zurück 
29.9.2009

Zum Verhältnis von politischer und kultureller Bildung

Sollen künstlerische Mittel dabei helfen, einen Zugang zur Politik zu finden? Wenn man politische Bildung streng definiert, und dafür gibt es gute Gründe, muss die Frage verneint werden. Sonst drohen ihre Konturen zu verschwimmen, meint der Politikwissenschaftler Joachim Detjen.

Politische Bildung befähigt die Menschen, am politischen Leben teilzunehmen, zum Beispiel als Wähler/-innen. (© tommyS © Siepmann-gbr.de / pixelio.de)


Mit der Antwort auf die Frage, wie kulturelle und politische Bildung zueinander stehen, könnte man es sich einfach machen: Man bräuchte nur darauf hinzuweisen, dass alles zur Kultur zählt, was der Mensch hervorgebracht hat und deshalb nicht Natur ist. Zu den menschlichen Erzeugnissen und Artikulationen gehört zweifellos auch die Politik, ist sie doch eine der bedeutsamsten Erfindungen der Menschheit. Ihr Zweck ist es, mit Hilfe ausgeklügelter Institutionen das stets konfliktbehaftete Zusammenleben der Menschen zu regeln. Begreift man also Politik als Teil der Kultur, könnte man daraus den Schluss ziehen, in der politischen Bildung nichts anderes als eine Variante kultureller Bildung zu sehen. Dieser Schluss verbietet sich jedoch, wenn man genauer untersucht, womit politische und kulturelle Bildung befasst sind.

Politische Bildung im strengen Sinne weist keine Gemeinsamkeiten mit kultureller Bildung auf



Politische Bildung dient dem Verstehen der Politik sowie der Förderung politischer Urteilsfähigkeit und politischer Handlungsfähigkeiten. Sie wird betrieben, um die Menschen politisch mündig und damit zu Bürgern zu machen. Das Bürgersein liegt sicherlich im Interesse der Menschen, noch mehr aber liegt es im Interesse des demokratischen Verfassungsstaates. Damit soll gesagt sein, dass sich die Existenz der politischen Bildung letztlich einem genuin staatlichen Anliegen verdankt.

Ein wichtiger Bestandteil der politischen Mündigkeit ist Wissen. Dabei geht es nicht um einfaches Faktenwissen, sondern um fundiertes Erklärungswissen, das ein Verstehen politischer Phänomene erlaubt. Zu diesem Wissen gehören etwa die Mechanismen des parlamentarischen Regierungssystems, der Gewaltenteilung und der Marktwirtschaft, die Prinzipien des Rechtsstaates sowie die Normen und Strukturen der internationalen Politik. Es handelt sich also um relevantes Wissen über zentrale Elemente makropolitischer Zusammenhänge.

Dann ist das Verantwortungsbewusstsein ein Bestandteil der politischen Mündigkeit. Dieses besteht zumindest darin, der Politik ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit zu schenken und dabei auf das Wohl der näheren sozialen Umgebung wie auch des staatlichen Gemeinwesens bedacht zu sein. Verantwortungsbewusstsein zeigt sich darüber hinaus darin, dass man in politischen Dingen rational und nicht affektiv oder emotional urteilt und handelt.

Schließlich bildet der Wille zur politischen Partizipation und zum politischen Engagement einen Bestandteil der politischen Mündigkeit. Mündigkeit liegt aber nicht erst dann vor, wenn ein Maximum an Partizipation und Engagement praktiziert wird. Politische Mündigkeit ist bereits dann gegeben, wenn der Einzelne trotz seiner Passivität weiß, wie er gegebenenfalls politisch aktiv werden kann. Und wenn er imstande ist abzuschätzen, welche Anstrengungen dabei auf ihn zukommen und welche Erfolgsaussichten sein Engagement hat.

Politische Mündigkeit verlangt nicht nur Einstellungen, sondern auch Fähigkeiten. Die wichtigste Fähigkeit ist die politische Urteilsfähigkeit. Deren Förderung stellt deshalb eine Kernaufgabe der politischen Bildung dar. Der wesentliche Grund für die Bedeutsamkeit dieser Fähigkeit liegt im legitimierenden Prinzip der Demokratie, der Volkssouveränität. Sie bedeutet erstens, dass alle Staatsgewalt vom Volk ausgeht. Sie bedeutet zweitens, dass die Inhaber politischer Ämter per Wahl durch die Stimmbürgerschaft legitimiert sind. Angesichts dieser Sachlage ist die Volkssouveränität verfassungspolitisch nur dann vertretbar, wenn die Bürger fähig sind, die Politik selbstständig und mit einem Mindestmaß an Rationalität zu beurteilen. Ohne Rationalität der Bürger stünde die Volkssouveränität auf tönernen Füßen. So werden die Bürger in Wahlen ja aufgefordert, ein Urteil über die Kompetenz von Parteien und Personen zur Lösung schwieriger Sachprobleme abzugeben.

