zurück 
11.9.2012

Kulturelle und historisch-politische Bildung in Gedenkstätten

Interview mit Constanze Eckert

Die Künstlerin und Kunstvermittlerin Constanze Eckert hat das Projekt kunst – raum – erinnerung mitentwickelt. Mit der bpb-Referentin Sabine Dengel spricht sie über ihre Erfahrungen und die Chancen, aber auch Probleme und Grenzen einer Verbindung von künstlerischer und historisch-politischer Bildung im Bereich der Gedenkstättenarbeit.

Das Kunstprojekt "Gedenkwerkstatt" im Rahmen von kunst – raum – erinnerung in Oswiecim/Auschwitz bietet einen Raum für eigene Gedanken. (© Gedenkwerkstatt/Anna Zosik)


Frau Eckert, ich möchte gern mit Ihnen über das Projekt kunst – raum – erinnerung bzw. Ihren Anteil daran sprechen.

Initiator und zugleich Träger des Projektes war der Bildungsverbund IJBS Sachsenhausen e.V. in Kooperation mit der LKJ Brandenburg e.V. Ich habe das Projekt, das damals noch den Arbeitstitel "Geschichte spüren" trug, mitentwickelt und einige der Künstler/innen ins Boot geholt. Zusammen mit Mirko Wetzel, Katinka Steen und Christian Geißler-Jagodzinski habe ich das Konzept geschrieben. Wir haben alle verschiedene Hintergründe; die anderen kommen aus der historisch-politischen Bildung und hatten schon einige Erfahrungen mit Gedenkstättenpädagogik. Mich selbst bezeichne ich als Künstlerin, bzw. Kunstarbeiterin. Ich arbeite mit und an Kunst in verschiedenen Rollen und Funktionen und immer an den Rändern von unterschiedlichen Feldern, was ich besonders interessant finde. Mich interessieren die Schnittstellen von Kunst und Bildung und auch Kunst und Wissenschaft. Ganz allgemein gesagt die Felder, die sich mit Gesellschaft auseinandersetzen. Kontextkunst, Partizipationskunst, Vermittlungskunst – die Art von Kunst, die nicht schon fertig ist sondern Kunst, die sich öffnet und an deren Werdungsprozess andere teilhaben können. Kunst, bei der es nicht nur um die Vermittlung von Kunst als ein künstlerisches Können oder Wissen geht, sondern die sich als offener Prozess versteht, in dem man voneinander lernen kann und wo dann etwas neues entsteht. Der Künstler bringt dazu seine Expertise ein und nimmt damit eine Rahmung vor, aber es gibt immer etwas Offenes, etwas Mitzugestaltendes.

Das Modellprojekt kunst – raum – erinnerung



Was war das Ziel des Projekts?

Das Ziel des Modellprojektes war die Erschließung und Beschreibung eines bislang wenig beachteten Arbeitsfeldes der Gedenkstättenpädagogik. Und zwar das zwischen historischem Lernen, kultur-pädagogischer Praxis und zeitgenössisch-künstlerischen Strategien. Die Frage war: Wie können diese drei Bereiche miteinander verknüpft werden? Dieses Feld sollte als Erweiterung des bestehenden Feldes der pädagogischen Arbeit in KZ-Gedenkstätten theoretisch begründet und praktisch umgesetzt werden. Ausgangspunkt war die Begebenheit, dass Gespräche mit Zeitzeugen, die lange Zeit zentraler Bezugspunkt der pädagogischen Arbeit an Gedenkstätten waren, und die den Jugendlichen einen persönlichen Zugang zu Geschichte ermöglichten, immer seltener möglich werden. Dazu wollten wir in kunst – raum – erinnerung Formate entwickeln, die in größerem Maße als bisher Handlungsräume öffnen, welche den Jugendlichen ermöglichen sollten, ihren Gedanken und Emotionen Ausdruck zu verleihen. Es ging um das Einbringen ihrer persönlichen Erfahrungen und Gewohnheiten in die Auseinandersetzung mit der Geschichte und Gegenwart der Gedenkorte und diese nur schwer fassbaren Eindrücke aktiv zu bearbeiten und zu reflektieren.

