Darsteller: Richard Burton, Claire Bloom, Oskar Werner, Peter van Eyck u. a.
Zwei Jahre später, 1965, verfilmte Regisseur Martin Ritt Le Carrés Roman, den die Drehbuchautoren Paul Dehn und Guy Trosper für die Leinwand adaptiert hatten. The Spy Who Came in from the Cold wurde zu einer Zeit herausgebracht, als die Popularität des Agentenfilms in Westeuropa ihrem Höhepunkt zustrebte. Bis Mitte der 1960er-Jahre hatten bereits vier James-Bond-Filme die Kinosäle der Welt erobert und eine Unzahl billig produzierter, actionlastiger Epigonen nach sich gezogen. Für das westliche Publikum war der Agenten- und Spionagefilm zu einem Sinnbild der bestehenden Welt geworden, einer Welt, die durch einen einfachen Dualismus geprägt war: Gut gegen Böse, Kapitalismus gegen Kommunismus, West-Berlin gegen Ost-Berlin, das Retten der Welt gegen das Kontrollieren der Welt.

Spätestens zum Zeitpunkt des Baus der Berliner Mauer wurde die politische und gesellschaftliche Atmosphäre in Europa von Gegensätzen, von einer Bipolarität dominiert. Der Eiserne Vorhang war deren materieller Ausdruck, er wurde zur Trennlinie dieser sich gegenüberstehenden Ideologien. Jener Dualismus ist es, den die Mainstream-Agentenfilme perfekt bedienten. Die strahlende Eleganz eines James Bond auf der einen Seite und die kompromisslose Boshaftigkeit auf der anderen hatten auf Dauer ein unterhaltsames Abbild, einen ironischen Ausdruck dieses konstruierten und offiziell behaupteten Antagonismus geschaffen, mit dem die Zuschauer täglich in der Welt konfrontiert wurden.

Die Agenten und Spione in den unterhaltenden, populären Vertretern des Genres wurden als Abenteurer konzipiert, die sich erfolgreich zwischen diesen beiden Welten bewegen. Während sie für das Gute kämpfen, verfügen sie über alles, was das westeuropäische Herz begehrt: schnelle Autos, hübsche Frauen, Reisen in exotische Länder. Der Geheimagent im westeuropäischen Unterhaltungsfilm personifiziert das Ideal des kapitalistischen Traums: Er bekommt alles, was er möchte.

Dies sind die Umrisse des westeuropäischen Spionagefilms Mitte der 1960er Jahre, als The Spy Who Came in from the Cold ins Kino kommt. Martin Ritts Film steht in starkem Kontrast zu dieser Tradition, und es ist genau diese Andersartigkeit, die ihn heute zum Klassiker macht. The Spy Who Came in from the Cold ist anders, weil er nicht für selbstverständlich nimmt, welche Seite die "gute" und welche die "böse" ist. Während der sogenannte "Eurospy Film" die Welt vorwiegend in Schwarzweißmalerei zeichnet, stuft Martin Ritt in Grautönen ab. Der britische Agent Alec Leamas, gespielt von Richard Burton, und seine Kollegen sind desillusionierte Schachfiguren in einem schmutzigen Spiel, die von obskuren Mächten hin- und hergeschoben und geopfert werden, wann immer es angebracht erscheint. Spionage ist ein dreckiges Geschäft, in dem Helden keinen Platz haben, in dem es keine Gewinner gibt. Das ist die Botschaft des Films, eine Botschaft, die die Welt der Agenten und Spione, wie sie aus dem Kino bekannt war, auf eine nahezu realistische Ebene hinunterzog. Das zeitgenössische Kinopublikum war irritiert.

Dennoch verliert The Spy Who Came in from the Cold niemals seine westliche Perspektive. Der Film verbleibt innerhalb der Ideologie, er nimmt eine Haltung dazu ein, was "richtig" und was "falsch" ist, und diese Haltung ist eindeutig eine westliche. The Spy Who Came in from the Cold verleugnet seine Herkunft nicht, er vermag lediglich, die Dinge differenzierter zu betrachten.
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Oliver Baumgarten

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