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20.5.2011

Kulturelle Bildung als Ziel und Methode in der Entwicklungszusammenarbeit

Kunst und kultureller Bildung wird im aktuellen internationalen Diskurs um "Kultur und Entwicklung" ein großes Potenzial zur Gesellschafts- und Persönlichkeitsentwicklung zugesprochen. Doch in der Realität der konkreten Entwicklungszusammenarbeit scheint diese Erkenntnis nur in einzelnen Fällen angekommen zu sein.

Wer ist bereit, Kunst- und Kulturprojekte in Ländern des globalen Südens zu fördern? Hier eine Capoeira-Vorführung von Jugendlichen aus Salvador de Bahia, Brasilien (© Michel Ravassard, UNESCO Photobank)


Kunst und Entwicklungszusammenarbeit



Im gegenwärtigen internationalen Diskurs um "Kultur und Entwicklung" wird den künstlerischen Ausdrucksformen eine wichtige und positive gesellschaftspolitische Rolle zugesprochen. Kunst verkörpert die Freiheit der Gedanken und spricht somit gerade den von Gefühlen geleiteten Verstand an. Da Kunst häufig kollektive Fragen auf persönlicher Ebene behandelt, kann sie zwischen Individuum und Gemeinschaft vermitteln. Weil Kunst nicht nur darstellt, was ist, sondern auch, was sein könnte, wohnt ihr gleichzeitig ein gewisses utopisches Potenzial inne.


Die Erfahrungen von über fünfzig Jahren Entwicklungszusammenarbeit, sprich der Hilfe, der Förderung, des Austauschs, des Dialogs und des Gesprächs zwischen "Nord" und "Süd", haben eine Vielfalt an Konzepten und Ansätzen hervorgebracht. Nicht gerade neu, aber nach wie vor schwierig in der Umsetzung, sind Konzepte zur Teilhabe der Menschen vor Ort in Entwicklungsprozessen. Es gilt das Ziel, Entwicklung aus den Menschen, aus den jeweiligen Gesellschaften oder den jeweiligen Regierungen heraus definieren und entstehen zu lassen beziehungsweise derartige Tendenzen und Initiativen zu fördern und dadurch zu stärken. Dies beschreibt der Begriff "Ownership", für den es weiterhin keine stichhaltige deutsche Übersetzung gibt. Während des Prozesses sollen die Menschen vor Ort eigenständig Verantwortung für ihre eigene Entwicklung übernehmen. Es soll nicht darum gehen, alleinig von außen Ziele und Wege zu bestimmen und somit die so genannten Entwicklungsländer zu einer unreflektierten den Industrieländern nachfolgenden beziehungsweise nachholenden Entwicklung zu bewegen. Dies ist der Anspruch, der auf vielfacher Ebene und nicht allein, aber doch maßgeblich durch die internationalen Wirtschaftsbeziehungen beeinflusst, allzu selten der konkreten Realität entspricht.

Wie können Kunst und künstlerische Betätigungen als Teil der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, auf globaler wie auch auf regionaler Ebene integriert und auf ihre spezifische Weise weit stärker und besser für einen solchen Ansatz genutzt werden? Wie lassen sich universelle Verständnisse von Entwicklung, wie sie beispielsweise durch die allgemeinen Menschenrechte umschrieben sind, mit individuellen verbinden, wie sie etwa im Kontext von Schutz und Förderung der kulturellen Vielfalt zum Ausdruck kommen? Diese Fragen bleiben bisher weitgehend offen.

Kulturelle Bildung und ihr Mehrwert für die Menschen



Nicht allein die professionellen Künstler und Kulturschaffenden als Produzenten sollten bei der Frage nach der Rolle von Kunst und Kultur in Entwicklungszusammenhängen berücksichtigt werden. Elementarer Bestandteil von Kunst ist kulturelle Bildung. Unter dem Schlagwort "kulturelle Bildung" widmet sich der internationale kulturpolitische Diskurs dem Empfänger, an den sich Kunst und Kultur wenden, und den Wechselwirkungen zwischen diesen Positionen. Ein zentrales Dokument ist die so genannte "Road Map for Arts Education", die nach der ersten UNESCO-Weltkonferenz für Kulturelle Bildung 2006 formuliert wurde: Kulturelle Bildung als essentiellen Bestandteil eines umfassenden Bildungskonzeptes zu begreifen ist eine grundlegende Erkenntnis für ein erweitertes universelles Verständnis von Entwicklung der internationalen Zusammenarbeit. Somit stellt sich unmittelbar die Frage, was Kunst und Kultur und insbesondere die kulturelle Bildung in Demokratisierungs- und Entwicklungsprozessen von Gesellschaften und von Staaten leisten können.

