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10.9.2019

Das Universum und ich

Workshop am 7. Juni 2019 mit Sybille Anderl und Ralph Erdenberger
Im Zentrum der KLASSE DENKEN Veranstaltung "Das Universum und ich" mit Sybille Anderl und Ralph Erdenberger standen wissenschaftstheoretische und epistemologische Fragen. Zu Beginn der Veranstaltung befragte Erdenberger die Schüler/-innen, was sie am Universum fasziniere. Die Schüler/-innen antworteten, dies sei insbesondere dessen Größe aber vor allem auch die Frage, wo sich der Mensch im Universum befinde. Diese Frage verband sich im gemeinsamen Gespräch über den eingespielten Trailer zum Film "Goodbye Lenin" [1] mit der philosophischen Frage nach Realität und der Möglichkeit menschlicher Erkenntnis derselben. Ein Schüler bemerkte zu "Goodbye Lenin", dass offenbar der Mutter, die gerade aus dem Koma erwacht ist, eine Realität vorgespielt werde, indem ihr Sohn ihr verschweigt, dass es zum Mauerfall kam und für sie durch aufwendige Inszenierung des DDR-Alltags diese weiterleben lässt. Anderl verwies im Gespräch darauf, inwiefern sich am Film(-trailer) wissenschaftstheoretische Diskurse anschließen lassen. Eine Schülerin bemerkte dazu, dass sich nur durch Beobachtung Thesen über die Realität aufstellen lassen. Auf die Beiträge der Schüler/-innen bezugnehmend resümierte Anderl schließlich, dass das Problem der Wissenschaft im Allgemeinen und der Astrophysik im Besonderen darin bestehe, dass der Gegenstand der wissenschaftlichen Betrachtung nicht sinnlich betrachtet werde könne. In der Astrophysik bedeute dies, dass die Wissenschaftlerin die Rolle der passiven Beobachterin einnehme, indem sie das, was sie beobachte, nicht mittels Experimenten falsifizieren könne. Astrophysiker/-innen haben beispielsweise nicht die Möglichkeit, die Sterne, die sie erforschen, nachzubauen. In diesem Sinne sei der Mensch Anderl zufolge wie die Komapatientin aus "Goodbye Lenin", weil er versuche, die Welt durch Beobachtung zu rekonstruieren. Grundsätzlich sei festzuhalten, dass je weiter sich der Mensch bei der Erforschung der Welt von der sinnlichen Wahrnehmung entferne, desto relevanter wissenschaftstheoretische Fragen werden.

Die Sherlock-Holmes-Methode

Im Folgenden paraphrasierte Anderl Aristoteles, indem sie erklärte, dass das Staunen über den Sternenhimmel der Startpunkt jeder Philosophie sein müsse. Es bestehe also eine Grundfaszination des Menschen für den Kosmos über sich. Für die Erforschung des Universums nehme die Rolle des passiven Beobachters eine Schlüsselrolle ein, die Anderl und Erdenberger gemeinsam mit den Schüler/-innen diskutierten. Erdenberger fragte die Schüler/-innen, wie sich wissenschaftliche Thesen überprüfen ließen, wenn keine sinnlichen Eindrücke verfügbar und keine Experimente möglich seien. Ein Schüler nannte die deduktive Methode des Wissenschaftsphilosophen Karl Popper, nach der von einer allgemeinen Theorie auf besondere (empirische) Gegebenheiten geschlossen werde. Im Gespräch mit den Schüler/-innen formulierte Anderl den Einwand, dass auch Popper modellhaft arbeite, indem er Theorien anhand von Experimenten falsifiziere. Damit stelle sich die Frage, ob es grundlegende Unterschiede zwischen Wissenschaften, die mit Experimenten und solchen, die nur mit Beobachtung arbeiten, gebe. In ihrer weiteren Ausführung erklärte Anderl die sogenannte Sherlock-Holmes-Methode, die sich in vier Schritte gliedere und für die Astrophysik ein typisches Verfahren sei: Zunächst gelte es zur Kenntnis zu nehmen, dass ein bestimmtes Ereignis eintrete, das sich beobachten lasse. Daraufhin sammle der Wissenschaftler oder die Wissenschaftlerin Spuren und versuche in einem dritten Schritt eine gemeinsame Ursache zwischen dem eingetretenen und anderen Ereignissen zu formulieren. In einem finalen, vierten Schritt gelte es sogenannte "smoking guns" zu suchen, mit deren Hilfe sich konkurrierende Hypothese unterscheiden lassen. Dieses Verfahren explizierte Anderl, indem sie auf ihre eigene Forschung Bezug nahm, in der sie sich mit der Entstehung von Sternen innerhalb der Milchstraße beschäftigt hat. Festzuhalten sei, dass für die Erforschung des Universums gelte, dass je weiter weg von der Erde man sich bewege, desto abstrakter und philosophischer werde die astrophysikalische Forschung.

Theorie und Beobachtung

In der gemeinsamen Diskussion erörterten die Schüler/-innen, dass sich wissenschaftliche Forschung zwischen der Theorie auf der einen Seite und der Beobachtung auf der anderen Seite abspiele. Auf die Frage, wie das Universum im Ganzen aussehe, gebe es deshalb unterschiedliche Antworten. Während Platon noch annahm, das Universum sei statisch, werde heute davon ausgegangen, dass es dynamisch sei und sich seit dem Urknall ins Unendliche ausbreite. Anderl ergänzte, dass der Urknall eine Arbeitshypothese sei, für die die Beobachtung von kosmischer Hintergrundstrahlung derzeit als Beweis gelte. Für die permanente Ausbreitung des Universums und damit für die Ausbreitung von Raum und Zeit spreche außerdem, dass die Abstände zwischen der Erde und anderen Sternen in der mathematischen Beobachtung immer größer werden. Ein Schüler bemerkte in diesem Zusammenhang ein wichtiges wissenschaftstheoretisches Problem, indem er die Rolle des (wissenschaftlichen) Beobachters kritisch reflektierte. Der Beobachter oder die Beobachterin sei niemals rein objektiv, weil es vorstellbar sei, dass seine/ihre Beobachtung durch ein bestimmtes Vorverständnis das Universum mitkonstruiere. Anderl griff dieses Problem auf und erklärte, dass bei der Erforschung des Universums das anwesende Subjekt (der Forscher/die Forscherin) die Welt in einem bestimmten Grad mitkonstituiere. Damit stelle sich die Frage, ob sich in der physikalischen Forschung die Rolle des beobachtenden Menschen rauskürzen lasse oder ob ein tätiges menschliches Bewusstsein die Grundbedingung für jede wissenschaftliche Theorie und Beobachtung darstelle. Die Referierenden verabschiedeten sich von den Schüler/-innen, indem sie ihnen die offene philosophische Frage stellten, ob das Universum zufällig entstanden oder determiniert sei.

von Niko Gäb

Fußnoten

1.
https://www.youtube.com/watch?v=bznjeEx98uM
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