Nun lassen sich in der Welt der Politik viele Aspekte bewerten und beurteilen, so das politische Personal, gesellschaftliche Problemlagen, Parteiprogramme und einzelne Geschehnisse. Von echten politischen Urteilen sollte man aber nur sprechen, wenn es um politische Entscheidungsurteile geht. Denn das Entscheiden einschließlich des vorherigen argumentativen Abwägens von Optionen in einer intransparenten, vernetzten und dynamischen Situation bildet den Kern des politischen Geschäfts. Die Demokratie gewinnt an politischer Stabilität, wenn die Bürger wenigstens eine Ahnung davon besitzen, wie anspruchsvoll das politische Urteilen und Entscheiden ist.

Die politische Bildung soll schließlich politische Handlungsfähigkeiten fördern. Diese bestehen vor allem in organisatorischen sowie rhetorischen Befähigungen. Politisch handlungsfähig ist, wer Folgendes kann: Ideen formulieren, Handlungskonzepte entwickeln, Vorhaben planen, Veranstaltungen organisieren, Versammlungen leiten, politische Diskussionen moderieren, Redebeiträge vor größerem Publikum liefern, öffentliche politische Reden halten, Gefolgschaften organisieren und mobilisieren sowie Verhandlungen mit Dritten führen.

Kulturelle Bildung dient der Selbstbildung sowie der Förderung kulturbezogener Kommunikation



Folgt man der vom Bundestag eingesetzten Enquete-Kommission "Kulturelle Bildung in Deutschland" sowie Verlautbarungen des Deutschen Kulturrates, so ist die kulturelle Bildung völlig anders orientiert. Ihr Fokus ist das in die bestehende Kultur hineinwachsende Individuum. Die kulturelle Bildung nimmt für sich zwar in Anspruch, soziale Kompetenzen zu erweitern und die gesellschaftspolitische Verantwortungsfähigkeit des Einzelnen zu stärken, in erster Linie geht es ihr aber doch um eine Sensibilisierung für unterschiedliche kulturelle Bedeutungssysteme und um die Stärkung kreativ-künstlerischer Entwicklungsprozesse. Sie will letztlich Selbstbildungsprozesse ermöglichen und fördert zu diesem Zweck Wahrnehmung, Verhalten, Werthaltungen, Identität sowie Lebensgestaltung.

Aufgrund ihrer engen Beziehung zu den Künsten spricht die kulturelle Bildung ihr Publikum emotional und kognitiv an und verbindet vor diesem Hintergrund Gefühlserfahrungen mit Reflexionsprozessen. Die Künste sind es auch, die für eine Selbstreflexion der Gesellschaft über ihre Werte sorgen. Denn wenn irgendwer die Freiheit und Würde des Einzelnen diskutiert, einfordert, in aller Widersprüchlichkeit darstellt, die symbolischen Formen bereitstellt, in denen sie überhaupt gedacht und vor allem erlebt werden können, dann geschieht dies im Medium der Künste. Die Menschen hoffen daher nicht zu Unrecht auf Orientierung und Denkanstöße durch die Kunst.

Die kulturelle Bildung arbeitet mit kulturpädagogischen Methoden, also mittels Musik, Bildender Kunst, Theater, Film und Tanz. Sie weckt auf diese Weise schöpferische Fähigkeiten und Kräfte des Menschen. Sie regt weiterhin zu einer differenzierten Wahrnehmung der Umwelt an und fördert beim Einzelnen das Beurteilungsvermögen für ästhetische Erscheinungsformen des Alltags, wie Mode, Unterhaltungsmusik, Trivialliteratur und Medienprogramme. Die kunstpädagogischen Methoden fördern kommunikative Verhaltensweisen und erleichtern soziale Bindungen. So verlangt das Musizieren nicht nur die Beherrschung des jeweiligen Instruments, sondern auch das Zusammenwirken mit anderen in einem Orchester. Das Darstellende Spiel verlangt das Erlernen des künstlerischen Ausdrucks in Gestalt von Stimme, Mimik und Gestik.