Die Erfahrungen von Projekten und Programmen zeigen, dass Kunst und Kultur Ich-Stärke und "Eigensinn" schaffen und die Kritikfähigkeit schulen können [2]. Ästhetisch gebildete Individuen können wiederum die Lebendigkeit der Gesellschaft stimulieren, so dass beispielsweise die Bereitschaft zur gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung, zur Suche nach langfristigen Lösungen für Missstände und in diesem Sinne des gesellschaftlichen Wandels hin zu einer Veränderung von Verhalten und von Strukturen wachsen kann. Zu nennen sind hier beispielhaft die Programme "Música en los Barrios" und "Locreo" im zentralamerikanischen Nicaragua, bei denen über musik- und kulturpädagogische Ansätze "kreative Inseln" für Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Schichten angeboten werden. Ebenso zeigen die mehrjährigen Erfahrungen von Programmen auf dem afrikanischen Kontinent wie "umoja - cultural fyling carpet" und "Music Crossroads" welche Kraft in Kunst und Kultur steckt.[3]

Kulturelle Bildung und ihr Nutzen für den einzelnen Menschen und genauso für die Entwicklung der Gesellschaft werden seit einiger Zeit in Deutschland und in anderen Teilen der Welt intensiv diskutiert. Es gibt dabei einzelne, auch kontrovers zu diskutierende Aspekte, die Begründung der gesellschaftlichen Funktion von kultureller Bildung erfolgt jedoch auch entlang universeller Elemente der Entwicklung der Menschheit per se. Dabei sollte bedacht werden, dass Ansätze der kulturellen Bildung vielfach auch durch nicht unbedingt universell gültige Positionen der europäischen Kultur geprägt sind und diese transportieren. Diese müssen im Sinne der Ownership und nachhaltiger Konzepte mit lokalen Ansätzen wenigstens durchmischt, wenn nicht gar durch diese ersetzt werden.

Messung und Bewertung des Nutzens von kultureller Bildung



Was ist Kunst wert? Der kulturellen Bildung werden sowohl individuelle als auch kollektive Werte und Nutzen zugesprochen. Diese reichen vom Erlernen individueller so genannter sozialer und kommunikativer Kompetenzen, darüber, kreative Inseln im für viele Kinder in Entwicklungsländern beschwerlichen Alltag zu bieten, zur Interaktion in der Gruppe bis hin zum Reflektieren übergeordneter gesellschaftlicher Fragen. In diesem Sinne kann kulturelle Bildung auch als ein Bestandteil einer nicht allein auf ökonomische Faktoren reduzierten Armutsminderung und der Verringerung der sozialen Ausgrenzung (als ein grundlegendes Problem in den Entwicklungsländern) verstanden werden.

Orientiert an den auf Effizienz ausgerichteten Beurteilungskriterien der Entwicklungspolitik sind die Auswirkungen von Kunst und Kultur oft nicht konkret fassbar. Bedeutet dies, dass Kunst und kulturelle Bildung somit ein reiner Luxus sind, den sich eine Gesellschaft leisten kann, sobald andere grundlegende Entwicklungsschritte erreicht sind, und gehört folglich in der Prioritätenliste zurückgestellt? Oder sind sie ein Bereich, der in nationalen und internationalen Entwicklungsstrategien von Beginn an mitbedacht werden muss, gerade weil sie essentieller Bestandteil des menschlichen Lebens sind?