Die Geschichte sollte hier als Ausgangspunkt für einen persönlichen Auseinandersetzungsprozess genutzt werden. Dabei wurde vor allem von solchen künstlerischen Ansätzen ausgegangen, die auf Beteiligung angelegt sind, Kunst und Kultur als Handlungsform und als besondere Form der Kommunikation begreifen, und die vor allem auch im Prozess und nicht allein im Resultat sichtbar und bewusst werden.

Aus meiner Erfahrung mit Kunstprojekten kann ich sagen, dass ich mich für Kunst mit gesellschaftspolitischer Relevanz interessiere. Als ich etwas über Ihr Projekt gelesen habe, hatte ich den Eindruck, dass es Ihnen mit der Kunst auch genau darum geht, da sich die historischen Themen nur unwesentlich von den politischen Themen unterscheiden, die die politische Bildung zum Gegenstand hat.

Genauso würde ich das auch beschreiben. Die Grundmotivation weiter Kunst zu machen besteht für mich in der gesellschaftlichen Wirkung, bzw. mich damit zu befassen, was Gesellschaft ausmacht. Kunst und kulturelle Bildung nicht nur auf die emotionale und ästhetische Ebene zu schieben, sondern die reflexive Ebene zu betonen und das eigene Gestalten in den Vordergrund zu stellen.

Entstanden ist bei kunst – raum – erinnerung ein Konzept, das drei Elemente verknüpft: die historisch-politische Bildung oder Gedenkstättenpädagogik, die Kulturpädagogik und die zeitgenössische Kunst. Für uns war eine wichtige Frage: Was ist die gesellschaftlich angemessene Form des Gedenkens? Jugendliche heute kommen damit nicht unbedingt klar, wenn sie in Bezug auf weit zurück liegende Ereignisse nur mit Zahlen und Fakten konfrontiert werden. Pure Wissensvermittlung kann es eben nicht alleine sein. Es muss vielmehr gefragt werden, wie man einen Bezug zur eigenen Lebensrealität in der Gegenwart herstellen kann, denn die Themen der NS-Geschichte sind natürlich aktuell. Einerseits kann ich das natürlich verbal erarbeiten, aber der Besuch einer Gedenkstätte ist für Jugendliche mitunter eine ziemlich heftige Erfahrung. Wenn man in Auschwitz mit diesen unglaublichen Totenzahlen und mit diesen Realitäten konfrontiert ist, braucht man irgendeine Form der Verarbeitung. Die hat man sicher nicht nur in Gesprächsrunden; man braucht eine persönliche individuelle Form, um die eigenen Emotionen und Gedanken auszudrücken und zu verarbeiten.

Bezug zum eigenen Leben als Qualitätsmerkmal von Bildung



Aus Ihren Ausführungen ergibt sich die generelle Frage, wie gute Bildungsprozesse heute aussehen können. Meine eigene These ist, dass man nach Wegen suchen muss, wie man die Leute heute auf eine ernsthafte Art erreicht. Dass mal ein Kommunikationsprozess zustande kommt, der beide Seiten gleichermaßen interessiert, bei dem alle Beteiligten bereit sind mitzuarbeiten. Kulturelle Bildung lebt ja auch einfach davon, dass Leute tatsächlich aus sich heraus arbeiten. Ich stelle mir das gerade in dem Bereich Historisches Lernen sehr schwer vor, weil ich nicht sicher bin, ob z. B. Jugendliche selbst ein Bedürfnis nach historischem Lernen haben.

