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1.8.2018

Kann das Lügen moralisch sein?

Susanne Boshammer und Ralph Erdenberger eröffneten ihre Veranstaltung mit einer allgemeinen Betrachtung der Lüge. Über das Zitat "enjoy your lie" kamen sie mit den teilnehmenden Schülerinnen und Schülern verschiedener zehnter Klassen ins Gespräch.

Susanne Boshammer und Ralph Erdenberger eröffneten ihre Veranstaltung mit einer allgemeinen Betrachtung der Lüge. Über das Zitat "enjoy your lie“ kamen sie mit den teilnehmenden Schülerinnen und Schülern verschiedener zehnter Klassen ins Gespräch. Eine Aussage sei dann eine Lüge, wenn sie, erstens, zum Zeitpunkt der Äußerung bereits falsch sei und, zweitens, der oder die Sprechende davon auch Kenntnis habe. In der sich an diese Bestimmung Boshammers anschließenden Debatte wurde durch die Schüler/innen ein weiteres Kriterium ergänzt: es müsse eine Absicht vorliegen, den Anderen täuschen zu wollen. Doch wie oft lügen wir überhaupt? Für ein Gespräch von zehn Minuten schätzten die Schülerinnen und Schüler die Häufigkeit zwischen drei und zwanzig Mal. Ersteres sei richtig, wenn man – so Boshammer – einer engen Definition des Lügens folge. Allerdings gebe es Gespräche, über deren komplette Länge dem Gegenüber ein falscher Eindruck vermittelt werde. Beispielsweise könnte durch Mimik und Gestik ein falsches Bild der eigenen Gefühlslage vermittelt werde. Zählt man solche Fälle dazu, muss von einer deutlich höheren Anzahl ausgegangen werden.

Im weiteren Verlauf der Veranstaltung wurden die Motive besprochen, die zum Lügen führen können. Diesbezüglich schilderte ein Schüler einen Fall, der das erweiterte Verständnis der Lüge aufgriff: Im Rahmen familiärer (politischer) Debatten halte er seine Meinung oft zurück, da er den 'Familienfrieden' wahren wolle. Trotzdem sei er oft gezwungen, sich zu diesen Diskussionen zu verhalten, da seine Zustimmung eingefordert werde. Da er kein Interesse daran habe 'falsche' Positionen weiter zu festigen, offenbare er dann jedoch seine wirkliche Haltung. Anhand dieses Beispiels illustrierte Boshammer, dass Menschen sich zu ihren Positionen bekennen wollen. Auch der Philosoph Immanuel Kant teile diese Erkenntnis.

Daran anknüpfend führte sie seine Position weiter aus: für Kant ist die Lüge der "eigentlich faule Fleck an der menschlichen Natur“. Folge man Kants Universalisierungsgebot, dann sei das Lügen immer zu verwerfen. Dabei argumentiere er einerseits sprachlogisch, da die Lüge Sprache bzw. Verständigung ad absurdum führe. Außerdem wäre ein gesellschaftliches Miteinander andererseits unmöglich, wenn alle Menschen immer Lügen würden. Daneben wies Boshammer darauf hin, dass die Lüge für Kant aus diesen Überlegungen heraus auch nicht als Schutzbehauptung, etwa um politisch Verfolgte zu decken, gestattet sei. Im Folgenden waren die Schülerinnen und Schüler zur Diskussion dieser Extremposition Kants aufgerufen. Dabei stimmte eine Schülerin seiner Position zu und betonte den normativen Wert von Wahrheit. Sie argumentierte weiterhin, dass dies auch für Schutzbehauptungen gelte, wie sie vorher beschrieben worden waren. Das Nicht-Lügen müsse nicht zwingend zur Aufgabe des Schutzes führen. Die Frage, ob Lügen vertretbar sei, machte die Schülerin vom Alter abhängig: ab einem gewissen Alter sei der Akt des Lügens für die Person selbst "nicht mehr tragbar“, wie sie sich ausdrückte.

