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10.3.2011

Sechs Fragen an die Musikschule Tübingen e.V.

Um sich für andere soziale Schichten und Kulturen zu öffnen, hat die Tübinger Musikschule, deren Publikum derzeit vor allem aus einer gebildeten Mittelschicht stammt, das Interkulturelle Orchester IKU gegründet. Die ersten Konzerte zeigen, dass etwa beim Zusammenspiel von Geige- und Saz-Spielern eine ganz neue Form von Musik entsteht.

Die jungen Musiker beim ersten offiziellen Auftritt des Interkulturellen Orchesters zum Neujahrsempfang des Tübinger Oberbürgermeisters im Januar 2011. (© Stadt Tübingen)


1. Ist Ihr Publikum multikulturell zusammengesetzt? Warum/Warum nicht?

Die Schülerinnen und Schüler unserer Musikschule kommen zu einem großen Teil aus Familien mit akademischem Hintergrund sowie aus einer gebildeten Mittelschicht. Durch die international besetzte Universität Tübingen ist unser Publikum zwar multikulturell im Sinne seiner Herkunft, dennoch ist die kulturelle Praxis in dieser Schicht meist westlich-traditionell geprägt.

2. Was bedeutet interkulturelle Bildung für Sie, und wie versuchen Sie diese in Ihrer Institution umzusetzen?

Interkulturelle Bildung beruht für mich auf der Chance einer gegenseitigen Bereicherung verschiedener Kulturen, wobei die unterschiedlichen kulturellen Praktiken und Traditionen nicht zwangsläufig miteinander verschmelzen oder ineinander aufgehen müssen. Keine "Multikulti"-Kultur im einfachen Sinne, sondern ein bewusstes Ineinandergreifen verschiedenster Stilmittel mit dem Ziel, Stilvielfalt auf einer neuen Qualitätsstufe zu schaffen und somit einen kreativen Prozess anzuregen und auszulösen. Ein durchaus gewünschter "Nebeneffekt" ist dabei das Verständnis für die jeweils andere Kultur und der Wunsch, Elemente der jeweils anderen Kultur zu erlernen und auszuüben, also einen emotionalen Zugang zu Menschen anderer Kulturkreise zu ermöglichen. Musizieren kann man mit jedem Menschen, ob man dessen Sprache beherrscht oder nicht: Musik ist ein Mittel zur Begegnung und Kommunikation mit dem jeweiligen Erfahrungshorizont des Individuums.

3. Wie sieht die Verbindung von kultureller und interkultureller Bildung bei Ihrem Projekt "Interkulturelles Orchester - IKU" aus? Welche Ziele verfolgen Sie damit?

Das Projekt "Interkulturelles Orchester – IKU" der Tübinger Musikschule entstand 2009 in Kooperation mit der Stabsstelle für Integration und Gleichstellung der Stadt Tübingen. Die Stadt Tübingen finanziert das Projekt vorläufig auf drei Jahre. Prominenter Pate des Interkulturellen Orchesters ist der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen Cem Özdemir.

Unser Projekt entspricht dem obengenannten Anspruch mit dem Ziel eines gemeinsamen und gleichberechtigten Miteinanders junger Menschen mit interkulturellem Hintergrund nicht aus der Perspektive "unserer" Kultur, sondern aus einer interkulturellen gemeinsamen Perspektive. Kinder der Musikschule, die bereits Unterricht in den traditionellen Instrumentalfächern erhalten, musizieren in einem Orchester gemeinsam mit Kindern, die ihrerseits an unserer Musikschule "ihr" traditionelles Instrument, wie Oud oder Saz, erlernen. Dabei entsteht eine neue Form der Musik. Ein Musiker aus dem arabischen Kulturkreis erschafft diese Musik speziell für dieses Orchester und seine spezifische Zusammensetzung. Inzwischen gibt es solche schönen "interkulturellen Nebenwirkungen" wie z.B. der Wunsch eines kleinen Oud-Spielers, das Geigespielen erlernen zu wollen, oder ein Saz spielendes türkisches Mädchen bringt ihre deutsche Freundin mit, die nun ihrerseits auch Saz spielen möchte. Da wir Kinder unterschiedlichster Milieus erreichen wollen, erhalten die Kinder für 15 Euro monatlich eine Stunde Gruppenunterricht inklusive einer Ensemblestunde jeweils wöchentlich.