Bei einem großzügigen Verständnis von politischer Bildung gibt es Schnittmengen mit kultureller Bildung



Ästhetische Inszenierungen der Politik und politische Aspekte in kulturellen Manifestationen: Es gibt keinen Aspekt des menschlichen Lebens, der nicht zum Gegenstand einer politischen Regelung werden kann. Politik lässt sich nicht auf bestimmte Gegenstände eingrenzen. Es gilt aber noch etwas anderes: Politik ist im Kern zwar die Regelung der gemeinsamen Angelegenheiten, sie erschöpft sich aber nicht darin. So muss Politik kommunikativ und symbolisch vermittelt werden. Die symbolische Vermittlung erfordert ästhetische Anstrengungen, damit es zu der gewünschten Rezeption im Publikum kommt: Die Menschen benötigen offensichtlich sinnliche Anschauungen. Die Folge sind politische Inszenierungen.

Offenkundige Beispiele für die Ästhetisierung der Politik sind Parteitagsinszenierungen, die visuelle Gestaltung von Wahlkämpfen und die auf Wirkung berechnete mediale Darstellung von Spitzenpolitikern. Abwertend wird bereits von einer Theatralisierung der Politik oder vom Politainment gesprochen. Aber auch die ernste Frage, wie die politische Architektur bzw. Ikonographie beispielsweise der Hauptstadt gestaltet werden soll, ist eine ästhetische Frage. Zur Ästhetisierung der Politik gehört es auch, wenn junge Staaten nach einer Nationalhymne und einer Staatsflagge zwecks nationaler Selbstdarstellung suchen.

Während auf der einen Seite die Politik die Ästhetik bemüht, enthalten auf der anderen Seite kulturelle, insbesondere künstlerische Manifestationen fast immer politische Akzente. Dabei können die Künste drei prinzipielle Positionen einnehmen: Entweder kritisieren sie offen oder verdeckt öffentliche Missstände. Oder sie legitimieren mit ästhetischen Mitteln herrschende Zustände. Oder sie thematisieren denkbare, gegebenenfalls auch nur utopische Weisen des gesellschaftlichen Lebens und der politischen Ordnung.

Besonders deutlich ist die politische Wirkungsabsicht in der dramatischen Literatur und damit im Theater. Die Dokumentardramen der Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts verfolgten explizit politische Aufklärungsabsichten. Die Regisseure des etwa zur selben Zeit entstandenen Regietheaters nahmen für sich in Anspruch, auch klassische Texte auf ihre politische Aktualität hin zu befragen und neu komponiert auf die Bühne zu bringen. Auch die Musik hat politische Dimensionen. So wird selbst unpolitische Musik politisch, wenn sie etwa vom Staat verwendet wird, um beispielsweise in einer bedrängten Kriegssituation eine optimistische Stimmung zu erzeugen. Eigentliche politische Musik liegt vor, wenn in ihr das Gesellschaftliche und Politische affirmativ oder kritisch thematisiert wird. Die Bildende Kunst, Fotografie und Film eingeschlossen, ist besonders zur Darstellung gesellschaftlicher und politischer Probleme geeignet. Gerade von Bildern kann eine starke politisch-suggestive Wirkung ausgehen. Man denke an Picassos "Guernica", an das Fernsehbild der brennenden Türme des World Trade Centers sowie an diverse Spielfilme aus jüngerer Zeit, die kaum übersehbare politische Botschaften enthalten: "Die fetten Jahre sind vorbei" (2004) und "Das Leben der Anderen" (2006).

Man kann also festhalten: Die Politik hat ästhetische Seiten. Und die ästhetischen Disziplinen haben politische Seiten. In beiden Fällen wird die Politik jedoch nicht im Kern berührt. So tangiert die Ästhetisierung der Politik nicht mehr als die Oberfläche oder Peripherie der Politik. Denn sie dringt nicht zu den politischen Problemlagen vor. Die politischen Botschaften in Kunstwerken regen im geglückten Fall das Nachdenken des Publikums an, mehr jedoch auch nicht. Allenfalls gelegentlich geht von einer bestimmten ästhetischen Gestaltung eine politische Massenwirkung aus. Dies kann sodann den politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozess beeinflussen. Dann – aber auch nur dann – wäre die Politik im Kern berührt. Meistens jedoch verblassen im Bewusstsein der Menschen die von einem Kunstwerk ausgehenden politischen Botschaften nach einiger Zeit. Nicht zufällig klagen viele Dramatiker über die politische Wirkungslosigkeit ihrer Stücke. Dennoch können Kultur und Kunst zweifellos das politische Bewusstsein der Menschen und damit die politische Kultur eines Landes prägen. Hierbei sind sie aber nicht mehr als ein Faktor unter vielen. Insgesamt verbleiben Kultur und Kunst damit im Vorhof der Politik.