Geringe Bedeutung kultureller Bildung in Förderprogrammen



Die gesellschaftliche Wirkung von Kunst ist nicht nur schwer messbar, sie ist auch nach wie vor schwer zu planen und zu berechnen. Entwicklungspolitik und -zusammenarbeit, wie sie derzeit verstanden wird, muss sich jedoch für die Verwendung ihrer Gelder rechtfertigen und ist somit darauf bedacht, klar erreichbare Ziele in überschaubaren Zeiträumen festzulegen. Ein Ansatz der l´art pour l´art (Kunst nur um der Kunst willen, als Selbstzweck) hat aus künstlerischer Perspektive seine Berechtigung. Auch diejenigen, die den Wert von Kunst per se als gesellschaftlich relevant nachvollziehen können, können dessen Anspruch auf Existenz und Förderung bekräftigen. Da Kunstprojekte oft einen offenen Ausgang haben und daher klare, erreichbare Ziele nur schwer definiert werden können, womöglich gar nicht sollten, kann hier eine Diskrepanz zu den derzeitigen Ansätzen der Entwicklungszusammenarbeit festgestellt werden.

Insofern verwundert es nicht, dass es unter den klassischen Entwicklungsagenturen zwar verbreitet ist, beispielsweise ein mit pädagogischen Elementen zugespitztes Theaterspiel (Theatre for Development) zur Kommunikation über HIV/Aids zu unterstützen, die allgemeine freie Theaterszene oder eben auch Vermittlungsansätze oder kulturpädagogische Methoden in den Schulcurricula oder in außerschulischen Einrichtungen hingegen nicht für eine Förderung in Betracht zu ziehen – dies gilt auch dann nur äußerst selten, wenn sie sich künstlerisch mit sozialen und gesellschaftlich relevanten Themen auseinandersetzen.

Fakt ist, dass Kunst- und Kulturförderung und in diesem Sinne auch die kulturelle Bildung international nur in einzelnen Pilot- und Sonderprogrammen der Entwicklungszusammenarbeit Bestandteil sind. Die oben erwähnten Beispiele im südlichen Afrika und in Nicaragua und ebenso weitere, die beispielsweise im Kontext der deutschen "Aktion Afrika", ein Sonderprogramm des Auswärtigen Amtes, entstanden sind, stehen hier Modell, bleiben aber bisher lediglich Einzelinitiativen. Verschiedene Regierungen und Nichtregierungsorganisationen widmen sich diesem Bereich stärker, andere klammern ihn konsequent aus. Die Millennium Entwicklungsziele finden hierzu ebenfalls keine Position, obgleich sie das Rahmenwerk der Vereinten Nationen für eine internationale Zusammenarbeit zwischen "Nord" und "Süd" sind. Sicherlich ist hier entscheidend, dass aufgrund der beschriebenen Umstände Kunst und Kultur und insofern auch die kulturelle Bildung nicht Teil der Prioritäten sind – nach dem derzeitigen Konzept von Entwicklungspolitik können sie das wohl auch nicht sein.

Deutsche Entwicklungspolitik und -zusammenarbeit und kulturelle Bildung



So tut sich auch die deutsche Bundesregierung mit diesem Gegenstandbereich schwer. Weder das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) noch das Auswärtige Amt verfolgen hierzu eine klare Position. Das Goethe-Institut und einzelne andere, wie etwa Projekte der giz-Vorgängerorganisationen ded, Inwent und GTZ haben hier zwar erste Programme und Konzepte entwickelt. Ein klarer Arbeitsbereich ist daraus aber nicht hervorgegangen. Die Ursache hierfür liegt wohl darin begründet, dass einerseits die zuständigen Ministerien dies nicht aufgreifen, andererseits weil auch innerhalb der verschiedenen Institutionen Uneinigkeit über die Relevanz derartiger Ansätze herrscht. Das 2010 gestartete Modellprogramm zur kulturellen Bildung im Zeitalter der Globalisierung – kubig könnte als Netzwerkinitiative von einer ganzen Reihe an Akteuren hier wichtige Impulse setzen.[4]

Neben diesen Akteuren, die im Auftrag der deutschen Außen- und Entwicklungspolitik agieren, gibt es eine Vielzahl an individuellen zivilgesellschaftlichen Akteuren. Das bunte Bild an Einzelprogrammen und Projekten zeigt, dass auch im Bereich der kulturellen Bildung eine intensive internationale Zusammenarbeit besteht. Die Förderungen Deutschlands dafür bleiben aber marginal und dienen meist Programmen, die innerhalb Deutschlands stattfinden und nicht selten als entwicklungspolitische Bildungsarbeit deklariert werden. Für Initiativen, die entweder in den Partnerländern Projekte und Programme durchführen wollen oder gar an Ownership orientierte Strukturen für landeseigene Programme der kulturellen Bildung aufbauen und fördern möchten, bleiben nur überaus geringe Möglichkeiten. Mit internationalen Initiativen wie der UNESCO Konvention zur kulturellen Vielfalt von 2005 verpflichten sich zwar die reichen Geberländer die weltweite Vielfalt der kulturellen Ausdrucksformen zu schützen und zu fördern. Insofern hat sich auch die Bundesregierung 2007 mit der Ratifizierung der Konvention dazu verpflichtet, Entwicklungsländer in diesem Ziel zu unterstützen. Kulturelle Bildung als Handlungsfeld wird allerdings in dieser Konvention nicht explizit formuliert. Zwischen den Zeilen und weitläufig interpretiert lässt sich auch kulturelle Bildung als Bewusstseinsbildung als Ziel von Schutz und Förderung der Vielfalt der kulturellen Ausdrucksformen verstehen. Doch erscheint dies für konkrete Maßnahmen zu wenig. Nicht ohne Grund wurde deshalb in dem 2009 veröffentlichten und von verschiedenen deutschen Akteuren der deutschen Zivilgesellschaft formulierten Weißbuch zur UNESCO Konvention ein eigenes Kapitel zur kulturellen Bildung geschaffen.

Auf der anderen Seite ist auch im Kontext der Konzepte um Partizipation und Ownership die Eigeninitiative von Regierungen und zivilgesellschaftlichen Kräften der Entwicklungs- und Transformationsländer zur kulturellen Bildung gefragt. Auch hier wird schnell deutlich, dass anderen Bereichen größere Priorität beigemessen wird. Folglich sind die Bildungs-, Kultur- und Jugendministerien der Partnerländer finanziell so begrenzt aufgestellt, dass selbst in dem Fall, dass ein Minister Programme der kulturellen Bildung fördern möchte, dies nur in bescheidenem Umfang umgesetzt werden kann. In der Folge weisen die Schulcurricula der meisten Entwicklungsländer keine künstlerischen Disziplinen auf, ebenso kann der außerschulische Bereich nur vereinzelt Angebote für eine sehr begrenzte Zielgruppe anbieten. Dies hängt mit begrenzten finanziellen Mitteln, aber wohl vor allem mit der mangelnden Bedeutung zusammen, die dem Bereich kulturelle Bildung beigemessen wird.

Kreativwirtschaft und Finanzierung von Programmen kultureller Bildung



Zumindest der wirtschaftliche Wert von Kunst kann berechnet werden. In Ländern wie Brasilien oder Mali macht die Kreativwirtschaft bis zu sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts und damit einen nicht zu unterschätzenden Anteil am Staatshaushalt aus. Doch Kunst, die gesellschaftlich relevant ist, kann, muss nicht unbedingt wirtschaftlich erfolgreich sein. Da Programme der kulturellen Bildung in erster Linie einen Bildungsauftrag und keinen ökonomischen Anspruch verfolgen, erübrigt sich eine Argumentation vollends, die das Ziel einer Kulturförderung in Entwicklungsländern mit der Förderung von Wirtschaftserfolgen gleichsetzt.

Allgemein zeichnet es Kunst und insofern auch die kulturelle Bildung aus, dass es hier zunächst nicht um finanziellen Output gehen kann, sondern um das künstlerische und das pädagogische Ergebnis von hoher künstlerischer beziehungsweise kulturpädagogischer Qualität und insofern um einen individuellen und zugleich kollektiven Bildungsauftrag. Da Kunst und kulturelle Bildung sich nicht finanziell selbst tragen können, muss sie öffentlich oder privat bezuschusst werden.

Der anfängliche Bedarf, Programme kultureller Bildung durch die Mittel der Entwicklungszusammenarbeit mitzufinanzieren, wird deutlich. Doch ebenso klar ist, dass es ohne eine eindeutige finanzielle Verantwortung aus den Ländern, in denen diese Programme stattfinden, langfristig nicht gehen wird und kann. Entwicklungszusammenarbeit kann nur Anschubfinanzierungen leisten. Im Sinne von Ownership darf sie im Grunde auch nicht mehr. Wobei am konkreten Gegenstand zu definieren ist, welche Zeiträume derartige Anschubfinanzierungen für Kunst- und kulturelle Bildungsinitiativen umfassen müssen. Sicherlich sind an dieser Stelle Regierungen ebenso angesprochen wie private Wirtschaftsunternehmen. Denn genauso wie die Einsicht und das Interesse bei den Regierungen der Partnerländer gering ist, scheint es auch bei Banken und anderen privatwirtschaftlichen Unternehmen an der Bereitschaft für eine Kultur- und Bildungsförderung ihrer Region, ihrer Länder und ebenso im interregionalen und internationalen Kontext zu mangeln. Bemerkenswert ist dies besonders, da es sich hier zum Teil um dieselbe Gruppe von Geldinstituten handelt, die in Europa Kulturförderprogramme unterhalten, denen aber in den Partnerländern der Entwicklungszusammenarbeit derartige Programme völlig fremd sind. Fehlt es an Unterstützung und Strukturen für eine nationale Kulturförderung in den Partnerländern der Entwicklungszusammenarbeit, muss es ein Ziel sein, diese Einsicht zu fördern und zu stärken.

Natürlich unterliegt eine solche Förderung den Regeln der heutigen Entwicklungszusammenarbeit und folglich der grundlegenden Selbstbestimmung und Selbstverantwortung der Partnerländer für die Entwicklung ihrer eigenen Gesellschaft.

Ausbildungsmaßnahmen als Teil kultureller Bildungsprojekte in Entwicklungs- und Transformationsländern



Die Erkenntnisse aus vielen Programmen der kulturellen Bildung und ebenso aus der Szene der Kulturschaffenden in den Entwicklungs- und Transformationsländern zeigen, dass auch Programme der kulturellen Bildung kein westliches Konzept fern von jeglicher lokaler Verankerung sein müssen. Zumal viele der Programme, die es bereits gibt, zum Teil in den Ländern selbst ihren Ursprung haben oder in enger Partnerschaft zwischen "Süd" und "Nord" entstanden sind. Die Jugendorchester für Straßenkinder in Venezuela und Ablegern in weiteren lateinamerikanischen Ländern sind ein weiteres Beispiel dafür, dass innovative Konzepte auch im "Süden" entwickelt und umgesetzt wurden. Durch diese Erfahrungen kann durchaus auch der "Norden" vom "Süden" lernen.[5]

So wird klar, dass es neben einer finanziellen Hilfe gerade auch Unterstützungsbedarf in der Ausbildung von Kulturpädagogen und Künstlern sowie in der kulturpolitischen Beratung gibt. Die Infrastrukturen in den meisten Entwicklungs- und Transformationsländern sind nicht nur allgemein im Kulturbereich, in dessen Finanzierung und räumlicher Ausstattung defizitär. Auch mangelt es an adäquaten Ausbildungs- und Förderprogrammen, die auch über den Austausch zwischen Nachbarregionen und Nachbarstaaten ebenso wie im internationalen Kontext mitfinanziert werden können. Die Ausbildungsprogramme, die es ansatzweise gibt – auch im Kontext der Tätigkeiten des Goethe-Instituts und der giz –, bleiben zunächst der in anderen Bereichen der Entwicklungsdebatte wohl bekannte Tropfen auf den heißen Stein. Zugleich aber sind sie auch ein wertvoller Anfang, der in Ergänzung zu lokalen Ansätzen und darauf aufbauend ein Pfad für weitere und größere Programme sein kann.

