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10.9.2019

Zivilisiert Streiten

Workshop am 4. Juni 2019 mit Prof. Dr. Marie Luisa Frick und Dominik Erhard
Warum ist Streit wichtig für die Demokratie? Diese Frage stand im Mittelpunkt der KLASSE DENKEN Veranstaltung von Marie-Luisa Frick, Professorin für politische Philosophie und Ethik an der Universität Innsbruck, und schloss damit thematisch an die philosophische Fachtagung des Vortages an. Zu Beginn der Veranstaltung fragte der Moderator Dominik Erhard die Schüler/-innen, ob sie sich in letzter Zeit gestritten hätten. Die Schüler/-innen entgegneten, dass sie sich kürzlich mit Freunden oder Familienmitgliedern gestritten hätten und analysierten, dass diese Form des Streitens sich von dem öffentlichen Streiten in einer Demokratie unterscheide, weil sie privat sei. Auf die Schüler/-innen bezugnehmend bekräftigte Frick, dass das öffentliche, politische Streiten eine andere Funktion erfülle als der Streit mit vertrauten Bezugspersonen. Aber welche? Ein Schüler vermutete, dass wir nur durch das Streiten in der Lage seien, die Interessen anderer Menschen zu erfahren und dies sei wichtig, um gemeinsam einen Kompromiss auszuhandeln. Im Dialog mit den Schüler/-innen erklärte Frick, dass diese wichtige Kompetenz des Streitens in der politischen Philosophie der Selbsterkenntnis diene: Erst durch die Auseinandersetzung mit einer anderen Meinung könne man sich seine eigene bilden.

Warum ist es überhaupt wichtig, dass alle mitstreiten dürfen?

Darauf aufbauend befragte Frick die Schüler/-innen, warum es überhaupt wichtig sei, dass alle mitstreiten dürfen. Ein Schüler vertrat die These, dass eine Gesellschaft, in der nicht alle mitstreiten und mitentscheiden dürfen, eine Monarchie oder Diktatur sei. Auf Fricks provokanten Einwand, für eine Gesellschaft sei es das Beste, wenn nur kluge Menschen mitstreiten und entscheiden dürfen, entgegnete eine Schülerin, dass jede Generation einer Gesellschaft andere Interesse habe und dass nicht eine bestimmte Gruppe darüber entscheiden dürfe, ob über diese Interessen gestritten werde oder nicht. Frick gab der Schülerin Recht und erklärte, Interessen können nicht wahr oder falsch sein. Die Demokratie habe es nicht mit Wahrheit zu tun, sondern mit dem Ausverhandeln von Interessen. Und dafür sei das zivilisierte Streiten ganz essentiell. In der gemeinsamen Diskussion kritisierten die Schüler/-innen, dass ihre Interessen nicht hinreichend berücksichtigt werden. Als Beispiel nannten sie die Debatte über Uploadfilter, die für sie als junge Generation ein wichtiges Thema seien, auf das die Gesellschaft zu sporadisch eingehe. Frick analysierte, dass sich Interessen stets vor dem Hintergrund individueller Lebenswirklichkeiten generieren. Wichtig seien allerdings auch Mittel, diese Interessen nachhaltig zu verfolgen. Darauf bezugnehmend erklärte ein Schüler, dass ihm als Mitglied der jungen Generation dafür oftmals das Druckmittel fehle. Im Falle der Fridays-for-Future-Proteste würden Schüler/-innen beispielsweise nur ihre eigene Bildung vernachlässigen können.

Gesellschaftliche Teilhabe und die Rolle der Philosophie

Im Folgenden erörterte Erhard gemeinsam mit den Schüler/-innen, dass mit der Frage des Streitens in einer Demokratie auch die Ermöglichung von gesellschaftlicher Teilhabe verbunden sei. Die Philosophie spiele dabei bei der Adressierung verschiedener Interessen eine zentrale Rolle, weil sie zum einen die Interessen anderer transparent mache und zum anderen ethische Handlungsanweisungen für ein demokratisches und nachhaltiges Zusammenleben formulieren könne. In diesem Zusammenhang verwies Erhard auf die Gesellschaftstheorie des US-amerikanischen Philosophen John Rawls. Rawls zufolge sei es für eine gerechte Gesellschaft förderlich, Entscheidungen des Gemeinwohls zu treffen, ohne dabei zu überlegen, welche Position ich als Entscheider/-in in der entworfenen Gesellschaft einnehme. Daran ließe sich messen, ob die getroffenen Entscheidungen mit den Interessen aller Mitglieder einer Gemeinschaft in Einklang stünden. Frick erwiderte, dass Rawls‘ Theorie zwar eine philosophisch fundierte Begründung für die Demokratie als Herrschaftsform darstelle, aber als ethische Handlungsanweisung für das praktischen Leben und besonders für das demokratische Streiten zu abstrakt sei. Die Bedingungen für das zivilisierte Streiten seien damit noch nicht hinreichend geklärt.

Wie funktioniert zivilisiertes Streiten?

Frick zufolge entstehe Streit immer dann, wenn meine Interessen mit denen von anderen in Konflikt gerieten. Interessen zu besitzen, bedeute Präferenzen zu formulieren und diese vor anderen zu verteidigen und zu rechtfertigen. An diesem Argument machte Frick deutlich, dass es für das angemessene Aushandeln von Interessen wichtig sei, die Konsequenzen von individuellen Entscheidungen für das Gemeinwohl zu berücksichtigen. In der Diskussion bemerkte eine Schülerin, dass sie bei ihrem Konsumverhalten beobachten könne, dass ihre Interessen mit denen von anderen in Konflikt gerieten. Daran anschließend kritisierte ein Schüler, dass die Goldene Regel [1] nicht als ethische Handlungsanweisung für das Streiten Bestand hätte, weil sie nur die eigenen aber nicht die Interessen meines Gegenübers berücksichtige. In diesem Zusammenhang stellte Frick der Goldenen Regel den Kategorischen Imperativ des Philosophen Immanuel Kant entgegen, in der ein bestimmtes Interesse oder eine Entscheidung auf ihre Universalisierbarkeit geprüft werde. Frick erklärte, dass es für das Ausverhandeln von Interessen essentiell sei, Handlungen und Entscheidungen nicht nur moralisch zu befehlen, sondern ethisch zu begründen. Mit Blick auf den Streit in einer Demokratie bedeute dies, sich zu fragen, ob die eigenen individuellen Interessen mit denen des Allgemeinwohls in Konflikt geraten können.

Streit und Emotion

In der gemeinsamen Diskussion bemerkten die Schüler/-innen, dass der Austausch von begründeten Argumenten eher eine Auseinandersetzung, aber kein Streit sei, weil zum Streiten auch Emotionalität gehöre. Im Streit sei es nicht immer einfach, sachlich und nüchtern zu bleiben. Darauf bezugnehmend erklärte Frick, dass zwischen den eigenen Interessen und Gefühlen ein enger, systematischer Verweisungscharakter bestehe. Erst der emotionale Streit zeige, dass uns als Individuen etwas wichtig ist und das sei prinzipiell für eine Demokratie förderlich, solange man die Interessen seines Gegenübers mitdenkt. Zum Abschluss der Veranstaltung resümierte ein Schüler, dass nur durch das Streiten und den begründeten Widerspruch gesellschaftlicher Fortschritt möglich sei.

von Niko Gäb

Fußnoten

1.
"Was du nicht willst, was man dir tu‘, das füg auch keinem andern zu.“
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