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10.3.2011

Sechs Fragen an das Schauspielhaus Bochum

Theater kann eine Bühne für Geschichten und Menschen schaffen, die in der Gesellschaft wenig Aufmerksamkeit erfahren. Entsprechende Produktionen, wie "Next Generation – Das Stück" müssen als Teil des Gesamt-Spielplans begriffen werden und personell, strukturell und finanziell wie Klassiker-Inszenierungen ausgestattet werden.

Szenenfoto aus "NEXT GENERATION - DAS STÜCK" (© Diana Küster)


1. Ist Ihr Publikum multikulturell zusammengesetzt? Warum/Warum nicht?

Das Schauspielhaus Bochum führt keine Besucherstatistik nach Herkunftsnationalitäten. Der subjektive Blick in den Zuschauerraum lässt aber Tendenzen erkennen. Bei "Next Generation – Das Stück" beispielsweise, wo Jugendliche aus dem ganzen Ruhrgebiet und mit allen erdenklichen Herkunftsgeschichten auf der Bühne stehen, durchmischt sich das Publikum erkennbar: Da sitzt der langjährige Theatergänger neben einer Jugendlichen, die zum ersten Mal ins Schauspielhaus geht, ein Landesminister zwischen Schulklassen und natürlich auch der Kurde neben der Russin neben dem Türken neben dem Ghanaer neben der Deutschen. Andere Aufführungen ziehen ein "klassischeres" Theaterpublikum an. Aber die statistische Zusammensetzung des Gesamtpublikums ist nicht das alleinige Kriterium. Die Vielfalt der Stadtgesellschaft muss sich in ihrem Theater widerspiegeln, im Publikum, aber auch auf der Bühne und in der sonstigen Arbeit des Hauses.

Das heißt gerade im Ruhrgebiet, sich mit einer heterogenen Stadtgesellschaft auseinander zu setzen, auch im Hinblick auf Einwanderungsgeschichte(n).

Auch auf andere Weise durchdringt die interkulturelle Realität unserer Gesellschaft die Arbeit des Bochumer Schauspielhauses. Internationale Künstler und Regisseure bereichern das Theater mit ihrem "Blick von außen". Wenn der eigene Betrieb mit fremden Sprachen und Lebenswelten konfrontiert wird, entsteht automatisch die Notwendigkeit, sich auch selbst zu hinterfragen. Das überträgt sich nach außen und wird in der Stadtgesellschaft wahrgenommen.

2. Was bedeutet interkulturelle Bildung für Sie, und wie versuchen Sie diese in Ihrer Institution umzusetzen?

"Interkulturelle Bildung", die Weiter- und Neuentwicklung von Formen kultureller Bildung im Kontext der Interkulturalität, ist eine zentrale Aufgabe für das Schauspielhaus Bochum als in der Stadtgesellschaft verankerte Kulturinstitution. Wie entstehen Partizipationsmöglichkeiten für junge Menschen unterschiedlichster Herkunft, welche Möglichkeiten stehen ihnen zur Verfügung um am gesellschaftlichen Diskurs teilzunehmen? Im Rahmen der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010, die auch einen Verständigungsprozess über den gesellschaftlichen Wandel der Region darstellte, hat das Projekt "Next Generation" explizit die junge Generation in den Blick genommen und im ganzen Ruhrgebiet mit zehn Zukunftshäusern Experimentierfelder geschaffen, in denen Jugendliche auf sehr unterschiedliche, künstlerische Weise ihre Lebenssituation reflektiert und Zukunftsentwürfe entwickelt haben. Unter anderem aus diesen Erfahrungen speist sich die Zukunftsakademie NRW, die das Schauspielhaus Bochum gemeinsam mit dem Landesministerium für für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport und der Stiftung Mercator gründet und die die Arbeit genau an den Schnittstellen zwischen Interkultur und kultureller Bildung in den nächsten Jahren intensiv vorantreiben soll. Daneben ist das Junge Schauspielhaus mit seinem umfassenden Angebot schon traditionell ein wichtiger Akteur kultureller Bildung in Bochum, von der intensiven Zusammenarbeit mit allen Schulformen über Jugendclubs und Workshops bis zu Projekten in Psychiatrie oder JVA, die eine Vernetzung in die Stadtgesellschaft schaffen, die weit über den Theaterbesuch hinaus reicht.

3. Wie sieht die Verbindung von kultureller und interkultureller Bildung bei Ihrem Projekt "Next Generation – Das Stück" genau aus? Welche Ziele verfolgen Sie damit?

"Next Generation – Das Stück", als Gemeinschaftsprojekt des Schauspielhauses, der Bundeszentrale für politische Bildung und anderen Partnern, bündelt die kreative Arbeit eines ganzen Jahres in neun Zukunftshäusern und verankert diese im Repertoire des Hauses. Mit den Zukunftshäusern entstanden an ganz konkreten Orten in den Stadtteilen verschiedener Städte im Ruhrgebiet künstlerische Forschungsstationen, in denen Jugendliche in offenen, partizipativen Prozessen und mit künstlerischen Mitteln von Theater über Musik und Tanz bis zu Fotografie und Film über ihre Lebenssituation und Zukunft nachgedacht haben. Innerhalb eines Jahres ist so der Stoff für "Next Generation – Das Stück" in den einzelnen Zukunftshäusern entstanden. Jedes Zukunftshaus kam zu einem eigenständigen künstlerischen Ergebnis.