Soll das Aufgabenspektrum der politischen Bildung erweitert werden?



Die entscheidende Frage lautet: Ist die Rezeption von Kunst ein maßgeblicher Zugang zur Politik und damit für die politische Bildung interessant, oder verhindern ästhetische Zugangsweisen die Möglichkeit rationaler Auseinandersetzungen mit der Politik? Die Antwort auf die Frage hängt davon ab, ob man an einer politischen Bildung im strengen Sinne festhalten oder ob man ihr Aufgabenspektrum erweitern will.

Zu einer positiven Antwort wird derjenige neigen, dem die Politik als Gegenstand der politischen Bildung zu eng ist, solange sie nur ein in Institutionen eingebundenes Entscheidungshandeln zur Gestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens umfasst. Anhänger dieser Position könnten argumentieren, dass die Bildungsaufgabe das Aufklären über alle Aspekte der Politik einschließen müsse. "Alle Aspekte" kann dann die medial-ästhetischen Inszenierungen der Politik genauso meinen wie die politischen Aspekte in der Kultur und in den Künsten. Weiterhin könnte auch die politische Urteilsfähigkeit aus ihrer Bindung an politische Entscheidungen befreit und auf alles irgendwie Politische erstreckt werden, also etwa auf Fragen wie die, ob eine politische Inszenierung geglückt sei, ob die in einem Spielfilm vertretene politische Position überzeuge und wie die symbolische Ausdrucksform eines Bildes bewertet werden solle. Schließlich wird man aus dieser Position auch für die Zulässigkeit von Emotionalität, für vieldeutige Wahrnehmungen, für Kreativität und "ganzheitliches" Lernen, d.h. ein Lernen mit allen Sinnen, also ein Lernen mit Verstand, Gemüt und Körper, eintreten.

Solche Vorstellungen sind populär, stehen sie doch für ein großzügiges und integrationsfreundliches Verständnis der politischen Bildung. Gleichwohl wird man zu bedenken geben dürfen, dass die Konturen der politischen Bildung zu verschwimmen drohen, wenn sich ihr Gegenstandsbereich für alles Mögliche öffnet. Die Bedenken verstärken sich, wenn man sich vor Augen hält, dass die politische Bildung an den Schulen ein auf wenige Unterrichtsstunden reduziertes Fach ist. Vor allem aber die Öffnung dem Emotionalen gegenüber sollte nachdenklich stimmen. So hat Kaiser Wilhelm II. mit theatralischen Reden das Ansehen Deutschlands vor dem Ersten Weltkrieg schwer geschädigt. Und Adolf Hitler hat mit einstudierter Theatralik die Deutschen für sich und seine verbrecherische Politik einzunehmen versucht. Die Wiederholung einer Gefühle instrumentalisierenden Politik kann man sich eigentlich nicht wünschen. Die Politik in demokratischen Verfassungsstaaten ist außerdem eine im Kern zutiefst rationale Angelegenheit. Zu diesem Kern gehören auch die politischen Institutionen, in denen eine Vernunft steckt, die zu entdecken und zu verstehen mehr lohnt, als sich mit peripheren Schichten der Politik zu befassen. Denn der demokratische Verfassungsstaat ist um seines Bestandes willen darauf angewiesen, dass die Bürger ihn verstehen.

Literatur



Besand, Anja: Angst vor der Oberfläche. Zum Verhältnis ästhetischen und politischen Lernens im Zeitalter Neuer Medien. Schwalbach/Ts 2004.

Detjen, Joachim: Politische Bildung. Geschichte und Gegenwart in Deutschland. München 2007. Deutscher Bundestag: Schlussbericht der Enquete-Kommission "Kultur in Deutschland". Drucksache 16/7000 (11.02.2007).

Richter, Dagmar: Politische Bildung durch "Kunst mit politics?": Nur ein Versprechen oder eine Chance zur politisch-ästhetischen Kompetenzbildung?, in: Journal für Sozialwissenschaften und ihre Didaktik, Ausgabe 2/2006, 11 Seiten.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/2.0
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

Joachim Detjen

Zur Person

Joachim Detjen

Prof. Dr. Joachim Detjen, geb. 1948; seit 1997 Inhaber des Lehrstuhls für Politikwissenschaft III: Politische Bildung (Didaktik der Sozialkunde) an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln