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13.8.2007

Einführung

Seit fünf Jahren wird in Deutschland lebhaft über "Killerspiele" diskutiert

Gut fünf Jahre wird nun in Deutschland lebhaft über den Jugendschutz bei Spielen und ein Verbot von "Killerspielen" diskutiert. Andreas Wilkens zeichnet die Debatte nach.

Am 26. April 2002 erschoss Robert Steinhäuser am Gutenberg-
Gymnasium in Erfurt 13 Lehrer, zwei Schüler, einen Polizisten und sich selbst. Er war ein "sehr aktives" Mitglied eines Schützenvereins und besaß Besitzkarten für langläufige Waffen. Laut des abschließenden Berichts der Untersuchungskommission, der knapp zwei Jahre nach dem Amoklauf vorliegt, hat sich Steinhäuser am Morgen des 26. April 2002 mit dem Spiel "Quake III Arena" auf seine Tat "eingestimmt".

Der Bericht weist aber auch darauf hin, dass die Schule von älteren Schülern "nicht selten als entfremdetes System" empfunden wird, "in dem die Freude am Lernen keinerlei Rolle mehr spielt". Auch sei Steinhäuser von seinen Eltern überfordert worden. Zudem sollen sie sich nicht intensiv genug mit ihm auseinandergesetzt haben.


Nachdem im Oktober 2002 das Waffenrecht auch beeinflusst durch den Amoklauf von Erfurt verschärft wurde, ebbte die Diskussion über den Zugang zu Schusswaffen ab; die Debatte über Gewalt in den Medien, insbesondere in Computerspielen, hingegen nicht. Können gewalthaltige Computerspiele für Tötungshandlungen ursächlich sein? Der Untersuchungsbericht fasst die damaligen Positionen von Medienwissenschaftlern zusammen:

"Die Anhänger der Inhibitionstheorie glauben an eine Hemmung, Anhänger der Simulationstheorie an eine Förderung der Aggressionsbereitschaft und die Anhänger der Habitualisierungstheorie gehen davon aus, dass derartige Spiele jedenfalls einen Abstumpfungseffekt bewirken. Letzteres dürfte nach Auffassung der Kommission kaum zu bestreiten sein."

Diese Positionen hatten sich schon lange vor den Erfurter Ereignissen herausgebildet. Als Ursprung der Debatte wird landläufig die Diskussion um die Indizierung von Computerspielen 1976 anhand des Spiels "Death Race" in den USA angesehen.

"Counter-Strike" im Kreuzfeuer

Kurz nach dem Erfurter Amoklauf konzentriert sich die Berichterstattung auf den Ego-Shooter "Counter-Strike", obwohl es im Untersuchungsbericht heißt, dass Steinhäuser andere Spiele bevorzugte.

Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" beschreibt am 28. April 2002 unter dem Titel "Software fürs Massaker" das Spiel als eine Art Trainingscamp für den Amokläufer. Der Artikel löst heftige Kritik unter den Gamern aus, die ihm zahlreiche Fehlinformationen unterstellen. Die Zeitung nutzt die Vielzahl der Reaktionen dazu, eine grundsätzliche Online-Diskussion einzuleiten.

Es wird deutlich, dass das Internet dank seiner zunehmenden Verbreitung und dank der Tatsache, dass viele Computerspieler insbesondere online kommunizieren (und in Spielen wie "Counter-Strike" gegeneinander antreten), im Rahmen der Debatte ein wichtiges Medium darstellt.

Großes Interesse erregt im Mai 2002 die Nachricht, dass die Junge Union eine Netzwerk-Party nicht absagen will, auf der auch "Counter-Strike" gespielt werden soll: Für die Spieler selbst stehe nicht der virtuelle Tötungsakt im Vordergrund, sondern das Gemeinschaftserlebnis.

Die Junge Union folgt damit nicht der Linie des CSU-Vorsitzenden und bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber. Er fordert bereits am 27. April 2002 ein Verbot von Gewaltdarstellungen in Computerspielen. Unterstützung erhält er von Uwe Wetter vom Berufsverband Deutscher Psychologen. Dieser meint, die Gewaltdarstellung auf dem Computer konditioniere potenzielle Täter. Zwei Tage später schaltet sich der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder in die Diskussion ein. Man müsse sich fragen, ob Horrorfilme und Gewaltvideos nicht zur Nachahmung anregten. Schröder wirft die Frage nach einer wirksameren Begrenzung von Gewaltprogrammen auf.

Novellierung des Jugendschutzgesetzes

Die Bundesregierung beschließt im Mai 2002 eine Novellierung des Jugendschutzgesetzes, die am 21. Juni mit dem Bundesrat die letzte Hürde nimmt und im April 2003 in Kraft tritt. Sie enthält unter anderem schärfere Bestimmungen für gewaltverherrlichende Videofilme und Computerspiele. Auch bei Computerspielen gibt es nun eine verbindliche und nicht nur als Empfehlung zu verstehende Altersgrenze für Kinder und Jugendliche. Für Minderjährige wird der Zugriff auf schwer jugendgefährdende Medien, insbesondere jene mit extremen Gewaltdarstellungen, verboten. Nicht mehr die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) ist nun für die Alterskennzeichnung der Spiele zuständig, sondern die Unterhaltungssoftware-Selbstkontrolle (USK). Die hatte sich bereits 1994 als Teil des Berliner Fördervereins für Jugend und Sozialarbeit e. V. gegründet und unverbindliche Altersempfehlungen ausgesprochen. Das neue Gesetz erkennt die USK nun offiziell an.

Forderungen nach einem Verbot von "Killerspielen"

Neuen Aufwind erhält die Debatte durch den im November 2005 nach den Bundestagswahlen vorgelegten Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD. Dieser sieht ein Verbot von "Killerspielen" vor, wobei der Text unklar lässt, ob damit Computerspiele oder "Paintball"-Spiele gemeint sind, bei denen man sich per Druckluftpistolen mit Farbkugeln beschießt. Auch soll die Wirksamkeit der Selbstkontrolleinrichtungen im Medienbereich sowie das Modell der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Staat beim Jugendschutz überprüft werden.

Der FDP-Medienexperte und Bundestagsabgeordnete Hans-Joachim Otto bewertet das geplante Spieleverbot als einen "vagen populistischen Schnellschuss", der mehr auf die Wirkung bei einem wertkonservativen Publikum als auf Durchsetzbarkeit angelegt sei. Auch die Medienexpertin der Grünen im Bundestag, Grietje Bettin, kritisiert die Pläne der neuen Regierung.

Derweil geben das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und die Bundesländer im Oktober 2006 beim Hamburger Hans-Bredow-Institut für Medienforschung eine umfassende Evaluation der Jugendmedienschutzreform von 2003 in Auftrag.

Der Amoklauf eines Schülers im westfälischen Emsdetten im November 2006 lässt jedoch Rufe nach einer sofortigen Verschärfung des Jugendmedienschutzes lauter werden. Der 18-Jährige spielte nach Angaben seiner Mitschüler intensiv "Counter-Strike". Angestoßen von niedersächsischen Innenminister Uwe Schünemann (CDU), einigt sich die Unionsmehrheit im Bundesrat, eine entsprechende Gesetzesinitiative einzubringen, die von Bayerns Innenminister Günther Beckstein entworfen wird. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) sieht hingegen keine Notwendigkeit für eine gesetzliche Regelung; das Jugendschutzgesetz und die Ko-Regulierung mit Selbstkontrolleinrichtungen der Wirtschaft zur Kontrolle reichten aus.

Im Februar 2007 reicht Bayern den "Gesetzesentwurf zur Verbesserung des Jugendschutzes" im Bundesrat ein. Neben Verschärfungen des Jugendschutzgesetzes schlägt dieser zwei neue Paragrafen im Strafgesetzbuch (StGB) vor: Ein neuer §131a soll das Verbreiten, öffentliche Zugänglichmachen und sogar die Herstellung von "Virtuellen Killerspielen" verbieten, "die grausame oder sonst unmenschliche Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen darstellen". Ein §118a sieht Geldbußen für das Durchführen oder Teilnehmen an "menschenverachtenden Spielen" vor – womit Paintball-Spiele gemeint sind.

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen und der Familienminister von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet (beide CDU), kündigen dagegen am 13. Februar ein "Sofortprogramm" zur Verschärfung des Jugendschutzes an. Der Bundesrat vertagt daraufhin den bayerischen Gesetzentwurf. Außer Bayern sind alle Bundesländer der Meinung, dass der für den Herbst 2007 erwartete Evaluationsbericht des Bredow-Instituts abgewartet werden soll. Rheinland-Pfalz empfiehlt, die gerichtliche Praxis im Umgang mit "Killerspielen" zu untersuchen und mögliche Vollzugsdefizite der bestehenden Gesetzgebung aufzudecken. Noch sei kein Fall bekannt geworden, in dem einer Staatsanwaltschaft die Basis des bestehenden Paragrafen 131 StGB zur Gewaltdarstellung für ein Verbotsverfahren nicht ausgereicht hätte.

Computerspielefans sehen wieder Anlass zu einem breiten Protest, nachdem das ARD-Politikmagazin "Panorama" am 22. Februar 2007 über "Killerspiele im Internet" berichtet. Ähnlich wie knapp fünf Jahre zuvor im Zusammenhang mit dem Artikel der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" lautet die vor allem online geäußerte Kritik, es sei unzureichend recherchiert worden. Einige Aussagen in dem Bericht entsprächen nicht der Wahrheit und ergäben ein "vollkommen falsches Bild einer Gruppe von Menschen, die ein gemeinsames Hobby teilen".

Bei einer Anhörung im Bundestags-Unterausschuss Neue Medien am 26. April 2007 warnt Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen (KfN), vor der Destabilisierung von Heranwachsenden durch brutale Computerspiele und spricht sich für ein "Killerspiele"-Verbot aus. Auch fordert der Kriminologe weitere Abschreckungsmaßnahmen gegen Spieleproduzenten und Schutzmaßnahmen für die Spieler.

Das KfN hatte sich schon zuvor als scharfer Warner vor negativen Folgen des Computerspielens profiliert. Gerade bei Jungen aus sozial schwachen Familien mit Migrationshintergrund führte intensives Computerspielen in Verbindung mit Männlichkeitsidealen und elterlicher Vernachlässigung zu Gewalt und sinkenden Schulleistungen, so das Ergebnis von umfangreichen Schülerbefragungen des KfN. Deren Methodik und Ergebnisse sind in der Fachwissenschaft jedoch nicht unumstritten.

Hartmut Warkus, Leiter des Zentrums für Medien und Kommunikation an der Universität Leipzig, widerspricht auf der Bundestagsanhörung der Abstumpfungstheorie Pfeiffers und stellt sich gegen weitere Verbotsforderungen. Bei den Erwachsenen sei mehr "Hintergrundwissen" zu Spielen notwendig, um überhaupt mitreden zu können.

USK in der Kritik

"Die Gesellschaft muss lernen, ein neues und sehr kräftiges Medium zu kontrollieren und teilweise zu zivilisieren", wirbt in der gleichen Anhörung USK-Geschäftsführer Klaus Spieler für ein Erlernen des Umgangs mit Computerspielen. Zu Verboten und Handelseinschränkungen müsse eine "Wertediskussion der Gesellschaft über das Schützenswerte" treten.

Kurz darauf gerät die Arbeit der USK selbst in die Kritik, als Ergebnisse einer KfN-Studie über die Altersfreigabe bei Computerspielen bekannt werden. Der Vorwurf lautet, die USK-Prüfer ließen zu viele Spiele mit zu niedrigen Altersfreigaben "durchgehen". Kurz darauf, im Juni 2007 veröffentlicht das Hans-Bredow-Institut die vom Bundesfamilienministerium in Auftrag gegebene Evaluation des Jugendschutzes bei Video- und Computerspielen. Auch sie bemängelt die schwankende Qualität der USK-Gutachten und empfiehlt größere Transparenz bei Prüfkriterien und Verantwortungsstrukturen der USK. Insgesamt bewertet der Evaluationsbericht den 2003 reformierten Jugendschutz und die USK jedoch als echte Verbesserung und lehnt ein ausgeweitetes Verbot von "Killerspielen" ab; es gebe allerdings große "Vollzugsdefizite" bei der Durchsetzung der aktuellen Gesetzgebung.

Die USK beziehungsweise der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU), eine Interessenvertretung der Spielehersteller, reagieren und kündigen Ende Juni 2007 eine Neuorganisation der USK an. Gleichzeitig warnt der BIU vor der überhasteten Einführung eines "Killerspielverbots". Es fehle eine genaue Definition des Begriffs.

Auch kritisiert der BIU das KfN und zieht die Seriosität seiner Forschung in Zweifel. Er weist dabei auf eine im April 2007 erschienene qualitative Studie des British Board of Film Classification (BBFC) hin, der staatlichen Alterskennzeichnungsinstitution in Großbritannien. Sie komme zu dem Ergebnis, dass Spiele trotz ihrer Interaktivität emotional kaum fesseln würden. Schließlich gebe es wirtschaftliche Einwände: Entwickler könnten wegen eines rigiden Verbots ins Ausland abwandern.

Ausblick

EU-weit ist eine gesetzliche Harmonisierung nicht geplant, erläutert EU-Justizkommissar Franco Frattini Mitte Juni 2007 nach einer Ratstagung der Justiz- und Innenminister. Eine im Februar unter der deutschen Präsidentschaft gestartete Umfrage in den EU-Mitgliedsländern ergibt, dass strafrechtliche Regelungen nur in zehn Staaten vorgesehen sind. Zwölf Mitgliedsstaaten haben andere Prozeduren, etwa Zulassungsverfahren für gewalthaltige Spiele. 17 Mitgliedsstaaten sehen Sanktionen beim Verstoß gegen Jugendschutzbestimmungen vor. Zugangsverbote für Minderjährige zu den Gewaltspielen gebe es in 16 Mitgliedsstaaten.

Frattini räumt ein, bevor man Negativ- oder Empfehlungslisten mache, müsse man sich erst auf ein gemeinsames Verständnis einigen, "was ein Gewaltvideospiel ist und was nicht". Der portugiesische Justizminister Alberto Costa beteuert, die portugiesische Präsidentschaft werde die Bemühungen gegen Gewaltspiele fortsetzen.

Die Bundesregierung will voraussichtlich im Herbst 2007 über eine Verschärfung des Jugendschutzgesetzes entscheiden, wie sie das Sofortprogramm des Bundesfamilienministeriums im Februar bereits ansatzweise vorschlug. Künftig sollen demnach nicht nur Gewalt verherrlichende Spiele für Computer und Spielekonsolen auf den Index kommen. Der entsprechende Paragraf solle auf "Gewalt beherrschte Spiele" ausgedehnt werden. Der Polizei sollen Testkäufe im Handel erleichtert werden. So will Familienministerin von der Leyen verhindern, dass verbotene Spiele trotz der Indizierung durch die BPjM über die Ladentheke gehen. Auch sollen Angst- und Suchtpotenziale stärker als bisher in die Einstufung von Spielen eingehen.

Links

Linkliste der Meldungen zur Diskussion über "Killerspiele" auf heise online: www.heise.de

Sammlung von wissenschaftlichen Vorträgen über die Auswirkung von Medienkonsum auf Mediaculture online: www.mediaculture-online.de

Abschlussbericht der Gutenberg-Kommission zum Amoklauf Robert Steinhäusers: www.thueringen.de

Studie "Das deutsche Jugendschutzsystem im Bereich der Video- und Computerspiele" des Hans-Bredow-Instituts: www.hans-bredow-institut.de

Zusammenfassung des Forschungsberichts "Alterseinstufung von Computerspielen durch die USK" des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen: kfn.de

Zusammenfassung der BBFC-Studie "Playing Video Games": www.bbfc.co.uk

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Andreas Wilkens

Andreas Wilkens 80 Zur Person

Andreas Wilkens

Andreas Wilkens, Jahrgang 1964, ist Kulturwissenschaftler (M.A.) mit Schwerpunkt Sozialwissenschaft. Nach dem Studium behandelte er kulturpolitische Themen, wechselte dann zum Journalismus. Seit Oktober 2001 ist er Nachrichtenredakteur bei c't und heise online.


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