Um die sehr verschiedenen Jugendlichen und Ausdrucksformen zusammenzubringen, gab und gibt es das zehnte Zukunftshaus, "Next Generation – Das Stück": Der Autor und Regisseur Nuran David Calis lud Jugendliche aus allen Projekten ein, gemeinsam einen Theaterabend zu entwickeln, der im vergangenen Oktober in den Kammerspielen Premiere feierte und der weiterhin als reguläre Produktion im Repertoire gespielt wird. Ziele des Projekts "Next Generation" waren und sind inhaltliche, aber auch strukturelle und pädagogische. Inhaltlich stand die Reflexion von Lebensrealität und Zukunftsvisionen junger Menschen im Ruhrgebiet im Mittelpunkt. Gerade die Debatten, die das Kulturhauptstadtjahr geprägt haben, die Selbstbeschreibung einer Region im Wandel, wurden aus der Perspektive ihrer jungen Bewohner bearbeitet. Strukturell war für die Konstruktion des Gesamtprojekts entscheidend, die Balance zwischen der eigenständigen Arbeit der Zukunftshäuser und einer übergeordneten Ebene als Gesamtprojekt "Next Generation" zu finden und zu halten. Die Arbeit der Zukunftshäuser wurde im Nahbereich der Stadtteile zu verankert, gleichzeitig boten gemeinsame Veranstaltungen und die Arbeit an einem gemeinsamen Stück Begegnungen und Austausch zwischen den Städten und Milieus. So entstand ein Panorama der heutigen Ruhrgebietsjugend. – das Portrait einer nächsten Generation, die Einheit in Vielfalt lebt. Durch die Verankerung des gemeinsamen Stücks im Repertoire wird die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen verstetigt. Dieses Vertrauen und der Zuspruch, den die Jugendlichen aus dem Haus, von Publikum, Presse und Politik erfahren, setzt auch außerhalb der regelmäßigen Theaterarbeit bei den Beteiligten Energien frei und motiviert und bestätigt sie darin, an ihrer Zukunft, ihren Lebensentwürfen mit Selbstbewusstsein zu arbeiten.

4. Welche Chancen bietet aus Ihrer Sicht die Arbeit eines Theaters für die interkulturelle Bildung?

"Wer von sich erzählt, wird wahrgenommen" gab Nuran David Calis schon bei "Homestories" (einem Projekt des Schauspiel Essen 2005/06) als Parole aus. Dafür kann das Theater im wahrsten Sinne des Wortes eine Bühne bieten. Das heißt zum einen ganz konkret, dass auf einer Theaterbühne Platz ist für die unterschiedlichsten Geschichten und Ausdrucksformen, mit denen sich Jugendliche auseinander setzen. Zum zweiten kann das Theater Aufmerksamkeit für die Geschichten aus der Stadtgesellschaft (gerade auch von Jugendlichen) schaffen, auch bei Publikumsgruppen und Medien, die sich sonst nicht mit ihnen beschäftigen. Und zum dritten bewirkt die Theaterarbeit etwas bei jedem einzelnen Teilnehmer, sei es ganz konkret als Chance sich künstlerisch auszudrücken oder durch die Erfahrung, sich mit Mut einem Publikum zu stellen, für ein Projekt und eine Gruppe einzustehen und dafür mit Applaus belohnt zu werden – und zwar im Idealfall, weil ein Projekt nicht nur "gut gemeint" ist, sondern auch noch das Ergebnis künstlerisch "gut" wird. Die Jugendlichen können sehr genau unterscheiden, ob das, was sie tun, "für ein Jugendprojekt ganz gut" ist oder ob eine Arbeit künstlerisch ernst genommen wird.

5. Wo sehen Sie in Ihrer Institution im Hinblick auf die Ansprache eines kulturell heterogenen Publikums noch Verbesserungsbedarf?

Entscheidend ist, sich nicht auf erfolgreichen Projekten auszuruhen, sondern immer wieder auch selbstkritisch zu reflektieren und aus den gemachten Erfahrungen für zukünftige Projekte zu lernen. Eine große Herausforderung ist darüber hinaus die viel zitierte und zu Recht geforderte Nachhaltigkeit, also die Verstetigung der Impulse und Prozesse, die aus meist temporären Projekten entstehen – für die Teilnehmenden wie für die Institution.

6. Was möchten Sie in diesem Zusammenhang anderen Kulturinstitutionen mit auf den Weg geben?

Entscheidend ist das Selbstverständnis des Theaters als Teil der Stadtgesellschaft. Es gilt, die Augen und Ohren offen zu halten und ins Gespräch zu kommen. Sich immer wieder zu fragen: Wie sieht die Stadt aus, in der wir leben? Und wie soll sie in Zukunft aussehen? Darauf gibt es in jeder Stadt für jede Institution andere Antworten und unterschiedliche Wege sie zu suchen. Sich auf diese Suche zu machen, ist nicht nur eine Empfehlung, sondern zu einem unverzichtbaren Bestandteil des Auftrags städtischer Kultureinrichtungen geworden. Das bedeutet auch, dass entsprechende Arbeiten nicht als "Alibi-Projekte" am Rande oder außerhalb des "eigentlichen" Programms stattfinden, sondern zum fest verankerten, gleichwertigen Bestandteil dessen werden. Das bedeutet für Theater, entsprechende Produktionen als Teil des Gesamtspielplans zu begreifen und sie finanziell, strukturell und personell so auszustatten wie jede Klassiker-Inszenierung auch.
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