Das ist sicher sehr unterschiedlich. Eine wichtige Rolle spielt der Bezug zum eigenen Lebensweg. Wenn das Ereignis weit zurück liegt, ist es schwierig einen Zugang zu schaffen. Damit historisches Lernen eine wirklich sinnhafte Wirkung entfalten kann, ist es wichtig, einen Bezug zur Gegenwart herzustellen. Der Anfang von jedem Lernen, nicht nur historischem Lernen, bildet eine Frage, eine Neugier, oder eine Relevanz für den Lernenden. Diese Relevanz ist nichts automatisches, sie will hergestellt werden. Die Frage ist eben, wie sie hergestellt wird. Was Ihre Anmerkung angeht, dass die kulturelle Bildung davon lebt, dass Leute aus sich heraus arbeiten, dazu würde ich an dieser Stelle sagen, dass, wenn die o.g. Relevanz stattfindet, Leute generell bereit sind, in allen möglichen Bereichen "aus sich heraus zu arbeiten". Die Besonderheit der kulturellen Bildung liegt meines Erachtens eher an individualisierten Ergebnissen von Lernprozessen. Hier wird nicht erwartet, dass alle gemeinsam zu gleichen Schlussfolgerungen kommen, sondern es wird viel mehr Wert auf singuläre Auseinandersetzungsprozesse gelegt. Die Ergebnisse dieser Auseinandersetzungen werden sichtbar gemacht und stehen so weiterhin zur Diskussion. Das bildet selbstverständlich auch eine Reibungsfläche zwischen historischem Lernen und kultureller Bildung. Wir haben jedoch bei dem Projekt die Erfahrung gemacht, dass diese Form des Umgangs mit historischen Inhalten für Jugendliche von großer Bedeutung ist, dass sie so wesentlich mehr bereit sind, sich mit den historischen (und gegenwärtigen) Themen zu befassen. Durch die Mitarbeiter der Gedenkstätte wurde das Modellprojekt übrigens auch sehr positiv bewertet als eine wichtige Ergänzung ihrer bisherigen Gedenkstättenarbeit.

Nach meiner Erfahrung kann ich dem zustimmen, denn Jugendliche fangen in Projekten meist dann Feuer, wenn eine persönliche Betroffenheit vorliegt. Das stelle ich mir aber bei vielen historischen Themen, wie z.B. dem Ersten Weltkrieg, sehr schwer vor. Gab es bei dem Projekt kunst – raum – erinnerung diese Schnittstelle?

Einfach war es im Rahmen dieses Projektes auch nicht. Ein anderes Beispiel, an dem man den Zusammenhang gut erkennen kann, ist der jährlich stattfindende Tag des offenen Denkmals. In Berlin wurde darauf bezogen ein Projekt durchgeführt, bei dem eine Schulklasse mit einem Restaurator ein Denkmal restauriert hat. Über die praktische, zum Teil sehr anspruchsvolle und kleinteilige Arbeit wurden die Jugendlichen für das Denkmal und seine Bedeutung sensibilisiert. Die Arbeit der beteiligten Künstler bestand darin, den Kontext herzustellen, zu erläutern, was überhaupt ein Denkmal ist, warum es so und nicht anders aussieht und wie Denkmäler heute aussehen. Es fand sozusagen ein Heranarbeiten an das Denkmal und das damit verbundene Thema, das natürlich auch der Erste Weltkrieg sein kann, statt. Über die konkrete Auseinandersetzung mit einem Aspekt dieses Themas, und ausgehend vom Denkmal ist es möglich, eine Brücke zur Geschichte des Ersten Weltkriegs zu schlagen. Es geht dabei nicht um ein historisches Lernen, das allen Details und Fakten gerecht wird, aber es ist ein Zugang. Ich glaube, es ist auch ein ganz wichtiger Punkt, dass man bei Kulturprojekten zum historischen Lernen nicht nur an Wissensvermittlung denkt, ein Projekt durchführt und dann abschließt, sondern das Projekt vielmehr als Einstieg zum lebenslangen Lernen betrachtet. Es geht darum zu sagen: ich habe da mal einen Anfang gemacht, und dort geht's weiter. Es sollte nicht um den Anspruch gehen, das Wissen als bestimmte Inhaltseinheit immer wieder gleich zu reproduzieren, sondern das Wissen zu kontextualisieren. Z.B. im Kontext des Ersten Weltkrieges geht es darum, sich nicht nur Wissen über den Ersten Weltkrieg anzueignen, sondern darum, dass die Jugendlichen mitbekommen, da gab es einen Ersten Weltkrieg, woran hat das gelegen, wer war da alles beteiligt, welche Interessen standen damals im Hintergrund usw. und sich dann auch die Frage stellen: Was geht mich das alles an? Wie positioniere ich mich beispielsweise heute gegenüber nationalen Hegemonialansprüchen?