4. Welche Chancen bietet aus Ihrer Sicht die Arbeit einer Musikschule für die interkulturelle Bildung?

Die Chance besteht in der Erreichbarkeit und in der universellen Sprache der Musik, die in einer Musikschule vermittelt wird. Werden z.B. Instrumente anderer Kulturkreise in das an den meisten öffentlichen Musikschulen sog. "Instrumentenkarussell" aufgenommen, erfahren bereits die Kleinsten einen selbstverständlichen Umgang mit Elementen anderer Kulturen. Eine gegenseitige Bereicherung für alle! Dass Sprache mithilfe von Bewegung und Musik leichter erlernbar ist, ist längst wissenschaftlich nachgewiesen. Wenn zudem unsere abendländische Musik zukünftig weiterbestehen möchte, benötigt sie dringend Einflüsse von außen, um nicht in sich selbst zu erstarren. Und schließlich verbindet Musik tatsächlich Menschen mit unterschiedlichsten Religionen und Erfahrungshorizonten. Gemeinsam erlebte Musik ermöglicht einen emotionalen Zugang zu dem jeweils "Anderen". Musikschulen können somit einen erheblichen und substantiellen Teil zur interkulturellen Bildung, vor allem auch in der frühkindlichen Bildung, leisten.

5. Wo sehen Sie in Ihrer Institution im Hinblick auf die Ansprache eines kulturell heterogenen Publikums noch Verbesserungsbedarf?

Das kulturell heterogene Publikum tatsächlich zu erreichen ist mit viel zeitlichem Aufwand, Geschick und Sensibilität verbunden. Ohne interkulturelle Multiplikatoren, wie engagierte Einzelpersonen, Migrationsvereine oder interkulturelle Einrichtungen vor Ort ist das nicht zu bewältigen. Die herkömmlichen Arten, zu werben, versagen meist. Auch bei uns geht es deshalb sehr langsam vorwärts, trotz Informationen in den Grundschulen und Kontakt zu den Vereinen. Inzwischen nutzen wir auch die vielfältigen Möglichkeiten zur Teilnahme an interkulturellen Veranstaltungen in der Stadt, wie z.B. an einem Arabischen Filmfestival. Hilfreich ist ausschließlich eine enge Vernetzung innerhalb der Stadt, die jedoch aufwändig gepflegt werden muss. Nicht zu vergessen: oft ist die Ansprache dieses Personenkreises deshalb so schwierig, weil zum interkulturellen Hintergrund ein sozialer Aspekt hinzukommt: Wir möchten die Menschen erreichen, die eben nicht von sich aus zu unseren Veranstaltungen kommen oder zum Tag der offenen Tür.

6. Was möchten Sie in diesem Zusammenhang anderen Kulturinstitutionen mit auf den Weg geben?

Es erfordert viel Geduld und Sensibilität, solche oder ähnliche Projekte aufzubauen. Der Erfolg steht und fällt mit den Lehrkräften, die man gewinnt, mitzumachen bzw. mit den Ensembleleitern. Sie benötigen in jedem Falle Multiplikatoren und Personen mit interkulturellem Hintergrund, um Ihre Zielgruppe wirklich erreichen zu können. Unbedingte Offenheit, aber auch eine klare Vorstellung davon, was Sie erreichen wollen, sind wesentliche Voraussetzungen für den Erfolg. Dann jedoch, wenn es gelingt, werden Sie und alle Beteiligten reich dafür belohnt.

Die Fragen beantwortete Annette Tinius Elze, Leiterin der Tübinger Musikschule e.V.
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