Die Schüler/innen kamen im Fortgang der Veranstaltung wieder auf die Motive zu sprechen, die ausschlaggebend für eine Lüge sein können. Dabei wurde die Vermeidung von Stress, Angst vor Sanktionen, Schutz der Gefühle, Kontinuität einer Beziehung u.v.m genannt. Das Plenum fand diese Motive prinzipiell verständlich. Allerdings würde man sie, wenn man selbst belogen würde, als nicht hinreichend wahrnehmen. Boshammer stellte daraufhin die Frage in den Raum, ob dadurch auf ein Recht auf Wahrheit geschlossen werden könne. Dazu gab sie zu bedenken, dass eine Lüge bezüglich der Frage 'wie geht es dir?' selten als Affront wahrgenommen werde. Auch beschädige eine einmal aufgedeckte Lüge (und insbesondere auch nicht jede) das Vertrauensverhältnis nicht für immer. Letztere Überlegung bestätige eine Schülerin anhand eines Beispiels: Man verliere mit der Erkenntnis über die Nichtexistenz des Weihnachtsmanns nicht das Vertrauen auf alle durch die Eltern geäußerten Aussagen. Ähnliches zeigte sich an einem Beispiel, in dem ein junger Mensch erkennt, dass er adoptiert wurde. Es schien den Teilnehmenden der Veranstaltung fraglich zu sein, ob durch einzelne Unehrlichkeit auf die gesamte Person geschlossen werden könne.

Ist es denn überhaupt immer gut die Wahrheit zu sagen? Eine Welt in der alle immer alles kommunizieren, was sie als wahr erachten, scheint nicht wünschenswert zu sein. Auch dadurch würde das menschliche Zusammenleben massiv eingeschränkt. Und trotzdem gelte Ehrlichkeit, wie Boshammer ausführte, als eines der relevantesten Kriterien für die Partnerwahl. Durch den Ausschluss gewisser Fragen, ließe sich jedoch eine Art Lügenprävention vornehmen. Anhand des Beispiels eines Schülers, der berichtet, dass sein Eltern ihn in der Kindheit in Bezug auf den Verbleib seines verstorbenen Haustieres getäuscht hatten, zeigte sie auf, dass in Bezug auf den Tod relativ häufig gelogen werde. Dies gelte weiterhin für viele Themenkomplexe, die mit Schmerz und Irritation verbunden sind – ein gutes Beispiel sei der Kommissar der gegenüber Verbliebenen eines Ermordeten entgegen der Faktenlage behaupte, dass dieser nicht gelitten habe.

In Bezug auf die Fake-News-Debatte konstatierten die Schüler/innen, dass dies eine andere Dimension des Lügens sei. Über die Frage wie zu 'Objektivität' gelangt werden könne, entspannen sich unter den Schüler/innen verschiedene Positionen. Es wurde beispielsweise der Quellenvergleich ins Feld geführt sowie dafür argumentiert, dass Objektivität allgemein unmöglich sei. Boshammer erklärte, dass wir 98% unseres Wissens über 'Hörensagen' erhalten würden – es sei üblich, sich auf Instanzen, wie Zeitungen, Radio etc., zu verlassen. Eine Schülerin differenzierte in diesem Kontext zwischen personaler und öffentlicher Lüge, wobei von letzterer größerer Schaden ausginge. Abschließend wurde noch auf den inszenierten (Schein-)Mord eines russischen Journalisten Bezug genommen. Obwohl der Journalist als Argument für die öffentliche Inszenierung seines Mordes die Begründung angeben konnte, sie sei zum Schutz vor Verfolgung geschehen, gab es doch schwerwiegende Nebenfolgen. Dazu gehören beispielsweise das weltweite öffentliche Entsetzen und die diplomatischen Verwerfungen, die ein politischer Mord nach sich zieht.

von Simon Clemens
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