Die Gedenkwerkstatt



Zum einen finde ich die Idee total spannend, dass Ort und Raum als Aufhänger für historisches Lernen und kulturelle Bildung benutzt werden können – als etwas Konkretes, eine fühlbare Situation, in der historisches Lernen stattfinden kann. Zum anderen interessiert mich Ihre Idee des Lern- und Arbeitsprozesses. Man möchte möglichst offene Prozesse in der kulturellen Bildung, um Freiräume für Kreativität zu schaffen. Gleichzeitig möchte man erreichen, dass die Teilnehmer in historischer Hinsicht etwas lernen. Geht das überhaupt? Wie war das bei der Gedenkwerkstatt, einem Projekt im Rahmen von kunst – raum – erinnerung (s. Kasten, A.d.R.) Gab es da noch herkömmliche Vermittlungsteile?

(© Gedenkwerkstatt/Anna Zosik)

Bei kunst – raum – erinnerung haben wir in multiprofessionellen Teams zusammengearbeitet, d. h. Gedenkstättenpädagogen, Historiker, Lehrer und Künstler. Verschiedene Formen von Wissen und Erfahrungen sind zusammen gekommen, haben sich ergänzt. Allein um zu isolieren, was eigentlich die Frage ist, muss ich vorher immer schon eine große Menge an Wissen haben. Um mich überhaupt an ein Thema heran zu wagen oder zu fragen, wie ich einen ästhetischen Zugang erarbeiten kann, muss ich über ein breites Wissen verfügen. Daneben kommt es den Historikern auf historische Genauigkeit und auch Richtigkeit an. Die Gedenkstätten als Partner sind dort relativ unflexibel, wo es um den Verhaltenskodex geht. Was darf ich in der Gedenkstätte, welches Verhalten schulde ich den Opfern, was ist korrekt, was nicht? Die Zusammenarbeit basierte daher auf einem ständigen Aushandeln, ein Widerstreit hinsichtlich der Frage der Offenheit des künstlerischen Prozesses. Die historisch-politische Bildung hat ja immer ein Ziel und eine Ausrichtung. Da geht es um etwas Bestimmtes, und es ist meist klar, wie und wozu man die Kinder und Jugendlichen erziehen möchte. Bei den künstlerischen Projekten steht eher die Frage an sich im Vordergrund. Wir befragen die Teilnehmenden über das, was da ist. Das ist natürlich ein Risiko und ein nicht ganz so sicheres Terrain. Bei den einzelnen Projekten und Workshops wurde mit der Frage unterschiedlich umgegangen. Am Anfang stand meist ein Vermittlungsblock, manchmal auch in der Mitte oder am Ende nochmals. Es wurde versucht, einen Prozess in Schlaufen – Vermittlung, Reflexion, Aktion – durchzuführen.

Vielfach haben die Künstlerinnen und Künstler die Workshops zusammen mit den Gedenkstättenpädagogen entwickelt. Häufig gingen die Pädagogen an das Projekt mit einer gewissen Vorstellung heran, was hinterher dabei herauskommen soll und hatten sehr präzise Vorstellungen was mit einer Gruppe machbar ist und wie viel Zeit veranschlagt werden kann.

i

Gedenkwerkstatt

Die "Gedenkwerkstatt" war ein partizipatorisches Kunstprojekt in Rahmen des Modellprojekts kunst – raum – erinnerung.

Dem Projekt lag die Idee zugrunde, den BesucherInnen der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oswiecim/Auschwitz (www.mdsm.pl) einen Raum zur Verfügung zu stellen, in dem sie ihre Gedanken und Emotionen in Bezug auf den Ort und den Themenkomplex "Auschwitz-Birkenau" sichtbar artikulieren und kommunizieren konnten.

Bildmaterial und Begriffe wie z.B.: "Gedenken", "Angst", "Gewalt", "Erinnern", "Mechanismen", "Leben", "Politik", "Vorurteile" dienten als Impulsgeber, die im Laufe der Ausstellung von den BesucherInnen ergänzt und weitergeführt werden konnten.

Das eine waren die 16 Workshops, dann gab es als temporäres Projekt die Gedenkwerkstatt der Künstlerin Anna Zosik, die schon Erfahrung mit dem Thema hatte, durch die Hannah Arendt-Denkwerkstatt, die sie zu der Ausstellung Hannah Arendt Denkraum in der jüdischen Mädchenschule in Berlin entwickelt hatte. Dort gab es neben den Kunsträumen der Schule einen Raum, in dem sich das Publikum beteiligen und die Ausstellung reflektieren konnte. Wir wollten, dass sie für kunst – raum – erinnerung etwas Ähnliches konzipiert, aber dass das Denken auf das Gedenken erweitert wird.