Verbesserungsbedarf in den Bereichen Forschung und Konzepte



In Deutschland begegnen wir dem Problem der Prioritätenfrage auch durch Evaluation und Forschung. Dennoch lassen sich künstlerisches und kreatives Handeln nicht ohne weiteres in die bestehenden Mechanismen der Wirkungsmessung von Entwicklungszusammenarbeit einfügen. Eigene Mechanismen müssen geschaffen, etabliert und anerkannt werden. Weder zum weiten Gegenstand "Kultur und Entwicklung" noch ganz spezifisch zu kultureller Bildung in der Entwicklungszusammenarbeit wurde in den letzten Jahren ernsthaft geforscht. Doch besteht dieses Forschungsdefizit auch in anderen Ländern, woraus der große Bedarf noch weiter unterstrichen wird. Forschungen aus "Süd" und "Nord" könnten im gegenseitigen Austausch sicherlich einen relevanten Beitrag leisten, den Mehrwert der bestehenden guten Beispiele für die Kritiker zu reflektieren, sicherlich auch zu relativieren.

Wir sehen also auf der einen Seite umfangreiche Erfahrungen und Wertschätzungen für die gesellschaftliche Relevanz von kultureller Bildung – gerade was die deutsche Inlandssituation angeht. Auf der anderen Seite bestehen deutliche Hürden für deren umfangreiche und zugleich langfristige Umsetzung und Existenzsicherung, gerade im internationalen Kontext. Es mangelt an regionalen, nationalen und internationalen Konzepten und Bestrebungen. Ohne diese wird die kulturelle Bildung sicherlich weiterhin ein Schattendasein pflegen. Ohne sie wird die kulturelle Bildung auch nicht den Anteil an der Entwicklung der Gesellschaften auf Welt haben können, den sie haben könnte und von ihrem elementaren Wert her haben müsste.
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Fußnoten

1.
Deutsche UNESCO Kommission (2007) Leitfaden für kulturelle Bildung. Schaffung kreativer Kapazitäten für das 21. Jahrhundert. Bonn, S. 17,20.
2.
Oliver Scheytt bezieht sich auf die Funktion der Kunst, Gesellschaft zu bilden: "So bewegen wir uns aus der künstlerischen Verunsicherung zu einer eigenen Haltung: zu 'Eigen-Sinn' (Oskar Negt). Eigene Sinne entfalten, sich wehren gegen die Ent-Eignung der Sinne, beharren auf eigener Wahrnehmungs- und Urteilsfähigkeit: das ist Eigen-Sinn. In dieser Ich-Stärkung, in dieser Förderung des Eigen-Sinns liegt die Orientierungsmacht der Kunst. (...) Das ästhetische Erleben und Erfahren fördert zudem die ebenso spielerische wie kritische Auseinandersetzung mit Fremdbild und Selbstbild. Ästhetische Erfahrung führt zu Sinn und Sinnlichkeit, stärkt den Eigen-Sinn, die Wahrnehmungs- und Kritikfähigkeit." (Scheytt, Oliver (2003) Künste und kulturelle Bildung als Kraftfelder der Kulturpolitik. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 12/ 2003; Berlin; S. 6-14).
3.
für weitere Details siehe u.a. Deutsche UNESCO Kommission (2010) UNESCO today. Arts Education for All: What Experts Are Saying in Germany. Bonn und Deutsche UNESCO Kommission (2010) Mapping Cultural Diversity. Good Practices from Ar ound the Globe. A Contribution to the Debate on the Implementation of the UNESCO Convention on the Diversity of Cultural Expressions. Bonn
4.
Entstanden im Rahmen der Bundesweiten Koalition für Kulturelle Vielfalt, sind hier unter anderem das Goethe-Institut, die Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung und die Universität Erlangen-Nürnberg beteiligt.
5.
Einen ersten Eindruck hierzu verschafft der Dokumentarfilm "El Sistema": "Seit mehr als dreißig Jahren errichtet der Ökonom, Politiker und Musiker José Antonio Abreu in Venezuela das "Sistema" - ein Netzwerk von Kinder- und Jugendorchestern und Musikzentren, in dem heute über 300.000 Kinder und Jugendliche ein Instrument erlernen."
www.el-sistema-film.com

Daniel Gad

Gad_80.jpg Zur Person

Daniel Gad

Daniel Gad ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim. Er promoviert zu den außenkulturpolitischen Konzepten der nordischen Staaten und begleitet weitere Forschungsprojekte. Seit 2007 koordiniert er die Arbeitsgruppe Kultur und Entwicklung der deutschen Mittler- und Durchführungsorganisationen.


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