Das Projekt "Gedenkwerkstatt" war insofern besonders im Modellprojekt, da es kein Workshopformat war und sich gar nicht mit Wissensvermittlung beschäftigt hat, sondern ausschließlich auf der Ebene der Reflexion agierte. Es war in einem Baucontainer untergebracht, der drei Monate in der internationalen Jugendbegegnungsstätte Oswiecim/Auschwitz stand.

Die Jugendlichen verbrachten den Tag in der Gedenkstätte und hatten danach noch die Möglichkeit, die "Gedenkwerkstatt" aufzusuchen und sich damit zu beschäftigen, was sie den Tag über erfahren, gehört und zu verarbeiten hatten. Der Raum war mit einigen wenigen Bildern ausgestattet, die sich auf den Ort Auschwitz-Birkenau direkt bezogen, aber auch aus anderen kontextnahen gegenwärtigen Zusammenhängen stammen wie z.B. ein aktuelles Bild aus dem gegenwärtigen rechtsradikalen Milieu. Sie wurden von der Künstlerin zu linearen schwarz-weiß Grafiken verarbeitet mit dem Zweck, ihnen die präzise geschichtliche Verortung zu nehmen und sie auf diese Weise eher symbolhaft werden zu lassen. Dazu hat sie Begriffe geschrieben, die über den Raum verteilt waren und die Assoziationen hervorbringen und der Reflexion helfen sollten. Sie selbst beschreibt es so: "Von mir gewählte Wörter fungierten als Orientierungspunkte: Gewalt, Mechanismen, Geld, Verlassenheit, Angst, Politik, Erinnerungen, Vergessen, Liebe, Vorurteile...das alles sind Begriffe, die eine Aktualität sowohl im historischen Kontext von Holocaust besitzen und gleichzeitig in der Gegenwart eine Anwendung finden."

(© Gedenkwerkstatt/Anna Zosik)

In diesem Projekt ging es also um die Schaffung eines Reflexionsraumes. Sitzmöglichkeiten, Tische und sorgfältig zusammengestellte Materialkästen standen dazu bereit. Die Jugendlichen konnten hier sehr individuell ihre Begegnung mit der Gedenkstätte verarbeiten. Jeder hatte die Möglichkeit, für sich in Ruhe seine eigene Form der Reflexion zu finden. Es entstanden Gedichte, Zeichnungen, Kommentare zum Gesehenen und Gehörten, wie auch Kommentare zum Alltag der Jugendlichen.

Auf diese Weise konnten andere wiederum auf das Entstandene reagieren, und es entwickelte sich eine Art Denkmal. Da stellt sich dann auch die Frage, ist das noch kulturelle Bildung oder ist das schon Kunst?

Im Spannungsfeld zwischen historisch-politischer und kultureller Bildung



Hatten die Historiker während der Arbeit an dem Projekt keine Angst, dass falsche Geschichtsbilder entstehen könnten? Wie sind Sie damit umgegangen?

Ganz allgemein lastet auf der gesamten Kunst und kulturellen Bildung ein diffuser Verdacht, dass nicht genau genug gearbeitet und der Fokus zu sehr auf reine Emotionalisierung gelegt wird. Meiner Meinung nach vernachlässigt das aber, dass es bei zeitgenössischen, künstlerischen Strategien um Reflexion und den Umgang mit Wissen geht und darauf basierend zu arbeiten.

Unter den Historikern gab es die Sorge, dass ihnen von Wissenschaftlern Vorwürfe gemacht werden könnten, wie inkorrekt Dinge dargestellt werden. Einerseits haben Historiker ein stark ausdifferenziertes komplexes Wissen, das sich nur schwer kompakt für Jugendliche darstellen lässt. Andererseits machen sie sich über Beteiligungsmodelle für Jugendliche Gedanken. Sie haben nicht ganz zu Unrecht Angst vor künstlerisch-ästhetischen Prozessen, bei denen sich nur mit Material auseinandergesetzt wird. Dass z.B. zum Thema Mauerbau einfach eine plastische Mauer aufgestellt wird und damit ein rein illustrativer Prozess geschieht, der sich aber nicht mit der tieferen Thematik auseinandersetzt. Die Furcht ist deswegen nicht ganz unbegründet. Ich erlebe es tatsächlich oft, dass Akteure der kulturellen Bildung eine gewisse Scheu vor Reflexion und inhaltlicher Erarbeitung haben und es deswegen oft bei der Materialästhetik bleibt. Das ist in diesem Bereich sehr heikel.

Eine weitere Angst der Wissenschaftler ist das Loslassen, dass etwas mal nicht verbalisiert wird, die Ergebnisoffenheit.

Hat sich die Meinung der Historiker zu diesem Thema im Laufe des Prozess durch die Mitarbeit geändert oder sind die Fronten verhärtet geblieben?

Das Ganze kann schon als Verständigungsprozess betrachtet werden. Der Gedenkstättenpädagoge in Sachsenhausen hatte vorab die Sorge geäußert, ob er das Projekt bei sich im Hause vertreten kann. Er war dann am Ende wohl aber beruhigt, denn die Ergebnisse haben für sich gesprochen. Die Historiker haben gesehen, dass sich Jugendliche auf eine Art und Weise beteiligen, wie sie es vorher nicht getan haben. Diese Arbeit ist zeit- und personalaufwendig, kostet viel Geld, aber ich glaube, wenn es immer wieder einen gewissenhaften Rückbezug auf das Thema gibt, dann können die Historiker auch sehr gut damit umgehen. Dann gibt es subjektive Zugänge von Jugendlichen, und es gelingt, Bezug zur Gegenwart herzustellen, wie zum Beispiel bei Themen wie Völkermord, Zivilcourage oder Mut. Oft sind es dann kleine biografische Erlebnisse, die sie dann beschäftigen. Konzentriere ich mich nur auf die Historie und das Wissen, dann ist das ganz weit weg. Ich glaube schon, dass viele Historiker darin auch Chancen sehen, zumindest die Gedenkstättenpädagogen.

Der Künstler setzt den Rahmen. Der kann eng oder weit sein und auch wenn er eng ist, kann da ganz viel passieren, dann entziehe ich mich der Beliebigkeit. Es braucht Mut zur subjektiven Auswahl, dabei zu bleiben und von da aus zu erforschen, was in dem Rahmen alles drinsteckt.

In meiner eigenen Arbeit ist es so, dass ich in den letzten Jahren im Bereich der kulturellen Bildung gedacht hab, dass ich Freiräume schaffen muss, in denen kulturelle Bildung und Partizipation passieren kann, in denen Kreativität zum Tragen kommt, ohne dass das Bildungssystem Druck ausübt. Ich bin oft in Schulklassen gewesen und habe ausgearbeitete Konzepte präsentiert und habe die Schüler gefragt, was sie interessiert, ob sie sich vorstellen können, in dem Prozess mitzumachen, was sie von den Zielen halten und in der Regel war ich völlig überrascht darüber, was da gesagt wurde. Von daher verstehe ich das einerseits mit dem Framing, das gesetzt werden muss, aber auf eine andere Art verstehe ich es auch nicht richtig, denn man läuft doch Gefahr, dass man die Teilnehmer in eine Rolle drängt und dann durch den Prozess schubst auf das Ziel hin, das man sich ausgedacht hat.

Die Frage ist: Wie bekomme ich eine hohe künstlerische Qualität bei einem Maximum an Beteiligung? Wenn ich sage, dass das ein Prozess ist, bei dem man voneinander lernt, bei dem jeder etwas herausziehen kann, Künstler, Pädagoge und die Jugendlichen, dann ist es eben das Prinzip des Voneinanderlernens. Den Partizipationsprozess verstehe ich so, dass der Künstler eine Frage hat, bzw. etwas herausfinden will und das mit anderen gemeinsam tun möchte. Da ist etwas und man macht sich zusammen auf den Weg. Dann ist es eine Frage der Persönlichkeit und des Framings, wie weit die Individualisierung zugelassen wird. Die Zugänge und das Zulassen sind sehr unterschiedlich. Das sind diese Aushandlungsprozesse, die währenddessen auch immer wieder passieren. Man darf nicht sagen, ich bin der Ort des Wissens oder der Ort des Könnens, ihr dürft da ein bisschen mitmachen und dann habt ihr was gelernt. Sondern man sollte sagen, ich möchte was machen mit euch; ich habe eine Frage, ich bringe etwas mit, aber ihr könnt wahrscheinlich auch was und wir überlegen zusammen, was wir daraus machen können. Das macht die Qualität von diesen Projekten aus. Dabei darf die Sachkenntnis des Künstlers jedoch nicht völlig außer Acht gelassen werden: Durch ihr Studium und ihre Praxis verfügen sie nicht nur über technisches Können, sondern haben sich auch die Fähigkeiten angeeignet, Dinge zu reflektieren und mit offenen Prozessen umzugehen. Wenn sie jetzt aber mit Schülern zusammenarbeiten, fallen sie häufig plötzlich in alte Rollenmuster zurück, so wie sie es von Schule gewohnt sind und werden dann pädagogischer als jeder Pädagoge. Das ist auch ein Können. Hier im Projekt kunst – raum – erinnerung wird das beschrieben als drei Elemente: kognitive, soziale und emotionale Zugänge zu schaffen. Es gibt Künstler, denen geht es gerade darum, dieses soziale Miteinander zu gestalten.

Gibt es noch etwas wichtiges, das bisher nicht angesprochen wurde?

Das Thema der Grenzen: Wo sind die Grenzen von Historikern? In den Gedenkstätten gibt es Grenzen, die nicht überschritten werden können aus Gründen der Pietät oder weil manches für die Opfer beleidigend ist. Es gibt Künstler, die gezielt damit arbeiten, und das führt dann natürlich zu der Frage, wie weit Kunst gehen darf. (A.d.R.: Constanze Eckert bezieht sich hier auf die Debatten um die Arbeit von Artur Zmijewski, der auf der documenta 12 ein Video zeigte, bei dem Erwachsene nackt in einer ehemaligen Gaskammer Fangen spielen.[1])

Sind Jugendliche zu weit gegangen? In einer bestimmten Phase birgt das Überschreiten von Grenzen ja einen gewissen Anreiz.

Das kann in der kulturellen Bildung genauso vorkommen wie bei jeder politisch-historischen Bildung. Dann bloß anders gestaltet.

Das Gespräch führte Dr. Sabine Dengel, Referentin für kulturelle Bildung in der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb.

Transkription: Christian Bottschen, Sarah Ott

i

kunst – raum – erinnerung

Ziel des Modellprojektes kunst – raum – erinnerung war die Erschließung eines bisher in der Gedenkstättenpädagogik wenig beachteten Arbeitsfeldes, in dem historisches Lernen, kulturpädagogische Praxis und zeitgenössische künstlerische Strategien miteinander verknüpft wurden. Diese Verknüpfung sollte als Erweiterung der bestehenden pädagogischen Arbeit in KZ-Gedenkstätten praktisch umgesetzt und theoretisch begründet werden. Ausführliche Informationen unter www.Bildungsverbund.net

Das Modellprojekt wurde gefördert im Rahmen des Bundesprogramms "VIELFALT TUT GUT. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie" sowie durch das Land Brandenburg, die Stiftung Großes Waisenhaus zu Potsdam und durch den Förderverein für die IJBS Oswiecim.

Fußnoten

1.
Zur Kontroverse um die Arbeit vgl. http://www.art-magazin.de/kunst/270.html

Constanze Eckert

Constanze Eckert

Constanze Eckert

Constanze Eckert – Künstlerin und Kunstvermittlerin M.A. – ist seit vielen Jahren an den Rändern von Kunst- und Bildungssystem verortet – mit künstlerischen Vermittlungsprojekten, Lehraufträgen, Fortbildungen, künstlerisch-wissenschaftlicher Begleitforschung etc. Gemeinsam mit Anna Zosik gründete sie 2008 eck_ik büro für arbeit mit kunst (www.eckik.org). Seit 2011 leitet sie die Akademie im Modellprogramm Kulturagenten für kreative Schulen.


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln